Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (1- 8)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

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1.Folge:

Viele jüdische Eltern fragen sich, wie hoch der Anteil der weltlichen Studien im Lehrplan der Kinder und Jugendlichen sein soll, wieviel Zeit dafür zu reservieren sei, und auf welches Niveau wir unsere Kinder überhaupt bringen sollen? Welches Ideal verfolgen wir, und wieweit müssen wir eventuelle Sachzwänge berücksichtigen?

Zunächst einmal können wir froh sein, dass sich die Leute überhaupt Gedanken darüber machen. Eltern, die ihre Entscheidung, ihr Kind zum Talmud Tora (eine im wesentlichen auf jüdische Themen ausgerichtete Vor- bzw. Grundschule) oder aber auf eine reguläre Schule zu schicken, nur aufgrund von willkürlichen oder praktischen Überlegungen treffen (wie z.B. kurzer Schulweg), erfüllen nicht ihre erzieherischen Pflichten gegenüber ihren Kindern. Meinungsverschiedenheiten über die weltanschauliche Richtung der Erziehung sind allemal legitim, aber Gleichgültigkeit ist hier unverzeihbar.

Das Thema der weltlichen Bildung im Verhältnis zu religiösen Studien beschäftigt das jüdische Erziehungswesen seit seinen Anfängen. Dieses Thema nimmt so einen breiten Raum ein, weil der erzieherische Aspekt direkt unserer Lebensphilosophie entspringt und unserem allgemeinen Verhältnis zum Weltlichen, zur Wissenschaft und der Menschheitskultur. Die pädagogischen Inhalte sollten das Spektrum der Wertvorstellungen in allen ihren Schattierungen widerspiegeln und gleichzeitig unzweideutige Prioritäten für diese Wertvorstellungen setzen.

In dem begrenzten Rahmen unserer Artikelserie müssen wir uns mit der Übersicht über einige bedeutende Prinzipien und mit einigen praktischen erzieherischen Vorschlägen begnügen.

Die Klärung des Verhältnisses zu weltlichen Studien lässt sich in drei Ebenen aufgliedern: 1. weltliche Studien zur Erlangung eines Berufes, 2. als Mittel zur Vertiefung jüdischer Studien, und 3. zur allgemeinen Weiterbildung und Horizonterweiterung.

Berufsausbildung: Eine der zentralen Aufgaben der Erziehung besteht in der Vorbereitung des zu Erziehenden auf "das Leben". Seit der Vertreibung aus dem Paradies muss sich der Mensch im Leben mit "Dornen und Disteln" (Gen. 3,18) herumschlagen und um sein Überleben in physischer und gesellschaftlicher Hinsicht kämpfen. Bis auf einige Südseeinseln, denen ein Hauch von Paradies anhaftet, konfrontiert die übrige Erdkruste den Menschen mit einer existenziellen Herausforderung, die ihn zu fortwährendem Kampf zur Erlangung von Nahrung, Selbständigkeit, minimaler Menschenwürde und manchmal sogar ums nackte Leben zwingt! Das ist der Lebenskampf!

Die Vorstellung, sich als jüdisches Volk diesem Schicksal entziehen zu können, wurde schon von den talmudischen Weisen abgelehnt (siehe Brachot 35b). Rabbi Jischma'el war der Ansicht, dass man das Toralernen mit Arbeit kombinieren muss; "verfahre nach der Landessitte". Demgegenüber hielt Rabbi Schimon Bar Jochai es für ausgeschlossen, dass die Feldarbeit dem Menschen noch Zeit zum Torastudium und spiritueller Entwicklung übriglässt. Darum gelangte er zu dem Ergebnis, dass sich das jüdische Volk idealerweise ausschließlich dem Torastudium widme, wobei seine Arbeit von anderen (den übrigen Völkern) erledigt werde. Der Talmud zieht nach dieser Diskussion die folgende Bilanz: "Abaje sagte: Viele handelten nach Rabbi Jischma'el und es gelang ihnen, nach Rabbi Schimon Bar Jochai, und es gelang ihnen nicht". Entsprechend müssen auch wir, das Volk Israel, uns unter den heutigen Umständen zu unserem Broterwerb anstrengen und können dem Lebenskampf nicht ausweichen.

Die Erziehung zielt auf die Vorbereitung des Kindes bzw. des Jugendlichen auf eben diesen Lebenskampf. Von Generation zu Generation andert sich der Lebensstil, und mit ihm ändern sich auch die Spielregeln des Lebenskampfes, und entsprechend ändern sich auch die Zielsetzungen der Erziehung (z.B. wurde die Erziehung zur Landwirtschaft nach und nach durch die technologisch orientierte Erziehung ersetzt). In der Vergangenheit erlernte der Jugendliche seinen Beruf bei einem Meister, wohingegen er heute in fast allen Berufen nicht ohne eine wissenschaftliche Grundausbildung auskommt. Darum führt die Vorbereitung über das methodische Erlernen von Naturwissenschaften.

2. Folge:

Eine der Aufgaben der Erziehung besteht in der Vorbereitung des Kindes/des Jugendlichen auf den "Lebenskampf", und dazu gehört auch das Erlernen eines Berufes zum eigenen Unterhalt und dem der Familie. So heißt es in der Mischna (Kiduschin 82a): "Rabbi Meir sagt: Stets lehre man seinen Sohn einen sauberen und leichten Beruf", und die Gemara erklärt: "wie z.B. Schneider" (dieser Beruf verlangt keine große physische Anstrengung). Weiter heißt es (Kiduschin 29a): "Der Vater muss seinen Sohn.. Tora.. und einen Beruf lehren... Rabbi Jehuda sagt: Wer seinen Sohn keinen Beruf lehrt, ...gilt, als hätte er ihn Räuberei gelehrt" - Raschikommentar dazu: "Weil er keinen Beruf hat und es ihm daher an Brot mangelt, wird er sich an eine Weggabelung begeben und die Passanten überfallen". So wie die Eltern die Kinder Tora lehren müssen, haben sie auch für eine Berufsausbildung zu sorgen, damit sich der Nachwuchs später einmal menschenwürdig ernähren kann und nicht auf Abwege gerät oder seinen Mitmenschen auf der Tasche liegt.

Die Mischna zählt allerdings auch eine ganze Reihe ehrlose Berufe auf, deren "Handwerk ein Räuberhandwerk" ist, d.h., in diesen Berufen wird man leicht vom Wege des Anstandes und der Ehrlichkeit abgebracht. Die "Räuberei" lauert also auf zwei Gebieten: 1. In Ermangelung einer Berufsausbildung läuft der Nachwuchs Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten, und 2. in bestimmten Berufen, die zu unehrlichem Verhalten verleiten. Darum legten die talmudischen Weisen den Eltern die Pflicht auf, die Kinder bei der Berufswahl anzuleiten.

Aus diesem Grund ist es sogar erlaubt, am Schabbat eine Ausbildung für den Nachwuchs mit einem Berufslehrer zu vereinbaren [was sonst als "Vorbereitung für den Wochentag" verboten wäre], weil die Vorbereitung für ein jüdisches Gebot am Schabbat erlaubt ist, und es sich bei der Berufsausbildung um ein Gebot handelt (Schabbat 150a, Raschi).

Wenn noch in der Vergangenheit der Jugendliche seinen Beruf als Geselle bei einem Meister erlernte, so kommt man heutzutage schon nicht mehr ohne eine minimale wissenschaftliche Grundlage aus. Ebenso machte die früher übliche landwirtschaftliche Ausrichtung heute der modernen technologischen Ausbildung Platz. Darum führt die Vorbereitung des Kindes auf den "Lebenskampf" über ein methodisches Erlernen der Wissenschaften und anderer weltlicher Bereiche auf wenigstens minimaler Basis, was ihm die Wahl eines Berufes nach seinem Herzen ermöglicht.

"Welches ist der gerade Weg, den der Mensch wählen soll? Der zur Ehre gereicht dem, der ihn einschlägt, und ihm Achtung bringt bei den Menschen", (Mischna "Sprüche der Väter" 2. Kap.,1.Mischna). Der "Sforno" - Kommentar [Rabbi Ovadia ben Jakow, berühmter Bibelkommentator, lebte vor ca. 500 Jahren in Italien] erklärt dazu, dass sich der Mensch einen zu ihm passenden Beruf auswählen soll, "in dem er zu größerer persönlicher Vollkommenheit gelangt, indem er Lob und Preis von seinen Mitmenschen erhält, und so einen größeren Erfolg erzielt". Der passende Beruf ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg. Eine gelungene Berufskarriere, die dem Menschen "Lob und Preis von seinen Mitmenschen" einbringt, gilt nicht nur nicht als anrüchig, sondern als ausgezeichnet und erstrebenswert...

Nun könnte man auch auf den Gedanken kommen, den Vers "Wirf auf den Ewigen dein Begehr und er wird dich versorgen" (Psalm 55,23) für seine Zwecke einzuspannen. G~tt ernährt alle Geschöpfe, "..sättigst allem, was lebt, sein Verlangen" und "gibt ihnen Nahrung zur rechten Zeit" (Psalm 145,16; 104,27), "..ernährt die ganze Welt, von den gehörnten Büffeln bis zu den Nissen der Läuse" (Awoda Sara 3b). So wie G~tt mich durch einen Beruf ernähren kann, wird er es doch auch ohne Beruf fertigbringen! Solche Behauptungen kann man häufig hören, und sie bringen uns zum Thema "G~ttvertrauen und eigene Bemühung". Die einstimmige Entscheidung aller großen Rabbiner seit talmudischen Zeiten fiel auf die eigene Bemühung, und man dürfe sich nicht auf Wunder verlassen, wie der Midrasch "Sifri" zu Dt. 15,18 sagt: "'Auch wird dich der Ewige, dein G~tt segnen' - sogar, wer nur sitzt und nichts tut?!
Darum heißt es weiter: 'in allem, was du tust'". "Wirf auf den Ewigen dein Begehr" usw. (s.o.) betrifft den Fall, nachdem sich der Mensch ausreichend bemüht hat.

Bisher haben wir uns mit dem Wert der säkularen Studien für sich selbst genommen befasst, in ihrer Bedeutung für die Vorbereitung des Jugendlichen auf den "Lebenskampf", doch die wesentliche Frage besteht im richtigen Verhältnis von weltlichen Studien zum religiösen Lehrplan! Diese Frage stellt sich auf zwei Ebenen - der prinzipiellen und der praktisch ausführbaren. Darüber mehr beim nächsten Mal.

3. Folge:

Voriges Mal beschäftigten wir uns eingehend mit der elterlichen Pflicht, für die Berufsausbildung des Nachwuchses zu sorgen, damit er die Mittel erwerbe, im "Lebenskampf" bestehen zu können. In der heutigen Zeit macht diese Zielsetzung das
Studium von weltlichen Unterrichtsfächern notwendig, die anschließend den Erwerb von beruflichen Fachkenntnissen nach den Erfordernissen der modernen Zeit ermöglichen.

Allerdings bezieht sich unsere ursprüngliche Fragestellung nicht hauptsächlich auf den Wert von weltlichen Studien an sich oder ihre Bedeutung in der Vorbereitung des Kindes auf den "Lebenskampf", sondern auf ihr quantitatives Verhältnis zu den religiösen Studien! Diese Fragestellung erstreckt sich auf zwei Ebenen - die prinzipielle und die praktisch machbare. In seinem Schreiben zum Thema der Erziehung ("Briefe" Nr. 170) erklärte Rabbiner A.J.Kuk, dass die Vorbereitung des Kindes auf den Lebenskampf nicht das zentrale Ziel der Erziehung darstellt und nicht an erster Stelle der Prioritäten steht, sondern lediglich an zweiter Stelle. "Die Vorbereitung des Menschen auf den Lebenskampf sehen wir immer als zweitrangigen Aspekt der Erziehung an und nicht als ihr Hauptanliegen". Und worin besteht das Hauptanliegen der Erziehung? "Ziel der Erziehung ist es, den Menschen auf die Vervollkommnung seines Wesens vorzubereiten, deren wesentlicher Punkt darin besteht, ihn gut und ehrlich zu machen". Die Erziehung dreht sich im Wesentlichen um den Aufbau des Charakters und die Persönlichkeitsbildung des Kindes und nicht der Erwerb von zahlreichen und breitgefächerten Fähigkeiten, die ihm ermöglichen sollen, im Leben zurechtzukommen, wenn es in die Welt der Erwachsenen entlassen wird.

Rabbiner Kuk nannte die zwei zentralen Eigenschaften, die die Erziehung beim Jugendlichen fördern soll: "gut und ehrlich". "Gut" bedeutet freundliche, wohlwollende Gesinnung und Gutherzigkeit, "ehrlich", geradlinig und anständig, sowohl nach außen hin als auch mit sich selbst. Die innere Ehrlichkeit bringt den Menschen zur Entfaltung seiner Kräfte in deren natürlicher und ursprünglicher Weise (Unaufrichtigkeit mit sich selbst bringt alle Lebenskräfte durcheinander), und nach außen hin knüpft sie zwischenmenschliche Verbindungen und Beziehungen von Wahrhaftigkeit.

Nach Nennung der Ziele geht Rabbiner Kuk über zur Beschreibung der Wege, sie zu erreichen. So schrieb er, wie von Anbeginn seines Weges das jüdische Volk erkannte, "dass je stärker die Verkündung des Namens G~ttes im Herzen des Menschen verwurzelt ist, umso größer seine Güte und Ehrlichkeit, und umso größer sein persönliches Glück wie das der ganzen Gesellschaft". Die Entwicklung eines guten und ehrlichen Charakters ist also von der Stärke der Beziehung zu G~tt abhängig. Dieses Prinzip schrieb das Volk Israel auf seine Fahnen: das innige Verhältnis von den Begriffen des Glaubens an G~tt zur den ethischen Grundwerten, das beim jüdischen Volk bis hin zu einer fast vollständigen Überlappung reicht.

Hier kommen nun die religiösen Studien ins Spiel: für "die Verwurzelung der Verkündung des Namens G~ttes im Herzen und der Seele des einzelnen Menschen und der gesamten Nation ist regelmäßiges Studium von frühester Kindheit an notwendig, und so nahm das Torastudium die höchste Priorität in der jüdischen Erziehung in Anspruch". Der Religionsunterricht soll dem Herzen des Kindes den Glauben an G~tt und die Verkündung seines Namens einpflanzen und es zu einer Persönlichkeit voll Güte und Ehrlichkeit entwickeln. Darum kommt an erster Stelle in der Erziehung das Torastudium, und erst danach die Vorbereitung auf den "Lebenskampf" im allgemeinen, und das Lernen von weltlichen Fächern im besonderen. Und so schrieb Rabbiner Kuk ("Briefe" Nr. 427): "Auf der zweiten Stufe, nach unserer heiligen Tora, werden wir unsere Kinder und Zöglinge in den für das alltägliche Leben notwendigen Fächern ausbilden".

Welche Bedeutung hat die Voranstellung der ethischen Werte? Zuallererst soll sie die innere Einstellung zur Tora und ihrer Aneignung beeinflussen. Obwohl der Vater den Sohn sowohl Tora als auch einen Beruf lehren soll, was beides als göttliches Gebot (Mitzwa) gilt, sind diese deswegen noch nicht identisch. Religiöse und weltliche Studien sind nicht gleichgewichtig. Darum war es eine positive Maßnahme des religiösen Erziehungswesens, die Stundenpläne voneinander zu trennen, und ebenso lobenswert ist die Gewohnheit, den Schultag grundsätzlich mit jüdischen Studien zu beginnen, um deren Vorrang und spirituelle Überlegenheit zu betonen. Das Studium der heiligen Fächer gilt als "Stufe 1", das der weltlichen Fächer als "Stufe 2". Es stellt sich nun die Frage, ob sich die Voranstellung der ethischen Werte auch auf die praktische Festlegung des Lehrplanes auswirkt. Darüber mehr beim nächsten Mal.

4. Folge:

Letztes Mal behandelten wir die elterliche Verpflichtung, den Nachwuchs sowohl Tora als auch einen Beruf zu lehren, wobei eine bestimmte grundwertebedingte Rangordnung besteht. Torastudium bildet die Persönlichkeit des Jugendlichen und verschafft ihm die Eigenschaften "gut" und "ehrlich", bevor er sich das Erlernen eines Berufes im allgemeinen und von weltlichen Fächern im besonderen vornimmt, die ihn für den "Lebenskampf" fitmachen sollen. So schrieb Rabbiner A.J.Kuk ("Briefe" Nr. 427): "Auf der zweiten Stufe, nach unserer heiligen Tora, werden wir unsere Kinder und Zöglinge in den für das alltägliche Leben notwendigen Fächern ausbilden".

Welche Bedeutung hat die Voranstellung der ethischen Werte? Zuallererst soll sie die innere Einstellung zur Tora und ihrer Aneignung beeinflussen. Das Studium der heiligen Fächer gilt als "Stufe 1", das der weltlichen Fächer als "Stufe 2". Diese Weisung finden wir bei einigen großen Rabbinern der letzten Generation. So schrieb Rabbiner A.I.Bloch aus Tels, dass das Erlernen von wissenschaftlichen Fächern zur Berufsausbildung erlaubt sei, aber unter der Bedingung, dass die heiligen Fächer sowohl im Zeitplan als auch in der Wichtigkeit vorne liegen und man sich immer den qualitativen Unterschied zwischen heilig und weltlich vor Augen halte. Entsprechend schrieb auch Rabbiner Elchanan Wassermann: "Es besteht keinerlei Verbot, weltliche Weisheit zur Erlangung eines Berufes zu lernen, wenn es zum Lebensunterhalt geschieht, denn das Erlernen eines Berufes zum Lebensunterhalt ist ein Gebot der Tora", er wandte sich aber entschieden gegen die Kreise, "die die weltlichen Studien gleichrangig mit dem Torastudium einstufen... und das Ergebnis dieses Irrtums, der die weltliche Weisheit auf eine Stufe neben das Torastudium stellt, ist schlecht und äußerst bitter".

Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese wertebedingte Vorrangigkeit über das unterschiedliche Verhältnis hinaus auch auf die praktische Festlegung eines Lehrplanes Einfluss nimmt?

Der "Chatam Sofer" (Rabbi Moses Sofer/Schreiber, Gründer der Pressburger Jeschiwa, einer der scharfsinnigsten Talmudisten der neueren Zeit, lebte vor ca. 200 Jahren) zog aus der höheren Bedeutung der religiösen Studien vor den weltlichen folgende wichtige pädagogische Anweisung: Zu Beginn der Erziehung des Jugendlichen, im Kindesalter, sollte man ihm ausschließlich jüdische Inhalte vermitteln, "..ist den jüdischen Kindern weder Berufsfertigkeit noch Wissenschaft beizubringen, nur die göttliche Lehre... und wenn das Kind aufwächst und in der Tora nicht vorankommt, dann lehre man es einen Beruf". Die wertebedingte Vorrangigkeit macht auch eine bestimmte chronologische Abfolge notwendig. Der "Chatam Sofer" stützte sich dabei auf folgende Talmudstelle: "Raw sprach zu seinem Sohne Ajwu: Ich habe mich bemüht, dich Tora zu lehren, und es gelang mir nicht; ich will dich nun weltliche Dinge lehren" (Pessachim 113a). In einer seiner Predigten erklärte er, dass das Volk Israel beim Auszug aus Ägypten verachtet und mittellos dastand, weit entfernt von jeglicher Weisheit und Wissenschaft, und G~tt gab ihm in dieser Situation gerade zuerst die Tora. Daraus sollten auch die folgenden Generationen ihre Schlüsse ziehen...

Wegen dieses Standpunktes wurde der "Chatam Sofer" von einigen Historikern der Feindlichkeit gegenüber den weltlichen Studien beschuldigt. Wohl war er gegen weltliche Studien im Kindesalter, distanzierte sich aber nicht davon, wenn sie in einem späteren Alter vorgenommen werden. Der "Chatam Sofer" war der Ansicht, dass die Erziehung im Jugendalter voll und ganz auf die Reinheit des Heiligen gestützt sein muss, um den Jugendlichen die Tora tief in die Seele einzupflanzen. Seine Worte muss man auch im Zusammenhang mit dem Zeitgeschehen sehen, mit dem entschlossenen Kampf gegen die Aufklärung, als sich viele Juden von der Tora und den Mitzwot entfernten, wie er in einer seiner Predigten schrieb: "Seht euch diese Generation an, sie lehren ihre Kinder Philosophie und Fremdsprachen... und vergaßen die Tora... wenn diese Kinder aufwachsen, dann allerdings ohne die göttliche Lehre... sie werden nicht lange zögern, sich taufen zu lassen".

5. Folge:

In den bisherigen Folgen behandelten wir ausführlich die Pflicht der Eltern, ihren Nachwuchs einen Beruf zu lehren, wie es in der Mischna heißt (Kiduschin 82a): "Rabbi Meir sagt: Stets lehre man seinen Sohn einen sauberen und leichten Beruf"; und weiter (Kiduschin 29a): "Der Vater muss seinen Sohn.. Tora.. und einen Beruf lehren... Rabbi Jehuda sagt: Wer seinen Sohn keinen Beruf lehrt, ...gilt, als hätte er ihn Räuberei gelehrt". Heutzutage kommt man ohne weltliche Studien nicht aus, um einen modernen und sinnvollen Beruf zu erlernen.

In allen früheren Generationen fand sich niemand, der an diesem Prinzip gerüttelt hätte. In letzter Zeit jedoch mehren sich die Stimmen, die von weltlichen Studien für die Jugendlichen absolut nichts wissen wollen. Der Grund? Weil angeblich die oben zitierte Lehrmeinung nicht von allen talmudischen Weisen geteilt wurde. Nach den Worten von Rabbi Meir bringt die Mischna den Ausspruch von Rabbi Nehorai: "Rabbi Nehorai sagt, ich lasse lieber jedes Gewerbe der Welt und lehre meinen Sohn nur die Tora, denn der Mensch genießt ihren Lohn auf dieser Welt, und das Grundkapital bleibt ihm für die kommende Welt erhalten, was aber bei jedem anderen Gewerbe nicht der Fall ist, denn wenn der Mensch einmal krank, alt oder leidend wird und nicht seinem Gewerbe nachgehen kann, so stirbt er vor Hunger, was
aber bei der Tora nicht der Fall ist. Sie behütet ihn vielmehr in seiner Jugend vor allem Bösen und gewährt ihm Zukunft und Zuversicht im Alter", und im Raschikommentar dazu heißt es, selbst wenn der Mensch einmal krank wird und sich nicht mit der Tora beschäftigen kann, so zehrt er von ihrem Lohne.

Manche legten diesen Ausspruch als Widerspruch zu Rabbi Meir aus, d.h., man habe die Erziehung ausschließlich auf das Torastudium auszurichten. Daher der entschiedene Widerstand gegen jede Berufsausbildung der Jugendlichen, und damit auch gegen den Erwerb von Grundwissen in den weltlichen Fächern. Die Mehrheit der Kommentatoren jedoch entnahm dem Stil der Mischna, dass Rabbi Nehorai keinen gegenteiligen Standpunkt zu Rabbi Meir beziehen wollte, sondern nur eine ergänzende Anmerkung machen bzw. einen persönlichen Sonderfall darlegen wollte. Der MaHaRSchA (Rabbiner Schmu'el Eli'eser Edels, berühmt für seinen in Halacha und Agada aufgeteilten Talmudkommentar, vor ca. 400 Jahren) zum Beispiel erklärte, dass Rabbi Nehorai nicht der allgemeingültigen Lehrmeinung von Rabbi Meir von den Vorzügen des Berufsstudiums widerspricht, sondern sie nur eingrenzt: "Rabbi Nehorai widersprach sicher nicht, und jeder Mensch muss einen Beruf erlernen, er meinte es vielmehr wie folgt: 'Ich lasse lieber jede feste Berufsbeschäftigung und lehre meinen Sohn hauptsächlich Tora, und einen Beruf zwischendurch'. D.h., Rabbi Nehorai wollte den Eltern die Prioritäten aufzeigen. Wer seinen Sohn zu dauernder Beschäftigung mit der Tora und gelegentlicher Erwerbstätigkeit erziehen will, muss während der Schulzeit den Torastudien einen festen Platz einräumen und den berufsvorbereitenden Fächern untergeordnete Bedeutung zukommen lassen.

Diese Anweisung ist außerordentlich wichtig. Die Bewahrung der "Permanenz" im Zusammenhang mit religiösen Studien gegenüber der "Zeitweiligkeit" der weltlichen Fächer ist ein immer wiederkehrendes pädagogisches Prinzip, das sich wie ein roter Faden durch die Schriften so gut wie aller großer Toragelehrten zieht. Nicht nur, dass sie sich säkularen Studien nicht widersetzen, sondern sie verpflichten sogar dazu, allerdings unter der Bedingung der Bewahrung ihres temporären Charakters gegenüber den Torastudien.

Auch der "Pnej Jehoschua" (Rabbiner Jakov Jehoschua Falk, nach seinem berühmten Talmudkommentar P.J. genannt, vor etwa 300 Jahren) bestimmte, dass Rabbi Nehorai nicht die Notwendigkeit der Berufsausbildung abstreitet: "Sicher ist es für jeden normalen Menschen angebracht, Tora und Beruf zu lernen" (und verboten, sich darauf zu verlassen, dass andere ihn ernähren werden, denn wenn dies nicht eintreffe, "könnte er der Räuberei verfallen oder zu einer Schande der Tora werden"). "Vielmehr redete Rabbi Nehorai von sich selber und von seinem Sohn, in dem er ein außergewöhnlich schnelles Begreifen und eine besondere Begabung für das Torastudium erkannte, der auch das Erlernte in die Tat umsetzen könne und eines Tages ein großer Gelehrter und wahrhaft Gerechter sein werde... 'an seinen Handlungen erkennt man den Knaben' (Sprüche 20,11)". Es zeigt sich demnach, dass Rabbi Nehorai nur den Spezialfall seines Sohnes schilderte, der schon in frühestem Jugendalter durch hervorragende Ergebnisse in seinen jüdischen Studien und durch seine beispielhaften Charakterzüge auffiel, was große Erwartungen erweckte; darum wollte Rabbi Nehorai dessen Begabung auf dem Gebiete der Tora fördern und machte sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorgen. G~tt werde sich schon um seinen Sohn kümmern und ihn nicht im Stich lassen.

Daraus lernen wir, dass es in der Erziehung kein Patentrezept gibt, sondern eine Regel, und Ausnahmen von der Regel. Man muss sowohl die Eltern repektieren, die ihre Kinder auch wissenschaftliche Fächer in Vorbereitung für eine akademische Ausbildung lernen lassen, wie auch die Eltern, die ihre Kinder im Rahmen von religiösen Studien zulasten der weltlichen Fächer erziehen lassen, nachdem sie die entsprechende Neigung und Eignung des Nachwuchses für diese Art der Bildung festgestellt haben.

Für die Worte von Rabbi Nehorai gibt es allerdings noch andere Erklärungen, doch darüber mehr in der nächsten Folge.

6. Folge:

In der vorigen Folge erwähnten wir einige Kommentare zum Ausspruch von Rabbi Nehorai in der Mischna (Kiduschin 82a): "Ich lasse lieber alle Berufe der Welt und lehre meinen Sohn nichts als Tora". Die überwiegende Mehrheit der Kommentatoren sieht in der Lehrmeinung von Rabbi Nehorai keine Opposition gegen die Pflicht des Vaters, seinen Sohn einen Beruf zu lehren, sondern lediglich eine Eingrenzung. Nach dem MaHaRSchA will Rabbi Nehorai auf die Zentralität des Torastudiums hinweisen, damit man die Erziehung darauf konzentriere und die Berufsausbildung zur Nebensache mache. Nach dem "Pnej Jehoschua" bezog Rabbi Nehorai seine Worte nur auf sich selbst, d.h., er beschrieb seine persönliche Handlungsweise, weil er in seinem Sohn eine Begabung für das Torastudium erkannte und dessen zukünftige Größe klar voraussah. Darum verkündete Rabbi Nehorai vor allen Weisen, dass er die Erziehung seines Sohnes ausschließlich der Tora widme.

Auch der "Chatam Sofer" (Rabbi Moses Sofer/Schreiber, Gründer der Pressburger Jeschiwa, einer der scharfsinnigsten Talmudisten der neueren Zeit, vor ca. 200 Jahren) setzte sich mit den Worten Rabbi Nehorais auseinander und schränkte sie ein. Er ging davon aus, dass das Verhältnis zur Berufsausbildung vom Verhältnis zum Beruf abhängt. Einen Beruf kann man von zwei Seiten betrachten: 1. Arbeit und
Beruf als Quelle des Lebensunterhaltes; darum "gilt, wer seinen Sohn keinen Beruf lehrt, als hätte er ihn Räuberei gelehrt". In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied bezüglich Art und Ort des Gewerbes. Jede Arbeit ehrt ihren Meister. "Lieber häute ein Kadaver auf der Straße (ein wenig geachteter Beruf) als den Mitmenschen auf der Tasche zu liegen" (Pessachim 113a). 2. Die Arbeit in einem Beruf dient nicht nur dem Unterhalt des Menschen, sondern trägt auch zur "Zivilisierung der Welt", zum Aufbau und zur Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bei.

Wie halten wir es mit der "Zivilisierung der Welt"? Messen wir dem technischen Fortschritt besondere Bedeutung bei? Nach dem "Chatam Sofer" besteht in dieser Hinsicht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Lande Israel und der übrigen Welt. In Israel hat die Landwirtschaft den Rang eines göttlichen Gebotes (Mitzwa): "Die Bearbeitung des Bodens ist eine Mitzwa, weil so das Land Israel besiedelt wird". Doch nicht nur die Landwirtschaft gilt als Mitzwa, sondern auch alle anderen Tätigkeiten zum Aufbau und zur Weiterentwicklung des Landes, wie zum Beispiel Wirtschaft und Technologie. In seinen Responsen äußerte er sich in dieser Beziehung noch abwägend, "es ist möglich, dass sogar die anderen Gewerbe, die zur Zivilisierung der Welt beitragen, als Mitzwa gerechnet werden", doch in seinem Kommentar zur Tora entschied er eindeutig: "Nicht nur die Bodenbearbeitung, sondern das Erlernen eines jeden Gewerbes, weil es der Besiedlung des Landes Israels und seiner Würde dient, damit man nicht sage, es finde sich im ganzen Lande kein Schuster, kein Bauarbeiter usw., und man müsse diese aus fernen Landen herbeischaffen. Darum gilt das Erlernen eines jeden Gewerbes als Mitzwa". Jedoch zur Zeit der Galut, der Diaspora, als wir im Ausland saßen, auf fremder und entfremdeter Erde, hatten wir keinen besonderen Grund, unsere Schaffenskraft Anderen zur Verfügung zu stellen. Darum galt damals die Anweisung aller großer Toragelehrter, unsere Aktivitäten zur "Zivilisierung der Welt" auf ein Minimum zu beschränken. Natürlich war ein ehrbares Handwerk nicht verboten, doch hatte es immer auch etwas Negatives an sich ("vermehrte Beschäftigung mit der Zivilisierung der Welt verursacht dem Dienst an G~tt vermehrte Zerstörung").

Weiter führte der "Chatam Sofer" aus: "Was diesen Aspekt betrifft, stützen wir uns auf Rabbi Nehorai 'Ich lasse lieber alle Berufe der Welt und lehre meinen Sohn nichts als Tora', d.h. außerhalb Israels". Damit wollte er ausdrücken, dass wir uns im Ausland von schaffender Tätigkeit zurückhalten und kein Gewerbe erlernen, sondern uns aufs Torastudium konzentrieren. "Rabbi Nehorai bezieht sich auf unseren Zustand der Zerstreuung unter die Völker; diese verfügen über ausreichend Gewerbetreibende und sind nicht auf uns angewiesen, und wer sich damit beschäftigt, dann nur zu seinem Lebensunterhalt. Darum lasse ich lieber alle Berufe der Welt und lehre meinen Sohn nichts als Tora".

Wie wahr erwiesen sich doch die Worte des "Chatam Sofer". In der Zeit der Galut konnten die Toragelehrten keinen besonderen Wert in der Beteiligung von Juden an der wirtschaftlichen Entwicklung der jeweiligen Gastländer entdecken. Während der Galut bestand unsere einzige Aufgabe darin, zu überleben, und nicht mehr als das. (Auch die in wirtschaftliche Führungspositionen gelangten Juden waren ein Teil dieser "Überlebensaktion", indem sie ihren Einfluss zu diesem Zwecke geltend machten). Wir fühlten keine besondere Verbundenheit mit der übrigen Welt und kümmerten uns nicht um deren Entwicklung. Das wirkte sich natürlich auch auf unsere Einstellung zur Berufsausbildung aus.Im Lande Israel liegt der Fall jedoch ganz anders. Hier hat der materielle Fortschritt den Rang einer Mitzwa, er gilt als Wert an sich. Unser Ideal besteht nicht darin, in Israel nur zu überleben, sondern es aufzubauen und weiterzuentwickeln, es an die Spitze der industrialisierten Länder zu bringen, seineWirtschaft zu optimieren und die Landwirtschaft zu fördern. Darum handelt es sich beim Erlernen eines Berufes, der zur Entwicklung Israels beiträgt, um ein wünschenswertes Ideal.

7. Folge:

In den vorigen Folgen betrachteten wir den Wert von weltlichen Studien als Mittel zur Erlangung eines Berufes - "der Vater muss seinen Sohn einen Beruf lehren" (Kiduschin 29a). Dagegen hat niemand etwas einzuwenden, allerdings gibt es eine Einschränkung: nicht mehr als das für einen Beruf notwendige Minimum. Andere Wissenschaften, die für diesen Beruf nicht benötigt werden, sind also nicht mit inbegriffen. Der Talmud (Makkot 8b) bestätigt zum Beispiel, dass wie das Torastudium ein göttliches Gebot ist (Mitzwa), so auch das Erlernen der Tischlerei, wenn man damit seinen Lebensunterhalt verdienen will, aber nicht, wenn man schon einen anderen Beruf hat. Hat es demnach einen Wert, Wissenschaft und was sonst den Horizont erweitert, aber nicht für den Beruf gebraucht wird, zu lernen?

Viele der großen Toragelehrten hielten die Wissenschaften zum Verständnis der Tora für unbedingt notwendig, und zwar als Grundlage für zwei zentrale Gebiete des Judentums: Emuna und Halacha, Glauben und Gesetz.

Besondere Bekanntheit haben die Worte des Rabbi Elijahu "Gaon von Wilna" erreicht, die von seinem Schüler, Rabbi Baruch aus Sklov, in dessen Übersetzung des klassischen Buches der Geometrie von Euklid im Vorwort zitiert werden: "eine Wissenslücke auf dem Gebiet der Wissenschaft verursacht dem Menschen hundert Wissenslücken in der Erforschung der Tora, denn Tora und Wissenschaft gehören zusammen". Rabbi Baruch erzählte, dass er dieses Buch auf Weisung des Gaons übersetzte: "..und er befahl mir, was möglich von der Wissenschaft in unsere heilige Sprache zu übertragen, um das [von den Völkern] bereits Verschlungene aus ihren Mündern herauszuziehen, um es der Masse unseres Volkes Israel nutzbar zu machen und dessen Weisheit zu mehren".

Ein weiterer Schüler des Gaon von Wilna, Rabbi Israel aus Sklov, bezeugt im Vorwort seines Buches "Pe'at HaSchulchan" ebenfalls die innige Beziehung seines großen Lehrmeisters zu den Wissenschaften, weil sie zum Torastudium gebraucht werden: "So sagte er: 'Alle Wissenschaften werden für unsere heilige Tora gebraucht und sind in ihr inbegriffen'; er beherrschte sie vollkommen und erwähnte besonders die Algebra, Dreiecke, Geometrie und Musikkunde, und betonte audrücklich deren Wert". Der Gaon von Wilna schrieb selber wissenschaftliche Werke auf drei Gebieten: ein Buch der Geometrie, über die geografischen Grenzen des Landes Israel, und eine Grammatik. Die Beschäftigung mit und das Verfassen von Büchern auf diesen Gebieten entsprang nicht einer besonderen Vorliebe für wissenschaftliche Themen, sondern ihrer Notwendigkeit zum vollständigen Verständnis der Tora.

Diese Grundeinstellung war in der Periode der Rischonim (vor etwa 600-1000 Jahren) von den Toragelehrten allgemein akzeptiert, und auch später fand man wenigstens nichts Nachteiliges daran. Zum Beispiel der "Chatam Sofer", der bekannt war für seinen entschiedenen Kampf gegen die Bestrebungen der liberalen Juden, den Aufbau des Lehrplanes zugunsten eines größeren Gewichtes der weltlichen Studien zulasten der religiösen Studien zu verändern. Er schrieb in einem seiner Kommentare: "Alle Wissenschaften gleichen Dienstmägden... der Tora und öffnen ihre Türen und Tore. Und wer sich nicht in den Grundlagen der Chirurgie auskennt, wird keine richtigen Entscheidungen auf dem Gebiet der Trefe-Gesetze [bezügl. unkoscheren Fleisches] fällen können. Und die Wissenschaft der Maße und der Geometrie für Eruwim [Umgrenzung der Gebiete, in denen man sich am Schabbat bewegen darf] und die Größe der Sukka und der Aufteilung des Landes und ähnliches..".

In dieser Hinsicht tat sich besonders Rabbiner Jonatan Eybeschütz (Oberrabbiner der Dreigemeinde Altona-Hamburg-Wandsbek vor etwa 250 Jahren, berühmter Talmudist und Kabbalist) hervor. Er bewies, dass alle Wissenschaften zum Studium der Tora notwendig seien. Er zählte sie eine nach der anderen auf, wobei er die jeweilige Verbindung zur Tora aufzeigte: "Alle Wissenschaften sind wie Beigaben und zum Nutzen unserer Tora... die Geometrie, für die Ortsbestimmung des unbekannten Toten, die Flächen der levitischen Städte und Zufluchtsorte, und den Außenbereich von Städten... die Wissenschaft von Gewichten, die Mechanik, um mit gerechtem Maß zu messen... die Optik, um die Fälschungen und Listen der Götzenpriester aufzudecken,... zur Prüfung von Zeugenaussagen (Blickwinkel, Entfernungen), die Astronomie, eine besonders jüdische Wissenschaft wegen ihrer Bedeutung für die Bestimmung von Schaltjahren und -monaten, die Biologie (und mit ihr auch die Heilkunst), die für die Tora besonders nötig ist zur Unterscheidung verschiedener Blutarten der Monatsunreinheit, zur Entscheidung, ob eine Frau rein oder unrein ist, ...und erst recht, wenn man in einem Rechtsstreit entscheiden soll, ob die Verletzung, die Jemand seinem Nächsten zufügte, zum Tode hätte führen können oder nicht, und für welchen Kranken man den Schabbat entweihen muss... die Botanik zur Feststellung von Mischpflanzungen, welche Arten gekreuzt werden dürfen und welche nicht, die Kochkunst, in der Platon ein Meister war und aus der er Lehren für die gesunde Ernährung und Lebensführung zog, woraus später die Arzneimittellehre entstand, mit Auswirkungen auf das Verständnis des Opferdienstes, der Mehl-, Wein- und Wasseropfer und des Räucherwerkes... die Alchimie, die Metallurgie und die Zusammensetzung der Elemente, die Wissenschaft vom Verhalten von Metallen und Rohstoffen (zum Bau des Wüstenheiligtums und des Tempels), die Geheimnisse der Natur, die sich aus ihren weitverzweigten Wurzeln ergeben... die Bildkunst und die Analyse zum Erkennen der Geheimnisse von Hand und Gesichtsausdruck zum Verständnis der körperlichen Ausdrücke und Parallelen des Hoheliedes".

8. Folge:

In der vorigen Folge brachten wir eine von Rabbiner Jonatan Eybeschütz aufgestellte Liste aller für die Tora nötigen Wissenschaften. Diese Liste enthält die Mehrheit der allgemein gebräuchlichen Wissenschaften wie Astronomie, Geometrie, Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Optik, bildende Kunst, Musik u.a.m. Einen Hinweis auf den Wert der Wissenschaften und ihr Verhältnis zur Tora sah Rabbiner Eybeschütz in der symbolischen Bedeutung des Leuchters (Menora) im Tempelheiligtum. "Die Weisheit wird als "Lampe, Licht" bezeichnet... und die Lichter der Menora stehen für die weltlichen Weisheiten, und das Licht am westlichen Ende für unsere heilige Tora,... und von ihm aus zündete [der Priester] und endigte bei ihm". Alle Lichter neigen zum westlichen Licht, um zu lehren, "dass alle weltlichen Weisheiten der Tora
untergeordnet sind". Auch der "Neziw" [Abk. f. Rabbiner Naftali Zwi Jehuda Berlin] sah in den Lichtern der Tempelmenora ein Symbol für die Beziehung zwischen weltlichen Wissenschaften und der Tora: "Ohne die Wissenschaften kann man einige
Grundbegriffe der Tora nicht verstehen, wie z.B. das genaue Maß der Mischsaat... und alle Weisheiten dienen zum Nutzen und zur Erläuterung der Anweisungen der schriftlichen Tora... der Tempelleuchter muss aus einem Stück Metall gefertigt werden - das lehrt, dass alle Weisheiten der Tora entstammen".

Alle die zahlreichen Beispiele für die Notwendigkeit der Wissenschaften zum Verständnis der Tora konzentrieren sich auf den Bereich der Halacha, des Gesetzes. Natürlich kann ein Rabbiner ohne botanische und agronomische Grundkenntnisse wohl kaum eine Entscheidung in Sachen Mischsaaten und Siebentjahr (Schmitta) fällen. Einige der großen jüdichen Toragelehrten, allen voran Maimonides, fügten hinzu, dass die Wissenschaften nicht nur zum Verständnis der Halacha nötig seien, sondern auch zum Erlangen des Glaubens an G~tt. In seinem Brief an seinen Schüler Josef ben Jehuda, für den er sein Buch "Führer der Unschlüssigen" verfasste, schrieb Maimonides, dass er ihn die Bücher der Prophetie zu studieren würdig befunden habe, weil er sich auf dem Gebiet der Wissenschaften geschult habe, wie Astronomie und Logik.

Maimonides betonte mehrmals, dass die Naturwissenschaften und andere Fachgebiete als Vorstufe zum Erlangen theologischen Verständnisses dienten, da man zu G~tt nur über dessen Schöpfung, über diese materielle Welt gelange. Maimonides nannte unter diesen Vorstufen Mathematik, Geometrie, Logik, Naturwissenschaften und Theologie.

In diesem Zusammenhang fragte Maimonides nach der Quelle in der Tora, die uns gebietet, uns mit den der G~tteserkenntnis näherbringenden Wissenschaften zu befassen. Er kam zu dem Ergebnis, dass der Vers "Du sollst den Ewigen, deinen G~tt,
lieben, mit deinem ganzen Herzen.." (Dt. 6,5) darauf hindeutet; d.h., man soll versuchen, die Liebe zu G~tt unaufhörlich zu steigern und sich nicht auf das Minimum beschränken. Wie bewerkstelligt man das? Maimonides verweist den Leser an seine Worte in seinem Gesetzeswerk "Mischne Tora", (Gesetze von den Grundlagen der Tora, 2.Kap.): "Welches ist nun der Weg, ihn [G~tt] zu lieben und ihn zu fürchten? Wenn der Mensch seine Taten und seine Schöpfungen betrachtet, die großen und wunderbaren, und in ihnen seine unermessliche und unendliche Weisheit erkennt, so wird er ihn sofort lieben und preisen und ein großes Verlangen nach dem Wissen um seinen großen Namen verspüren". Die Betrachtung der Welt der Natur, über die Maimonides hier spricht, besteht nicht im Anblick einer zauberhaften Landschaft oder unberührter Flecken, die dem Menschen wegen ihrer Schönheit den Atem rauben, sondern um die Offenbarung "unermesslicher und unendlicher" göttlicher Weisheit.

Rabbiner Moscheh Chajim Luzzatto, Autor des "Weges der Frommen" ("Messilat Jescharim") widmete diesem Thema einen ganzen Artikel mit dem Titel "Der Weg der Weisheit" ("Derech Chochma"), der alle Aspekte zusammenfassend behandelt. Er teilte die Wissensgebiete in vier Gruppen ein: Die erste Gruppe, das Ziel aller Weisheit, befasst sich mit der Göttlichkeit, wie es heißt: "Kenne den G~tt deines Vaters und diene ihm" (Chronik I, 28,9), durch das Lernen der Schriften über das Heilige und die übrigen Werke der Toragelehrten. Zu diesem Zwecke muss man sich auch ein bestimmtes Grundwissen auf dem Gebiete der Logik aneignen. Für die zweite Gruppe, das Erlernen der Gebote und der Gesetze, braucht man auch einige Naturwissenschaften wie Geometrie und Astronomie. Die dritte Gruppe beinhaltet das Erlernen eines Berufes für den Lebensunterhalt. Die vierte Gruppe: alle anderen Wissensgebiete, deren Erlernen nicht den geringsten Nutzen bringt.

Es bleibt nun nur noch zu klären, wo weltliche Studien zum Zwecke der Allgemeinbildung und zur Horizonterweiterung einzuordnen sind. Weil diese Serie aber schon sehr lange läuft, werden wir uns dieser Frage erst an einem späteren Zeitpunkt zuwenden.

 

 

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