Frage und Antwort

Israelfreundliche Christen?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

RavAviner
Jerusalem 5760

Frage: Es gibt einige israelfreundliche christliche Organisationen, die Geld für die Siedlungen in Jehuda und Schomron (Judäa und Samaria, "Westufer") spenden. Auf den ersten Blick eine wunderbare Sache: sie haben demnach reumütige Umkehr getan und sind schon nicht mehr diejenigen Christen, die uns jahrhundertelang zugesetzt haben, uns vertrieben haben, die uns zur Taufe zwangen und uns auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Sie scheinen "gute" Christen zu sein, Gerechte der Völker, die beim Aufbau des Staates Israel mithelfen, Geld spenden, wertvolle Lobbyarbeit leisten und sich für den Zionismus und den jüdischen Staat begeistern. Vielleicht sind wir schon ans Ende der Tage gelangt, da uns die Nichtjuden helfen. Offensichtlich kehrten sie bußfertig um, und das muss man doch anerkennen - oder etwa nicht?

Antwort: Dem ist leider nicht so, denn es hat sich nicht das Geringste geändert. Vielmehr kann man leicht die verschiedenen Strömungen im heutigen Christentum durcheinander bringen, die jedoch jede für sich konsequent an ihrer jeweiligen Überzeugung und Methode festhält. Es gibt drei wesentliche Gruppierungen: Katholiken, liberale Protestanten und konservative Protestanten.

1. Die Katholiken, Anhänger des Papstes, behaupten, was in der Bibel über das Volk Israel geschrieben steht, sei nicht nach dem einfachen Wortsinn zu verstehen, sondern Gleichnis. Nach ihrer Ansicht sind gar nicht wir damit gemeint, deren Judentum von Generation zu Generation durch die Geburt von einer jüdischen Mutter weitergegeben wird, vielmehr handele es sich dabei um einen spirituellen Begriff. Zwar waren wir am Anfang die Kandidaten für den Titel "Volk Israel", doch weil wir sündigten, verbrecherisch handelten und nicht an jenen Jeschu (Jesus) aus Nazareth glaubten, verloren wir den Titel an die Konkurrenz. Beim "Volk Israel" handele es sich nicht um einen nationalen Begriff, sondern um einen spirituellen. Und so sind heute die Christen das Volk Israel, "Verus Israel", das "wahre Israel", und wir ein überflüssiger Ballast.

Daher die negative Einstellung der Katholiken zum jüdischen Volk, und allen voran der Papst. Es geht hier nicht um Ausnahmen; es gab auch Katholiken, die ihr Leben aufs Spiel setzten und sich für Juden aufopferten. Wir reden hier vom Regelfall, über die Hunderte Millionen; die die jüdische Religion mitsamt den Juden hassen. Sind wir doch ihre schärfste Konkurrenz. Solange wir uns auf dieser Welt aufhalten, ist ihr Status Zweifeln ausgesetzt. Darum setzten sie uns zu, verbrannten uns und widersetzten sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Gründung des Staates Israel, und auch heute arbeiten sie gegen uns, wenn auch nicht offen - denn sie sind schlauer geworden - aber doch im Verborgenen. Sind sie doch in ihren eigenen Augen das wahre Volk Israel, doch wir kehren nach Zion zurück; da muss wohl etwas in ihrer Planung schiefgegangen sein. Sie versuchten, die Gründung des Staates Israel zu verhindern, und selbst nach Gründung des Staates auf göttlichen Befehl bezogen sie immer eine pro-arabische Stellung.

Am Anfang wollte der Vatikan den Staat Israel überhaupt nicht anerkennen. Die derzeitige Aufnahme zwischenstaatlicher Beziehungen stellt denn auch eher eine taktische Maßnahme dar und deutet nicht auf eine tiefgreifende Änderung der Einstellung zu uns. Dass sie "Israel" sind und nicht wir ist kein nebensächlicher Punkt einer Weltanschauung, sondern eines der Hauptfundamente ihrer Theologie. Die Katholiken verfolgten immer eine antiisraelische Politik, woran sich bis heute nichts geändert hat.

2. Die Protestanten haben keinen Papst, sondern teilen sich in viele verschiedene Strömungen. Es gibt liberale, moderne Protestanten, die sagen, man müsse das Christentum den Zeiten anpassen, um bestehen zu bleiben. Sie ähneln darin dem Reformjudentum, indem sie der Ansicht sind, dass man nicht jedem Wort und jeder Angelegenheit der christlichen Lehre genauestens anhängen muss, es reiche vielmehr,
den allgemeinen Geist zu bewahren, d.h. sich auf Dinge der Ethik und der Gerechtigkeit zu konzentrieren. Leider folgen sie dem Staate Israel gegenüber einer negativen Politik - unter dem Banner von Recht und Moral - wobei die Araber immer im Recht sind und wir die Rechtsbeuger. Darum stehen sie unserem Staat feindselig gegenüber. Sie behaupten allerdings nicht, das neue Judentum zu sein oder das Volk Israel. All das ist ihrer Ansicht nach legitim, und jeder hat das Recht, den Weg seiner Wahl zu gehen. Bezüglich des Staates Israel neigen sie eher zur arabischen Seite, nehmen sie in Schutz und verurteilen uns, sozusagen im Namen der Gerechtigkeit. Nicht aus dieser Gruppe stammen die "Freunde Israels".

3. Die fundamentalistischen Protestanten/Evangelisten mit konservativer Grundhaltung, die die Bibel wörtlich auslegen. Sie sehen darin kein Gleichnis, und das dort erwähnte Volk Israel sind wir. Nicht irgendein rein geistiges Israel und kein vertauschtes Israel, sondern wirklich wir. Die Prophezeiungen der Propheten werden sich an uns bewahrheiten, und darum freuen sie sich, wenn sie uns nach Zion zurückkehren, das Land aufbauen und den Staat gründen sehen: also hatten die Propheten recht, und das Volk Israel kehrt in sein Land zurück. Sie unterstützten den Zionismus und die Gründung des Staates, von den frühesten Anfängen bis auf den heutigen Tag. Sie unterstützen sogar die Besiedlung von Jehuda und Schomron.

Und wenn sie sich selber fragen, wo dabei denn das Christentum bleibe, wo ihr Platz in diesem Arrangement sei?, so lautet die einfache Antwort: Die Rückkehr nach Zion ist nur die erste Stufe auf dem Wege zur Erlösung, danach kommt dann die Hauptsache - die Bekehrung des ganzen jüdischen Volkes - denn in ihren Augen ist nur das Christentum der wahre Glauben. Auch wir sagen, die Erlösung erfolgt in kleinen Schritten, wir sehen die Gründung des Staates als großes Wunder und beten für seinen Frieden, wir geben zu, dass noch nicht alles rosarot ist und es leider noch viele Mängel zu beheben gibt. Doch obwohl man sich noch in Geduld fassen muss, befinden wir uns schon jetzt im Prozess des Entstehens des messianischen Königtums. Für jene Protestanten besteht das Ideal jedoch in der Bekehrung aller Juden, nur in der Zwischenzeit sei die Rückkehr der Juden nach Zion schon ein gutes Ergebnis, worüber es sich zu freuen und uns zu helfen gilt - doch ihr Endziel besteht in der Bekehrung des ganzen Volkes Israel.

Darum unterhalten sie Missionswerke. Sie unterstützen den Staat Israel, Jehuda und Schomron, aber auch die Mission, und sehen dabei nicht den geringsten Widerspruch, weder ideologisch noch praktisch. Weder ideologisch - denn der Zionismus ist für sie nur eine Stufe auf dem Weg hin zum End- und Hauptziel, der allgemeinen Bekehrung, und darum arbeiten sie gleichzeitig auf beiden Ebenen. Auch nicht praktisch - denn sie gehen schlau vor, durch langsames Eindringen in die Herzen unter vertrauensbildenden Schritten. Geldspenden lassen die Schranken fallen und öffnen den Weg zum Dialog. Sie laden uns zu sich ein und laden sich zu uns ein - sie sind doch Freunde. Und so verschwindet langsam aber sicher die natürliche Abneigung vor götzendienerischem Christentum und seiner blutrünstigen Vergangenheit, dem Millionen Juden zum Opfer fielen. So entstehen Verbindungen.. Der Führer einer der israelfreundlichen Organisationen sagte: "Der christliche Zionismus half bei der Schaffung einer für die missionarische Tätigkeit und Bekehrung von Juden zuträglichen Atmosphäre". Natürlich fallen sie nicht gleich mit der Türe ins Haus: Konvertiere für Hilfe und Geld! Vielmehr operieren sie durch eine langfristig angelegte Infiltration. Wenn sie daher kommen, einem Juden das Christentum ans Herz zu legen, stellen sie sich erst einmal als Israelfreunde vor, lassen sich mit bekannten Politikern fotografieren und erzeugen so Vertrauen.

Sie geben das Geld gar nicht einmal als Trick, um zu missionieren. Nicht unbedingt. Sie sind wirklich für den Zionismus, den "christlichen Zionismus", sie lieben wirklich Jehuda und Schomron. Daneben lieben sie natürlich auch ihre Religion und möchten uns dazu bekehren. Sie haben zwei große Lieben, die einander nicht ausschließen, und die Hauptliebschaft ist eben das Bestreben, das jüdische Volk zum Christentum zu bekehren.

Darum unterstützen diese fundamentalistischen Protestanten sowohl die jüdische Besiedlung des Landes Israel als auch die Mission. Natürlich sehen sie sich sehr vor, diese beiden Bestrebungen nicht miteinander zu vermischen, und betrauen auch nicht die gleichen Leute mit diesen unterschiedlichen Aufgaben, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Manchmal kann man sie dennoch beisammen antreffen, z.B. bei der Freundschaftsdemonstration der "christlichen Freunde Israels" und den "messianischen Juden", bei denen es sich durchweg um Missionare handelt. Einmal wurde ein Gesetz der Knesset vorgelegt, das jegliche Überredung zum Religionswechsel illegal machen sollte. In der Zwischenzeit jedoch dürfen zu unserer Schande die Missionare von Haus zu Haus ziehen, um die Juden zum Christentum zu bekehren, und das tun sie denn auch mit großem Einsatz. Als das Gesetz schließlich zur Debatte stand, wurde genau von jenen christlichen Freunden Israels enormer Druck ausgeübt, um dessen Verabschiedung zu verhindern.

Bildet sich denn wirklich jemand ernsthaft ein, dass diese überzeugten Christen in der jüdischen Besiedlung von Jehuda und Schomron das Ideal ihres Lebens sähen, mit dem sie sich begnügten? Weit gefehlt! Darum sollten wir von ihnen kein Geld annehmen. Das ist kein "reines" Geld. Dieses Geld stammt nicht von den Gerechten der Völker, die sich grundlegend gewandelt haben. Hier hat sich gar nichts gewandelt. - Die Katholiken hassten schon immer das Volk Israel, den Glauben Israels und den Staat Israel, und so tun sie es auch heute. Die liberalen Protestanten messen den tiefgreifenden Fragen von Religion und Nation keine besondere Bedeutung zu, sondern reden von Moral und Gerechtigkeit, die wir angeblich mit Füßen treten. Nur die dritte Gruppe, die Fundamentalisten, halfen immer. Seit hundert Jahren unterstützen sie die Rückkehr nach Zion. Doch nicht ohne Hintergedanken! Daneben unterstützen sie die Mission, und auch ihre finanzielle und politische Hilfe kommt am Ende dem Missionswerk zugute. Man darf kein Geld annehmen, das das Christentum und dessen Missionstätigkeit stärkt.

Im Talmud wird eine Geschichte von einer Geldspende der Mutter des Königs an die jüdische Gemeinde erzählt, und die Rabbiner verboten damals die Annahme des Geldes: "Sind ihre Reiser dürr, werden sie abgebrochen" (Baba Batra 10b / Jeschajahu 27,11); das Anfeuchten aber verlängert ihr Leben. Wenn du von ihnen Geld annimmst, verlängerst du ihr Bestehen, gibst ihnen einen Haltepunkt und die Möglichkeit zum Weitermachen; am Ende stärkst du sie noch.

Wir lieben Geld, das wir guten Zwecken zuführen können, und wir befürworten politische Unterstützung im Namen großer Ideale - doch hier muss man sich der bitteren Konsequenz der Angelegenheit bewusst sein. Viele teure Mitmenschen sind sich dessen nicht bewusst, weil diese Christen Freunde des Landes Israels sind, mit verdeckten Karten spielen und nicht offen über ihre Absichten einer generellen Bekehrung des jüdischen Volkes zum Christentum reden. Einer ihrer Führer, von einem Zeitungsreporter mit der Frage, ob er ein Missionar sei, in die Enge getrieben, gab zu Gehör: "Ich bin doch kein Missionar, nein, ich bin kein Missionar, ich möchte nur, dass alle Juden an Jesus glauben". Eine clevere Formulierung! Sie reden mit uns in der Sprache, die wir gerne hören möchten, sie bekräftigen die Ehre des Landes Israels.

Machen wir uns nichts vor! Sie sind nicht unsere Freunde. Sie wollen unsere Seelen kaufen. Wir werden sie nicht lassen.


 


 

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