Die heutigen Götzen

veröffentlicht in der Wochenzeitung "Bascheva" 28. Siwan 5777 / 22. Juni 2017
Autor: Rabbiner Elieser Melamed, Ortsrabbiner und Leiter der Jeschiwa von Har Bracha
Übersetzung: R. Plaut


[Als Götzendienst (Awoda sara, wörtlich: fremder Dienst) wird in diesem Artikel der Glauben an andere Gottheiten als G~tt bezeichnet, was sich nicht unbedingt im Verehren von Standbildern, Figuren, Ikonen und anderen materiellen Dingen zu manifestieren braucht].


1. Der Mensch auf der Suche nach einer Ausdrucksmöglichkeit für seinen Glauben

Die Eigenschaft des Glaubens existiert in allen Menschen. Die Seele ist in ihrem Ursprung mit G~tt verbunden und bezieht von ihm ihr Leben, und darum ist es nur natürlich, dass der Mensch an eine Verbindung seines Lebens mit der Ewigkeit glaubt, dass sein Leben einen großen Wert besitzt, einen viel größeren als nur ein bloßes Verweilen auf dieser Erde. Darum findet sich an allen Orten, wo Menschen gesiedelt haben, irgendeine Religion.

Damit ist Folgendes gemeint: Auf der Basis des dem Menschen eingepflanzten Glauben schaffen sich die verschiedenen menschlichen Gesellschaften Religionen als praktischen Rahmen für ihren Glauben, die damit außerdem ihrem Leben einen Sinn geben. Im Allgemeinen beschrieben die Glaubensgründer die Götter auf verhältnismäßig abstrakte Weise, doch weil man sich abstrakte Dinge schwer vorstellen kann, schufen sie Götzen und Bilder als greifbaren Ausdruck der höheren Kräfte.

Weil diese Götter vom Bewusstsein der Menschen geschaffen wurden, die ihrem Glauben in ihrem Leben einen Ausdruck verleihen wollten, symbolisierten sie all jene Dinge, die diese Menschen für wertvoll hielten, wie z.B. das Leben, Fruchtbarkeit, Kraft, Krieg, Geld, Liebe, Schönheit und andere. So entstand eine tödliche Mischung aus den egoistischen Trieben des Menschen, Genuss und Ehre zu erzielen, mit dem Gefühl des Glaubens in seinem Herzen. Statt dass der Glauben den Menschen auf eine höhere geistige Stufe erhebe, wodurch er seinen Charakter zum Guten ansporne und seine Verhaltensweisen bessere, um in der Welt Güte und Segen zu mehren - versucht der Götzendienst, der Welt in ihrem derzeitigen Zustand eine höhere Bedeutung beizumessen. So versperrt er dem wahren Glauben an den einen G~tt, der Alles mit Leben erfüllt, den Weg zur Vervollkommnung der Welt durch das Wort G~ttes. Der Glauben der Götzendiener wurde zu einem Instrument der Bestärkung der Triebe und der Genüsse des Menschen, so wie er ist, und sollte ihm dabei helfen, seine Wünsche zu verwirklichen. Der Götzendiener hat nichts mit moralischer Besserung im Sinn; er will seine Bedürfnisse befriedigen. Zu diesem Zweck ist er bereit, Opfer darzubringen, Zauberformeln zu murmeln, mystische Handlungen zu vollführen, die ihm helfen sollen, reich zu werden, seine Feinde zu besiegen oder andere Dinge zu erlangen, die er sich in den Kopf gesetzt hat.

2. Warum glaubte man, die Götzen nützten etwas?

Haben die Götzen etwas genützt? Sie waren doch aus Holz und Stein gemacht? Wie konnten die Leute an so etwas glauben? Die Antwort lautet: weil sie das Glaubensbedürfnis befriedigten. Das war zwar eine scheinbare Befriedigung, aber die Leute hatten keine Alternative, die dem Glauben einen Ausdruck verleihen konnte, der so sehr im Leben des Menschen verwurzelt ist. Und weil der Mensch seinen Glauben gegenüber den Götzen zum Ausdruck bringen konnte, verlieh ihm dieser Glauben Sicherheit und bestärkte seine Kräfte, seine Vorhaben auszuführen; handelte er ja nicht nur in eigenem Namen, sondern auch im Namen von viel größeren und stärkeren Kräften als seinen eigenen, die seine Bestrebungen und Handlungsweisen rechtfertigen.

3. Die mystische Kraft des Götzendienstes

Daneben erklären Viele, so wie es in der Welt Naturkräfte gibt, die der Mensch für seine Zwecke nutzen kann, gebe es darüber geistige Kräfte, z.B. Engel und Geister, die die Naturkräfte zum Einsatz bringen, und diese könne der Mensch zu seinen Zwecken durch magische Handlungen beeinflussen. In Wirklichkeit wurden alle spirituellen Kräfte, die die Naturkräfte zum Einsatz bringen, vom Schöpfer geschaffen und beziehen von ihm ihre Energie. Die Götzendiener jedoch suchten sich bestimmte spirituelle Kräfte heraus und nahmen zu ihnen Verbindung auf, wobei es ihnen gelang, sie für sich nutzbar zu machen und gewisse Erfolge zu erzielen. Doch weil sie zu diesen Kräften getrennt von deren Ursprüngen in Beziehung traten, wurden diese Kräfte für sie zu 'satanischen' Kräften, die ihnen zwar für eine bestimmte Zeit Macht gaben - am Ende aber zu ihrem Untergang führten, weil sie sie von ihrer Lebensquelle abgetrennt hatten.

4. Die Abkehr vom begrenzten Glauben

Wenn man die Sünde des Götzendienstes begeht, d.h. die göttliche Offenbarung auf eine bestimmte Statue oder auf die Definition einer bestimmten Vorstellung beschränkt, verbleiben auch der Glauben und das Glaubensbewusstsein in bestimmten Grenzen. Darum kann es nicht gelingen, sich wirklich über das beschränkte Leben zu erheben und dem Glauben zu wahrem Ausdruck zu verhelfen. Da hier von einem in genau bestimmten Grenzen definierten Götzen die Rede ist, erwachsen gegen ihn kritische Fragen, die immer stärker werden, bis der Mensch gezwungen ist, ihm jede Göttlichkeit abzusprechen; da er doch aber Glauben sucht, wird er sich um einen neuen Götzen bemühen, an den er glauben kann. Und weil auch dieser ein Götze ist, wird er wieder enttäuscht werden und sich auch von diesem abwenden. So pendelt die Menschheit zwischen Glauben und Unglauben, ohne für ihre Seele Ruhe zu finden.

Aus diesem Grunde verbot die Tora, zur Veranschaulichung des Glaubens Figuren oder Bilder anzufertigen, und darin enthalten ist auch das Verbot, G~tt in irgendeine verstandesmäßige oder moralisch-prinzipielle Definition hineinzuzwängen, weil jede Definition einen Grundwert gegenüber den anderen besonders hervorhebt und damit automatisch die Unendlichkeit G~ttes nicht zum Ausdruck verhilft, die sich jeder Eingrenzung und wertebezogenen Definition entzieht.

Nur durch die absolute Verneinung jedes Götzendienstes kann der Mensch zum Glauben an den einen G~tt gelangen, der Alles schuf, der jedoch selbst jenseits jeglicher Definition verbleibt. Zu so einem reinen Glauben erwachen keine zweifelnde Fragen, die zu Unglauben führen, und er treibt den Menschen zu ständiger Weiterentwicklung und spiritueller Erhebung auf den Wegen G~ttes an. Er ermöglicht dem Volk Israel, Tora und Gebote zu erhalten, mit deren Hilfe das Volk Israel den Wegen G~ttes anhaften und Lebendigkeit mehren kann, bis hin zur Vervollkommnung der Welt unter der Königsherrschaft G~ttes.

5. Götzendienst heute

Im Laufe der Zeit, in einem stufenweisen Prozess, erwies sich der Kampf des Volkes Israel gegen die Vielgötterei als wirksam, und Viele glauben schon nicht mehr an Götzen; allerdings existiert immer noch der Glauben an verschiedene Kräfte - das ist der Götzendienst unserer Tage. Dabei gibt es zwei Hauptarten 'fremden Glaubens':

1. Der Glauben an Geld, Ehre und Erfüllung des Verlangens: Manche glauben, wenn sie Geld oder Ehre erlangen, oder ihre diversen Begierden befriedigen, sei ihnen das wahrhaft gute Leben vergönnt. Diese Leute dienen den Göttern des Mammon, der Begierden, der Ehre und dergleichen mehr. Dieser Götzenglauben hat große Kraft, denn auf kurze Sicht verschafft er seinen Gläubigen Befriedigung und die Energie, die Verwirklichung ihrer Träume zu betreiben, doch am Ende enttäuscht er. Auch wenn sich die Leute viele Jahre lang vormachen, sie hätten ihre Träume verwirklicht - im Inneren ihres Herzens wissen sie ganz genau, dass all das auf dieser Welt Erreichte flüchtig ist. Kein einziges von den normalen Dingen dieser Welt vermag dem Leben wirklichen Wert zu verleihen, und darum kann es auch keine wirkliche Befriedigung verschaffen. Dies wird speziell im Buch der Prediger (Kohelet) beschrieben, das von König Schlomo verfasst wurde.

2. Der Glauben an eine bestimmte Ideologie: Das ist schon ein höherer Glauben, der dem Menschen eine größere Bedeutung seines Lebens verleihen kann, der Glauben an Grundwerte oder Ideologien, die die Welt in eine bessere und vollkommenere verwandeln werden, wie der Glauben an den Wert der Liebe, der Wahrheit, der Gleichberechtigung, der Nation, der Wissenschaft, der Demokratie, des Humanismus oder des Feminismus. So wie der Glauben an die vorgenannten Götter verleihen auch diese Glauben ihren Gläubigen Energie und verschaffen ihnen sogar Erfolge über eine bestimmte Zeit, weil sie sie mit wahren Werten verbinden, die wirklich wichtig sind, und die diesbezüglichen Aktivitäten lassen neue Kräfte in der Realität entstehen. Doch auf lange Sicht enttäuschen auch diese Glauben.

So waren sich zum Beispiel die Anhänger des Kommunismus absolut sicher, mit dieser Herrschaftsform die Welt erlösen zu können. Auf diese Weise verursachten sie vielen Menschen unsägliches Leid, bis viele von ihnen vor lauter Leiden, die ihr Götzendienst der Welt brachte, zu Verstand kamen. Ebenso sind sich die Anhänger der Demokratie sicher, dass diese Herrschaftsform der Welt die Erlösung bringe, und dafür sind sie zu großen Opfern bereit, bis sie am Ende vor lauter Leiden zu Verstand kommen und verstehen, dass die Demokratie alleine einen letztendlich enttäuschenden Götzendienst darstellt.

So verhält es sich auch mit vielen Grundwerten - solange sie nicht mit dem vollkommenen Glauben an G~tt verbunden sind, der alle Grundwerte umfasst, bleiben sie beschränkt und götzendienerisch und versperren den Weg zum vollkommenen Glauben, weil sie eine Alternative aufstellen, deren Ende in Enttäuschung erst nach langer Zeit offensichtlich wird. Man muss dabei bedenken, dass auch der Glauben an eine bestimmte religiöse oder gesellschaftliche Führungspersönlichkeit, auch wenn es sich dabei um einen Frommen handelt, im Herzen des Gläubigen zu einer Art des Götzendienstes umschlagen kann.

6. Verflechtung der ersten beiden Gebote

Nur die Verflechtung des Glaubens an G~tt mit der Verneinung jedes Götzendienstes, sei er religiöser oder ideologischer Art, oder ein Personenkult, führt zum vollkommenen Glauben, der den Menschen mit dem Ursprung seines Lebens verbindet. Dieser Glauben enthält alle Grundwerte und akzeptiert die Anleitung der Tora, wie man die Grundwerte offenbart und harmonisch auf eine Weise miteinander verbindet, die dem Menschen und der Welt Vollkommenheit und Segen bringt.

7. Christentum und Islam

In der Folge von Übergabe der Tora am Berge Sinai und dem Wirken des Volkes Israel in der Welt entstanden zwei große Religionen, die direkt vom Glauben Israels beeinflusst worden waren: das Christentum und der Islam. Zwar gibt es bei ihnen noch gewisse Kompromisse mit dem Götzendienst, da die Definition G~ttes im Christentum als Barmherzigkeit, oder als Gesetz im Islam, eine Art Götzendienst darstellt. Darüber hinaus verkörperlichte das Christentum G~tt in Menschengestalt, womit sie von der reingeistigen Einheit hin zur materiellen Dreifaltigkeit abglitt, die den Umfang der göttlichen Grundwerte einschränkt. Sie beschränkt zum Beispiel den Begriff der Liebe auf solche Weise, die hinsichtlich der Religionsgenossen zum Ausdruck kommt, sich gegen Andere aber häufig in furchtbare Grausamkeit verwandelt. Der Islam hat einen tiefen Mangel, indem er die G~ttheit auf eine göttliche Oberlenkung beschränkt, die sich dem Menschen von oben offenbart, und dieser muss sie mit Respekt und Unterwerfung akzeptieren und sie wenn nötig mit Gewalt zur Herrschaft über alle Geschöpfe bringen. Er sieht nicht den großen göttlichen Wert des menschlichen Schaffens in allen seinen Bestandteilen, das ganz und gar göttliche Offenbarung darstellt, die durch den Menschen weitergeführt und offenbart wird, der zu diesem Zwecke im Ebenbild G~ttes geschaffen wurde.

8. Das Verhältnis zu den verschiedenen Religionen

Nach der Halacha ist es den Nichtjuden im Prinzip erlaubt, sich eine Religion zu schaffen, die einen passenden Rahmen für ihren besonderen Charakter bietet - unter der Bedingung, frei von Götzendienst zu sein, indem sie mit dem reinen Glauben an G~tt verbunden ist, der sich durch das Volk Israel offenbart. Ferner darf sie sich Niemandem aufdrängen und keine anderen Grundwerte außer Kraft setzen. Will sagen, die Vision der Erlösung fordert nicht die Abschaffung der verschiedenen Religionen, sondern das Entfernen des in ihnen enthaltene heidnische Böse, das die Offenbarung des vollkommenen Guten verhindert und zu mörderischer Herrschsucht führt. Wie es heißt: "Und ich reiße den blutigen Raub aus seinem Munde, und seine Gräuel zwischen seinen Zähnen hervor, und auch er verbleibt unserem G~tte" (Secharja 9,7).


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