Was ist 'Heiligkeit'?

von Rabbiner Uri Scherki
Leiter der hebräischen Abteilung von Machon Meir, Zentrum für jüdische Studien in Israel, Jerusalem
Vorsitzender der Weltvereinigung Bnej Noach "Brit Olam"
Rabbiner der Gemeinde "Bet Jehuda" in Kirjat Moscheh, Jerusalem

Erschienen in der Wochenschrift LeOro unter dem Titel Hakodesch ha'eljon
Betrachtungen zu den Lehren des Rabbiners Awraham Jizchak Hakohen Kuk (erster Oberrabbiner Israels),
Ausgabe 100 / 5780
Übersetzt aus dem Hebräischen von Rafael Plaut



Die 'Heiligkeit' ist ein Begriff, der leicht zu Verwirrung führen kann, besonders wegen des 'Beigeschmacks', den dieser Begriff in anderen Kulturen erhielt, der auch bis ins Judentum durchdrang und bestimmte Missverständnisse verursacht. Mein großer Lehrmeister, Rabbiner Jehuda Aschkenasi, pflegte zu sagen, die israelische Gesellschaft bestehe aus zwei Arten von Menschen: Religiöse und Nichtreligiöse; die Nichtreligiösen sind von der westlichen Kultur beeinflusst, und die Religiösen sind von der westlichen Religion beeinflusst. Man kann schon sagen, dass die Begriffe der Heiligkeit häufig mit ihrer Bedeutung im Christentum identifiziert werden; unsere Kultur ist unterschwellig von Christentum durchtränkt. Darum haben wir besondere Schwierigkeiten mit Grundbegriffen des Judentums, die auch von den Christen gebraucht werden.

Rabbiner Kuk schreibt in seinem Buch Eder Hajakar, in dem er den Zustand des Judentums zu seiner Zeit analysiert, dass wir vom Christentum den Gedanken übernommen haben, Dinge der 'Heiligkeit' und der 'Religion' als etwas Ernstes und Trauriges anzusehen. Das steht jedoch in absolutem Gegensatz zu "dienet dem Ewigen mit Freude" (Psalm 100,2) und überhaupt zu jeder Verbindung, die es im Judentum zwischen Heiligkeit und Freude gibt, wie z.B.: "Man stelle sich nicht zum Beten hin ... sondern in Fröhlichkeit wegen einer g~ttgefälligen Handlung" (Talmudtraktat Brachot 31a). Darum müssen wir vorher verstehen, wenn wir über die Heiligkeit reden wollen, worum es eigentlich geht.

Im Buch Bereschit ("Genesis", 1. Buch Moscheh) heißt es: "Und G~tt segnete den siebenten Tag und heiligte ihn" (2,3). Hier erscheint der Begriff der Heiligkeit das erste Mal in der Tora. An jedem Tag der Schöpfung gibt es eine Mission zu erfüllen: am ersten Tag "es werde Licht", am zweiten Tag der "Himmel", am sechsten Tag "lasst uns einen Menschen machen"; die Mission des siebten Tages lautet: "und heiligte ihn". Hier ist zu bemerken, dass es sich beim siebten Tag der Schöpfung nicht um den Schabbat handelt; vielmehr ist mit dem "siebenten Tag" die Weltgeschichte gemeint. Das ergibt sich folgendermaßen: Jeder Tag der Schöpfung endet mit "und es ward Abend und es ward Morgen, der [so-und-so-vielte] Tag" - außer dem siebten Tag, d.h. er hat bis heute nicht geendet. Mit anderen Worten: Die ganze Menschheitsgeschichte findet am siebten Tag statt. Das Charakteristische an diesem siebten Tag, also der Menschheitsgeschichte, ist die Tatsache, dass 'G~tt ruht', dass der Herr der Welt darin nicht offen sichtbar erscheint. Demzufolge lautet die Mission des siebten Tages zwar "und heiligte ihn", doch ist nicht G~tt mit ihr betraut, der ja an diesem Tag ruht, sondern der Mensch, im Einklang mit dem Gebot: "Rede zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sprich zu ihnen: Heilig sollt ihr sein" (Lev. 19,2). Die Heiligkeit ist der Zweck der Menschheitsgeschichte, und wenn die Menschheit diese Mission erfolgreich erfüllt - dann wird der siebte Tag enden mit "und sie waren heilig, und G~tt sah, dass es gut war, und es ward Abend und es ward Morgen, der siebente Tag"; und dann können wir zu den neuen Missionen des achten Tages übergehen.

Worin besteht die Mission "heilig sollt ihr sein"? Es gibt eine irrige Lesart des Raschikommentars, wonach "heilig sollt ihr sein" bedeutet: "enthaltsam sollt ihr sein". Raschi schreibt: "Heilig sollt ihr sein - haltet euch von sittlicher Entartung und der Sünde fern; denn überall, wo du ein Verbot der Unzucht findest, da findest du auch ein Gebot der Heiligkeit", will sagen, wenn ihr euch von unsittlichem Verkehr fernhaltet, gelangt ihr am Ende zu Heiligkeit. Das ist doch keine Gleichsetzung von Heiligkeit mit Enthaltsamkeit! Raschi erklärt nicht die Heiligkeit, sondern wie man sie erlangt: Der Weg zur Heiligkeit, einer sehr großen Lebenskraft, führt über die Enthaltsamkeit, den Verzicht auf niedere Lebenskräfte. Wie kann man sich das vorstellen? Wie jemanden, der sich schon lange nicht sportlich betätigt hat. Sagt ihm der Arzt: "Hören Sie zu, Sie sind etwas schwächlich, Sie sollten ein wenig Sport treiben, das wird Sie fit machen". Nach einer Stunde Sport schleppt er sich vollkommen erschöpft zum Arzt und beschwert sich: "Und das soll helfen?!" Antwortet ihm der Arzt: "So ist das, wenn Sie einer größeren Lebenskraft begegnen als die, die Sie gewohnt waren; am Anfang werden Sie schnell schwach, mit der Zeit aber werden Sie den Kräftezuwachs bemerken".

Aber worin besteht eigentlich der Inhalt der Heiligkeit? "Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich" (Lev. 19,2). Auf den ersten Blick scheint dieser Vers vollkommen unverständlich - du, G~tt, bist heilig, na wunderbar, aber warum willst du, dass auch wir heilig seien?! Etwas leger ausgedrückt ist es so, als ob G~tt zu uns sagte: "Ich bin der Einzige Heilige. Ich fühle mich etwas einsam - wie wär's, wenn auch ihr heilig wäret, dann könnten wir zusammenspielen; ich brauche noch Heilige"... Will sagen, das Gebot "heilig sollt ihr sein" ist eine Bitte um Beziehungsaufnahme von seiten des Schöpfers an jemanden, der mit ihm in Verbindung treten kann. Demgemäß lässt sich der Zustand der Heiligkeit als ein System von unmittelbaren Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschöpf definieren. Im Normalfall wird so eine Begegnung von einem Trennschirm unmöglich gemacht - dem Schirm der Natur und der Art und Weise, wie wir Dinge erkennen - der den Schöpfer vom Geschöpf trennt und die unmittelbare Begegnung zwischen uns und ihm verhindert. Doch ab und zu muss man diesen Schirm beiseite rücken, und das ist eine gefährliche Sache! Darum gibt es die komplette Strategie des "Heilig sollt ihr sein", um sich darauf vorzubereiten, und so kann die Begegnung zwischen uns und dem Schöpfer endlich stattfinden.

Wie gesagt besteht in "Heilig sollt ihr sein" die Mission des siebten Tages. Doch müssen wir dabei den Irrtum von Professor Jeschajahu Leibowitz vermeiden, der sagte - wenn geschrieben steht: "Heilig sollt ihr sein", dann ist das ein Zeichen dafür, dass ihr nicht heilig seid, vielmehr sei die Heiligkeit eine Bestimmung, eine Aufgabe, doch keine Realität; aber es steht doch geschrieben: "Denn ein heiliges Volk bist du dem Ewigen deinem G~tte" (Dt. 14,2)?! Wie also ist der Auftrag "Heilig sollt ihr sein" zu verstehen? Ganz einfach: "Ein heiliges Volk bist du" bezeichnet die Realität auf der Ebene der Allgemeinheit - die durch die Bemühungen der Vorväter entstand und uns als Volk aufgeprägt wurde, "Heilig sollt ihr sein" ist der Auftrag an den Einzelnen. Korach hingegen behauptete: "Die ganze Gemeinde sind lauter Heilige" (Num. 16,3). Die ganze Gemeinde war wirklich heilig, auf der Ebene der Allgemeinheit, aber noch nicht schon jeder Einzelne auf seiner privaten Ebene! Korach übertrug die in der Allgemeinheit bestehende Heiligkeit auf den Einzelnen, ohne dass sich jener dafür hätte anstrengen müssen. Rabbiner Kuk schrieb in seinem Werk "Orot" (Israel veTchiato §15), dass der Ausspruch "die ganze Gemeinde sind lauter Heilige" jeder individuellen Mühe spottete, sich zu heiligen. Dabei ist gerade die individuelle Anstrengung gefragt, die bereits in der Allgemeinheit bestehende Heiligkeit auch auf den Einzelnen auszudehnen.

Wollen wir nun versuchen, etwas tiefer in die Bedeutung des Auftrags "Heilig sollt ihr sein" einzudringen. Was hat es mit diesem Auftrag auf sich? Manche stellen sich die Heiligkeit als eine magische Realität vor - Zauberei und Illusionen. Demnach gehört die Heiligkeit in den Bereich des Mystischen - ein besonders bei den Christen beliebter Begriff, der auf die 'Mysterien von Eleusis' des antiken Griechenlands zurückgeht, d.h. eine Art Gefühl von etwas nicht Verständlichem, das vielleicht sogar ein bisschen gefährlich ist und dem man nicht zu sehr auf den Grund gehen sollte. Das ist die Heiligkeit in den Augen der Nichtjuden. Bei uns hingegen gehört die Heiligkeit zu den Tugenden des Menschen: "Sagte Rabbi Pinchas ben Jair: Die Tora führt zur Achtsamkeit ... führt zur Heiligkeit" (Talmudtraktat Awoda sara 20b), und im Buch Messilat Jescharim ("Der Weg der Frommen", Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto): "Die Tugend der Heiligkeit ... zunächst ein Ergebnis angestrengter Mühewaltung, dann eine freie Gabe des Himmels" (26. Kapitel). Worin genau besteht diese Mühewaltung? Wovon ist die Rede?

Dazu müssen wir uns etwas zurückbesinnen, nämlich zum "Führer der Unschlüssigen" des Maimonides, der mit der Vollkommenheit des Menschen endet (III, §54).

Schreibt Maimonides: 'Die Menschen stellen sich Vollkommenheiten von vielerlei Art bezüglich des Zwecks des Lebens vor', die er folgendermaßen einstuft:

1. "Die erste, und zwar die niedrigste derselben, für welche die Weltmenschen ihre Lebenszeit verbrauchen, ist die Vollkommenheit des Besitzes, nämlich was der Mensch an Geld, Gewändern usw. hat" - d.h. wenn ich erst Milliardär bin, habe ich das Ziel des Lebens erreicht. Dazu sagt Maimonides: Das kann nicht das Ziel des Lebens sein, weil sich jeder Erwerb von Besitztümern auf gesellschaftsübliche Regeln stützt, durch die eine oder andere Form des Erwerbs, aber in Wahrheit hat sich in der Wirklichkeit nichts geändert. So ist das alles Einbildung, und es ist bedauernswert, wenn ein Mensch eine Sache zu seinem Lebenszweck macht, die gänzlich auf Einbildung beruht.

2. Die Vollkommenheit des Körpers, eine Sache, die schon den Menschen selbst betrifft und sich nicht außerhalb von ihm befindet. Sagt Maimonides: Auch das kann nicht der Zweck des Lebens sein, denn damit hebt sich der Mensch nicht vom Tier ab und würde noch nicht einmal die Kraft eines starken Maultiers erreichen, geschweige denn die eines Elefanten.

3. Die Vollkommenheit der Tugenden, die wirklich nur dem Menschen eigen ist. Aber, sagt Maimonides: Auch das kann nicht der Zweck des Lebens sein, denn die Vollkommenheit der Tugenden regelt die zwischenmenschlichen Beziehungen, sie besteht also nur für den Menschen als Teil der Gesellschaft, aber nicht für ihn allein genommen, als Mensch an sich. Was nützen denn dem Menschen die schönsten Tugenden allein auf einer einsamen Insel?! Er ist voller Freigebigkeit, doch es ist niemand da, etwas zu empfangen!

4. Darum sagt Maimonides: Die Vollkommenheit, die dem Menschen ausschließlich eigen ist, ist die Erkenntnis G~ttes, in der die wahre Wissenschaft besteht , und dieses allein ist der Endzweck des Lebens. Maimonides fährt fort und bringt eine entsprechende Lehre vom Propheten Jirmijahu: "Es rühme sich nicht der Weise seiner Weisheit, nicht der Starke seiner Stärke und nicht der Reiche seines Reichtums, sondern dessen rühme sich, wer sich rühmen will, dass er mich begreift und erkennt" (9,22-23), d.h. Ausschluss der drei ersten oben genannten Lebensziele: "der Weise seiner Weisheit" = Vollkommenheit der Tugenden, "der Starke seiner Stärke" = Vollkommenheit des Körpers, "der Reiche seines Reichtums" = der Erwerb von Besitztümern; vielmehr besteht der Zweck des Lebens in "dass er mich begreift und erkennt" = das Wissen um G~tt. Und Maimonides sagt weiter: Man hätte damit endigen können, doch der Prophet fährt fort und nennt uns einen fünften Lebenszweck: "...dass er mich begreift und erkennt, denn ich der Herr, übe Gnade, Recht und Mildtätigkeit auf Erden, denn an diesen habe ich Gefallen, spricht der Herr" (ebda.). Doch scheinen Gnade, Recht und Mildtätigkeit auch Tugenden zu sein, und wie wurde der dritte Lebenszweck, die Vollkommenheit der Tugenden, zum fünften? Vielmehr ähnelt nicht die Vollkommenheit der Tugenden vor der Erkenntnis G~ttes der Vollkommenheit der Tugenden nach der Erkenntnis G~ttes; wenn es eine Erkenntnis G~ttes gibt, dann ist auch die Vollkommenheit der Tugenden ein Teil von ihr, vom Lebenszweck, und wir werden 'heilig'.

Wir hätten von Maimonides die Weiterführung dieses Gedankens erwartet: Wenn es eine Möglichkeit gibt, den Wert der Vollkommenheit der Tugenden zu heiligen, müsste es ebenfalls eine Möglichkeit geben, den Wert der Vollkommenheit des Körpers zu heiligen, ebenso den Wert des Erwerbs von Besitztümern - doch hier hält Maimonides inne. Der "Weg der Frommen" (Messilat jescharim, s.o.) jedoch geht weiter und lehrt, dass der heilige Mensch Alles heiligt; alles, was er isst, trinkt und schläft, seine ganze Verbundenheit mit dieser Welt - alles wird geheiligt kraft seiner Eigenschaft, ein heiliger Mensch zu sein. Das ist der Weg der Frommen in der Tugend der Heiligkeit (ein Gedanke, der später auch vom Chassidismus übernommen wurde).

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