mmcap6

DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Anschrift: Sderot Hame'iri 2
Kirjat Mosche / P.O.B. 34107
IL - 9134002 Jerusalem ISRAEL 
Tel. +972 2 6511906
Fax +972 2 6514820            
www.meirtv.co.il  torah@meirtv.co.il
für Kinder: www.meirkids.co.il

EINZELHEITEN ZU MACHON MEIR/KIMIZION UND VIELE ANDERE INTERESSANTE INFORMATIONEN FINDEN SIE  IN DEN AUSGABEN DES AKTUELLEN JAHRGANGS

Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT ZAW
Nr. 1114
12. Nissan  5777

Diese Woche in der Tora (Lev. 6,1 - 8,36):

Ausführungsvorschriften für das Ganzopfer, Mehlopfer, Sühnopfer, Schuldopfer, freiwillige Opfer; Amtseinsetzung Aharons und seiner Söhne als Priester (Kohanim) und Heiligung der Dienstgeräte, dazugehörige Opfer.

Haftara: Maleachi 3,4-24


Schabbat Hagadol

 
 


Der Stand der Dinge...
Schabbat Hagadol - In jenen Tagen zu dieser Zeit
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

"Den Schabbat vor Pessach nennt man 'den Großen Schabbat' wegen des Wunders, das an ihm geschah" (Schulchan Aruch O.C. §430,1). Und worin bestand dieses Wunder? "Im Jahr, als sie aus Ägypten auszogen, fiel der 10.Nissan auf Schabbat, und jeder Israelit nahm ein Lamm als Pessachtier und band es an seinen Bettpfosten, wie geschrieben steht: Am zehnten dieses Monats nehme sich ein Jeglicher von ihnen ein Lamm für ein Stammhaus etc. (Ex. 12,3). Die Ägypter sahen dies und fragten sie: Was soll euch das? Und sie antworteten: 'Um es als Pessach, wie uns von G~tt geboten, zu schlachten', und sie mussten machtlos zusehen, wie man ihre Götter schlachtet, und konnten kein Wort hervorbringen. Und weil damals der Zehnte des Monats auf Schabbat fiel, bestimmte man auf ewig, den Schabbat vor Pessach 'Schabbat Hagadol' zu nennen" (Mischna brura ebda.). Wegen dieses großen Wunders bestimmte man, den Schabbat vor Pessach 'Schabbat Hagadol' zu nennen.

Das erste Mal in ihrer Geschichte, dass die Israeliten etwas gegen die Ägypter unternahmen, die sie Hunderte von Jahren versklavt hatten, und gegen deren Glauben, vollkommen offen und ohne Furcht und Zittern, mit denen sie ihnen noch vorher begegnet waren. Das erste Mal, dass das jüdische Volk den Geschmack von Freiheit und Ungebundenheit verspürte.

Sie taten dies nicht mit der Waffe in der Hand und im Kampf gegen die Ägypter, sondern in ihrem Vertrauen auf G~tt und dessen Vermögen, sie zu retten, selbst wo sie sich noch im finsteren und furchtbaren Exil Ägyptens befanden. Das große Wunder zeigte sich durch den Beistand G~ttes, der dem Volk Israel zuteilwurde, "der unser gedachte in unserer Erniedrigung, denn ewiglich währt seine Huld" (Psalm 136,23) - in seiner großen Liebe zu seinem Erstgeborenen.

Nach dem Stand der Dinge hat das Volk Israel, nachdem wir den Geschmack unserer ersten Freiheit am Schabbat vor dem Auszug aus Ägypten gekostet hatten, seinen Weg durch Tausende von Jahren gemacht, mit Höhen und Tiefen, Erster und Zweiter Tempel, 2000 Jahre Exil und bis auf den heutigen Tag, an dem uns die Rückkehr nach dem Land Israel und der Geschmack von Freiheit und Unabhängigkeit im Land unseres Lebens vergönnt sind. In den Worten des Propheten: "So wahr der Ewige lebt, der heraufgebracht und herbeigeführt die Nachkommen des Hauses Israels aus dem Lande des Nordens und aus all den Ländern, wohin ich sie verstoßen habe, dass sie auf ihrem Boden bleiben" (Jirmijahu 23,8). Und wie die talmudischen Weisen zu Ben Soma sagten: "Nicht etwa, dass die Erwähnung des Auszuges aus Ägypten ganz abgeschafft werden wird, vielmehr wird die [Erlösung aus der] Knechtschaft der Regierungen Hauptsache, der Auszug aus Ägypten Nebensache sein" (Brachot 12b). Genau wie heute...

Mit Segenswünschen für ein frohes und koscheres Pessachfest,
Rav Dov Begon



Frage und Antwort

Wer ist hier der Sklave?
    

Rav Joni Lavi
Rabbiner an MACHON MEIR

RavYoniLavi

Frage: Halloo, Herr Rabbiner, hier spricht Schimi. Kann ich Sie mal was Persönliches fragen?

Antwort: Bitte sehr.

F. Sagen Sie mal die Wahrheit, wie steht's bei Ihnen mit Pessach?

A. Ausgezeichnet. Ich erwarte schon voller Ungeduld das Fest der Freiheit.

F. Nein, nun mal im Ernst, Herr Rabbiner, scheint Ihnen das logisch, sich einen ganzen Monat mit Hausputz verrückt zu machen, einen totalen Krieg gegen das Chamez zu führen, eine ganze Woche lang an Pappkartonscheiben zu nagen - und all das wegen einer steinalten prähistorischen Geschichte vom Auszug aus Ägypten?! Hand aufs Herz - ist das nicht alles enorm übertrieben?

A. Du stellst eine ganz ausgezeichnete Frage, Schimi, und ich will sie sogar noch bestärken. In Wirklichkeit nämlich reden wir nicht nur an Pessach vom Auszug aus Ägypten. Wir machen das das ganze Jahr lang. Praktisch vergeht kein Tag, an dem wir ihn im Gebet nicht mehrmals erwähnten. Es gibt -zig Gebote "zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten", darunter einige, bei denen man auf den ersten Blick keinen Zusammenhang damit erkennen kann (z.B. beim Zinsverbot). Sogar das erste von den Zehn Geboten begnügt sich nicht mit der Feststellung: "Ich bin der Ewige, dein G~tt", sondern fährt fort und betont: "der dich aus dem Lande Ägypten geführt" (Ex. 20,2). Wozu das?! Ist denn ein Ereignis, das mehr als dreitausend Jahre zurückliegt, wirklich noch so relevant in unserem Leben hier und heute?!

F. Prima, Herr Rabbiner. Endlich jemand, der mich wirklich versteht. Also kurz gesagt, in Wahrheit sollte man dieses ganze Trara und Durcheinander um Pessach gelassener sehen und es auf eine normale Größe zurückschrauben, oder etwa nicht?

A. Dies ist durchaus eine mögliche Schlussfolgerung. Ich ziehe allerdings eine andere vor, nämlich zu versuchen, den tieferen Sinn herauszufinden, warum das so ist. Wie wurde diese alte Geschichte zu einem der Grundpfeiler des Judentums? Wenn wir einmal wirklich ihre Bedeutung verstehen, werden wir vielleicht plötzlich entdecken, dass der Kampf um den Auszug aus Ägypten nicht nur eines von vielen Ereignissen in der Vergangenheit war, sondern den fundamentalsten Kampf in unserem heutigen Leben darstellt. Vielleicht werden wir dann begreifen, dass es auch in unserem eigenen Leben einen 'Pharao' gibt, der uns versklavt (vielleicht sogar mehr als einen...), und dass es auch alle möglichen 'Moschehs' gibt, die uns bei unserer Befreiung helfen können (wenn es uns nur gelänge, sie zu erkennen und ihnen zuzuhören...). Es gibt Momente naher Verzweiflung 'am Rande des Schilfmeers', wenn es scheint, als sei alles verloren und wir steckten in einer Sackgasse, und keine Hilfe ist weit und breit in Sicht. Und dann gibt es Dinge, die uns helfen können, 'das Schilfmeer zu spalten' und in unser 'gelobtes Land' zu gelangen...

F. Herr Rabbiner, ich weiß nicht, was Sie wollen. Wir leben im Staat Israel, im Jahr 2017. Kein ägyptischer Sklaventreiber hat mich unter seiner Fuchtel und zwingt mich, Riesenblöcke zum Bau der Pyramiden zu schleppen. Wir sind doch heute vollkommen frei. Ein sonniges Leben...

A. Richtig, es ist uns beschieden, im Zeitalter der Erlösung zu leben. Die wirtschaftliche Lage entwickelt sich ausgezeichnet, wir befinden uns in einer der besten Epochen unserer Geschichte. Und dennoch - versklavt zu sein bedeutet nicht unbedingt schwere körperliche Arbeit. Auch ein Mensch, der sich völlig frei sieht, kann an Gewohnheiten gebunden sein, an Stigmen, Ängste und vorgefertigte Meinungen, und auch er muss sich von den Beschränkungen befreien, die ihn einengen. Sklaverei braucht nicht auszusehen wie dieser brutale ägyptische Antreiber, der dich zwingt, Ziegel zu schleppen. Sie kann in glänzendes Zellophan verpackt sein, das eine tiefe seelische Knechtschaft verschleiert. Die Sedernacht ist eine seltene Gelegenheit, ein wunderbares Geschenk, das wir einmal im Jahr erhalten, einmal richtig Ordnung (Seder) zu schaffen, nicht nur im Haus, sondern vor allem in unserer Seele und in unserem Leben. Sich wach zu rütteln, sich zu befreien, sich zu reinigen, einige Sachen hinauszuwerfen, Explosives aus dem Weg zu räumen, und durch all das - sich zu erneuern.

F. Verzeihung, Herr Rabbiner, ich glaube, ich habe nicht so ganz mitgekriegt, worauf Sie hinauswollen. Können Sie mal ein Beispiel nennen?

A. Sieh mal, Schimi, wenn du einen Menschen auf der Straße fragst: "Sind Sie frei?", wird er ohne zu zögern mit "Ja" antworten. Und dennoch - ein Mensch, der in dieser modernen Zeit lebt und an verschiedene Medien und soziale Netzwerke angeschlossen ist, steht ständig unter enormem Druck. Wie man sich anziehen und verhalten soll, was man essen und sogar was man denken soll. Er kauft Dinge nur, weil sie gerade im 'Sonderangebot' sind oder 'weil schon alle Anderen es gekauft haben', er kleidet sich nach der 'Mode' und umgibt sich mit Markenartikeln, 'weil man so erscheinen muss, wenn man in sein will'.

Mit Hilfe von Google und Wikipedia scheint ihm, als wäre er allwissend, wo er kaum etwas über sich selbst weiß. Er ist angeschlossen und mit der ganzen Welt verbunden über die virtualen und mobilen Netze, und es fällt ihm nicht auf, dass er sich genau deswegen manchmal von seinen allernächsten Mitmenschen abkapselt. Er hat sich bereits an die Kommunikation durch Kurzmitteilungen und Facebook und das Fotografieren mitten in einem Treffen mit Freunden, beim Ausflug oder während des Gebetes gewöhnt, und er merkt nicht, wie zwar sein cleveres Handy auf Hochtouren arbeitet, seine Seele aber abgeschaltet bleibt... Er verbringt Stunden vor irgendwelchen Bildschirmen und hetzt von einer Aufgabe zur anderen, bis er gar nicht mehr darüber nachdenkt, wie diese Bildschirme ihn von seinem eigenen Selbst trennen, von der Welt von Prinzipien und Geist, die tief in seinem Inneren existiert.

Es gelang ihm schon zu vergessen, dass der Wert des Menschen nicht nach der Anzahl von Freunden auf Facebook und der Anzahl von 'Gefällt mir' gemessen wird, die er angesammelt hat, und dass Geld und erfolgreiche Karriere keinen Maßstab für die Bedeutung von Menschen bilden. Vielleicht ist er sogar religiös, aber Tora und Gebotsausübung wurden bei ihm zur Gewohnheit, auf mechanische und trockene Weise, und er hat schon lange vergessen, wann er das letzte Mal aus innerstem Herzen gebetet hat, bis hin zu Tränen in den Augen...

F. Oha, Herr Rabbiner, jetzt haben Sir mir aber ganz schön zugesetzt. Ich habe um ein einziges Beispiel gebeten, und Sie haben mich mit dreißig bombardiert. Trotzdem, im Großen und Ganzen habe ich die Idee verstanden und habe das auch bei einem guten Freund gespürt, der wirklich nach Zigaretten süchtig war. Er fing damit im Kleinen an, nur so aus Spaß, und langsam aber sicher wurde es immer schlimmer, bis er zwei bis drei Pakete am Tag rauchte. Es ging soweit, dass er ohne Zigarette praktisch durchdrehte, und am Ende, obwohl er ein religiöser Junge war, konnte er sich nicht mehr beherrschen und begann, auch am Schabbat zu rauchen...

A. Das ist wirklich ein deutliches Beispiel dafür, wie sich eine Gewohnheit des Menschen bemächtigen und ihn dazu bringen kann, Dinge zu tun, die sich selbst und seiner Umgebung schaden. Vielleicht ist das auch eine der Ideen, die hinter der Sache mit Chamez und Matza stehen (der Pappkarton, wie du das nanntest...). Die Matza symbolisiert das Wesen des Menschen an sich, den Teil in seinem Inneren, der immer zum Guten strebt.

Das Chamez symbolisiert alle Gewohnheiten und äußerliche Bestrebungen, die sich der Mensch wegen diverser Sachzwänge und einem Mangel an genauerer Betrachtung zulegte. Diese Dinge sind wie Parasiten, die auf der Seele sitzen und sie quälen, sie schwächen und ihr die Kraft nehmen, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen. Pessach bietet uns die Gelegenheit, das ganze System neu zu starten. Dieses Fest lehrt uns, alles 'Chamez' von unserer Seele abzuschütteln - alle Eigenarten, Eigenschaften und Verhaltensweisen, die sich wie uns verkleiden, und mutig mit unserem wahren Selbst zu verbleiben. Was sagst du dazu, Schimi? Kannst du dir drei Dinge vorstellen, von denen du dich an diesem Pessach befreien willst und im kommenden Jahr ein klein wenig freier zu sein, etwas mehr du selbst?