Die beschleunigte Herbeiführung der Erlösung


veröffentlicht in der Wochenzeitung "Bascheva" 1. Ijar 5777 / 27. April 2017

Autor: Rabbiner Elieser Melamed, Ortsrabbiner und Leiter der Jeschiwa von Har Bracha

Übersetzung: R. Plaut


[Mit "Erlösung" (Ge'ula) ist hier, kurz gesagt, die endzeitliche Befreiung von den Beschränkungen der materiellen Welt und der Übergang in die kommende Welt gemeint].


1. Die Erlösung durch den natürlichen Verlauf der Dinge und die Erlösung durch reumütige Umkehr


Wir glauben in vollkommenem Glauben an die Worte der Tora und der Propheten, und damit an die am Ende garantierte Erlösung. Für ihr Eintreffen bestehen allerdings prinzipiell zwei Wege: "Ist es ihnen vergönnt - 'schnell', ist es ihnen nicht vergönnt - 'zu seiner Zeit' (Jeschajahu 60,22). Ist es ihnen vergönnt - 'mit den Wolken des Himmels' (Daniel 7,13), ist es ihnen nicht vergönnt - 'demütig und reitend auf einem Esel' (Secharja 9,9)", langsam und nach dem natürlichen Verlauf der Dinge, der auch schmerzhafte Entwicklungen einschließt (Sanhedrin 98a). Sollten wir uns, wie es sich gehört, zu reumütiger Umkehr aufraffen, werden wir auch die Tora verstehen, wie es sich gehört, und die Erlösung kommt dann schnell, in Ruhe, Ausgeglichenheit und Freude; "noch heute, wenn ihr gehorchet seiner Stimme" (Psalm 95,7). Aber auch wenn wir keine gehörige Umkehr tun wird die Erlösung kommen, dann aber im natürlichen Verlauf der Dinge und unter Schmerzen. Denn so schuf G~tt sein Volk und seine Welt - wenn sich das Volk Israel nicht verhält, wie es soll, steigern sich die Leiden, bis in einem langwierigen und mühsamen Prozess die Worte der Tora offen sichtbar werden, hier ein wenig, dort ein wenig, ein Maß im Süden und ein Maß im Norden, ein Maß im Osten und ein Maß im Westen (siehe Jeschajahu 28,13). Bis am Ende die Leiden so stark werden, dass sie das Volk Israel zur Rückkehr in sein Land und zur Auseinandersetzung mit den Problemen seiner Existenz zwingen, um dadurch - auf dem Weg der Leiden - zu seinem Erbe, seinem Glauben und seiner Tora in vollem Umfang zurückzukehren.


2. Kombination beider Wege


Wie sich aus der Betrachtung der letzten Generationen ergibt, scheint die Erlösung aus einer Kombination beider Wege zu erwachsen, nach der einfachen Bedeutung des oben erwähnten Verses: "Ich, der Ewige, zu seiner Zeit werd' ich es schnell vollbringen" (Jeschajahu 60,22). Will sagen, auf der Route der natürlichen und schmerzhaften Entwicklung kommt es mehrfach zu einem Erwachen reumütiger Umkehr, die das Kommen der Erlösung beschleunigt und die Leiden vermindert.


3. Der Beginn des Erwachens


Vor über zweihundert Jahren (5536) erwachte ein bedeutendes Verlangen zur Einwanderung nach dem Land Israel. Der größte der Schüler des 'Maggid von Meseritsch', Rabbi Menachem Mendel von Witebsk, wanderte mit dreihundert Chassidim ein und schuf damit das Fundament für die chassidische Gemeinde im Land. Allerdings handelte es sich noch nicht um eine Einwanderung mit der deklarierten Absicht der Besiedlung des Landes (Jischuw ha'aretz) und der Einsammlung der Verstreuten (Kibutz galujot).

Es war vielmehr der 'Gaon (Rabbiner Elijahu) von Wilna', der ausdrücklich davon zu reden begann. Seine Schüler erzählten, wie er häufig mit ihnen mit aufgewühlter Seele sprach, dass nur durch die Einsammlung der Verstreuten und den Aufbau des Landes die Erlösung beschleunigt herbeigeführt wird und wir nur durch den Aufbau des Landes von den furchtbaren Leiden des messianischen Zeitalters gerettet werden. Auch er selbst machte sich auf den Weg ins Land, trennte sich von seiner Familie, übergab ihr ein detailliertes Schreiben mit Weisungen für ihren weiteren Lebenswandel, doch wurde ihm vom Himmel die Umkehr geboten, und so kehrte er zurück. Doch seine Schüler hielt er weiterhin zur Einwanderung ins Land und zu dessen Aufbau an.

Im Jahr 5569/1809, also etwa zehn Jahre nach dem Tod des Gaon von Wilna, gelangte die erste Gruppe seiner Schüler unter Führung von Rabbiner Menachem Mendel von Schklow nach Zfat (Safed). Etwa zwei Jahre später kam Rabbiner Israel von Schklow, der Autor des Buches Pe'at Haschulchan. Bei ihnen befand sich auch Rabbi Hillel von Schklow und noch weitere Toragrößen und Männer der Tat. Im Laufe der Zeit siedelten Viele von ihnen nach Jerusalem um. Trotz furchtbarer Plagen fanden sie Stärkung in den Worten ihres großen Lehrmeisters über die Bedeutung des Gebotes der Besiedlung des Landes.

Und so ging es von einer Generation zur nächsten, sie mehrten sich und fassten Fuß im Land, und aus ihnen bildete sich der "alte Jischuw" der Aschkenasim im Land. Auf sie gestützt wurden die ersten Viertel Jerusalems außerhalb der Altstadtmauern gebaut, und von ihnen gingen die Gründer des "neuen Jischuw", wie z.B. Petach Tikwa, hervor.


4. Verpasste Gelegenheit


Wäre es uns nur beschert gewesen, den Rufen des Gaon von Wilna und seiner Schüler zu folgen - ist es gar nicht vorstellbar, wie vielen Pogromen und Verfolgungen wir entronnen wären. Auch wäre das jüdische Volk stärker mit der Tora und den Geboten verbunden geblieben, denn die jüdischen Massen hätten mit eigenen Augen gesehen, wie sich unter Anleitung der Tora das Leben angemessen aufbauen lässt. Die Abwendung von der Tora entsprang dem Gefühl, dass ihre Anhänger immer hinterherhinken. Während sich die ganze Welt mit der Gründung von Nationalstaaten und neuen Herrschaftsformen beschäftigt, geht es im Judentum immer nur ums Überleben, und das unter immer schwieriger werdenden Bedingungen. Hätten wir uns mit dem Aufbau von Volk und Land beschäftigt, hätte die große Vision von der Erlösung Israels im Lichte der Tora, wie sie von den Propheten geschildert wurde, alle Herzen erfüllt. All die genialen Juden, die sich assimilierten und ihre Begabungen in den Dienst Fremder stellten, in Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft, hätten ihre Energien im eigenen Lande zugunsten ihres Volkes und ihrer Heimat zur Geltung gebracht. Der jüdische Staat wäre früher gegründet worden, nicht durch den Druck der Probleme, sondern aufgrund des göttlichen Gebotes und der Vision der Propheten. Auch die Probleme mit der arabischen Bevölkerung wären kaum nennenswert gewesen, denn nur, weil wir nicht in Massen herkamen, füllte sich das Vakuum mit Arabern, die hierher übersiedelten, um von den Früchten zu genießen, die das Land in Erwartung der Juden, die hätten zurückkehren sollen, hervorzubringen begann.


5. Die Masse verblieb im Exil


Es war uns nicht vergönnt, aufgrund des göttlichen Gebotes der Besiedlung des Landes und der Visionen der Propheten einzuwandern, und gleichzeitig wurden die Probleme immer größer. Ungefähr fünfzig Jahre nach dem Aufbruch der Schüler des Gaon von Wilna begannen Rabbi Zwi Hirsch Kalischer und Rabbi Elijahu Gutmacher die jüdischen Massen zur Einwanderung nach dem Land Israel zu ermuntern und die Erlösung näherzubringen. Als Folge ihrer Reden wuchs die Anzahl der Einwanderer. Doch waren wir immer noch weit vom Erreichen des allgemeinen Zieles entfernt, und die Probleme des Exils nahmen weiterhin zu. Der Antisemitismus wurde stärker, und immer mehr Juden kehrten dem Glauben den Rücken und assimilierten sich unter den Nichtjuden.

Einige Jahrzehnte später erhoben sich einige der größten Rabbiner Osteuropas, darunter Rabbi Schmu'el Mohilever, Rabbi Mordechai Eliasberg und der Leiter der Woloschiner Jeschiwa, Rabbiner Naftali Zwi Jehuda Berlin (der Neziw), um für die Einwanderung ins Land im Rahmen der Bewegung "Chibat Zion" zu werben. Zu jener Zeit hatten bereits viele Juden den Weg von Tora und Geboten verlassen, und die genannten Toragrößen waren bereit, auch mit Führern der jüdischen Öffentlichkeit zusammenzuarbeiten, die nicht besonders auf die Einhaltung der Gebote achteten, mit dem Ziel der Besiedlung des Landes vor Augen. Als Folge ihrer Aktivitäten kam es zu einer Einwanderungswelle, die als "Erste Alija" in die Geschichte einging (ab 5642/1882). Die meisten dieser Einwanderer waren noch religiöse Juden, jedoch weit vom Rang der Schüler des Gaon von Wilna entfernt, an deren Spitze fromme und weise Toragrößen standen. Doch auch unter diesen Einwanderern gab es bedeutende Rabbiner, wie z.B. Rabbi Mordechai Gimpel Jaffe (ein Großonkel Rabbiner Kuks), der sich der Siedlung Jehud anschloss und ihr Rabbiner wurde. Doch obwohl der "Jischuw" ständig wuchs, folgte die Masse des jüdischen Volkes nicht den Rufen zur Rückkehr nach Zion.


6. Antisemitismus und die Gründung der Zionistischen Bewegung


Der Antisemitismus in Europa nahm weiterhin zu, ebenso wie die Anzahl der Juden, die keine Gebote mehr einhielten. Viele dieser Abtrünnigen glaubten, mit dem Verlassen des Glaubens und durch Assimilation unter die Völker würden die Probleme aufhören, doch der Antisemitismus wurde immer stärker. Bei einigen der Juden, die versuchten, von den Nichtjuden akzeptiert zu werden, machte sich die Erkenntnis breit, dass der jüdische Charakter ein besonderer und es ein Ding der Unmöglichkeit sei, sich ihm entziehen zu wollen, und nur die Errichtung eines unabhängigen jüdischen Staates im Lande Israel die Juden vor dem wachsenden Antisemitismus retten könne. So entstand die Zionistische Bewegung unter der Führung von Theodor Herzl. Einige große Rabbiner unterstützten sie und organisierten sich zu einem späteren Zeitpunkt in der "Misrachi"-Bewegung. Unter den großen Rabbinern gab es auch einige, die der Zionistischen Bewegung entgegenstanden, hauptsächlich wegen der Befürchtung, die jüdischen Volksmassen würden sich von den säkularen Anführern zu einer ebensolchen Lebensweise verleiten lassen.


7. Schoa und Staatsgründung


Die zionistische Idee, in Verbindung mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus, motivierte immer größere Gruppen von Juden zur Unterstützung der Einwanderung und der Erweiterung der Besiedlung sowie zur Forderung nach der Gründung des jüdischen Staates.

Es muss hier jedoch einmal die schmerzliche Wahrheit beim Namen genannt werden: Die Mehrheit des jüdischen Volkes, Religiöse wie Nichtreligiöse, beteiligte sich nicht an der Zionistischen Bewegung und blieb in der Diaspora. Der "Jischuw" hatte nicht die Kraft, das "Banner Jerusalems" zu erheben und die Gründung des Staates einzufordern. Religionsfeindlichkeit und Assimilation in Europa und Amerika waren zu einer bedrohlichen Epidemie angewachsen. Es war wenig realistisch, sich eine Situation vorzustellen, in der die Assimilation gestoppt und das Volk Israel zur Einhaltung der Gebote und in seine Heimat zurückkehren würde, um dann dort seinen Staat zu gründen.

Erst nach der furchtbaren Schoa, deren monströses Ausmaß jedes Vorstellungsvermögen bei Weitem übertraf, wurde vielen Juden klar, dass es keine andere Wahl gab. Ein eigener, unabhängiger jüdischer Staat im Lande Israel war zwingend notwendig geworden. Ströme von Flüchtlingen aus Europa und arabischen Ländern ergossen sich ins Land. Auf diesem Fundament entstand der Staat Israel.

8. Erwachen der Umkehr, auch heute


Wir befinden uns immer noch auf dem Weg, und wir müssen von der Tora und dem Wort G~ttes lernen, das sich uns durch die Geschichte offenbart, denn wenn es uns beschieden ist, bei der Besiedlung des Landes unter Anleitung der Tora und der Gebote richtig zu handeln, wird es uns gelingen, die Erlösung in Freude und Gelassenheit herbeizuführen. Wenn wir aber die Zügel schleifen lassen, besteht die Gefahr, dass uns im Zuge der 'Erlösung durch den natürlichem Verlauf der Dinge' schwere Heimsuchungen treffen werden, um uns auf den rechten Weg zu leiten.

Möge es G~ttes Wille sein, alle Siedlungen in Jehuda und Schomron (Judäa und Samaria) zu erweitern und das Land seine Frucht im Überfluss gebe, und wir uns aus allen vier Himmelsrichtungen in unserem Land einsammeln, und wir darin aufrecht gehen, und G~tt das Herz von Stein aus unserem Fleisch entferne und uns ein neues Herz gebe und einen neuen Geist, die Tora zu lernen und die Gebote zu erfüllen, und alle öden Berge erblühen lasse, dass sie ihre Frucht geben, und alle zerstörten Städte wieder besiedelt und erbaut werden, und sich mit Menschenherden, Herden von Heiligen anfüllen, und wir alle G~tt erkennen mögen.


9. Das Wesen des Unabhängigkeitstages


Darum ist es am Jom HaAtzma'ut so wichtig, uns diese große und überwältigende Aufgabe, die wir zu erfüllen haben, vor Augen zu führen, damit der Erlösungsprozess zwar langsam, aber sicher vorankommt - und das in Freude und Frieden. In Ergänzung der Dankgebete, des Hallel und des Dank-Festmahls muss das Studium der Bedeutung dieses Tages fest an diesem Datum verankert werden. So wie die talmudischen Weisen bestimmten: "Moscheh ordnete für Israel an, über die Bedeutung des Tages vorzutragen: über die Vorschriften des Pessachfestes am Pessachfest, über die Vorschriften des Wochenfestes am Wochenfest, und über die Vorschriften des Hüttenfestes am Hüttenfest" (Megilla 32a).


10. Vier Ebenen des Feierns


Auf der untersten Ebene befinden sich Jene, die in die Gärten und Wälder ausziehen, um dort Fleisch über dem Feuer zu rösten, und obwohl ihre Handlungen keinerlei spirituellen Inhalt aufweisen, hat ihre Mahlzeit, wenn sie sich an der Freude Israels mitfreuen, dem Volk G~ttes, den Wert einer Gebotsmahlzeit.

Die zweite Ebene wird von Jenen belegt, die zu Ausflügen an die Orte ausziehen, die für ihre historische Bedeutung beim Aufbau des Staates Israel bekannt sind, Werke der Nation, Museen der Gründerjahre und Armeelager.

Die dritte Ebene beinhaltet Leute, die zu Ausflügen in die Siedlungen von Jehuda und Schomron aufbrechen, den Aufbau des Landes anzusehen und den Segen "meziw gwul almana" zu sprechen.

Die höchste Ebene wird von Jenen eingenommen, die an diesem Tag Tora lernen, insbesondere Themen im Zusammenhang mit den Geboten bezüglich der Besiedlung des Landes und des Aufbaus des Staates und der Gesellschaft im Lichte der Tora. Von den Leuten auf dieser Ebene werden Vorschläge und Gedanken ausgehen, die die Erlösung Israels und der Welt vorantreiben.


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