König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozess

von Dr. Steven Plaut (Sept. 98)


[Seit der ersten Veröffentlichung dieses Artikels sind zwar einige Jahre vergangen und mehrere der genannten Personen weilen nicht mehr unter den Lebenden, das Prinzip aber erfreut sich ziemlicher Dauerhaftigkeit und ist leider immer noch aktuell].

Es gehört zu den unumstrittenen Grundsätzen der US-amerikanischen "Zivilreligion", dass jede menschliche Gruppe oder Vereinigung auf dieser Erde "zur überwältigenden, überwiegenden Mehrheit anständiger, hart arbeitender, ehrlicher Leute gehört, die Frieden wollen, tolerant sind und Freiheit und Gewaltlosigkeit befürworten".

Eine der unanfechtbaren Annahmen dieser "Theologie" besagt, dass "überwiegende Mehrheiten" nicht nur jedweder rassischen, religiösen oder ethnischen Gruppierung so bezeichnet werden dürfen, sondern sogar überwältigende Mehrheiten von allen Untergruppierungen innerhalb der Gesellschaft. Entsprechend hören wir ab und zu Aussagen, wonach auch die überwiegende Mehrheit der Gefängnisinsassen, der Prostituierten, der Drogensüchtigen und der Mafiamitglieder anständige, friedliebende und ehrbare Menschen seien.

Die einzige Ungewissheit in dieser amerikanischen Ziviltheologie beschleicht einen nur in dem Gedanken, dass irgendwo da draußen, an irgendeinem Ort vielleicht eine Gruppe von Leuten existieren könnte, die mehrheitlich weder friedliebend noch ehrlich oder tolerant ist. In dem Glauben an eine universale Friedensliebe in den Köpfen der Amerikaner liegt das Haupthindernis für sie, jemals den Nahen Osten verstehen zu können: die simple Tatsache, dass sowohl die überwältigende, überwiegende Mehrheit der Araber als auch die überwältigende, überwiegende Mehrheit der Moslems weder friedliebend noch gegen Gewaltanwendung eingestellt sind.

Gerade jetzt sollte man sich dies zu Herzen nehmen. Ein Kommentator westlicher Massenmedien nach dem anderen diskutiert die Reaktion der islamischen Staaten auf die US-Bombardements von Terroranlagen im Sudan und in Afghanistan mit der selbstgerechten, schmeichelnden Beobachtung, dass der Islam eine Religion des Friedens sei und die Terroristen den wahren Islam etwa so repräsentieren wie IRA-Bomber oder der Ku-Klux-Klan das Christentum. Jeder Kommentator überschlägt sich fast in der Betonung, wie sehr wir doch alle wissen, dass die überwiegende Mehrheit der Moslems gegen Terror und Gewalt ist.

Das einzige Problem damit ist nur, dass dies einfach nicht stimmt und auch empirisch widerlegt werden kann. Vielmehr handelt sich hier um Wunschdenken. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen unterstützte Hitler, unterstützte Aggressionskriege und unterstützte Völkermord. Die überwiegende Mehrheit der Hutus und der Tutsis unterstützte Massaker der jeweils anderen Seite. Gleichfalls unterstützt die überwiegende Mehrheit der Araber Terror, Gewaltanwendung und Krieg. Sie sehen überhaupt nichts Schlimmes am Hochjagen von hunderten Zivilisten in einer amerikanischen Botschaft oder in einem Bürogebäude einer jüdischen Gemeinde in Argentinien. Sie sehen in jedem Gebrauch von Gewalt gegen die Ausführenden solcher Aktionen ein Verbrechen. (Damit soll nicht behauptet werden, dass die überwiegende Mehrheit einer jeden Untergruppe von Moslems solche Barbarei unterstützt; man denke nur an die Türken oder indonesische Malayer als mögliche Ausnahmen).

Wohl ist der Islam eine Religion des Friedens und bezieht sogar seinen Namen vom Worte "salaam" - Frieden. Doch gilt dieser Frieden nur in Bezug auf andere Moslems bzw. Nicht-Moslems, die unter islamischer Oberhoheit leben. Es stimmt auch, dass sich die überwiegende Mehrheit der Moslems in ihrem täglichen Leben nicht mit Gewaltakten und Terror beschäftigen, wie die überwiegende Mehrheit der Deutschen nicht persönlich am Holocaust teilnahm. Ich würde sogar ganz generell von den meisten Arabern in Israel behaupten, dass sie sich in ihrem täglichen Umgang weit höflicher aufführen als Juden und viel bessere Manieren und mehr Rücksichtnahme als jüdische Israelis an den Tag legen. Doch darum geht es hier natürlich nicht.

Die überwiegende Mehrheit der Moslems befürwortet blinden und wahllosen Terror sowie Gewaltanwendung gegen Juden und gegen Amerikaner. Das wurde nach den Bombardements im Sudan und Afghanistan deutlich. Die Reaktionen der Moslems, wo auch immer, konnten auf allen Bildschirmen verfolgt werden. Die überwiegende Mehrheit der Moslems billigt offen oder insgeheim Bin Ladens Terrorkampagne gegen Amerikaner, billigt den Anschlag auf das World Trade Center und die afrikanischen US-Botschaften. Arabisches politisches Denken trägt deutlich orwellianische Züge: Mord ist Frieden, Verhinderung von Mord oder Vergeltung für Mord ist Terror. Die Moslems empören sich über die Ereignisse auf dem Balkan, weil dort Moslems massakriert werden; wenn stattdessen Bosnier und Albaner die Serben massakrierten, hätten sie Mühe, ihre Zustimmung zu verbergen.

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass die überwiegende Mehrheit der Moslems auch den palästinensischen Gräueltaten und Bomben gegen Juden zustimmt. Es gibt keine Barbarei gegen Israelis oder Juden, die sie nicht mit enormen Mehrheiten begrüßen würden, und keine Verteidigungstat der Israelis, die sie für legitim hielten.

In den meisten moslemischen Staaten werden keine öffentlichen Meinungsumfragen durchgeführt, doch wenn es welche gäbe, würden sie zweifellos diese volkstümliche Zustimmung widerspiegeln. Unter den Palästinensern werden Meinungsumfragen durchgeführt, und sie zeigen ohne Ausnahme, dass die Palästinenser mit enormer Mehrheit Bombenanschlägen, Selbstmordbombern und Gräueltaten gegen Juden zustimmen. Ihre Zustimmungsrate erhöhte sich im Allgemeinen mit jedem weiteren israelischen Zugeständnis bei den Oslo-Verhandlungen. Die überwiegende Mehrheit der Palästinenser unterstützt Saddam Hussein. Die überwiegende Mehrheit unterstützt Bin Laden und die Bombenanschläge gegen die Amerikaner. Die überwiegende Mehrheit würde zustimmen, wenn Iran chemische Kampfstoffe oder Nervengas auf Tel-Aviv abwürfe. Die Mehrheit hält Hitler für einen Helden. Und mit diesen Leuten soll der Oslo-Prozess Frieden bewirken.

Nun mögen Sie einwenden, aber nein, Arafat verurteilte Bin Laden und befürwortete die US-Bombardements im Sudan und in Afghanistan. Ja, das tat er wohl, und glaubte damit sicher, die USA dazu zu bringen, als Gegenleistung Israel zu weiteren Zugeständnissen zu zwingen, und er meinte es bestimmt so ernst wie die IRA-Leute bei derer Verurteilung des Omagh-Anschlages. Doch die palästinensischen faschistischen Horden, die ihre Befehle von der PLO erhalten, wissen, dass er nur so tut und ihnen mit einem Auge zuzwinkert, und diese Leute unterstützen Bin Laden mit überwältigender Mehrheit.

Die ganze Woche lang gab es massive antiamerikanische Aufmärsche der palästinensischen Braunhemden. In allen palästinensischen Gebieten wurden US-Flaggen verbrannt. Palästinensische Zeitungen unterstützen Bin Laden mit überwältigender Mehrheit. Vor der US-Botschaft in Tel-Aviv demonstrierte ein großes Kontingent der Islamischen Bewegung Israelischer Araber Solidarität mit Bin Laden.

Der "Kommentator für palästinensische Angelegenheiten" der israelischen Tageszeitung "Ha'arez", Danny Rubinstein, ist so pro-palästinensisch eingestellt, dass ich die Leser schon mehrfach gedrängt habe, ihm eine Kaffija zu schenken. Er ist der Letzte, der etwas Nachteiliges über Palästinenser schreiben würde. In seiner Kolumne vom 24.August dokumentiert er, wie allumfassend die Unterstützung für Bin Ladens Terror und die Verurteilung der US-Reaktion gegen ihn unter den Bewohnern der palästinensischen "Autonomiegebiete" ist.

Nun stützt sich aber der gesamte Oslo-"Friedensprozess" auf das naive amerikanische Zivildogma - das von den israelischen Politikern geteilt wird - wonach die überwiegende Mehrheit der Palästinenser Frieden mit Israel will. Sie wollen nicht. Außer natürlich, wenn damit der Frieden gemeint ist, wie er in der traditionell islamischen Gesellschaft vorherrschte und noch vorherrscht, mit den Nicht-Moslems als stiller Minderheit ohne politische Souveränität. (Die überwiegende Mehrheit der Deutschen hätte im Jahre 1940 wohl auch dem Frieden zugestimmt, wenn sie ihn zu Hitlers Bedingungen erhalten hätte, könnte man annehmen).

Die überwiegende Mehrheit der Palästinenser will Israel zerstört sehen und befürwortet jegliche Gewalt gegen Juden. Wenn Israel erst zerstört und große Teile seiner Bevölkerung getötet oder in alle Winde verstreut sind, wird dem verbleibenden Rest zweifelsohne unter Bedingungen zu leben gestattet werden, die denen der Kopten in Ägypten oder denen der Armenier und Bahais im Iran ähneln. Das ist der einzige Frieden, den die Araber mehrheitlich wollen.

Sweeney war der Name eines irischen Königs, der sich für einen Vogel hielt und sein Leben in Baumwipfeln verbrachte. (Wirklich). Der Oslo-"Friedensprozess" ist das direkte Resultat der Sweeneyisierung des israelischen politischen Establishments. Peres Sweeney und Beilin Sweeney übernahmen das Wunschdenken der amerikanischen "Zivilreligion", indem sie unterstellten, dass die überwiegende Mehrheit der Palästinenser Frieden und Wohlstand fortgesetztem Krieg und Gewalt vorzöge. Sie nahmen als unumstößlichen Grundsatz an, die Palästinenser würden bezüglich Gebieten und Souveränität Kompromisse eingehen, weil sie selber schließlich dazu bereit waren. Ihr Beweis, dass Palästinenser den Frieden dem Lande vorzögen, entnahmen sie der Tatsache, dass die Juden dies tun. Ihr Glauben, wirtschaftlicher Wohlstand würde die Palästinenser eher interessieren als irredentistische Aggression und Terror beruht darauf, dass anständige und ehrbare Leute auf der ganzen Welt so fühlen sollten. Kurz gesagt, "Oslo" ist König Sweeneys Patenkind, das die israelische Arbeiterpartei, Merez und selbst Teile des Likud vereinnahmt hat.

Diese Sweeneys sind diegleichen Leute, die sich strikt weigern, auch nur für einen Moment der Möglichkeit eine gewisse Wahrscheinlichkeit einzuräumen, die überwiegenden Mehrheiten der Palästinenser, anderer Araber und Moslems seien nicht im geringsten auf der Suche nach Frieden (jedenfalls was Israel und die USA angeht), sind nicht gegen Gewalt und nicht gegen Terror. Mit anderen Worten, "Oslo" beruht auf dem grundsätzlichen Bestreiten empirischer Realität. Wie der alte Peter-and-Gordon-Song aus den sechziger Jahren, der mit Sweeneyischkeit versicherte: "I don't care what they say I won't stay in a world without love." Und was passiert mit Sweeneys, die ohne Liebe in einer dunklen Ecke des Erdballs hausen? Sie stellen sich vor, sie seien Vögel und könnten sich über so gemeine Dinge wie die Realität erheben, um dann in den Baumwipfeln ihrer utopischen Träume zu leben - und überlassen uns dem Terror, den Morden, der Gewalt, dem arabischem Faschismus und den Drohungen von genozidischer Auslöschung.

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Link zum Thema (per Zufall ausgewählt, nicht als Werbung gedacht)

Dr. Steven Plaut lehrt Geschäftsführung und Wirtschaftslehre an der Universität Haifa, Israel.
Übersetzung: Rafael Plaut, Jerusalem 5761