Rabbiner Schlomo Aviner

DIE TORA UND DER MENSCH

erschienen in der Monatsschrift "Iture Kohanim"
der Jeschiwa Ateret Kohanim, Jerusalem
Nr. 73 Nissan 5751
Übersetzung: Rafael Plaut, Jerusalem
Rabbiner Aviner ist der Leiter der Jeschiwa und Oberrabbiner von Bet El.

 

Worterklärungen am Ende des Artikels

Frage:

Ich bin ein charedischer "Bocher" aus Bne-Brak und lese regelmäßig die "Gespräche Rav Zwi Jehuda Kuk". Diese Artikel sind mir in jeder Hinsicht eine starke Stütze - sei es bezüglich der Liebe zu Tora und Israel, sei es im Hinblick auf die Emuna, sei es hinsichtlich des Landes Israel und seiner spezifischen Gebote. Dieses Jahr sagte ich am Unabhängigkeitstag zum ersten Mal das Hallelgebet in Anerkennung des Staates Israels als Beginn unserer Erlösung, und im Bewusstsein unserer Pflicht, G~tt für das große Wunder zu danken, das er an uns und an ganz Israel vollbrachte.

Ich würde dem verehrten Rav gern eine Frage stellen, die mir schon seit langer Zeit keine Ruhe lässt, und obwohl ich weiß, dass der Rav mehr als genug zu tun hat und ich ihn mit meiner Fragerei nur störe - fand ich nichtsdestoweniger niemand anderen, an den ich meine Frage richten könnte. Daher erlaube ich mir, den verehrten Rav etwas zu stören und bitte im voraus um Verzeihung.

Meine Frage gehört zum Thema "Tora und Mitzwot [Gebote]".

Die Wege des Lebens verlaufen in zwei Bahnen: 1. der Mensch, 2. die Religion.
Zu 1.: der Mensch gestaltet sein Leben entsprechend seines Wissens, seines Willens und seiner Triebe, ohne irgendeinem Menschen oder irgendwelchen Regeln unterworfen zu sein.
Zu 2. (der Religion): die Tora bestimmt die gesamte Lebensführung des Menschen, vom Aufstehen am Morgen bis zum Schlafengehen am Abend, ja sogar, wann er schlafen zu gehen hat. Und hier fragt sich der Mensch: warum habe ich mich denn wirklich der Tora zu unterwerfen? Wie kommt es, dass die Tora mir meine gesamte Lebensführung bestimmt und nicht ich mir selber? Weshalb muss ich anders sein als meine weltlichen Brüder, die den Wegen ihres Herzens und Willens folgen und nicht denen der Tora?

Und überhaupt: Selbst wenn wir unterstellen, dass der Mensch verpflichtet sei, sich G~tt, seinen Gesetzen und Mitzwot zu unterwerfen - wollen wir doch einmal prüfen, ob dies wirklich G~ttes Wille ist. Der einzige göttliche Auftrag zu allen Gesetzen (Halachot), die wir heute haben, sind die Zehn Gebote. Und hier stellt sich die Frage, warum G~tt uns bei Verkündung der Zehn Gebote nicht auch alle anderen Gebote (oder wenigstens deren Hauptpunkte) mitgeteilt hat, wenn es wirklich sein Wille war, dass der Mensch sich auf der Welt nach dem Schulchan Aruch und allen Halachot, die wir heute haben, richten soll. Im Gegenteil - das Hauptanliegen der Toragebung und der Zehn Gebote, der Mitzwot und Halachot, wie wir sie heute haben, der Herausführung des jüdischen Volkes aus Ägypten und dessen Überführung in sein eigenes Land war nämlich, dem Volk Ordnung einzupflanzen, um aus ihm ein kulturelles und erleuchtetes Volk zu machen. Zu diesem Zweck gab G~tt die Zehn Gebote, deren Anfang nur aus zwei Dingen bestand:
1. aus dem jüdischen Volk ein erleuchtetes Kulturvolk zu machen,
2. Ordnung im Volk zu schaffen.
Und dies ist ja aus den Zehn Geboten klar ersichtlich - alles verstandesmäßige und logische Gesetze: erstes Gebot, keinen anderen Göttern zu dienen; bekanntlich betete man seinerzeit Gebilde aus Holz und Stein an; um sein Volk also zu einem erleuchteten Kulturvolk zu machen, gebot Er ihnen, sich nicht mehr vor irgendwelchen Göttern niederzuwerfen. Zweites Gebot: In G~ttes Namen keinen falschen Eid zu schwören. Auch dies ist leicht verständlich - um G~ttes Namen nicht zu verunglimpfen. Auch der Sinn des dritten Gebotes ist klar. In jeder ordentlichen und gesunden Gesellschaft muß ein Ruhetag gehalten werden, und darum befahl G~tt die Einhaltung des Schabbattages. Und überhaupt: nicht wie die Gesetze (Halachot), die es heute für den Schabbat gibt, sondern wie es sein Herz begehrt ruhe jeder Mensch. Wenn der eine seine Ruhe am besten in seinem Hause genießt, so ruhe er in seinem Hause, und wenn sich der andere am besten bei einer Autotour ans Meer entspannt, so fahre er ans Meer und ruhe dort. Hauptsache, der Mensch arbeite nicht am Schabbat, sondern ruhe auf jedwede ihm genehme Weise. Wenn G~tt den Schabbat so im Sinn hatte, wie ihn die Halacha bestimmt - warum hat er denn nicht wenigstens die wichtigsten Schabbatgesetze spezifisch genannt? Entsprechendes gilt für die übrigen der Zehn Gebote: ehre Vater und Mutter, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis ablegen, nicht begehren etc. - allesamt, um Ordnung im Volk herrschen zu lassen.

Wenn wir also heute wissen wollen, wer uns die mächtige Tora Israels in ihrer heutigen Fassung gegeben hat, stellen wir fest, dass man der Tora Israels während der letzten 2000 Jahre in jeder Generation immer neue Mitzwot zufügte, bis sich heute nach tausenden Jahren über jedem einzelnen tausende Mitzwot türmen, in jeder Generation mehr, und sie somit zu einer Sammlung von Mitzwot wurde.

Die Übergabe der Tora Israels hat sich demnach in mehreren Schritten vollzogen: 1. Übergabe der Zehn Gebote durch G~tt; 2. 613 Mitzwot, die Moses ihnen hinzufügte; 3. Danach kamen die Weisen - Tannaim und Amoraim - und fügten noch tausende weitere Mitzwot hinzu. Und danach die Rischonim und dann die Acharonim, und alle fügten den Mitzwot ihrer Vorgänger noch weitere Mitzwot hinzu, und so immer weiter: jeder Rabbiner fügt den Mitzwot seines Vorgängers weitere hinzu. Wie kann es angehen, dass ein kleines göttliches Gebot wie das, einen wöchentlichen Ruhetag zu halten - und nicht mehr als dies - zu einem ganzen Buch im Schulchan Aruch (3. Band der "Mischna Brura") anschwoll, ohne dass die Tora auch nur irgendeines von allen unseren heutigen Schabbatgesetzen erwähnt hätte?!

Ein einfaches Beispiel hierzu der Kodex "Mischne Tora" des Maimonides: In seiner Einleitung zum Buch der Mitzwot, und auch in einigen seiner Sendschreiben, erläuterte Maimonides seinen Beweggrund zum Verfassen der "Mischne Tora": weil seiner Generation ein Buch fehlte, aus dem man klarverständliche Halacha lernen und nach dem sich jeder richten konnte. Und wenn wir nun den "Schulchan Aruch" damit vergleichen, der etwa 400 Jahre später verfasst wurde, so stellen wir fest, dass dessen Umfang ein Vielfaches von Maimonides' Werk beträgt.

Wie konnten sich innerhalb von 400 Jahren so viele Mitzwot ansammeln? Wenn Maimonides sie schon kannte - weshalb erwähnte er sie nicht in seinem Buch? Offensichtlich hielt Maimonides nicht den ganzen "Schulchan Aruch" ein! Und selbst wenn wir uns den "Schulchan Aruch" vornehmen, der vor 400 Jahren verfasst wurde, stellen wir fest, dass sich im Laufe dieser 400 Jahre zusätzlich tausende Mitzwot anhäuften, die der "Schulchan Aruch" überhaupt nicht aufzählt. Wir sehen also, dass unsere heutigen, unzähligen Mitzwot jeglicher Basis entbehren - weder G~ttes Willen, noch Moschehs Tora, noch nicht einmal vom Talmud her. Wollte ich also meine Frage zusammenfassen, könnte ich sie auf die zwei folgenden Punkte konzentrieren:
1. Warum hat sich der Mensch dem göttlichen Willen zu beugen und nicht seinem eigenen?
2. Wer sagt, dass die Tora Israels, die wir heute haben, "Schulchan Aruch" usw., wirklich G~ttes Willen darstellt?
Diese Frage läßt mir schon lange keine Ruhe, und so sehr ich auch nach einer Antwort suchte, fand ich doch keine; daher erlaube ich mir, Sie zu belästigen in Hoffnung auf eine Antwort, die meinen Weg stärken möge, die Mitzwot im Sinne der Tora einzuhalten.

Antwort:

Eine große Frage hast Du da gestellt, die Frage der Fragen. In der Tat, das innere Begehren nach Freiheit und Freiheitlichkeit, das in den Tiefen der menschlichen Existenz nistet, ist seinem Wesen nach ein ehrliches Begehren. Genau dieses Begehren schreiben unsere irrenden, der Tora fernen Brüder auf ihre Fahnen, und sie gehen soweit, sich mit dem neuen Prädikat "Freie" zu versehen; und in dieser ihrer großen Lüge liegt dennoch wie in jeder Lüge ein Funken Wahrheit: die Forderung, dass der Mensch frei und ohne äußere Bedrückung lebe, sei es seitens der Menschen, sei es, nach ihrer Auffassung, seitens des Himmels. Ihrer Ansicht nach baut der Mensch sein Leben in Güte und Geradheit schon entsprechend den Neigungen seiner Seele. Jawohl, die Freiheitlichkeit ist eine schöne Blume, jedoch gebe man acht, dass ihr schmutzbefleckte Hände nicht nahekommen; so einfach ist es nämlich für den Menschen gar nicht, zu wissen, was er denn genau will. Und wann immer der Mensch dem Pfade der Neigungen seines Herzens und seines Willens folgte, gelangte er immer auch zu den furchtbarsten und monströsesten Untaten - wie dies auch das Wesen des Götzendienstes ist, der 2000 Jahre die Welt beherrschte, bis zum Beginn der Erleuchtung durch unseren Vorvater Awraham, eine Periode, die unsere Weisen "2000 Jahre Tohu" nannten, als der Mensch der Wahrheit, seinem Selbst nachstrebte, und durch seinen Dilettantismus total verwirrt und innerlich zerrissen daraus hervorging.

Und auch in unseren Tagen sehen wir, dass diejenigen Denker, die Ordnung und Freiheit, Menschenwürde und kulturelles Leben (was im allgemeinen unter dem Oberbegriff Humanismus zusammengefaßt wird) zu ihrem Ideal machten, den Menschen nicht daran hinderten, furchtbare Verbrechen zu begehen; mit eigenen Augen erlebten wir zwei Weltkriege, denen mehr als hundert Millionen Menschenleben zum Opfer fielen, und das unter dem Banner der Zehn Gebote (entsprechend der kulturell-humanistischen Auslegung, wie sie in Deinem Brief zum Ausdruck kommt), nämlich in ihrer Bedeutung als gesellschaftliche Ordnung und erleuchtete Kultur.

Woran liegt das? Jeder Gedankengang, jede spirituelle Theorie und jede Gesellschaftsordnung, die nicht aus dem tiefen Glauben an G~tt, aus der innigen Verbindung mit ihm und aus dem Rufen Seines einzig- einen Namens schöpfen, bleiben oberflächlich und schwach und haben am Ende keinen Bestand. Solange das Leben in seinen ausgetretenen Bahnen verläuft, kann diese oberflächliche und doch so verehrte Ethik standhalten, sobald aber widrige, wütende Sturmwinde wehen und die schlechten Triebe des menschlichen Lebens versuchen, jede gute Stelle umzupflügen, dann fallen diese wunderschönen Ideen wie ein Kartenhaus in sich zusammen, als hätten sie nie existiert. Die Menschheit kann keinesfalls nur mit kleinlicher Kulturhaftigkeit standhalten, ohne den brennenden Durst nach Göttlichkeit zu befriedigen, der auch in den menschlichen Handlungen, in denen die göttliche Erleuchtung verborgen liegt, zum Ausdruck kommen muß.

Daher erwies G~tt seiner Welt eine große Gnade und offenbarte seinem Volk am Berge Sinai in Feuer und Rauchsäule,  wer  wir sind und  was  unser Leben sei und wo Licht und Glück sich ansiedeln werden. Er gab uns die Tora, nicht um uns wesensfremde Inhalte aufzuzwingen, sondern um uns unseren eigenen inneren verborgenen Willen aufzuzeigen. So erfüllten schon die Vorväter bereits die ganze Tora, noch bevor sie am Sinai gegeben wurde, denn ihr moralisches Gespür war so fein und ihre Seele innerlich so erleuchtet, dass in ihrem Inneren die gesamte Tora erklang, wie ein wundersamer, lieblicher Gesang. Denn diese Tora, die Moscheh den Kindern Israel brachte, ist keine fremde, trügerische Quelle, die daherkommt, den Menschen seiner selbst zu berauben und ihm einen Stempel der Entfremdung und des Schmerzes aufzudrücken, sondern sie ist die Tora des Menschen, die auf den Menschen paßt, den aus Rohmaterial geformten und mit Trieben umhüllten Menschen. Die Tora wurde nicht den Dienstengeln, Wesen abstrakter Spiritualität, gegeben, sondern spricht die Sprache des Menschen mit seinen Nöten und Problemen, mit seinen kleinen und großen Anliegen, mit Körper und Seele, mit Idealen und Trieben, mit Licht und Dunkel, die alle in seinem Innersten miteinander streiten, und diese Tora wurde dem Menschen vom Herren des großen Erbarmens gegeben, nicht um ihn zu brechen und zur Verzweiflung zu treiben, sondern um seine Eigenschaften geradezubiegen, seine Welt zu einen und ihn zu Licht und Rechtschaffenheit zu bringen. Je länger der Mensch im Hause G~ttes verweilt, desto glücklicher wird er - "Glücklich jene, die in Deinem Hause weilen" (Psalm 84,5).

Tun wir doch nicht so, als sähen wir nicht, wie das Streben nach gesellschaftlicher Ordnung und erleuchteter Kultur dem Menschen nicht genügt und nicht einmal den kleinsten Teil seiner inneren Leidenschaften befriedigt. Tun wir doch nicht so, als sähen wir nicht, wie im Inneren des Menschen die Stimme G~ttes ruft und dieser sein brennender Durst ihm keine Ruhe läßt. Tun wir doch nicht so, als sähen wir nicht den Kampf auf Leben und Tod zwischen diesem höchsten, furchtbaren Durst nach Heiligkeit und den nichtswürdigen, groben, wilden, tierischen und egoistischen Neigungen. Als ob der alles einigende Frieden tatsächlich auf Grund irgendeiner blassen Vision von gesellschaftlicher Ordnung und erleuchteter Kultur erreichbar sei! Nein. Dazu brauchen wir ein wesentlich radikaleres Heilmittel, einen viel grundlegender heilenden Trank, die Tora, das Mittel gegen die Triebhaftigkeit, das diese nicht nur zerbrechen und wie Tonscherben zu Staub zermahlen, sondern auch jeden menschlichen, aus vollem Herzen verfolgten Trieb in reine, klare und erhabene Leidenschaft umwandeln kann, "und der böse Engel spricht Amen" (aus dem Talmudtraktat Schabbat S.119a).

Wären wir alle auf dem Niveau unseres Vorvaters Awraham, würden wir natürlich alle aufgrund unseres inneren seelischen Dranges zur ganzen Tora und allen Mitzwot gelangen - und so wird es in Zukunft wirklich sein. Der talmudische Anspruch bezüglich der zukünftigen Annullierung der Mitzwot bezieht sich nicht auf deren heilige Inhalte, die in alle Ewigkeiten Bestand haben werden, sondern auf ihre Eigenschaft als Veranlasser; zum göttlichen Befehl wird sich dann die innerliche Neigung der Seele gesellen. Nun sind aber nicht auf dem Niveau von Awraham Awinu, auch wurde die Tora nicht nur den Jeschiwa-Schülern gegeben (und auch die Jeschiwa-Schüler sind noch meilenweit von der spirituellen Höhe unseres Vorvaters Awraham entfernt...), sondern ganz Israel, das sich sowohl aus Gerechten, Durchschnittsbürgern und geringeren als diese zusammensetzt, in deren Seelen die unterschiedlichsten Neigungen umherschwirren. Die Tora wurde dem ganzen Volk Israel gegeben, das wir in seiner Gesamtheit aus tiefster Seele lieben. Daher musste die Tora als Joch erscheinen, als Joch der himmlischen Königsherrschaft und deren Joch der Mitzwot. Wir glauben nicht blindlings an die Freiheitlichkeit, denn sie kann sich in ein Hindernis verwandeln, sondern wir sind Gläubige des Jochs, eines geliebten Jochs, für das wir uns sogar aufopfern.

Sicher verursacht dieses Joch der Mitzwot in allen seinen Verzweigungen manchen Leuten einen furchtbaren Alpdruck. Sie fühlen sich bedrängt und deprimiert bis hin zu furchtbarem Hass ihm gegenüber, und suchen sich Wege frei von Werten, um ihm zu entweichen. Darin bestand schon das Übel der Ketzerei, des Christentums, das die Gesetze verabscheute, statt in ihnen Gesetze des Lebens zu sehen, und sie in krummer Empfindsamkeit als Gesetze des Todes auffasste. In die gleiche üble Falle geriet jene Judenheit, die sich ihrer Freiheitlichkeit rühmt. Doch die Wut auf die Mitzwot der Tora hat nur einen einzigen Grund: einen Mangel an innerer Erleuchtung durch die Lehre. Solange sich das Tora-Studium auf die praktischen halachischen Aspekte konzentriert und die innerste Essenz der Emuna, des spirituellen Gedankengutes, der Frömmigkeit und der Sittlichkeit vernachlässigt, stellen sich alle Gebote der Tora als etwas Bedrohliches und Erdrückendes dar. Räumt man aber der spirituellen Seite der Tora einen angemessenen, festen Platz im Stundenplan ein, erfüllt langsam, langsam das Licht der Tora die Seele; das ganze Gebäude der Mitzwot mit allen seinen Einzelheiten stellt sich in seiner ganzen Größe voll milden Lichtes dar, die Seele füllt sich mit gewaltiger Liebe zu allen Geboten und sehnt sich noch danach sie zu mehren und ihnen hinzuzufügen.

Zur Veranschaulichung wollen wir uns einen Menschen vorstellen, der eine einzelne Note hört, und noch eine, und immer mehr, bis sein Ohr zum Schluss unter dem Druck der Töne unerträglichen Schmerz leidet und er nervös und wütend wird. Erfasst er aber den inneren Zusammenhang all dieser Töne, offenbart sich ihm eine wunderbare Sinfonie, von der sich seine Seele nicht mehr trennen mag. Genauso in unserem Fall: Aus dem Studium des inneren Wesens der Tora, der Gleichnisse und Erzählungen unserer talmudischen Weisen, aus der Erforschung der Welt des Heiligen durch unsere großen Rabbiner von vor etwa 1000 Jahren, den "Rischonim", in Sachen Glauben und Weltanschauung, und aus der reichen Auswahl von Rabbinern der neueren Zeit, durchdringen langsam feine Lichtstrahlen alle Mitzwot und erwecken ihre innere Kraft - dann füllt den Menschen eine starke Liebe zu den Geboten, und er verkündet: "Wie lieb' ich deine Lehre" (Psalm 119,97), und vor jeder Ausführung einer Mitzwa spricht er aus vollem Herzen den Segen: "Gelobt seist Du, Ewiger..." - in ihr dem über alles erhabenen und vor aller Augen verborgenen göttlichen Licht begegnend. Schon die Deuter der Schriften entdeckten einen versteckten Hinweis im Worte "Mitzwa" selbst, dessen Endung (Waw-Heh) die des göttlichen Namens ist, und dessen Anfang durch Anwendung der ATBaSCH (Alef<->Taw, Bet<->Schin) Umkehrmethode den Anfangsbuchstaben des göttlichen Namens entspricht. Daraus entnehmen wir, dass sich der Name G~ttes in jeder Mitzwa verbirgt.

Jede Mitzwa und jeder Abschnitt in Maimonides' "Mischne Tora", im "Schulchan Aruch" und in der "Mischna Brura" klingen allesamt als Noten einer einzigen Sinfonie, in der wir jeden Ton schätzen und wichtig nehmen, jeder Buchstabe aus G~ttes Wort ein Lichtstrahl, ein Gebot. Die ganze Tora liegt verschlüsselt schon im Ersten Gebot verborgen, und dieses Gebot hörte das gesamte Volk Israel: "Ich bin der Ewige Dein G'tt". Dieses Gebot umfasst in seinem unendlichen Glanz alle Strömungen und alle Lichter, alle Neuerungen und alle Spitzfindigkeiten, die strengsten Gebote wie die besonderen askethischen Verhaltensweisen vereinzelter Frommer - alles, was es je gab und je geben wird, vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende, vor ihrer Schaffung und nachdem sie aufhören wird, zu existieren, über der Welt und in der Welt. Die Zehn Gebote enthalten weitere Einzelheiten des Ersten Gebotes, so wie die Zehn Aussprüche, durch die die Welt geschaffen wurde (siehe Mischna "Sprüche der Väter", 5.Kap.) eine weitere Ausführung des Ersten Ausspruchs darstellen, Bereschit, "Im Anfang schuf G~tt den Himmel und die Erde" bereits mit dem Potential für alles Weitere.

"Ich bin der Ewige Dein G~tt" beinhaltet alle Beziehungen zwischen dem Menschen und G~tt sowie zwischen dem Menschen und seinem Nächsten, wie sie in den übrigen der Zehn Gebote angesprochen werden; entsprechend beinhalten die Zehn Gebote alle 613 Mitzwot, wie im Raschi-Kommentar zur Tora im Namen der Geonim erwähnt. Die "Rischonim" (größte Tora-Gelehrte vor etwa 1000 Jahren) verfassten "As-harot" genannte Dichtungen zum Wochenfest, die uns verschiedene Aufteilungen der 613 Mitzwot in Kategorien entsprechend der Zehn Gebote überliefern. Ist doch die gesamte mündlich überlieferte Tora nichts anderes als das "in unsere Mitte gepflanzte ewige Leben"(*), das dem Fundament der schriftlichen Tora entsprießt - so wie der ganze Baum bereits in der Erbinformation der Chromosomen im Samenkorn enthalten ist. Vom Ersten Gebot bis hin zur letzten spezifischen Auslegung eines zeitgenössischen Rabbiners ist alles in dem einen Licht enthalten. So verhält es sich auch mit der "Mischne Tora" und dem "Schulchan Aruch", nur dass der Schulchan Aruch einen größeren Umfang und größere Ausführlichkeit aufweist, was mit der Menge der bis dahin angefallenen unterschiedlichen Auslegungen und den neu auftauchenden Fragen entsprechend den sich ändernden Lebensumständen zusammenhängt.

Wenn sich dann noch die Quelle der Agada, der talmudischen Gleichnisse öffnet und sich die Seele mit den innersten Gedanken unserer heiligen Tora anfüllt, dann durchströmt das Wort G~ttes alle Details der Mitzwot als mächtiger Strom der Essenz des Lebens, und dann lassen sie sich gar nicht mehr als trockene Spitzfindigkeiten darstellen, die dem Menschen das Glück seines Lebens rauben, sondern verflechten sich zu einer wunderbaren Sinfonie, der jede Nuance Anmut und Schönheit hinzufügt; Ärger und Strenge verschwinden, stattdessen erscheinen Freude und Vergnügen, der israelitische Mensch findet sein Selbst in der Tora, er entdeckt in den Mitzwot der Tora die wahre, höhere Freiheit, sie passen zu seiner seelischen Natur und klingen als millionenfache Harmonie auf den feinen Saiten seiner Seele. Er entdeckt voller Freude, dass alle Gebote der Tora schon seit urdenklichen Zeiten in den Buchstaben seiner Seele geschrieben sind, die sein Innerstes erleuchten. Er entdeckt, dass die Ausführung des göttlichen Willens kein drückendes Joch darstellt, sondern die erhabenste Form der Freiheit. Und frei ist nur, wer sich mit der Tora beschäftigt.

                                           *  *  *

Erläuterungen:

Rav = Rabbiner, Rabbi, Lehrer
Bocher = Jeschiwa-Student
Rav Zvi Jehuda Kuk = Leiter der "Zentralen Welt-Jeschiwa", Jerusalem bis zu seinem Tode im Jahre 5742
Emuna = die innerste Beziehung zu G~tt; mit "Glauben" nur sehr unzulänglich übersetzt
Tannaim = mehrere Generationen von jüdischen Gelehrten vor ca. 2000 Jahren, deren Lehren in der Mischna zusammengefasst wurden
Amoraim = Nachfolger der Tannaim, deren Erläuterungen der Mischna im Talmud zusammengefasst wurden
Geonim = größte Rabbiner vor ca.1300 Jahren
Rischonim = deren Nachfolger, Gesetzeskodifizierer, vor ca.1000 - 600 Jahren
Acharonim = deren Nachfolger, Gesetzeserklärer, seit ca.500 Jahren
Mischne Tora = Kodex aller Gesetze der Tora, verfasst von Rav Mosche ben Maimon (RaMbaM, "Maimonides") vor ca. 800 Jahren
Schulchan Aruch = Kodex der in der Diaspora einzuhaltenden Gesetze, verfasst vor ca.450 Jahren von Rav Josef Karo
Mischna Brura = Zusammenfassung der wichtigsten Erläuterungen zu einem Teil des Schulchan Aruch, verfasst von Rav Israel Meir Ha-Kohen vor ca. 100 Jahren
Agada = Sammelbegriff für den nicht-religionsgesetzlichen Teil des Talmuds, in dem die Weisen in erzählerischer Weise und in Gleichnissen spirituelle, philosophische und auch praktische Inhalte übermitteln
(*) = aus dem zweiten, nach der Vorlesung des Toraabschnittes vom Aufgerufenen zu sagenden Segensspruch
 


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