Rabbiner Schlomo Aviner

"POLITIK UND JUDENTUM"

erschienen in der Monatsschrift "Iture Kohanim" der Jeschiwa Ateret Kohanim, Jerusalem
Nr. 70 Tevet 5751
Übersetzung: Rafael Plaut, Jerusalem

Rabbiner Aviner ist der Leiter der Jeschiwa und Oberrabbiner von Bet El.

Zum besseren Verständnis wurde dem Text ein Verzeichnis der Namen und Begriffe angefügt. Einträge sind mit "*" gekennzeichnet.

 

POLITIK UND JUDENTUM

1. Politische Enthaltsamkeit

Wie stehen sich die Welt der Politik und die Welt der Religion gegenüber - widersprechen sie sich oder gibt es Berührungspunkte, und wenn ja, welche? Wie wirkt sich diese Spannung auf das Verhältnis des religiösen Menschen zur Welt der Politik aus? Nehmen wir drei mögliche Antworten in näheren Augenschein:

Der religiöse Mensch hat sowohl die Möglichkeit als auch die Fähigkeit, sich mit Politik zu beschäftigen.  Dem religiösen Menschen ist es strengstens verboten, sich mit Politik zu befassen.
Dem religiösen Menschen ist es eine Pflicht und göttliches Gebot, sich am politischen Geschehen zu beteiligen.

Welches ist nun die richtige Möglichkeit?

Zweitausend Jahre lang beschäftigten wir uns nicht mit Politik. Nicht, weil wir nicht wollten, sondern weil wir nicht konnten. Das jüdische Volk, staatenlos, war zwangsweise von der Teilnahme am politischen Tagesgeschehen ausgeschlossen.

Zwar fühlten sich Individuum und Volk als in einer Zwangslage befindlich, doch aus göttlicher Sicht lag gar kein Zwang vor, sondern zielgerichteter Wille. Wem es gelänge, G~ttes Willen zu verstehen, würde auch in seinem Bewusstsein das Joch des Zwanges durch inneren Willen ersetzen.

Rabbiner A. J. Kuk* brachte diesen Umstand mit folgenden Worten zum Ausdruck: "Wir verließen die Weltpolitik aufgrund des Zwanges, der inneren Willen in sich trägt"1. Der "Jerusalemer" Talmud* bringt dazu ein Beispiel (Traktat Sanhedrin, 7. Abschnitt, Hal. 2) bezüglich des durch die römischen Herrscher erlassenen Verbotes, in den jüdischen Gerichtshöfen die Todesstrafe zu verhängen, welche durch das jüdische Gesetz in verschiedenen Fällen vorgeschrieben ist. Rabbi Schimon Bar-Jochai* fand an diesem Verbot auch eine gute Seite: das Verhängen der Todesstrafe beinhalte schon in normalen Zeiten solch eine enorme, schwer zu tragende Verantwortung, um die man nur wegen des ausdrücklichen biblischen Gebotes nicht herumkomme, dass man die derzeitige Zwangslage als Zeichen göttlichen Willens interpretieren könne, uns wegen der Schwächung unserer Weisheit dieser Verantwortung zu entheben.

 

2. Politik und Schlechtigkeit

Ferner sagte Rav Kuk: "bis dass eine glücklichere Zeit anbricht, in der es möglich sein wird, Herrschaft ohne Schlechtigkeit und ohne Barbarei auszuüben - das ist die Zeit, die wir erhoffen"1. Solange sowohl die Außen- als auch die Innenpolitik zwangsläufig moralische Verdorbenheit implizieren, beschäftigen wir uns besser nicht mit ihr. Der Herr der Welt macht es uns erst gar nicht möglich. Wenn aber die Zeit reif ist, verschwindet diese Zurückhaltung von ganz alleine, was ausschließlich vom Stand unserer Moralität und Spiritualität abhängt. Im Laufe der Generationen wird die Welt für Geistiges empfänglicher, empfindsamer, und in ihr Israel als Herz der Welt, bis diese Zeit beginnt. Daher heißt es weiter: "die Herauszögerung erfolgt zwangsläufig"1 - die Endzeit lässt sich nicht gewaltsam herbeiführen, man kann die Vorbedingungen nicht übergehen - "..da unsere Seele an den furchtbaren Vergehen der Staatsführung in schlechter Zeit krankt"1.

In der Geschichte des jüdischen Volkes vom Eintritt ins Land bis zur Zerstörung des Tempels war die Regierungsführung alles andere als zufriedenstellend, von wenigen guten Perioden abgesehen. Die Propheten mussten die Herrschenden fortwährend ermahnen. Jeschajahu protestierte: "Deine Fürsten Unbändige und Diebsgesellen, allzumal Bestechung liebend und jagend nach Bezahlung; der Waise sprechen sie kein Recht, und der Streit der Witwe kommt nicht zu ihnen" (1,23).

Das davidische und salomonische Königtum entsprach zwar dem idealen Format, die spirituelle Begabung der Massen jedoch war weit von dieser Stufe entfernt2.

 

3. Herrschaft der Geradheit

Rabbiner Kuk bestimmte, dass der rechte Zeitpunkt gekommen war. "Und sieheda, die Zeit ist gekommen, zum Greifen nahe, die Welt wird von einem neuen Gefühl durchströmt, wir können uns schon vorbereiten, es wird uns schon möglich sein, unsere Herrschaft auf den Fundamenten des Guten, der Weisheit, der Aufrichtigkeit und der klaren, göttlichen Erleuchtung zu errichten"1. Die Welt befindet sich zwar noch in der Vorbereitungsphase, wir aber, das Volk Israel, seien schon bereit, eine Regierung in Geradheit zu führen. In Kürze sollten daher die himmlischen Beschränkungen verschwinden, die Zwangslage endigen und das Gebot zur Errichtung eines Staatswesens wiederaufleben.

Die Möglichkeit der Gründung eines Staates hängt vom Vorhandensein einer bestimmten moralischen Eignung ab. "Es ist nicht angebracht für Jakov, in einer blutrünstigen Zeit, in einer Zeit, die nach verbrecherischer Begabung verlangt, sich mit Politik zu befassen". Wenn die Alternative darin besteht, Schurke zu sein, sollte man lieber die Hände von der Politik lassen. Mit G~ttes Hilfe jedoch hat eine Wandlung stattgefunden, und ein neuer Geist seelischer Stärke belebt unser Land.

Eine Periode, die uns zwangsweise an politischer Betätigung hindert, kann man wohl schlecht als ideal bezeichnen. Doch diese bittere Medizin heilt uns von schwerer Krankheit. Das Problem liegt nicht in der Beschäftigung mit Politik, sondern die Politik selbst birgt den Makel, der uns die Beschäftigung mit ihr unmöglich macht.

In diesem Zusammenhang wählte Rabbi Schimon Bar-Jochai eine scharfe Ausdrucksweise; als er Bauern bei der Arbeit sah, schimpfte er: "Sie lassen das ewige Leben und befassen sich mit dem vergänglichen Leben" (Schabbat 33b). Was ist denn schon dabei? Hat die Tora etwa das Befassen mit dem "vergänglichen Leben" verboten? Im Gegenteil; wenn es aber von Verdorbenheit und Perversion beherrscht wird, muss man sich davon zurückziehen. Rabbi Schimon Bar-Jochai behauptete nicht, dass das Bauen von Brücken prinzipiell eine torafeindliche Aktivität darstelle, dass Badeanstalten grundsätzlich schlecht seien und er der Reinlichkeit keine Bedeutung beimesse. Auch behauptete er nicht, dass Märkte unnötig und das Essen überflüssig seien und man sich ausschließlich mit der Lehre zu befassen habe. Vielmehr wollte er sagen: "Alles, was sie [die Römer] errichtet haben, geschah nur in ihrem eigenen Interesse. Sie haben Märkte eingerichtet, um da Prostituierte hinzusetzen, Bäder errichtet zu ihrem Behagen, Brücken gebaut, um Zoll zu erheben" (Schabbat 33b). Seine Opposition war also keine prinzipielle, sondern galt nur Absicht und Wegen, wie diese an sich nützlichen Dinge gebraucht wurden3. Und ebenso verhält es sich mit der Politik, die sich in pervertiertem Zustand präsentiert, denn im Prinzip hat sie durchaus ihre Existenzberechtigung.

Der Begriff "Politik" stammt vom griechischen "polis" (Stadt). In der Vergangenheit konzentrierte sich das gesellschaftliche Leben auf die zumeist befestigten Städte und ihr Umfeld. Auch der Begriff "Medina" (im Umgangshebräisch "Staat"), wie er zum Beispiel in der Bibel im Buche Esther erscheint (1,16), hat dort eher die Bedeutung "befestigte Stadt". Wie gesagt waren wir zwangsweise an "politischer" Betätigung gehindert - ihrem Wesen nach aber gehört sie zu den göttlichen Geboten und lebt gegenwärtig wieder auf.

Heute bezeichnet man mit der Innen- und Außenpolitik das Regeln wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, die "Bestandteil der Lehre selbst"4 ist, da von ihr das Leben des jüdischen Volkes in seinem Lande abhängt - ebenfalls ein göttliches Gebot. Folglich gehören die Gründung und das Betreiben eines Staatswesens in allen seinen Einzelheiten, in Gradheit, gleichfalls zu diesem Gebot.

4. Der Unterschied zwischen Israel und den Völkern

Rabbiner Kuk schrieb weiterhin: "Europa hat zu Recht G~tt aufgegeben, den es doch nie kannte. Einige Auserwählte der Menschheit machten sich das höchste Gute zu eigen, nie aber eine ganze Nation"5. In der Welt gibt es viele Individuen, die man als "Gerechte der Völker"6 bezeichnen kann. Die talmudischen Weisen überliefern uns im Namen des Propheten Elijahu den folgenden Ausspruch: "Himmel und Erde mögen meine Zeugen sein, dass auf Jude wie Nichtjude, Mann wie Frau, Knecht wie Magd, entsprechend seinen Taten der Geist des Heiligen ruht"7. Auch ein Nichtjude kann ein erhabenes göttlich-spirituelles Niveau erreichen, als Einzelner, aber nicht die Gemeinschaft, das ganze Volk. Es gibt gerechte Nichtjuden und solche, die G~tt anhängen, aber keines der Völker hängt in seiner Gesamtheit G~tt an. Entsprechend gelingt es ihnen auch nicht, die Staatsführung und überhaupt die Politik in guter, aufrichtiger Weise zu bewerkstelligen, und sie streben auch in keiner Weise danach. Im Gegensatz zum Volk Israel: "Wie man zum Allen Guten strebt und sehnt, kann kein anderes Volk erfassen"5, und "tief in unserem Innersten fühlen wir alle, die Nation in ihrer Gesamtheit, dass das absolut Gute, das Allen Gute, würdig ist, sich danach zu sehnen, und auf diesem Fundament Herrschaft und politische Führung zu begründen"5. Das Gute muß im Leben der Allgemeinheit, der Nation zum Ausdruck kommen.

5. "Und ich werde dich zu einem großen Volke machen"

So lautete das Versprechen an unseren Vorvater Awraham: "Und ich werde dich zu einem großen Volk machen" (Genesis 12,2) - groß in deiner Eigenschaft als Volk, nicht in deiner Eigenschaft als Individuum. Ebenso heißt es über das Volk Israel: "Denn welches große Volk gibt es, das Götter hätte, ihm so nahe, wie der Ewige, unser G~tt..." und weiter "Und welches große Volk gibt es, das Satzungen und Vorschriften hätte, so gerecht, wie diese ganze Lehre..."(Deut.* 4,7-8).

Das Volk muss sich im Lichte der göttlichen Idee auch als Volk verwirklichen, nicht als Summe seiner Bestandteile. "Da der Höchste den Völkern Besitz gab", und "stellt er fest Grenzen der Völker" (Deut. 32,8); bis zum Zeitalter unseres Vorvaters Awraham lebten nur Einzelne im Lichte der göttlichen Idee. Mit ihm kam die Wende - in Gestalt des jüdischen Volkes.

Das höchste Ideal: Heiligung des göttlichen Namens auf Ebene des Volkes, des Staates, der Politik und in allen anderen Aspekten seines öffentlichen Lebens8. Dieser unser Staat ist ein besonderer Staat, nicht wie die Staaten aller Völker dieser Erde, sondern der von G~ttes Wort erleuchtete Staat. Er verkörpert das Ideal der Heiligung des göttlichen Namens durch den Staat, welche um ein Vielfaches größer ist als die Heiligung des göttlichen Namens durch den Einzelnen in seinen vier Wänden, im Kreise seiner Familie und sogar in einer kleinen Gemeinde. Wenn G~ttes Wort die Leitlinien der ganzen Nation bestimmt, gelangt jeder Einzelne zu spirituellem Glück und Erhebung, noch weit über sein individuelles Glück hinaus. Die private Spiritualität geht in der erhabenen Spiritualität der Gesamtheit der Nation auf, wie eine kleine Kerze, die wohl eine finstere Kammer erleuchten kann, im Freien aber im Verhältnis zur Sonne nicht zur Wirkung kommt9.

Das ideale Staatswesen ist das höchste Glück des Menschen, im Gegensatz zum heute üblichen Staat, über den Rabbiner Kuk schreibt: "Dass der Staat nicht das höchste Glück des Menschen darstellt - lässt sich wohl vom regulären Staat behaupten..."10.

6. Gesellschaft mit hoher Verantwortlichkeit

Der normale Staat "stellt keinen höheren Wert dar als eine Gesellschaft hoher Verantwortlichkeit"10. Es gibt kein halachisches* Verbot bezüglich einer Verantwortung tragenden Gesellschaft, so wie die heutzutage übliche Versicherungsgesellschaft. So heißt es im Talmud: "Die Vereinigung der Schiffseigner kann vereinbaren, dass jedem, dem ein Schiff verloren geht, ein anderes zur Verfügung gestellt wird" (Baba Kama 116b).

Bekanntlich hat es seine Vorteile, sich und sein Vermögen durch Zahlung einer Prämie zu versichern. Die regelmäßige Zahlung einer festen Summe über einen bestimmten Zeitraum belastet das Budget nicht übermäßig, und in der Stunde der Not oder eines großen Schadenfalles erweist sich die Sache als äußerst nützlich. Man darf Geschäfte betreiben, und gegen ein ehrliches und ehrbares Geschäft ist nichts einzuwenden - stellt aber kein erhabenes Ideal dar.

Der heute übliche Staat ähnelt einer Versicherungsgesellschaft. Der Bürger zahlt regelmäßig seine bestimmten Steuern, und erhält dafür unterschiedliche Dienstleistungen, z.B. Verteidigung, Erziehung, Gesundheitsfürsorge usw. Dieses Übereinkommen dient sowohl den Bedürfnissen des Einzelnen als auch dem Establishment, doch verkörpert es kein besonderes Ideal. In dieser Situation "bleiben die vielen Ideen, die Krönung des Lebens der Menschlichkeit, in der Schwebe, ohne Berührungspunkte mit ihr"10.

Zwar hat jedes Land seine Intellektuellen, Idealisten, Philosophen und Theologen, die erhabene Gedanken verfolgen und großartige Ideologien schaffen, welche sie sogar zu Papier bringen, doch unterscheidet sich die Realität auf krasseste Weise von den Idealen, die jene so trefflich in ihren jeweiligen Lehren auszudrücken wissen.

Der von Grund auf ideelle Staat, der nicht nur als große Versicherungsgesellschaft daherkommt, verkörpert die höchste Stufe des Glücks - und dies ist unser Staat, der Staat Israel. In den Worten Rabbiner Kuks: "Der von Grund auf ideelle Staat, dessen Wesen höchsten ideellen Werten untrennbar verbunden ist, stellt das höchste, wahre Glück auch des Einzelnen dar. So ein Staat steht in Wirklichkeit auf der höchsten Stufe des Glücks, und dieser Staat ist unser Staat, der Staat Israel"10.

7. Der Staat Israel

Der Staat Israel gehört der Allgemeinheit Israels, wie der Begriff "Staat Israel" schon ausdrückt. Nebenbei bemerkt, Rabbiner Kuk war einer der ersten, die diesen Begriff benutzten. "Er ist das Fundament des Sitzes G~ttes in der Welt, dessen ganzes Streben der Einheit G~ttes und seines Namens gilt, denn dies ist in Wahrheit das höchste Glück"10, nicht nur im Leben des Einzelnen oder einer begrenzten Öffentlichkeit, sondern im Leben des ganzen Volkes Israel.

Wer den Staat Israel in seinem heutigen Zustand betrachtet, kann sich wohl einer gewissen Skepsis nicht erwehren, wo doch die "Einheit G~ttes und seines Namens" (Secharja* 14,9) so gar nicht zum Ausdruck kommt. Wir haben den Staat aber nicht nach dem äußeren Schein zu beurteilen, denn "der Mensch sieht nach den Augen, der Ewige aber sieht nach dem Herzen" (Schemu'el* I 16,7); nicht wie der Staat sich heute präsentiert, sondern wie er in Einklang mit seinem Potential zukünftig sein wird. Die Keime für "das Fundament des Sitzes G~ttes" sind bereits gepflanzt, wir müssen jetzt abwarten, bis sie sprossen. "Wahrhaftig, dieses erhabene Glück benötigt langwieriger Erläuterung, um sein Licht in den Tagen der Finsternis zur Geltung zu bringen, doch mindert dies nicht die Tatsache, das größtmögliche Glück zu sein"10. Wir befinden uns wie im Zustand der Dämmerung, in der man vieles nicht sieht, was aber nicht heißt, dass es nicht existiert.

Unser Staat verkörpert heute noch nicht dem himmlischen Thronsaal, eher den Korridor, der zu ihm hinführt. Wer jedoch zum König will, muss vorher durch diesen Korridor gehen. Man sollte seine Bedeutung nicht unterschätzen, stellt er doch den einzigen Weg zur Residenz des Königs dar. Wird denn nicht jemand, der es bereits bis zum königlichen Korridor gebracht hat, schon dort von Ehrfurcht erfüllt sein, noch bevor er den Thronsaal betritt?

Doch streben wir nicht nach diesem "Korridor". Obschon eine gewaltige Errungenschaft, bleibt der Staat noch weit vom Ideal entfernt. Noch immer steht er nicht vollständig auf den Fundamenten von Geradheit, Wahrheit und Gerechtigkeit, Liebe, Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft.

8. Politik - die theoretische Seite

Bei der Untersuchung der Beziehung des religiösen Menschen zur Politik müssen wir zwischen zwei Bereichen, beide "Politik" genannt, unterscheiden.

1.) Die "theoretische" Politik, die reine Wissenschaft. Darunter
verstehen wir die Lehre von der Staatsführung, das Ideal. Hier müssen notwendigerweise Menschen des Geistes zum Einsatz kommen, denn nur sie verfügen über die Mittel, Fragen der Allgemeinheit und des Wesens der gesamten Nation und kommender Generationen zu klären. Dieser "Arbeitskreis des Geistes" kann Vertreter von Kultur, passender Berufe wie z. B. Richter, Wirtschaftsfachleute usw. enthalten, den Vorsitz sollten jedoch Vertreter des Spirituellen, Toragelehrte, einnehmen. Die sich herauskristallisierende politische Philosophie muss einer Prüfung nach folgenden drei Kriterien standhalten:
1. Erkenntnis der Fakten im Lichte ihrer Verbindung zu den großen, allgemeinen Zielen, die alle Generationen umfassen
2. Erkenntnis aller aktiven Institutionen und Machtmechanismen
3. Wertbeurteilung aller Einrichtungen, Organisationen, Parteien usw. und Ausgabe neuer Leitlinien

Wer sich in diesem, allgemeinen Sinne mit Politik beschäftigt, muss die historischen Entwicklungsprozesse der Nation aufdecken, ihr als Pädagoge dienen, sie anleiten und ihr den Weg in die Zukunft weisen. Er muss eine Nation führen, die nach einer Zielrichtung verlangt, die auch dem Druck von Krisenzeiten standhält.

9. Politik - die praktische Seite

Der zweite Bereich der Politik besteht aus der praktischen, ausführenden Seite. Diese beschäftigt sich mit Führung und Ordnung der Staatsangelegenheiten im praktischen Sinne unter Zugrundelegung der von den Politikphilosophen vorgegebenen Richtlinien.

Aktive politische Betätigung wird von der Tora für wichtig und ehrbar angesehen, wie es heißt: "..und alle, die öffentliche Aufgaben treu erfüllen, der Heilige, gesegnet sei er, zahle ihren Lohn,.."11; sie verpflichtet zu Gewissenhaftigkeit bei der Ausführung. Doch da liegt das Problem - verbirgt sich hier doch ein Minenfeld von persönlichen Verbindungen, Beziehungen und Koalitionen; je ausgeklügelter, desto unmoralischer. Deshalb haben viele geradlinige und begabte Menschen, Idealisten und Visionäre, bei dieser Arbeit keinen Erfolg, da sie wie eine Schlacht durchfochten werden muss. Wer sich mit aktiver Politik beschäftigt, muss Erfahrung in politischer Kriegführung mitbringen. Er muss ein bißchen Machiavellist sein, jegliche Moral verachtender Zyniker und grausamer Opportunist von gewaltiger Willensstärke, der vor keinem Mittel zurückschreckt, um sein Ziel zu erreichen.

Vor etwa fünfhundert Jahren lebte Niccolo Machiavelli, der als "Vater der Politikwissenschaft" gilt und, allerdings zu Unrecht, mit dem Titelhelden seines berühmtesten Buches "Der Prinz" identifiziert wird. Machiavelli betrachtete die Politik als echte Wissenschaft und nicht als Beruf, dem man sich nebenher wie einem Hobby widmet. Als Gesandter kam er viel herum und sah so einiges. Er schilderte, wie die Politik überall auf Lüge, Macht, Geldgier und Betrug fußte; Machiavelli war zwar Idealist, aber auch Realist. Die talmudischen Weisen erkannten und beschrieben diesen Zustand sehr trefflich schon lange vor ihm in ihrem Spruch: "Seiet vorsichtig mit Machthabern; sie lassen den Menschen nur näher zu sich in ihrem eigenen Interesse, scheinen wie Freunde zur Zeit ihres Nutzens und stehen dem Menschen nicht bei zur Zeit seiner Bedrängnisse" (Sprüche der Väter 2,3). Die Wirklichkeit zeigt, dass gerade die Politiker und Parteien, die sich krummer Mittel bedienen, erfolgreicher sind als Idealisten und Aufrichtige. Es drängt sich der Verdacht auf, dass man ohne diese Mittel nicht auskommt, um in der Politik Erfolg zu haben. Andererseits verbietet die Tora Lüge und Irreführung. In dieses Tätigkeitsfeld kann man sich also nur mit reicher Erfahrung begeben, um sich vor den Betrügereien der Anderen in Acht nehmen zu können, ohne jedoch selbst zu solchen Mitteln zu greifen.

In unserem Vorvater Jakov finden wir dafür das Vorbild. Über ihn heißt es: "Jakov, ein aufrichtiger Mann" (Genesis 25,27), und Raschi* erklärte dazu: "im Betrügen nicht erfahren". Die Tora informiert uns darüber im voraus, um nicht eine ganze Reihe von Vorfällen misszuverstehen, weil man nämlich glauben könnte, dass Jakov sich unlauterer Mittel zum Zweck bediene. Oberflächlich betrachtet könnte man zu der irrigen Erkenntnis gelangen, der Zweck heilige alle Mittel. In Wirklichkeit braucht man die gründliche Kenntnis der Betrügereien der Anderen, um diese an deren Anwendung uns gegenüber zu hindern. Als Rachel Jakov warnte, dass Lawan ein Betrüger sei, richtete Jakov die Dinge so ein, dass er das ihm Zustehende erhalten und Lawan ihn nicht betrügen konnte. Nachdem er für Rachel die vereinbarten sieben Jahre abgearbeitet hatte, verabredete er mit ihr Erkennungszeichen. Er sprach zu ihr: Ich bin sein Bruder in der List. Sie fragte ihn darauf: Dürfen sich die Gerechten einer List bedienen?! Er antwortete: Jawohl, mit den Lautern verfährst du lauter, mit den Verkehrten verdreht (Megilla 13b, Schemu'el II 22,27).

Ebenso ging es mit Eßaw [Esau]: Jakov nutzte einen Moment der Schwäche bei Eßaw und erlangte so das Erstgeborenenrecht und den väterlichen Segen, die Eßaw geringschätzte. Hier bediente sich Jakov kluger Kaufmannsmethoden. Der Händler versteht sich auf den günstigen Einkauf der Ware und deren Verkauf mit Aufschlag. Eßaw erkannte an einem bestimmten Punkt, was ihm widerfuhr, und sagte dazu: "Darum also nennt er sich Jakov, weil er mich schon zweimal überlistet (j'akveni) hat?!" (Genesis 27,36).

Aus der Wurzel des hebräischen Wortes "Ekew" (Buchstaben 'ajin-'kuf-wet =Ferse; aus dieser Wurzel leiten sich auch "Jakov" und "j'akveni" ab) entnehmen wir, dass man den Dingen auf der Spur bleiben muss und auch, die "Achilles-Ferse" des Gegners ausfindig zu machen. In der griechischen Mythologie wird von einer Mutter erzählt, die ihr Kind Achilles in einen speziellen Zaubersaft tunkte, der vor Verwundung durch Pfeile schützen sollte. Dabei hielt sie ihn an der Ferse, so dass er dort verwundbar blieb, und so fiel er denn auch in der Schlacht.

 

Bis jetzt wurde erläutert, wie sich der Politiker durch Einsicht und Erfahrung vor Überlistung durch andere schützen muss, wobei ihm die Tora verbietet, sich der Lüge zu bedienen - es gibt aber Ausnahmefälle, in denen es doch erlaubt ist, zum Beispiel bei Lebensgefahr. In der Gemara heißt es: "Wenn ein Israelit auf dem Wege mit einem Nichtjuden zusammentrifft und er ihn fragt, wohin er gehe, so gebe er ihm ein weiteres Reiseziel an" (Awoda Sara 25b), das heißt, wenn er noch 4km zu gehen hat, gebe er 8km an. Und wozu dieser Umstand? Weil anzunehmen ist, dass der Nichtjude ihn umbringen und berauben will. Aus Gründen der Bequemlichkeit wird er jedoch bevorzugen, sein Vorhaben gegen Ende des Weges auszuführen, da er dann die Beute nicht so weit zu schleppen braucht. Daher ist in einem solchen Fall dem
Juden erlaubt, von der Wahrheit abzuweichen, damit der Nichtjude ihm keinen Schaden zufügen kann.

10. "Sei aufrichtig"

"Der 'Chafez Chaim'* war als aufrichtiger Gerechter bekannt und dabei doch auch scharfsinnig und in allen weltlichen Dingen bewandert. Er betonte stets, seine Aufrichtigkeit zu bewahren: Sei aufrichtig mit dem Ewigen, Deinem G~tt, und kläre alle Komplikationen des Lebens aus tiefer Weisheit des Heiligen und des Glaubens, im Streben nach dem Erhabenen. 'Eine Leiter war gestellt auf die Erde und die Spitze reichte an den Himmel'"12.

Manchmal scheint uns die Welt nur aus List, Zwang und Geschäftemacherei zu bestehen und man einfach unmöglich rechtschaffen bleiben kann. Doch selbst im Grauen des Krieges, in dem man töten muss, um nicht selbst getötet zu werden, lehrt uns unsere Tora, auch im Kampfgetümmel moralisch und gradlinig zu bleiben - erst recht also in der Politik.

Wir entnehmen aus alledem, dass der Mensch des Geistes weniger in die praktische, ausführende Politik gehört, sondern vielmehr im allgemeinen, politisch-philosophischen Bereich benötigt wird. Die spirituelle Führungspersönlichkeit bestimmt die Leitlinien und verbleibt über den Dingen, so wie z. B. der Prophet Schemu'el über dem Königtum stand und die Könige in ihr Amt einsetzte.

Die geistigen Führer dürfen nicht politischen Erwägungen unterworfen sein. Auch diejenigen, die sich mit der technischen Seite der Politik befassen, müssen rechtschaffen sein, genau wie jeder Geschäftsmann sein Geschäft ehrlich und rechtschaffen zu führen hat, und wie jeder Soldat rechtschaffen zu sein hat. Der Politiker ist eine Art Kreuzung zwischen Geschäftsmann und Soldat, der auch "im Tale des Todesschattens" (Psalm 23,4) ehrlich und aufrichtig seinen Weg gehen muss.

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NAMEN UND BEGRIFFE:

Chafez Chaim = Rabbi Israel Meir Hakohen, einer der größten Gelehrten der neueren Zeit, besonders bekannt als Verfasser der Werke "Chafez Chaim" über das Vermeiden übler Nachrede nach den Geboten der Tora, und "Mischna Brura", einer Zusammenfassung der wichtigsten Erläuterungen zu einem Teil der heute zur Anwendung kommenden Gebote
Deut. = Deuteronomium, 5. Buch des Pentateuchs
Halacha = jüdisches Gesetz
Rabbiner A.J.Kuk = Rabbiner Awraham Jizchak HaKohen Kuk, erster Oberrabbiner Israels, Gründer der Zentralen Welt-Jeschiwa, verstorben 5695(1935)
Jerusalemer Talmud = der im Lande Israel redigierte Kommentar zur Mischna, älter und kürzer als der babylonische Talmud
Rabbi Schimon Bar-Jochai = Schüler des Rabbi Akiba, lebte vor ca. 1800 Jahren, hielt sich 13 Jahre vor den Römern in einer Höhle verborgen, legendärer Verfasser des Sohar (Hauptwerk der Kabbala) 
Raschi = Rabbi Schlomo ben Jizchak, größter Bibel- und Talmudkommentator, lebte vor ca. 900 Jahren in Süddeutschland und Nordfrankreich
Schemu'el = Das Prophetenbuch Schemu'el (Samuel)
Secharja = Das Prophetenbuch Secharja (Zacharia)

------- Fußnoten: -----------

1. Orot, Hamilchama, §3
2. Orot, Mahalach Ha'ideot, S.106
3. Ejn A'ja zu Schabbat 33b
4. Orot, Orot Hetchija §27
5. ebda., §3
6. Maimonides, Mischne Tora, Gesetze von Königen und Kriegen §8,10 / Gesetze der Tschuwa §3,5
7. Tana debej Elijahu raba, 9.Abschnitt, Ikwej Hazon S.122
8. Orot, Mahalach Ha'ideot, §2
9. ebda. §5, S.110-111
10. Orot, Orot Israel, §6,7
11. "Mischeberach Awotenu" nach der Toralesung am Schabbat
12. Gespräche Harav Zwi Jehuda, 1.Serie, Wajischlach 11; Genesis 28,12

"Orot", "Ejn A'ja" und "Ikwej Hazon" sind Werke von Rabbiner Awraham Jizchak Hakohen Kuk.


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