Warum müssen Nahrungsmittel ein Hechscher aufweisen?

veröffentlicht in der Wochenzeitung "Bascheva" 13. Elul 5779 / 13. Sept. 2019 Ausgabe Nr. 861
Autor: Rabbiner Elieser Melamed, Ortsrabbiner und Leiter der Jeschiwa von Har Bracha
Übersetzung: R. Plaut

[Ein "Hechscher" ist die Bestätigung eines dazu autorisierten Rabbiners bzw. Rabbinats, dass der damit gekennzeichnete Artikel koscher ist].

Frage: Gibt es eine Pflicht, nur Nahrungsmittel zu kaufen, die einer Kaschrutaufsicht unterliegen? Warum sollte man nicht dem Verkäufer oder dem Hersteller vertrauen, der sich für seine Ware verbürgt, so wie Milchprodukte (Joghurt, Fruchtquark, Pudding usw.), die aus Kuhmilch hergestellt wurden und damit sowieso koscher sind? Ebenso diverse Süßigkeiten, wie z.B. Schokolade, warum müssen sie einer Kaschrutaufsicht unterliegen - sie bestehen doch bloß aus Kakao und Zucker und anderen koscheren Bestandteilen? Weshalb muss man befürchten, es sei etwas Verbotenes darin?

Einfache Glaubwürdigkeit und die Aufsicht über die Händler

Antwort: Im Prinzip genießen alle Juden Glaubwürdigkeit bei der Gebotsausübung, und darum gebot die Tora, dass jeder jüdische Mensch, ob Mann oder Frau, selbst die Gebote der Kaschrut ausführt: Er schlachte (schächte) selbst seine Tiere, entferne selbst die verbotenen Teile wie bestimmte Fettarten (Chelew), die Sehne des Hinterviertels (Gid hanascheh) und Blut, ohne dass ihn dabei ein Priester oder Toragelehrter überwache, und er sorge selber für das Abheben der diversen Zehnte (Trumot, Ma'aßerot) von Obst und Gemüse, ohne dass ihn dabei ein Vertreter des Bet Din (Rabbinergericht) kontrolliere. So kann jeder Jude, der bei seinem Nächsten zu Gast ist, auf ihn vertrauen und von seinen Speisen essen; dass er vor Zubereitung des Fleisches das Tier im Einklang mit der Halacha geschlachtet hatte, dass er bei der Zubereitung der Speisen nicht Milch und Fleisch vermischte, dass er darauf achtete, dass keine Insekten ins Essen gerieten, dass er die jeweiligen Zehnte von Obst und Gemüse und Challah von seinem Teig abführte.

Und nicht nur das. Nach den Geboten der Tora vertrauen auch die Priester (Kohanim) auf jeden Juden, indem sie von dessen Schlachtung (Schechita) essen, denn die Tora hat Israel geboten: "...so soll man dem Priester das Schulterstück und die Kinnbacken und den Magen geben" (Dt. 18,3), zu dessen Versorgung. Das ist es, was die Weisen sagten: "Ein einzelner Zeuge ist glaubwürdig bei Verboten", d.h. ein jeder ist glaubwürdig, wenn er von seinen Nahrungsmitteln bezeugt, sie seien koscher (Raschi Jewamot 88a "We'amar"; Chulin 10b "Ed"). Ebenso finden wir, dass jeder Jude seiner Frau vertraut, wenn sie erklärt, sie sei rein nach den Gesetzen der Familienreinheit (Hilchot Nida; Tossafot Gittin 2b "Ed"). Diese grundsätzliche Glaubwürdigkeit ist allerdings von zwei Bedingungen abhängig: 1. Der Betreffende muss sich in den Einzelheiten der Ausführung der jeweiligen Gebote auskennen. 2. Dieser Mensch ist nicht dafür bekannt, das betreffende Gebot nicht ernst zu nehmen.

Wenn es allerdings um einen Händler geht, der mit dem Verkauf von Nahrungsmitteln Geld verdient, gilt ein anderes Gesetz: So wie das Bet Din verpflichtet ist, die Händler zu kontrollieren, dass sie nur exakte Gewichte und Maße verwenden, denn ohne Kontrolle besteht der Verdacht, dass der Böse Trieb sie übermannt (Baba batra 89a) - genau so muss man Verkäufer von Nahrungsmitteln überwachen (Aruch Haschulchan J.D. 119,4). Darum muss auch die Kaschrut von Nahrungsmitteln in ihren Produktionsstätten überwacht werden, da die Inhaber dieser Betriebe damit ihr Geld verdienen.

Zusatzstoffe

Frage: Weil das Gesetz die Inhaber von Nahrungsmittelbetrieben verpflichtet, auf jedem Produkt dessen Bestandteile zu vermerken, und wenn sie dabei betrügen, bestraft werden, so besteht ja bereits eine Kontrolle, und man kann die Kaschrut eines jeden Produktes nach den darauf genannten Bestandteilen bestimmen. Warum braucht man eine Rabbinatsaufsicht auf Produkten wie Milch und Süßigkeiten, deren Herstellung nicht mit besonderen halachischen Tätigkeiten wie Schechita oder das Abführen der Zehnte verbunden ist?

Antwort: Bei der modernen industriellen Nahrungsmittelherstellung werden Zusatzstoffe verwendet, wie z.B. Emulgatoren, Stabilisatoren, Feuchthaltemittel, Rieselhilfen, Geschmacksverstärker und Farbstoffe. Wenn man zum Beispiel zwei Grundstoffe verbinden will, die sich normalerweise nicht vermischen, wie Öl und Wasser, zur Herstellung von Schokolade oder Pudding, verwendet man Emulgatoren, die diese Stoffe miteinander verbinden. Weil es manchmal auch nach dem Einsatz von Emulgatoren wieder zu einer Trennung der beiden Bestandteile kommt, fügt man Stabilisatoren hinzu, damit die Mischung erhalten bleibt. Um die Feuchtigkeit von Produkten zu erhalten, die zum Vertrocknen neigen, verwendet man Feuchthaltemittel. Wenn man Verklumpung des Produktes verhindern will, damit es ansehnlich, weich und flexibel bleibt, verwendet man Rieselhilfen. Wenn man ein flüssiges Produkt verdicken will, wie Milchpudding, der aus flüssiger Milch hergestellt wird, verwendet man Verdickungs- und Geliermittel, z.B. Gelatine. Wenn man ein Nahrungsmittel lange Zeit haltbar machen möchte, verwendet man Konservierungsstoffe und Antioxidantien. Außerdem verwendet man Geschmacksverstärker, die dazu dienen, bestimmte Geschmacksrichtungen zu betonen und andere abzuschwächen.

Kennzeichnung von Zusatzstoffen

In vielen Ländern, darunter auch in Israel, werden die Lebensmittelzusatzstoffe nach der europäischen Einteilung mit E-Nummern gekennzeichnet. Diese Liste ist nach Kategorien geordnet. E100 bis E199 enthält die Farbstoffe, Konservierungsstoffe von E200 bis E299. Danach Antioxidantien und Säureregulatoren, E300 bis E399. Emulgatoren, Stabilisatoren, Verdickungsmittel und Geliermittel: E400 bis E499, darunter Gelatine E441 und Glyzerin E422. In der Kategorie von E500 bis E599 finden sich Rieselhilfen und Säureregulatoren, von E600 bis E699 Geschmacksverstärker. E700 bis E799: antibiotische Stoffe zur Verhinderung von Keimbildung. Kategorie E900 bis E999 enthält unterschiedliche Stoffe wie Schaumverhüter, Mehlbehandlungsmittel, Feuchthaltemittel, Packgase, Kaumassen oder Stabilisatoren. Diese sind die hauptsächlichen Zusatzstoffe, die in der Lebensmittelindustrie verwendet werden.

In der Praxis enthält heutzutage jedes industriell gefertigte Lebensmittel Dutzende von Zusatzstoffen, deren Kaschrut kontrolliert werden muss. Das Gesetz verpflichtet nicht dazu, alle auszuweisen, sondern nur die wichtigsten von ihnen.

Kaschrut der Zusatzstoffe

Fast alle Lebensmittelzusatzstoffe werden außerhalb Israels produziert; wenn sie pflanzlichen Ursprungs sind, gibt es damit keine halachischen Probleme, außer bei Stoffen, die aus Wein gewonnen werden. Sind sie hingegen tierischen Ursprungs, sind sie normalerweise verboten, weil sie von unkoscheren Tieren wie Schweinen stammen, oder von koscheren Tieren, die aber nicht geschächtet wurden. Die bekanntesten problematischen Zusatzstoffe sind Glyzerin und danach Gelatine.

Glyzerin

Das Glyzerin ist einer der Bestandteile des Fettes im Tierkörper und dient der Energiespeicherung für Hungerzeiten. In der industriellen Lebensmittelproduktion benutzt man es als Emulgator, Stabilisator, Verdickungs- und Süßungsmittel, zur Konservierung u.a. Es trägt die Nummer E422. In den großen Produktionsstätten auf der Welt gewinnt man es aus unkoscheren Tieren wie Schweinen oder aus reinen Tieren wie Kälbern, die nicht nach der Halacha geschächtet wurden. Heute gibt es dafür pflanzliche bzw. synthetische Ersatzstoffe.

Am Anfang, vor etwa 150 Jahren, verwendete man Glyzerin zur Andickung und Süßung von Spirituosen. Es wurde durch Kochen gewonnen, was es nicht als Lebensmittel unbrauchbar machte, und es herrschte allgemeine Übereinstimmung, dass es zum Genuss verboten war (Darkej Tschuwa 103,70; Jismach Lewaw J.D. 24). Mit der Entwicklung der industriellen Lebensmittelproduktion begann man, das Glyzerin auch als Stabilisator, Emulgator, Konservierungsstoff, Rieselhilfe u.a. zu verwenden, sodass manchmal nur geringste Mengen zum Einsatz kamen. Außerdem wurde eine alternative Methode der Gewinnung aus Fettsäure entwickelt, und zwar durch Vermischung des Fettes mit Ätznatron. Zu diesem Zeitpunkt ist die Mischung giftig und nicht zum Verzehr geeignet, und danach trennt man das Glyzerin vom Ätznatron, wodurch es wieder genießbar wird.

Manche halachischen Autoritäten behaupten, weil es ja eine Stufe gab, als das Glyzerin nicht zum Verzehr geeignet war, endete sein Verbot, und nachdem es wieder zum Verzehr geeignet wurde, gilt es als etwas Neues und damit als erlaubt. Dazu kommt, dass es häufig weniger als ein Sechzigstel des Endproduktes ausmacht und damit als halachisch nicht relevant gilt. Und man sage nicht, es gebe ja dem Endprodukt seine Struktur (ma'amid) [wobei selbst geringste Mengen halachisch relevant bleiben], weil sein Einfluss auf das Endprodukt nicht so sehr erkennbar ist wie beim Normalfall von ma'amid (Sridei Esch 2,21).

Im Gegensatz dazu gilt das Glyzerin nach Ansicht vieler Autoritäten nicht als ein neues Produkt, weil es bloß von den Fettsäuren getrennt wurde, mit denen es verbunden war. Darüber hinaus wurde es selbst ja nicht ungenießbar, sondern man fügte ihm das ungenießbare Ätznatron zu, und danach, als man es wieder entfernte, war das Glyzerin genießbar wie zuvor. Darum ist es zu verbieten, wenn es das einzige ma'amid darstellt, und auch, wenn es nicht das einzige ma'amid ist, darf es nicht absichtlich eingemischt werden, und wenn man es einmischte, darf man a priori das Ergebnis nicht essen (Minchat Jizchak 5,5; Meschane Halachot 9,154). Da die strengere Ansicht einleuchtend erscheint, und weil sie von der Mehrheit der halachischen Autoritäten vertreten wird, ist entsprechend zu verfahren; nämlich dass das Glyzerin nur aus reinen, geschächteten Tieren gewonnen wurde oder aus Pflanzenöl.

Gelatine

Gelatine wird aus dem Protein Collagen gewonnen, das sich in Knochen und Häuten findet. Seine Aufgabe besteht in der Stabilisierung und Festigung von Süßigkeiten, Eiscreme, Milchspezialitäten und ähnlichem. Die großen Produktionsstätten gewinnen sie aus unreinen Tieren wie Schweinen, oder aus reinen Tieren wie Kälbern, die aber nicht geschächtet worden waren. Bei der Herstellung legt man die Knochen und Häute in Kalk, um dadurch Flüssigkeit und unerwünschte Bestandteile abzusaugen, und der Rest wird zu Pulver vermahlen, und das ist die Gelatine.

Es gibt jene, die die Gelatine erlauben, weil bei der Herstellung die Häute und Knochen jeden Geschmack verlieren, bis sie nicht mehr zum Verzehr geeignet sind, und dieser neue Aspekt hebt das Verbot auf. Und wenn sie aus dem harten Teil der Knochen gewonnen wurde, gibt es einen weiteren Grund, sie zu erlauben, da dieser Teil niemals als Speise galt und darum von vornherein nie verboten war (Achi'eser 3,33; Har Zwi J.D. 83; Jabia Omer 8.Teil, J.D. 11).

Dagegen stehen jene, die verbieten, weil die Herstellung von Gelatine nicht als Erzeugung eines neuen Produktes gilt, sondern nur als Trennung des Collagens von den anderen Bestandteilen, und dadurch bleibt das Toraverbot bezüglich der Knochen und Häute der unreinen und der ungeschächteten Tiere auch für die davon abgetrennte Gelatine bestehen. Sie wird auch nicht halachisch irrelevant, wenn weniger als ein Sechzigstel im Endprodukt zur Anwendung kommt, da sie als ma'amid gilt (Igrot Moscheh J.D. II, 23,27; Minchat Jizchak 5,5).

Praktisch darf sich jeder, der es möchte, auf die erleichternde Entscheidung verlassen, da es sich hierbei um einen Streit in einer rabbanitischen Halacha handelt, da Gelatine tatsächlich keinen Geschmack hat, sondern nur festigt (ma'amid) und stabilisiert, und die Regel, dass ma'amid auch als Tausendstel nicht halachisch irrelevant wird, rabbanitischen Ursprungs ist. Wenn möglich, sollte man allerdings von vornherein der strengeren Auffassung folgen, besonders heutzutage, da Gelatine aus koscheren Tieren bzw. alternative Festigungsmittel verfügbar sind.

Jedes Produkt muss ein Hechscher haben

In der Praxis kennen die Verbraucher nicht alle Lebensmittelzusatzstoffe (von denen nur ein kleiner Teil in diesem Artikel erwähnt wurde). Sie können nicht wissen, was aus verbotenen Tieren hergestellt wurde oder was pflanzlichen oder synthetischen Ursprungs ist, welcher Zusatzstoff als ma'amid gilt und die Speise verboten macht, und welcher Zusatzstoff nicht als ma'amid gilt. Darum ist eine verantwortliche Kaschrutaufsicht auf alle industriell hergestellten Nahrungsmittel unverzichtbar, und ohne Kaschrutaufsicht darf man kein industriell hergestelltes Nahrungsmittel verzehren. Da bei bestimmten Fragen ein Meinungsstreit zwischen den halachischen Autoritäten besteht, gibt es verschiedene Rangstufen der Kaschrutaufsicht. Bei der gewöhnlichen Kaschrut zieht man keine Einzelansichten in Betracht oder Zweifel in Fragen rabbanitischen Ursprungs, sondern vergibt das Hechscher im Einklang mit den Hauptprinzipien der Halacha. Daneben gibt es Kaschrutorganisationen, die auch die strengeren Ansichten einbeziehen und Hechscher lemehadrin vergeben.

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