Das dreiheilige Jerusalem?
Ro'i Aharoni


[aus der Wochenzeitung Olam Katan, Ausgabe Nr. 550, zum Wochenabschnitt Bemidbar 5776]
Übersetzung: Rafael Plaut


Der bekannte Ausdruck "Jerusalem ist drei Religionen heilig" wird als unerschütterliches Axiom angesehen. In der Wikipedia z.B. hielt man sich bis zum dritten Satz mit dem Vorbringen dieses Mantras zurück. Die für Erziehung zuständige Abteilung der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (Zahal) bezeichnet in ihren Publikationen Jerusalem als "kompliziert", weil es "ein zentraler Ort in nationaler und religiöser Hinsicht für das Judentum, den Islam und das Christentum ist". Auf der Webseite "Jad Ben Zwi" ließ man den Tastaturen freien Lauf und schrieb, dass "Juden, Christen und Moslems im Laufe der Generationen ihre Augen auf Jerusalem richten".

Aus Anlass des Jerusalemtages [28. Ijar] wollen wir einmal versuchen, diesen Grundsatz zu überprüfen und zu sehen, ob Christen und Moslems wirklich "im Laufe aller Generationen ihre Augen auf Jerusalem richteten", oder ob ein Teil von ihnen dies nur in bestimmten Generationen und zu ganz bestimmten Zwecken tat.


Schnalle deine Schuhe um deine Füße


Wenn man einen Moslem fragt, ob Jerusalem dem Islam heilig sei, wird er natürlich antworten: "Aber sicher!" und die Geschichte von der "Nachtreise Mohammeds" erzählen: "Über die Geschichte des Aufstiegs gen Himmel erzählt man aus dem Munde des Propheten, der sagte: Bringt mir Al-Buraq, das ist ein weißes und langgestrecktes Tier, höher als ein Esel und niedriger als ein Maultier, ich ritt auf ihm, bis ich nach Jerusalem kam, zum Hause Al-Makdis, wo ich es an einem Ring festband".

Diese Geschichte soll uns davon überzeugen, dass eine innige Verbindung der Moslems zu Jerusalem besteht, der Ort, von dem Mohammed zu seiner wundersamen Reise in den Himmel aufstieg. Es dürfte den geneigten Leser allerdings wundern zu erfahren, dass diese Geschichte nicht im Koran erscheint, sondern einer späteren Überlieferung entstammt.

"Keiner der geläufigen Namen Jerusalems erscheint im Koran", sagt Dr. Mordechai Kedar, Orientalist und Dozent an der arabischen Fakultät der Bar-Ilan Universität. "Die islamische Geschichte weiß nicht von nur einem einzigen Tag zu erzählen, an dem Jerusalem die Hauptstadt eines mit der moslemischen oder arabischen Welt verbundenen Gebildes war. Als der Kalif Omar das Land Israel im Jahre 638 eroberte, wählte er nicht Jerusalem zu seiner Hauptstadt, sondern ausgerechnet Ramle. Jerusalem sowie das gesamte Westufer des Jordans befand sich 19 Jahre lang als Eroberung in den Händen der Jordanier - warum gründeten sie in dieser Zeit keinen Palästinenserstaat mit Jerusalem als Hauptstadt? Warum machte Jordanien es nicht zu seiner eigenen Hauptstadt, wenn Jerusalem dem Islam so furchtbar wichtig ist?

"Mohammed wirkte weit weg von Jerusalem, besuchte es nicht ein einziges Mal und erwähnte es nicht im Koran", erzählt Dr. Kedar. "Tabari, ein herausragender moslemischer Historiker, erzählt, dass Omar, der Nachfolger Mohammeds, der Erste war, der mit seinem respektablen Tross an die Tore Jerusalems gelangte. Ka'b, ein jemenitischer Jude, der den Zug begleitete, streifte beim Betreten des Tempelberges seine Schuhe ab, wie es der jüdische Brauch ist. Omar bemerkte im Winkel seines Auges die Tat Ka'bs und ermahnte diesen: 'Du willst uns hier jüdische Sachen reinbringen?! Zieh sofort deine Schuhe an!'".

Dr. Kedar erklärt, dass die Verbindung des Islams zu Jerusalem einige Jahrzehnte später entstand, nämlich im Jahre 682, als der von Damaskus aus herrschende Kalif eine spirituelle Alternative für seine Untertanen brauchte, nachdem diesen der Eintritt zum Hadsch nach Mekka wegen ihrer Sünden bezüglich Mord, Ehebruch und Alkoholkonsum verboten worden war. Er beschloss, Jerusalem zu einem alternativen Zentrum für die Wallfahrt zu machen, und den verwunderten Fragern, die zu Recht behaupteten, sie kennen keine Verbindung zwischen der Lehre Mohammeds und Jerusalem, las der Kalif den einsamen Vers aus dem Koran vor, auf den Berge von Beweisen über die fragwürdige Verbindung des Islam mit Jerusalem gehäuft wurden: "Preis ihm, der bei Nacht mit seinem Diener reiste von der heiligen Anbetungsstätte zu der entfernten Anbetungsstätte" (17. Sura, 1).

"Der Kalif sagte ihnen, dass mit der im Vers genannten 'entfernten Anbetungsstätte' Jerusalem gemeint sei, und dorthin nahm der Schöpfer den Mohammed von Mekka. Die ganze Geschichte von Mohammeds Himmelfahrt aus Jerusalem hängt an diesem Vers, an den Worten "zur entfernten Anbetungsstätte", die sie mit Jerusalem in Verbindung bringen wollen. Um der Geschichte eine festere Grundlage zu verschaffen, baut der Kalif von Damaskus die Al-Aksa (=die Ferne) Moschee und den Felsendom fünfzig Jahre nach dem Tod Mohammeds. Nach frühen islamischen Quellen befand sich die 'entfernte Anbetungsstätte' überhaupt auf der arabischen Halbinsel".

Dr. Youssef Ziedan, ein ägyptischer Philosoph und Religionsforscher, behauptet, es sei viel wahrscheinlicher, dass es sich bei der "entfernten Anbetungsstätte" um die Al-Aksa Moschee in der unweit von Mekka gelegenen Stadt Taif handelt. Ohne Furcht rief er seinen moslemischen Brüdern in einer ägyptischen Fernsehsendung zu: "Ihr vereinnahmt die Stadt und sagt, sie sei euch heilig. Wo genau habt ihr das her? Kannst du dem Juden sagen, Jerusalem gehöre nicht ihm?".

Hieraus gelangen wir zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Schon zu der Zeit, als die Geschichte von Jerusalem erfunden wurde, geschah dies allein aus politischen Gründen, ohne jede Beziehung zum ursprünglichen moslemischen Glauben.

Dr. Kedar bringt einen Beweis für diese Schlussfolgerung: "Nach einigen Jahren öffnete sich wieder der Weg nach Mekka, und jene Geschichten verschwanden im Keller. Der große sunnitische Kommentator Ibn Taimiya schreibt in seinem Buch 'Soll man Jerusalem besuchen', es sei verboten, zum Hadsch nach Jerusalem zu pilgern, und bestimmt, Jerusalem sei wie jede andere Stadt - Beiruth, Damaskus, Bagdad oder Kairo. Auch heute führt die Wallfahrt zum Hadsch nur nach Mekka und nicht nach Jerusalem. In den Augen des sunnitischen Islam steht Jerusalem an dritter Stelle an Bedeutung, nach Mekka und Medina, während der schiitische Islam auf den dritten Platz die Stadt Nadschef im Süden Iraks wählte - weil die Eroberung Jerusalems durch die omaidischen Kalifen erfolgte, den Feinden der Schia".

Dieses magere Verhältnis der moslemischen Welt zu Jerusalem setzte sich noch lange Jahre fort. Noch vor etwa 90 Jahren schrieb der Mufti Hadsch Amin Al-Husse'ini - der nicht gerade als ein großer Judenfreund bekannt war - dass "die Identität des Tempelberges mit dem salomonischen Tempel über jeden Streit erhaben ist. Das ist auch der Punkt, wo nach dem universalen Glauben 'David daselbst einen Altar dem Ewigen baute und Ganzopfer und Mahlopfer darbrachte' (Schmu'el II, 24,25)". "Zu jener Zeit hatte der Mufti überhaupt kein Problem damit, den Tempelberg als den Ort des salomonischen Tempels zu identifizieren und sogar einen Bibelvers als Beweis für seine Worte zu zitieren", sagt Dr. Kedar.

Doch leider geht es beim Streit mit dem Islam nicht um Tatsachen, weil sie nicht diese Sprache reden. Wenn man einen Moslem fragt, wer die Al-Aksa Moschee gebaut hat, wird er antworten: Adam, der erste Mensch, und wenn man ihn fragt, wer sie ausgebaut hat, wird er antworten: Ibrahim (Abraham). Bei der Islamisierung macht der Islam auch vor der Geschichte nicht halt und nicht vor den Größen der Bibel, und so gelangt er automatisch auch an den Tempelberg.

Wann also begann sich die Verbindung des Islams zur Stadt zu erneuern? Sieh' welch ein Wunder - Jerusalem wird für den Islam erst wichtig, als das Volk Israel zu ihm zurückkehrt. Seit der Befreiung Jerusalems aus den Fängen der jordanischen Eroberer verlangt die gesamte moslemische Welt, Jerusalem zur Hauptstadt des Palästinenserstaates zu machen. Saeb Erekat (Politiker, Fatah) verkündet: "Es wird kein palästinensischer Staat gegründet werden, wenn dessen Hauptstadt nicht Jerusalem ist". Die Herrschaft über Jerusalem wird dem Islam Legitimität bezüglich Jerusalems verschaffen, und wenn die Araber auf die Stadt verzichteten, würden sie von vielen Moslems des Verrats am Islam bezichtigt werden.

Warum ist ihnen das plötzlich so wichtig? "Nach dem Islam wurde das Judentum mit dem Erscheinen Mohammeds außer Kraft gesetzt", erklärt Dr. Kedar. "Die Rückkehr der Juden nach dem Land Israel erschüttert diese theologische Doktrin. Die Befreiung Jerusalems erhöht den Druck noch mehr: Vielleicht wird das Volk Israel den Tempel auf dem Tempelberg bauen und damit das Judentum zu neuem Leben erwecken? Die Moslems sind sich sicher, dass der Bau des Tempels durch die israelische Regierung eine konkrete Bedrohung für den Islam bedeutet, eine Bedrohung, die jeden Tag stattfinden kann".

Mit einfachen Worten ausgedrückt - die Rückkehr des Volkes Israel in sein Land bedeutet eine so große Bedrohung für den moslemischen Glauben, dass sie eine stagnierende Religion dazu brachte, ihr Haupt zu erheben und den Kampf ihres Lebens um ihre Existenz zu führen, und sie ist es, die eine angestaubte Geschichte aus dem Keller hervorholte, um die Welt von ihrem Besitzrecht an Jerusalem zu überzeugen. Oder noch kürzer gesagt: Mehr als wegen seiner Heiligkeit für den Islam wollen die Moslems Jerusalem wegen seiner Heiligkeit für das Judentum.


Heilige Stadt? Christliche Häresie


Kein Zweifel, dass viele Ereignisse im Neuen Testament - unter ihnen das letzte Abendmahl des Gottes der Christen, sein Gerichtsverfahren und seine Hinausführung zum Tod am Kreuz - in Jerusalem stattfanden, wie in ihren Schriften beschrieben ist. Jerusalem allerdings als den Christen "heilig" zu definieren wäre ein theologischer Widerspruch.

Um das Christentum intensiver zu verbreiten, bestimmte Paulus, der Vater der christlichen Doktrin, die bis heute herrscht, dass Konvertiten zum Christentum sich nicht beschneiden zu lassen brauchen. Er behauptete, die entsprechenden Schriftverse sprächen von einer "Beschneidung des Herzens", aber nicht von wirklichem Fleisch. Bei seinem folgenden Schritt setzte Paulus dann alle anderen Gebote außer Kraft, weil die Taktik der Gebote sich seiner Behauptung nach als enormer Fehlschlag erwiesen hatte. Von nun an brauchte man keine Gebotsausübung mehr, um erlöst zu werden, sondern nur noch in reinem Wasser unterzutauchen und an Jesus zu glauben. Das ist in aller Kürze das 'Neue Testament', das sich auf Glauben stützt und nicht auf Gebote.

Paulus behauptete, die in der Tora genannten Gebote wären nur Allegorien - man darf wohl Schweinefleisch essen, es ist bloß verboten, seine Seele wie ein Schwein zu beschmutzen. Auch die Juden werden nun zu "Israel im Fleische", den biologischen Nachkommen der Helden des 'Alten Testaments'. Das neue Volk Israel ist die Kirche, das "Israel im Geiste", Verus Israel. Von nun an ist auch der Begriff "Israel" nur noch spirituell zu verstehen, aber nicht materiell. Materielle Dinge wie Nationalität, Orte, Taten - sind unrein. Nur der Geist und der Glauben blieben rein.

Die paulinische Richtung gilt auch in Bezug auf Jerusalem. Die Juden bleiben das Volk Israel im Fleische, mit Jerusalem im Lande Judäa als dessen spirituellen Zentrums, "das untere Jerusalem". Demgegenüber brauchen sie, die frischgebackenen zum Christentum Konvertierten, das neue Volk Israel, keine Gebote mehr, und sicherlich keinen geografischen Ort. Es trennte sich die Verbindung zwischen dem Begriff der Heiligkeit und dem Ort. Ab sofort sind nicht mehr Jerusalem oder das Land Israel der heilige Ort, sondern die Gemeinschaft der Christen selbst. Von nun an ist ihr Ort ein geistiger Ort, "das obere Jerusalem".

Im Brief an die Galater behandelt Paulus die Frage, ob die Gesetze der Tora eingehalten werden müssen. Unter anderem schreibt er: "Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien, das entspricht dem jetzigen Jerusalem; denn dieses ist in Knechtschaft samt seinen Kindern. Das obere Jerusalem aber ist frei, das ist unser aller Mutter". Das geografische Jerusalem gehört den Juden, und das Jerusalem der Christen ist allein das Jerusalem der oberen Sphären, das Neue Jerusalem oder das Himmlische Jerusalem.

"Seit den frühen Tagen des Neuen Testaments und besonders seit den Tagen des Theologen Paulus ist klar, dass keine Pflicht zur Wallfahrt nach Jerusalem besteht", erklärt Iska Harani, Forscherin des Christentums. "Darüber hinaus - eine Wallfahrt nach Jerusalem kann eine Gefahr bedeuten, ein falsches Verständnis der Entterritorialisierung Jerusalems. Das Christentum bestand auf dieser Entterritorialisierung: die Ausmerzung der territorialen Dimension dieses Ortes.

"Aus diesem Grund schrieb Hieronymus, einer der Kirchenväter: 'Die Tore des Himmels sind über dem Boden Britanniens genauso offen wie über dem Lande Israel; das Königreich Gottes wohnt in deinem Inneren'. Der heutige Christ, ob katholisch oder orthodox, Mitglied einer der konservativen Kirchen, betrachtet dieses Gebiet und sagt - das ist ein Ort für Besuche und Erinnerungen, seit der Kreuzigung haben wir uns von Jerusalem für immer getrennt".

"Auch im Neuen Testament werden der Zionsberg und die Gottesstadt ausdrücklich mit dem himmlischen Jerusalem identifiziert", erklärt Harani. "Die Christen, die dennoch behaupten, es werde einen dritten Tempel geben - sagen, dass er die endgültige Trennung vom unteren Jerusalem bedeuten werde".

Doch auch ohne intensivere Beschäftigung mit theologischen Ansichten lässt sich dies durch eine einfache Frage beweisen: Wie viele von den etwa 260 Päpsten besuchten diese heilige Stadt in den 1900 Jahren nach dem Tod Paulus', dem Gründer des Christentums, bis zur Entstehung des Staates Israel?

Die überraschende Antwort: Keiner. Nicht ein einziger Papst dachte daran, zu einem Besuch der "dem Christentum heiligen Stadt" zu kommen. Während die Juden in allen Generationen ungeachtet der Schwierigkeiten und ihres geringen Ansehens versuchten, nach Jerusalem zu gelangen und dreimal am Tag um diese Rückkehr beteten, dachte der Papst der Christen, dem alle Wege offen standen und in dessen Händen als Oberhaupt der Kirche viele Jahre lang sogar die Herrschaft über Jerusalem lag, nicht an einen Besuch. Die Sache beruhte nicht etwa auf einem technischen Problem, sondern allein auf der Tatsache, dass Jerusalem niemals den Christen heilig war, und sie maßen der Stadt auch keine große Bedeutung zu außer einigen Punkten, die sich zufällig dort befinden, so wie es weitere Punkte in Bethlehem, Nazareth, am Jordanfluss usw. gibt.

Warum ist es also plötzlich den Christen so wichtig zu zeigen, dass sie Jerusalem heilig halten? Warum stehen 1900 Jahre, in denen kein Papst seinen Fuß auf den heiligen Boden setzte, knappen 68 Jahren gegenüber, in denen sich 4 Päpste zu einem Besuch ins Heilige Land aufmachten? Die sich bietende Antwort ist identisch mit der Antwort auf die moslemische Anomalie in derselben Angelegenheit: die Gründung des Staates Israel.

Jetzt lohnt es sich einmal darauf zu achten, wie schnell Umwälzungen in der christlichen Einstellung vonstattengehen. Etwa vier Monate vor dem ersten zionistischen Kongress in Basel veröffentlichte das halboffizielle Blatt des Vatikans, La Civiltà Cattolica, einen Artikel mit dem Titel "Die Zerstreuung des Exils Israels in der modernen Welt". Dieser Artikel verkündete, dass nach dem Neuen Testament die Juden verpflichtet sind, im Exil als Knechte der Nichtjuden bis ans Ende der Zeiten zu bleiben, und dass es undenkbar wäre, die Kontrolle über die heiligen Stätten in ihre Hände zu geben. Was den Aufbau Jerusalems als Hauptstadt des jüdischen Staates anging - so etwas würde niemals geschehen, da es ja im direkten Widerspruch zu Jesus' eigenen Worten stünde.

Der "Außenminister" des Vatikans, Kardinal Pietro Gasparri, war ein entschiedener Gegner der Balfour-Erklärung und beschrieb im Jahre 1919 ganz offen den christlichen Standpunkt: "Die Gefahr, die uns mehr als alles Andere Angst macht, ist die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina". Gegen Ende des Holocausts schickte der Papst Geheimbriefe an die Häupter der Alliierten: "Die Errichtung eines jüdischen Staates ist ein Verbrechen an der gesamten christlichen Welt, und man muss sich bemühen, dies auf allen möglichen Wegen zu verhindern".

Auch heute, da die Christen wissen, dass sie momentan nicht die Macht haben, selbst über Jerusalem zu herrschen, bevorzugen sie dessen Internationalisierung, nach dem Motto "weder mein noch dein sei es" (Kö.I, 3,26). Dadurch hätte das Volk Israel keine Chance, den Tempel zu bauen und zu verkünden, das wahre Volk Israel zu sein.

Zu Beginn des Jahres 1999 fasste der Außenminister des Vatikans, Erzbischof Jean Louis Tauran den sich herauskristallisierenden Standpunkt des Vatikans in Bezug auf Jerusalem zusammen: "Am Anfang unterstützte der Heilige Stuhl den Vorschlag der Internationalisierung des Gebietes in einer 'separaten Körperschaft' (corpus separatum), wie in der UNO-Resolution Nr. 181 der Generalversammlung vom 29. November 1947 vorgesehen. In den darauffolgenden Jahren, obwohl das Ziel einer Internationalisierung unerreichbar schien, rief der Heilige Stuhl weiterhin zur Wahrung der Identität der Heiligen Stadt auf. Er lenkte die Aufmerksamkeit unablässig auf die Notwendigkeit einer internationalen Verpflichtung in dieser Sache".

Auf der Webseite des "Jerusalemer Zentrums für Angelegenheiten der Öffentlichkeit und des Staates" fasst man das so zusammen: "Die erweiterte Forderung, die dem Islam und dem Christentum heiligen Stätten der israelischen Oberhoheit zu entziehen, ist eine Besonderheit des politischen Kampfes, der gegen den jüdischen Staat geführt wird, weil Forderungen wie diese nicht in anderen, ähnlich gelagerten Fällen gestellt wurden".

Es scheint also, dass auch die Christen Jerusalem für ihren Glaubenskrieg benutzen. Viele Teile der katholischen Kirche haben verstanden, dass wenn das Volk Israel fortfährt, die Prophezeiungen der Bibel zu erfüllen, sich das Christentum in eine miserable und leblose Nachahmung verwandelt, die die Menschheit zweitausend Jahre lang belogen hat. Mit elektrisierender Eingebung entschieden sie, dass Jerusalem den Schlüssel zur Bindung der Hände des jüdischen Volkes biete, damit es nicht die Prophezeiungen des Alten Testamentes erfülle. Ja, genau das, von dem schon die ganze Zeit behauptet wird, es müsse durch ein Neues ersetzt werden.

Seit dem Erscheinen der zionistischen Idee bis in unsere Tage können sich die Völker der Welt nicht mit der Rückkehr Israels nach Jerusalem abfinden. Entgegen den Vorgaben des Mandates, wonach Jerusalem zum jüdischen Staat gehören sollte, bestimmte der Teilungsplan von 1947, dass die Stadt Teil eines Gebietes unter internationaler Herrschaft werde, regiert von einem ausländischen Gouverneur, der von der UNO eingesetzt wird, und einem Rat von Vertretern der Bewohner.

Im Jahre 5740/1980 verabschiedete die Knesset ein Grundgesetz: Jerusalem, Hauptstadt Israels. Als Reaktion verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat zwanzig Tage später Resolution Nr. 478, die zur Annullierung des Gesetzes aufrief. Die Resolution beginnt mit dem Ausdruck "tiefer Sorge im Lichte der Verabschiedung des 'Grundgesetzes' in der israelischen Knesset, das eine Änderung im Wesen und dem Status der heiligen Stadt Jerusalem verkündet, im Zusammenhang mit den Folgen für Frieden und Sicherheit". Die Resolution verlangte die absolute Annullierung aller Schritte, die Israel zur Änderung des Status der "heiligen Stadt Jerusalem" unternommen hatte. Die Resolution erklärte die Nicht-Anerkennung des Gesetzes über Jerusalem und dessen Konsequenzen und rief alle Mitgliedsstaaten der UNO auf, diese Resolution anzunehmen.

Als Folge dieser Resolution verlagerten die meisten Staaten, die ihre Botschaft in Jerusalem unterhielten, diese nach Tel-Aviv. Heute gibt es keinen einzigen Staat, der seine Botschaft in Jerusalem hat. Auch die USA erkennen Jerusalem mit allen seinen Stadtvierteln nicht als Bestandteil Israels an. Wenn ein amerikanischer Staatsbürger in Tel-Aviv geboren wird, steht in seinem amerikanischen Pass in der Rubrik "Geburtsland": Israel. Wenn aber ein amerikanischer Staatsbürger in Jerusalem geboren wird, dann steht bei "Geburtsland": Jerusalem.

Die Behauptungen der Völker enthalten tatsächlich ein Körnchen Wahrheit: Sie wollen nicht von Jerusalem ausgesperrt sein, weil sie wirklich zu dieser Stadt gehören.

In den USA und auch in Europa, in Neuseeland und in Mexiko - in nicht wenigen Ländern benannten die Nichtjuden Städte nach der heiligsten Stadt der Welt. Es gibt auch eine besondere psychologische Erscheinung, "Jerusalem-Syndrom" genannt. Jedes Jahr werden Dutzende Leute in Behandlung genommen, die von diesem Syndrom befallen wurden, das von der Begegnung mit der heiligen Stadt herrührt. Diese Leute produzieren Ideen von spirituellem oder mystischem Inhalt, der nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben muss und zu seelischen Störungen führen kann. Viele der Fachleute behaupten, das Jerusalem-Syndrom existiert in verminderter und milder Weise bei fast jedem Touristen, der die Stadt besucht.

Auch wenn die Behauptung nicht richtig ist, Jerusalem sei dem Christentum und dem Islam heilig, lassen sich die Gefühle schwer abstreiten, die Milliarden von Leuten auf der ganzen Welt für diese Stadt hegen. Heißt das, es wäre besser, den Plan der Internationalisierung Jerusalems zu akzeptieren?
"Es gibt eine Bestrebung der Europäer und vielleicht auch der USA zur Internationalisierung der Stadt", sagt Caroline Glick, Publizistin und verantwortliche Redakteurin der Jerusalem Post. "Sie stützt sich auf den Teilungsplan der Vereinten Nationen - diese Resolution hatte aber nach internationalem Recht keinen legalen Status von dem Moment an, als die Araber dieses Angebot ablehnten. Aus diesem Grund wurde die Souveränität von Jerusalem zum letzten Mal im britischen Mandat von 1922 festgelegt, wonach Jerusalem, ebenso wie Judäa und Samaria, Teile des jüdischen Staates würden. Daraus folgt, dass die souveränen Rechte an Jerusalem einzig und allein den Juden gegeben wurden".
"Die einzige Garantie für freien Zugang zu allen heiligen Stätten aller Religionen besteht in der Fortführung der jüdischen Souveränität über die Stadt. Jede andere internationale Konstellation ist nicht realistisch und verstößt gegen die Bestimmungen des britischen Mandates, Bestimmungen, die niemals außer Kraft gesetzt wurden".

Die jüdische Herrschaft über den Tempelberg ist ein Sachzwang der Realität", bestimmt Glick. "Die Bestrebung nach freier Religionsausübung muss bald gewährleistet werden und nicht erst in den Tagen des Maschiach ["Messias"]. Ich weiß nicht, wie das vonstattengehen soll, denn die Bedrohung ist eine echte und keine eingebildete. Das heißt aber nicht, dass man nicht darüber nachdenken muss, wie man das bewerkstelligt. Man muss die Autorität des Waqf ausdünnen und andere islamische Einflüsse schwächen, die die Stimmung speziell auf dem Tempelberg und überhaupt in Israel anstacheln. Wenn wir die Gesetze des Staates Israels respektieren und deren Einhaltung durch Juden und Araber in gleicher Weise durchsetzen, würde das in ausreichender Weise die Bedrohung neutralisieren und den Juden wie den Moslems Freiheit der Religionsausübung auf dem Tempelberg ermöglichen".

Das Narrativ, das wir seit fast 50 Jahren pflegen und nach dem "die Klagemauer in unseren Händen" und "Jerusalem den drei Religionen heilig" ist, scheint das genaue Gegenteil von dem zu bewirken, was es eigentlich bewirken sollte: Anstatt für Ruhe zwischen den großen Religionen und zwischen uns und den Völkern der Welt zu sorgen, ermutigt es ein Wuchern von extremistischen Vereinigungen auf dem Tempelberg, Delegitimierung der israelischen Oberhoheit über Jerusalem und ein Vernebeln der historischen Verbindung zwischen dem Volk Israel und seiner Hauptstadt. Diese Realität zwingt das Volk Israel dazu, Verantwortung für den spirituellen Schlüssel zu zeigen, der in seine Hände gelegt wurde und ihn nicht in den Händen des Waqf zu belassen. Darauf warten Hunderte von Millionen auf der ganzen Welt, und weitere Milliarden, die nicht wissen, dass sie darauf warten.
"Es kann sein, dass man sich der Hilfe der Evangelisten und anderer Bürger der Welt bedienen sollte, die an die Rechte der Juden auf Jerusalem glauben", fügt Glick hinzu, "ich denke aber, dass es mit dem Bestehen auf eine ausgewogene Durchsetzung der Einhaltung der Gesetze beginnt. Solange wir das nicht tun und unsere Oberhoheit nicht geltend machen - wie können wir dann von Anderen auf der Welt erwarten, sie zu respektieren?".