Aus der Schriftenreihe 

"Gespräche HaRav Zwi Jehuda" 


(Sichot HaRav Zwi Jehuda) Nr. 1
herausgegeben von Rabbiner Schlomo Aviner
Übersetzung: R.Plaut
Die Nummern in Klammern verweisen zu den Fußnoten am Ende
des Artikels.
 
 

"Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel"

1. Die Manifestation unserer Erlösung

Die Erlösung (Ge'ulah) ist das genaue Gegenteil der Verbannung (Galut), sie steht zu ihr in direkter Opposition. Und was ist nun "Verbannung"? Ein unnormaler Zustand. In unserem Normalzustand müssen wir uns hier befinden, das ganze Volk Israel im Lande Israel; und nicht nur das: das ganze Land muss in unserer Hand sein. G~ttseidank bringt uns das himmlische Wohlwollen langsam Stufe um Stufe voran, verglichen z.B. mit der vorherigen Periode, vor der Staatsgründung. Damals herrschte noch die Galut - wir waren "draußen" und die Nichtjuden "drinnen", und die Möglichkeit der Einwanderung vom guten Willen der Nichtjuden abhängig. In dieser Hinsicht sind wir etwas vorangekommen und zum Normalzustand zurückgekehrt: Israel ist in unserer Hand, ebenso Jerusalem; wir sind selbstständig.

Diese Entwicklung offenbart sich in kleinen Schritten (1). Denn ebenso, wie G~tt uns anhand von Wundern erlösen kann, kann er es auch ohne Wunder tun, auf dem Wege natürlicher Entwicklung, auf dem Wege der Besiedlung und der Einnahme.

2. Das Gebot der Besiedlung des Landes

Besiedlung und Einnahme des Landes sind ein Gebot der Tora: Das Land zu besiedeln, damit es nicht veröde. Es ist eine allgemein akzeptierte Tatsache im Judentum, das in der Rangordnung der Geistesgrößen Nachmanides gleich auf Maimonides folgt, welcher sozusagen die Fortsetzung des Talmuds darstellt; sie lebten etwa zur gleichen Zeit. Nachmanides war einer der größten Weisen und Kabbalisten - Eigenschaften, die zusammengehen. Er konstatierte, dass das Gebot der Besiedlung des Landes zu den positiven der Liste der 613 Gebote gehöre, auf der Basis des Verses: "Und ihr sollt austreiben [die Bewohner] des Landes und sollt darin wohnen; denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen" (Num.33,53)(2). Dies ist Befehlssprache und enthält demnach ein positives Gebot. Es sind uns also folgende zwei Dinge geboten: 1. das Land durch Eroberung einzunehmen und 2. es zu besiedeln.

Nachmanides legt unmissverständlich fest, dass dieses Land, das G~tt unseren Vätern versprochen hat, in unseren Händen sein muss und nicht im Besitz irgendeiner anderen Nation (3). Dass es sich in unserer Hand befinde, im nationalen Sinne. Ein Land, Geographie, ein Stück Erde in der Hand eines Volkes - jeder begreift, dass es hier um Souveränität und Staatswesen geht. Es ist ein fundamentales Gebot der Tora, dass wir über dieses Land herrschen. Gleichfalls ist das Land nicht brachliegen zu lassen, will sagen: Herrschaft durch Besiedlung.

Dies alles fällt unter das Thema Erlösung, die sich stufenweise entfaltet und nicht etwa plötzlich, im Kontrast zur Galut. So kommen wir langsam aber sicher voran. Ständig werden neue Siedlungen, Kibuzim und Städte gebaut. Welches Glück, dieser Verwirklichung von G~ttes Wort teilhaftig zu werden. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Erlösung, den man als Teil der göttlichen Vorsehung erkennen muss. Die Welt ist nicht sich selbst überlassen; G~tt hat die Welt nicht verlassen. Am Ende der Tage werde sich ein Zustand der Rückkehr zum Land offenbaren. Genau dies findet jetzt unter uns, durch uns statt! Diese Entwicklungsstufe beinhaltet das Ende der Galut, es erscheint der "Beginn der Erlösung" (Megilla 17b). Und doch, in Erkenntnis des Normalzustandes, dass wir uns hier im Lande befinden, müssen wir zu unserer Schande eingestehen, und wir müssen uns dessen schämen, dass andererseits immer noch der Galut-Zustand vorherrscht, da sich immer noch Millionen Juden "draußen" aufhalten. Wir müssen zu unserem natürlichen und normalen Zustand zurückkehren, dass nämlich unsere Millionen "drinnen" sind.

Frage: Ist es uns in Anbetracht der Bedeutung des Landes Israels erlaubt, kurzfristig ins Ausland zurückzukehren, um dort Aufklärungsarbeit zu leisten?

3. Israel - unsere natürliche Umgebung

Antwort: Ja, wenn es sich wirklich nur um einen begrenzten Zeitraum handelt. Jeder Jude muss fühlen, dass Israel seine natürliche Umgebung darstellt und nicht Straßburg, Johannesburg oder Williamsburg. Und wir befinden uns zu Recht in Israel, weil wir es uns verdient haben und weil es uns rechtmäßig zusteht: Hier gehören wir hin, diesen Ort hat G~tt unseren Vorvätern versprochen, und dieses Versprechen hat durch alle Generationen Bestand bis hin zur vollständigen Erlösung, die schon unterwegs ist. Alles, was uns am Lande Israel noch fehlt, fehlt uns auch an unserer vollständigen Normalität. Israel ist für uns gemacht, sowohl im allgemeinen, gesellschaftlichen Sinne als auch im Sinne jeder individuellen jüdischen Seele. Hier sind wir zu Hause, hier sind wir in der Familie. Israel bedeutet gesunde Atmosphäre und gesundes Klima - sogar für den Körper, wie es einer unserer Vorfahren, Rabbi Jehuda Halevi, in einer seiner Kompositionen ausdrückte: "Leben der Seelen die Luft deines Landes" (4), "die Luft des Landes Israels macht weise" (Baba Batra 158b), sie gibt Weisheit und Verstand. Ein Kernstück des Verstandes ist die Erkenntnis, dass unter den Nichtjuden zu leben überhaupt nicht angenehm ist. Man darf nicht vergessen, dass die Nichtjuden uns eine große Gnade erweisen, indem sie uns in ihren Ländern Aufenthalt gewähren - bis sie uns vertreiben. Amerika oder Brasilien tun uns einen Gefallen, erlauben uns, bei ihnen zu sein; das ist ihrerseits sehr großzügig. Wer jedoch mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt, dass wir uns dort auf fremder Erde befinden. Dort - das ist nicht unsere Gesellschaft, nicht unsere Regierung, gar nichts ist unser. Hier, an unserem Platze, sind wir zu Hause, in der Familie, in jeder Hinsicht. Sowohl in Hinblick auf Heiligkeit als auch von Seiten der Gesundheit und der Psychologie, ja der Psychophysiologie. Es kann nicht oft genug betont werden: Wir müssen wieder gesunden und dürfen uns daher nicht an einem Ort aufhalten, wo wir nicht gesund, sondern verwirrt werden. Manche sind so verwirrt, dass sie vergessen und glauben, es sei normal, unter den Nichtjuden zu leben. Dieser schwerwiegende Irrtum legt uns ständig Steine in den Weg. Wir brauchen den Zustand der Juden, die in nichtjüdischer Gesellschaft leben, nicht besonders zu schildern, jeder kennt die Fakten. Israel verkörpert das Land unseres Lebens in jeder Hinsicht - national, historisch, gesellschaftlich und individuell. Und sogar gesundheitlich.

4. Die heilende Luft Israels

In der vorigen Generation war Rabbi Schmuel Salant der Oberrabbiner von Jerusalem, ein weltberühmtes Genie. Anfangs wohnte er in Litauen, in der Stadt Salant. Schon in jungen Jahren erkrankte er an der Schwindsucht, und selbst die größten Ärzte hatten schon fast jede Hoffnung um ihn aufgegeben. Sie schlugen ihm schließlich vor, an einen bestimmten Kurort im damaligen Grenzgebiet zwischen Ägypten und Äthiopien zu gehen - vielleicht könnte er dort ja noch viele Jahre leben. Darauf sagte ihnen Rabbi Schmuel Salant: Nun, das ist ja gar nicht so weit von Israel entfernt! Fahre ich doch lieber gleich dahin! Und so geschah es auch. Er fuhr nach Jerusalem und erreichte dort das gesegnete Alter von 93 Jahren, davon 60 Jahre (!) als Oberrabbiner der Stadt. Es gibt noch viele solcher Beispiele von Leuten, die die Luft des Landes Israels geheilt hat, in psychologischer und auch physiopsychologischer Hinsicht.

Vor einiger Zeit lebte ein für seine Forschungen weltberühmter Arzt, der weder religiös noch zionistisch eingestellt war, der in entsprechender Weise feststellte, dass es "jüdischere" Krankheiten als andere gäbe. Er erklärte: "Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Ursache darin zu suchen ist, dass wir Asiaten sind." Wir gehören zu Israel, und im Exil findet sich kein für uns normales Klima, dies, in Verbindung mit irgendeiner körperlichen Schwäche, rächt sich sogleich an uns.

5. Das Land unseres Lebens

Unser Wesen ist nicht der Luft des Auslands angepasst. Die Luft Israels ist unsere Luft; die Berge unsere Berge, die Hügel unsere Hügel, die Täler unsere Täler - in seelischer und sogar in physischer Hinsicht. Und wenn wir dies durch Gewöhnung in Vergessenheit geraten lassen, kommt es zur Katastrophe. Mit der Galut zu liebäugeln ist eine schwere Verirrung. Im Wochenabschnitt Mischpatim (=Rechte) lernen wir, dass ein Knecht nach spätestens sechs Dienstjahren freigelassen werden muss. Wenn er aber sagt: "Ich liebe meinen Herrn ... ich mag nicht frei ausgehen" (Ex.21,5), so ist dies sehr bitter. Ebenso ist der Zustand des in-die-Verbannung-Verliebtseins des "Ich liebe meinen Herrn den Nichtjuden" ein sehr bitterer.

Das Bewusstsein und das Wissen um Israel als dem Lande unseres Lebens muss gesteigert werden. Dies ist unser natürlicher Aufenthaltsort, sowohl in religiöser als auch in nationaler Hinsicht. Und wenn wir nicht hier sind, so sind wir weder gesund noch normal. Und ab und zu erinnern uns die Nichtjuden daran, dass wir uns bei ihnen auf fremder Erde befinden.

Über Eines muss sich jeder von vornherein klar sein: Jeder Jude, wo immer er sich auch aufhalten möge, gehört nach Israel als seinem angestammten Ort. Im Ausland haben wir nur den Rang von Gästen. Zur Ausführung eines Gebotes darf man sich kurzfristig ins Ausland begeben, zwei, drei Jahre, aber die Zielrichtung unseres Lebens ist es, hier zu sein.

6. Das Land Israel wiegt alle Gebote auf

Über die Bedeutung dieses Gebietes in Hinblick auf Tora und Gebote haben sich unsere Weisen mit unmissverständlicher Klarheit ausgedrückt - dass nämlich das Bewohnen des Landes Israels sämtliche Gebote der Tora aufwiege (Sifri Ekew Kap.11). Ist das nicht ungeheuerlich!? Natürlich ist dieser Ausspruch nicht als Annullierung der Gebote zu verstehen. Jedes Gebot ist als Detail aller 613 Gebote aufzufassen. Dagegen stellt das Gebot, das Land zu bewohnen, kein Detail dar, es ist vielmehr das allumfassende Gebot der Anwesenheit des ganzen jüdischen Volkes im Lande Israel. Die wahre Erfüllung der Tora kann nur in Israel stattfinden. Anderenorts dienen die Gebote nur als Gedächtnisstützen, damit wir nach unserer Rückkehr ins Land wissen, wie wir sie zu erfüllen haben (5).

7. Kurzfristiger Auslandsaufenthalt

Daher ist das Land Israel zu besiedeln und darf nicht verlassen werden; man darf sich ihm nicht entfremden, möge G~tt uns davor bewahren. Ein kurzfristiger Aufenthalt im Ausland kann aber durchaus möglich sein. Und auch dies bedarf näherer Erläuterung. Der göttliche Geist ruht nämlich vor allem in Israel, entsprechend den Worten des "Kusari": "im [Lande] oder zu seinen Gunsten" (6), in oder für Israel. Dies trifft für die gesamte Tora zu: Entweder in Israel, oder im Zustand des Sehnens nach Israel; in Verbindung zu Israel und Empfangen von Israel. Wie es im Talmud heißt: "...man hofft es [d.h. Israel] zu sehen" (7) - in Sehnsucht, dem Lande Israel zugehörig zu sein.

So ist natürlich gar nicht an ein permanentes Verlassen des Landes zu denken. Für kurze Zeit jedoch, zum Beispiel als Abgesandter, ist dies ebenso wichtig wie richtig. Es ist in diesem Sinne zu Erziehungszwecken erlaubt, das Land temporär, auf ein, zwei Jahre zu verlassen, um auf eine Verwurzelung der Verbindung zu Israel im jüdischen Volk hinzuwirken.

Im Talmud finden wir diese Dinge genau spezifiziert. Im allgemeinen ist das Verlassen verboten, aber unter zwei Bedingungen ist der zeitlich begrenzte Auslandsaufenthalt erlaubt: 
1. Zum Torastudium, wenn die Situation im Lande dies nicht zulässt. Als das Land öde und verwüstet war, hatte man keine andere Wahl als seinen Wissensdrang im Ausland zu befriedigen. G~ttseidank ist die Lage heute anders! (8)
2. Zur Regelung des Familienlebens - um einen Ehepartner zu finden, wenn sich herausstellt, dass es im ganzen Land absolut keine passenden und akzeptablen Jungen oder Mädchen gibt (8). Nun - man darf wohl annehmen, dass heutzutage jeder hier seinen "Schidduch" finden kann!

8. Überwindung der Verständnislosigkeit

Frage: Im Ausland bemühen wir uns auf Einwanderung nach Israel hinzuwirken; manchmal ist es nur schwer, den richtigen Weg der Erläuterung für dem Judentum entfremdete Menschen zu finden. Wie kann man mit ihnen über den Wert Israels ohne Erwähnung der religiösen Aspekte reden, sozusagen "außerhalb der Religion"?

Antwort: Dieses Thema ist vorhin schon angeklungen. Obwohl es hier um nicht-religiöse Juden geht, so gibt es doch auch bei ihnen noch den Willen, ihr Judentum weiterzuführen. Anderenfalls wäre ihr Zustand wirklich gefährlich. Auch die, die ihr Judentum bewahren wollen, sind dennoch den starken Strömungen der Assimilation und den Anfeindungen der Nichtjuden ausgesetzt. Jedermann kann leicht verstehen, dass diese Situation wohl nicht so ganz zu ihm passt. Vor dem Hintergrund dieses Gefahrenzustands muss das Fortbestehen des Judentums gesichert werden. Sehen sie die Situation jüdischer Jugendlicher an den Universitäten als gesichert an ?

Frage: Jene Leute sind sich dieser Dinge nicht unbedingt bewusst...

Antwort: Die Nichtjuden werden ihnen dies zu gegebener Zeit bewusst machen, auf die eine oder andere Weise - sie müssen sich über ihre Lage klar werden, bevor die Nichtjuden kommen und es Schläge setzt. So oder ähnlich kann man das Problem durchaus verdeutlichen.

Frage: Aber das ist doch ein negativer Grund für die Einwanderung ?!

Antwort: Sehr richtig. Das war eine sehr treffende Bemerkung. Dieser negative Grund zur Einwanderung, die Leiden des Exils, erscheint schon in den ersten Schriften Theodor Herzls: Man kann unmöglich länger unter den Nichtjuden ausharren, wir müssen nach Hause kehren. Selbstverständlich ist es wichtiger, die positive Seite des Lebensgefühls, der Lebenserkenntnis und der Gesundheit des Landes Israels in uns zu entwickeln - das ist es, was uns anziehen muss. So sollte es jedenfalls sein; wenn sich dies aber verzögert, bleibt nur der negative Weg.

Halten wir also folgende zwei Dinge fest: Auf der einen Seite steht das wahrhaftige Bedürfnis, aus dem Lande des Lebens zu schöpfen, dem Lande unserer Väter. Dies ist die hauptsächliche, positive Seite. Die andere, negative und nicht geringer an Bedeutung, ist die Erkenntnis der Unmöglichkeit des Aufenthaltes auf in jeder Hinsicht fremder Erde. 


Manchmal verschwindet die positive Seite unter dem betäubenden Druck des Lebens in fremdem Land. Jerusalem gerät in Vergessenheit - "Sollt' ich dich vergessen, Jeruschalajim, so versage meine Rechte" (Ps.137,5) - wir vergessen unsere Identität. Dann ordnet der Herr der Welt die Dinge so, dass die negativen Gründe zur Wirkung kommen, damit wir uns unserer Exilsituation bewusst werden.

9. Jeder Jude kommt aus Israel

Der Rabbi von Ostrowsze pflegte zu sagen, dass, wenn man einen Juden frage, woher er sei, die Antwort zu lauten habe: "aus Israel" - als Vorbereitung darauf, in Zukunft wirklich in und aus Israel zu sein. Diese Erklärung erschließt Gefühl und Bewusstsein, wie auch ein Midrasch unserer Weisen verdeutlicht (9). Dort kritisierten sie unseren Lehrer Moscheh ein wenig. Gegenüber Josef, der zu seiner Herkunft stand, der anerkannte, dass er zum Lande Israel gehöre, stand Moscheh nicht so ganz zu seinem Land. Josef erzählte [dem Mundschenk Pharaos]: "Aus dem Lande der Hebräer bin ich gestohlen worden" (Gen.40,15), stand also zu seinem Lande. Demgegenüber erzählten die Töchter Jitros ihrem Vater: "Ein ägyptischer Mann hat uns gerettet" (Ex.2,19). Woher wußten sie denn, dass er aus Ägypten war? Anscheinend hatte er es ihnen gesagt! Dazu fragt der Rabbi von Ostrowsze: Was wollen unsere Weisen von Moscheh Rabenu (=unserem Lehrer)? Josef hat zwar die Wahrheit gesagt, dass er im Lande Israel geboren wurde; Moscheh Rabenu aber wurde in Ägypten geboren, wuchs dort auf, wurde dort erzogen - wie sollte da die Lüge über seine Lippen kommen, er sei aus Israel?! Die Antwort aber lautet: Moscheh ist ein direkter Nachfahre unseres Vaters Awraham, daher ist er verpflichtet zu sagen, dass er diesem Lande zugehörig sei. Automatisch gehört er dazu. Daher haben auch wir, die Enkel unseres Vorvaters Awraham, unsere Zugehörigkeit zu diesem Land zu bekennen.

10. Unser Vater Awraham durchwandert das Land

Im Wochenabschnitt "Lech lecha" wird Awraham befohlen: "Auf, wandle durch das Land nach seiner Länge und nach seiner Breite" (Gen.13,17) - er soll einen "Ausflug" durch das ganze Land Israel unternehmen. "..denn dir werd' ich es geben" (ebda.), so lautet G~ttes Wort, der hier der Hausherr ist - des ganzen Nahen Ostens!

Unsere talmudischen Weisen erläutern uns die gesetzlich korrekte Durchführung des Bodenerwerbs (10) : Nach Einigung der Vertragspartner kann die Eigentumsübertragung auf drei Weisen erfolgen: 1. durch Zahlung des Kaufpreises 2. durch Übergabe der Kaufurkunde oder 3. durch Inbesitznahme. "Inbesitznahme" nennt man das Ausführen einer Tätigkeit, die erkennen lässt, dass der sie Ausführende rechtmäßiger Eigentümer des Grundstückes ist, wie z. B. Umzäunen, eine Bresche schlagen oder abschließen. Nun stellt sich die Frage, ob das Durchwandern des Landes eine derartige eigentumsbegründende Tätigkeit darstellt. Darüber gibt es bei unseren Weisen verschiedene Ansichten. Eine Antwort führt den oben erwähnten Vers "denn dir werd' ich es geben" an, d.h. aufgrund der Durchwanderung. Eine andere Ansicht hält diese Begründung für nicht stichhaltig genug, und bringt stattdessen diese wunderbare Erklärung: Awrahams Durchwanderung des Landes hat ihre besondere Bedeutung: "zur Erleichterung der Eroberung durch seine Nachkommen"! Diese Wanderung, dieser "Ausflug" unseres Vaters Awraham in seiner spirituellen und historischen Größe hat den Stellenwert einer Eroberung, er hinterlässt Eindrücke und hat zur Folge, dass die Landnahme der Nachfahren leichter vonstatten geht. Und genau dies zeigt sich hier und heute, nach mehreren tausend Jahren. Diese Wanderung hat göttlichen, historischen Wert als Wegbereitung für die Eroberung in unseren Kriegen.

11. Das Ende des Exils

Wir finden bei unseren Weisen eine ganz besonders deutliche Definition für das Ende unseres Exils (Sanhedrin 98a). Nach einer ganzen Seite voller Berechnungen und nebulösen, mystischen Erklärungen erscheint schließlich eine Definition, die an Klarheit nicht zu übertreffen ist: "Du hast kein deutlicheres [Kennzeichen für das] Ende als das folgende", und nennt einen Vers aus dem Prophetenbuche Jecheskel (36,8): "Und ihr, Berge Israels, werdet Eure Zweige treiben und eure Frucht tragen meinem Volke Israel, denn sie kommen bald". Dieser Vers besteht aus zwei Teilen: Zunächst der göttliche Befehl an das Land, das so lange Jahre brach lag, wieder Früchte hervorzubringen, und nicht etwa den Nichtjuden, sondern dem Volk Israel. Und in direkter Beziehung dazu steht die Rückführung der Verbannten - "denn sie kommen bald"; dies ist der zweite Teil.

Beide Aspekte dieser göttlich-historischen Wirklichkeit erfahren ihre Erneuerung in und durch uns. Raschi erklärt (Sanh.98a): Wenn Israel seine Früchte in vollen Zügen hervorbringt, so ist dies das Kennzeichen für das Ende. G~tt hat sich mit dem brachliegenden Lande ausgesöhnt. Es gab Zeiten, da G~tt auf uns "böse" war und uns aus dem Land hinauswarf. Und auch auf das Land war er "böse", was dort anhaltende Trostlosigkeit zur Folge hatte. Das Klima war so schlecht, die Luft so verpestet und voller Krankheiten, dass jeder Aufenthalt mit größter Gefahr für das Leben verbunden war. G~ttseidank ist diese Gefahr gebannt. Dies ist das Land unseres Lebens und unserer Gesundheit.

Es ist offensichtlich, dass G~tt sich mit uns aussöhnt. Er söhnt sich aus mit dem Volk durch Einsammlung der Verbannten aus Amerika, aus Russland und vielen anderen Ländern - und wenn hier erstmal zehn Millionen Juden leben, wird es auch dem Letzten klar sein, dass sich G~ttes Zorn gelegt hat. Das Gleiche gilt für das Land, das so lange trostlos zur Unfruchtbarkeit verdammt war; heute ist es gesegnet und gibt uns seine Früchte tagtäglich in großer Reichhaltigkeit. Hier wachsen wunderbare Bananen und dort gedeihen die schönsten Weintrauben... kaum zu beschreibende Fülle des Segens und des Erfolges. Der Herr der Welt sammelt die Zerstreuten Israels ein, und auch die zerstreute Erde fügt er wieder zusammen.

Es gab hier im Lande zum Beispiel die "deutschen Siedlungen", gegründet von deutschen Nichtjuden, die sich in der Umgebung von Tel-Aviv, Jerusalem, Haifa und anderen Orten niederließen. Es gelang ihnen jedoch nicht, längere Zeit zu bestehen, und schon in der zweiten Generation verschwanden sie bis auf einen kleinen Rest. Demgegenüber entwickeln sich unsere Kibuzim ständig weiter, unsere Jungens dort gleichen den "Zedern des Libanon", liebenswert, robust, heroisch und bedeutsam - eine Freude, sie anzusehen. Uns ist dies nämlich der normale und natürliche Aufenthaltsort, und jenen ist hier nichts normal und natürlich. Und wenn das Land seine Früchte in reichem Maße hervorbringt, so ist dies kein Zufall.

12. Kein Zufall

Unsere Weltanschauung ist nicht die der Zufälligkeit, G~tt behüte. Nur Leute, die nicht aufmerksam beobachten, glauben fahrlässigerweise, dass alle diese Dinge sich von alleine so entwickelt haben. Das aber ist ein Irrtum. Wenn sich die Dinge so entwickeln, kann man davon ausgehen, dass es gemäß der göttlichen Vorsehung so zu sein hat.

Vor einiger Zeit begegnete ich einem wichtigen Mann aus Ungarn, Philosoph und Wissenschaftler, vollkommen assimilierter Jude von radikal materialistischer Weltanschauung. Seine Vertrauten deuteten an, dass sich bei ihm in letzter Zeit ein Wandel vollzogen habe. Während unseres Gespräches hielt er kurz inne und sagte mir nach einigen Augenblicken der Überlegung: "Das, was wir heute Zufall nennen, ist in Wirklichkeit G~tt inkognito". Dies ist ein wunderbarer Ausdruck des Glaubens, des Vertrauens in die göttliche Vorsehung, ein klares und deutliches Wort. Es gibt keinen Zufall, alles kommt vom Urheber allen Seins, wenn auch manchmal "ohne Namensnennung" - "G~tt inkognito".
 

Zusammenfassung:

1. Gegenüber dem unnormalen Zustand der Verbannung, in dem die Nichtjuden im Lande wohnen und die Juden im Ausland, erscheint unsere Erlösung in Gestalt der Rückgewinnung unserer Selbstständigkeit, in natürlicher Fortentwicklung, durch Besiedlung und Beherrschung des Landes

2. Nachmanides erläutert das "Gebot der Besiedlung des Landes" als die Pflicht zur Besiedlung und Einnahme des Landes im nationalen Sinne durch Staatsgründung und israelische Souveränität. Auf diese Weise offenbart sich der Beginn unserer Erlösung, die sich im Folgenden durch Einsammlung der Verbannten beschleunigt.

3. Das Land Israel gehört uns aufgrund G~ttes Wort und ist unser natürlicher Aufenthaltsort, passend zur Normalität unseres allgemein-israelischen und auch unseres individuellen Lebens. Demgegenüber ist uns der Aufenthalt im Ausland in jeder Hinsicht unzuträglich.

4. Aus diesem Grund gesundete Rabbi Schmuel Salant in der besonderen Atmosphäre Israels, entsprechend den Worten eines großen Arztes, dass die Lungenschwäche bei Juden auf den Aufenthalt in der ihnen nicht natürlichen Umgebung zurückzuführen sei.

5. Anstelle des bitteren Zustands des "Verliebtseins-in-das-Exil" hat die Einsicht zu treten, dass Israel das Land unseres Lebens ist.

6. Das Land Israel wiegt alle Gebote auf, da es selbst ein allumfassendes Gebot darstellt, nämlich die Anwesenheit des Volkes Israel im Lande Israel, was die wahre Erfüllung aller Gebote der Tora überhaupt erst ermöglicht, da diese im Ausland nur den Wert von Gedächtnisstützen haben.

7. So kann es kein Verlassen des Landes geben, es sei denn auf kurze Zeit, um im Ausland Tora zu lernen oder zu heiraten - Gründe, die heute wahrlich keinen Auslandsaufenthalt mehr rechtfertigen. Nur die Ausreise zur Erziehung zur Einwanderung ins Land ist erlaubt, oder, mit den Worten des "Kusari": "im [Lande] oder zu seinen Gunsten"

8. Der Hauptgrund in der Erläuterung der Notwendigkeit der Einwanderung nach Israel muss das Verständnis des großen Wertes der Verbundenheit mit dem Lande des Lebens sein, aber jenen, denen die Lebensnotwendigkeit der Einwanderung ein fremder Gedanke ist, muss klar gemacht werden, dass das jüdische Volk im Ausland keine Existenzgrundlage hat und ständig den Gefahren der Assimilation und Verfolgungen ausgesetzt ist.

9. Im Gegensatz zu Josef, der zu seinem Herkunftsland stand, wurde Moscheh bestraft, weil er es nicht nannte, und das, obwohl er nicht einmal dort geboren war - denn jeder Jude ist wegen seiner nationalen Zugehörigkeit zur Nachkommenschaft Awrahams verpflichtet zu sagen, er sei aus Israel.

10. Das Durchwandern des Landes durch Awraham in seiner spirituellen Größe bereitete die Grundlage für die Landnahme seiner Nachfahren.

11. Es erscheint das "offensichtliche Kennzeichen des Endes" in Gestalt von Einsammlung der Zerstreuten und reichhaltiger Hergabe der Früchte durch das Land gerade an uns und nicht etwa an die Nichtjuden, obwohl jene versuchten, hier zu siedeln. Dieser Sachverhalt offenbart uns das Ende des göttlichen Zornes auf Volk und Land.

12. Dies alles ist kein Zufall, sondern göttliche Ordnung. Überhaupt gibt es keine Zufälle; oder, wie jener Philosoph sich ausdrückte, dass der Zufall nichts anderes sei als G~tt inkognito, dem letztendlichen Urheber geschichtlicher Abläufe.
 

F U S S N O T E N:

(1) "Es ist dies keine Schwächlichkeit, dass die Errettung Israels Stück um Stück vonstatten geht, sondern Ausdruck höchster Kraft", Briefe Rav A.J.Kuk 3,20
(2) "Nach meiner Ansicht ist dies ein positives Gebot (Mizwa). Er gebot ihnen, das Land zu bewohnen, es einzunehmen, denn ihnen gab er es, und das Erbteil G~ttes sei nicht verächtlich in ihren Augen ... dieser Vers konstituiert ein positives Gebot" - aus dem Kommentar des Nachmanides zu Num. 33,53
(3) "...dass uns geboten wurde, das Land, das der Herr, gelobt sei er, unseren Vätern Awraham, Jizchak und Jakov gegeben hatte, einzunehmen, und es keinesfalls anderen Völkern oder der Verödung anheimfallen zu lassen, wie er ihnen sagte (Num. 33,53): Und ihr sollt austreiben [die Bewohner] des Landes und sollt darin wohnen; denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen. ... daraus entnehmen wir das in allen Generationen gültige Gebot, das Land einzunehmen." - aus den Anmerkungen des Nachmanides zum Buch der Gebote des Maimonides, positives Gebot Nr.4
(4) Lieder

(5) "Obwohl ich euch aus dem Lande in die Verbannung schicke, zeichnet euch durch die Gebote aus, damit sie euch nicht neu seien, wenn ihr zurückkehrt. Ein Gleichnis: Einst zürnte der König seiner Frau, und sie begab sich in das Haus ihres Vaters. Da sagte er zu ihr: Behalte deinen Schmuck an, damit er dir nicht ungewohnt sei, wenn du zurückkehrst. Ebenso sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Israel: Meine Kinder, zeichnet euch durch die Gebote aus, damit sie euch nicht neu seien, wenn ihr zurückkehrt; so sagte auch der Prophet Jirmijahu (31,20): Stelle dir Zeichen auf - dies sind die Gebote, durch die Israel sich auszeichnet". Midrasch Sifri, Ekew 11,18, ebenso Raschi und Nachmanides zu Deut. 11,18
(6) "Jedwede Prophezeiung fand entweder im oder für das Land statt", Kusari II,14
(7) "Aber von Zion wird gesagt: ein Mann und noch ein Mann ist darin geboren (Ps. 87,5) - einerlei, ob man darin geboren ist, oder man es zu sehen hofft.", Ketubot 75a
(8) Awoda Sara 13a, Toßafot "Lilmod"; Mischpat Kohen 147,2

(9) Midrasch Dewarim Raba 2,8: "[Moscheh] sprach vor ihm: Herr der Welt, Josef's Gebeine läßt du ins Land gelangen, und mich nicht? Darauf antwortete ihm G~tt: Wer zu seinem Heimatland steht, wird in seinem Heimatland bestattet, wer nicht zu seinem Heimatland steht, wird nicht in seinem Heimatland bestattet. Woher entnehmen wir, dass Josef zu seinem Heimatland stand? Daraus, dass seine Herrin [Frau Potifar] sagte: Seht, man brachte uns einen hebräischen Mann. Dem widersprach er nicht, sondern sagte: Denn gestohlen bin ich worden aus dem Lande der Hebräer ... Darum wurde er in seinem Heimatland bestattet ... Da du nicht zu deinem Heimatlande standest, wirst du nicht in ihm bestattet. Woher dies? Jitros Töchter sprachen: Ein ägyptischer Mann hat uns gerettet aus der Hand der Hirten ... Und er [Moscheh] hörte es und schwieg dazu. Daher wurde er nicht in seinem Heimatlande bestattet". -zitiert vom Rabbi von Ostrowsze, siehe Artikelsammlung "Chassidut und Zion": Verhältnis der chassidischen Häupter Polens zur Rückkehr nach Zion
(10) Baba Batra 100a: "Ist er durch dieses [das gekaufte Feld] in der Länge und der Breite gegangen, so hat er die Stelle geeignet, wo er gegangen ist - so Rabbi Elieser; die Weisen sagen, das Gehen nütze nichts, sondern nur dann, wenn er es [durch irgendeine Betätigung am Felde] in Besitz genommen hat ... Was ist der Grund Rabbi Eliesers? Es heißt (Gen. 13,17): Auf, durchziehe das Land etc. Und die Rabbanan!? ... zur Erleichterung der Eroberung durch seine Nachkommen". Siehe auch Raschi zu Gen. 12,6.


zurück zur KIMIZION - Homepage