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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJIKRA
Nr. 1113
5. Nissan  5777

Diese Woche in der Tora (Lev. 1,1 - 5,26):

Der Opferdienst: welche Tiere oder Nahrung, wer, wo, wie und wofür; die zentrale Bedeutung der Kohanim (Priester) und des Wüstenheiligtums (Vorläufer des Tempels in Jerusalem).

Haftara: Jeschajahu 43, 21-28, 44, 1-23

   


HaRav Zwi Jehuda Kuk 

Göttliches Erbarmen?

Rav David Landau 
Rabbiner an MACHON MEIR

Rav Zvi Jehuda Kuk

"Natürlich erhebt sich da die Frage: Was soll denn dann das Erbarmen G~ttes, wenn er doch mit jedem Vergehen streng ins Gericht geht?" (Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto, "Der Weg der Frommen", 4.Kap.). Die göttliche Eigenschaft des Erbarmens ist doch allgemein bekannt, aber wenn man auf furchtbare und drohende Weise streng nach dem Buchstaben des Gesetzes geht, ohne jegliches Einlenken, wozu dient dann die göttliche Eigenschaft des Erbarmens? "Die Antwort: Sicherlich beruht auf dem Erbarmen G~ttes der Bestand der Welt, ohne sie wäre er gar nicht denkbar, und trotzdem kommt das strenge Recht nicht zu kurz. Und das ist so zu verstehen: Nach dem Prinzip des strengen Rechts müsste den Sünder unmittelbar nach der Tat ohne Verzögerung die Strafe treffen". Jeder Mensch der sündigt, übertritt ein Gebot des Königs. Jede Sünde richtet sich gegen die "göttliche Harmonie" (Rabbiner A.J.Kuk, Orot HaTschuwa). Jede Sünde bedeutet eine Dissonanz, Zerstörung einer harmonischen Wirklichkeit. Unbeabsichtigt gilt die Sünde als leichter, absichtlich wiegt sie schwerer, aber auf jeden Fall rüttelt sie an der königlichen, herrschaftlichen Ordnung und an der Natur. Darum "müsste nach dem Prinzip des strengen Rechts den Sünder unmittelbar nach der Tat ohne Verzögerung die Strafe treffen, die Strafe müsste ihn ferner mit der ganzen Wucht des göttlichen Zornes treffen", als Auflehnung gegen das Königtum, "wie es dem, der sich gegen G~ttes Befehl auflehnt, gebührt, und drittens müsste die Sünde gar nicht gut zu machen sein. In der Tat, wie kann man eigentlich gut machen, was man begangen hat, wenn das Verbrechen bereits geschehen ist?". Taten, die ein Mensch einem anderen antut, kann man vergeben, wenn er um Verzeihung bittet, das geht jedoch nicht bei Taten gegen die Herrschaftsordnung. "Aber das Erbarmen G~ttes hebt diese drei erwähnten Momente auf. Dem Sünder wird eine Frist gewährt, er wird nicht sofort von der Erde getilgt". Einfach ausgedrückt löst die Sünde augenblicklich eine Erschütterung aus, einen lodernden Brand. Dennoch erscheint die Strafe nicht sofort. Diese Verzögerung ermöglicht, einen Weg der Versöhnung zu finden. Sofortige Bestrafung - das wäre ein schrecklicher Zustand. Darum "wird dem Sünder eine Frist gewährt, er wird nicht sofort von der Erde getilgt".

Noch ein Punkt, bezüglich der Qualität der Strafe. Handelt es sich doch um eine Auflehnung gegen die Königsherrschaft - was gibt es da zu bereden?! Verrat! Rebellion! Darum sorgt das göttliche Erbarmen dafür, dass die Strafe nicht so ganz der Schwere der Sünde entspricht, die ja wirklich die Königsherrschaft angriff, "die Strafe trifft ihn nicht bis zur Vernichtung".

Der dritte Punkt: "Und in umfassender Liebe wird die Rückkehr (Tschuwa) den Sündern ermöglicht". Natürlich ist hier von echter Tschuwa die Rede. Ehrliche Tschuwa beginnt mit der Reue. Eine Tschuwa aus wahrer Erkenntnis und wahrem Gefühl heraus bedeutet die Ausmerzung der Sündenrealität von ihrer Wurzel aus, und ihre Beendigung. Hier heißt es nur kurz: "die Aufhebung des Willensaktes wird für die Aufhebung der Tat genommen". Die Tat wird von der Wurzel ausgemerzt und hat nichts mehr mit der Seele zu tun.

"Dieses wahrhaftige Erbarmen entspringt sicher nicht dem Prinzip des strengen Rechts, aber es bleibt eben immer nur Erbarmen, es hebt nicht das Recht völlig auf. Man kann die Sache ja auch so auffassen: Für den Willensakt, der zur Zeit der Sünde vorhanden war, und für den Genuss, den sie ihm bereitet, tritt jetzt die Reue ein und der Schmerz. ... So ist es auch mit anderen Akten der göttlichen Liebe ... was die Weisen erwähnen, zu den Akten der göttlichen Liebe gehört, das Wenige als das Viele anzunehmen, aber sie sind kein Gegenbeweis, sie widersprechen nicht wirklich dem Prinzip des strengen Rechts, sie haben an und für sich ihre gute Bedeutung, doch dass Vergehen übersehen würden oder unbeachtet blieben, das wäre gegen jedes Recht".





Am Schabbes-Tisch...


Menschliches und Tierisches

Rav Siw Raweh
Rabbiner an MACHON MEIR

RavRaweh

Ein 'westlicher' Mensch von den Völkern, 'aufgeklärt und zivilisiert', der sich die ersten Wochenabschnitte des Buches Wajikra ("Leviticus") betrachtet, könnte uns für primitiv halten. Seine Zweifel mögen ihn zu vielen Fragen veranlassen, und zwar zu unserem spirituellen Bestreben, Tieropfer darzubringen, ihr Fleisch zu essen und ihr Blut an den Altar zu sprengen; was hat denn das arme Tier verbrochen, und welche Sühne gibt es denn hier, wenn der sündige Mensch es darbringt?

Man kann so einem Menschen, der die Welt seinen prüfenden, aber oberflächlichen und nicht engagierten Blicken aussetzt, schwer etwas vorwerfen. Die Schlachtung von Opfern würde sich wahrscheinlich nicht besonders gut auf Youtube machen - doch nicht daran wird der Wert irgendeines der göttlichen Gebote gemessen.

Gehen wir der Sache einmal auf den Grund. Der Opferdienst gibt der Sehnsucht einen Ausdruck, die gesamte Wirklichkeit zu vervollkommnen und sie auf eine höhere spirituelle Stufe zu erheben, nicht nur die des Volkes Israel, sondern die aller Völker zusammen, ebenso die ganze Tier- und Pflanzenwelt und alles Leblose, und der Einfluss dieses Dienstes dringt sogar bis zur spirituellen Oberwelt vor. Viele einleitende Erklärungen aus der Welt des Verborgenen, die nicht einmal jedem Menschen zugänglich sind, behandeln bloß den Beginn eines Verstehens der Worte: "Wenn jemand von euch dem Ewigen ein Opfer darbringen will, bringet eure Opfer dar vom Vieh, vom Rindvieh wie vom Kleinvieh" (Lev. 1,2).

In der ganzen Schöpfungsgeschichte wurde der Mensch zuallerletzt geschaffen, und alle Arten Geschöpfe, die höheren wie die niederen, gaben ihm etwas von sich, wie es heißt: "Und G~tt sprach" zu allen Bestandteilen der Schöpfung, "lasst uns einen Menschen machen" (Gen. 1,26). Diese Kreation, der Mensch, mit einem Anteil von Allem, bringt die göttliche Absicht zum Ausdruck, dass der Mensch auf alle Ebenen der Wirklichkeit einen Einfluss ausübe (Nefesch Hachajim I,6). So ist der Mensch gemacht aus Material vom Leblosen, "Staub vom Erdboden" (Gen. 2,7), und es finden sich in ihm Kräfte des Wachstums, der Bewegung und das Gefühl des Lebens. Und über alledem wurde ihm das Niveau des Menschen gegeben, "und hauchte in sein Antlitz Odem des Lebens" (ebda.), das 'Ebenbild G~ttes', Verstand, Sprache und Entscheidungsfreiheit. Auf diese Weise schuf der Herr der Welt ein System von göttlichen Einflüssen auf die verschiedenen Ebenen der Realität, die vom moralischen Zustand des Menschen gesteuert werden. Sollte der Mensch seinen Körper in freier Wahl neigen, sich vom Rat seiner Seele leiten zu lassen, in G~ttesfurcht, in Heiligkeit und Reinheit, würde sich entsprechend die göttliche Präsenz einfinden und den 'großen Menschen' leiten, nämlich die Welt, in herrlicher Erleuchtung und strahlendem Antlitz, und wenn nicht, g~ttbehüte - das Gegenteil. Alle Geschöpfe scheinen individuelle Wesen zu sein, doch praktisch bilden sie einen einzigen Körper für die göttliche Präsenz, und erhalten ihre Lebendigkeit in direktem Verhältnis zum moralischen Lebenswandel des Menschen.

Der Mensch setzt sich aus allen Geschöpfen zusammen. Nur dem äußeren Anschein nach unterscheidet er sich vom Tier, doch in Wirklichkeit ist er mit ihm vereint. Das ist der Grund dafür, dass vor der Sintflut, als der Mensch seinen Lebenswandel verdarb, auch die Tiere untereinander mit anderen Arten "fremdgingen"; es heißt nicht: "denn jeder Mensch hatte verderbt seinen Wandel auf Erden", sondern "denn alles Fleisch hatte verderbt seinen Wandel auf Erden" (Gen. 6,12; Midrasch raba). Die tierische Seele im Menschen repräsentiert genauestens die tierische Ebene des Menschen, sie hat ihren Platz in den äußeren Sphären seiner Persönlichkeit. Sie verleitet den Menschen zum Materiellen, "und von ihr stammen alle schlechten Eigenschaften, von ihren vier schlechten Elementen, nämlich Zorn und Stolz vom Element des Feuers, das sich immer nach oben erhebt, die Genusssucht vom Element des Wassers, denn Wasser lässt allerlei Genüsse sprießen, Ausschweifungen, Lästerei, Selbstverherrlichung und Zeitvertreibe vom Element des Windes, und Faulheit und Traurigkeit vom Element des Staubes" (Sefer HaTanja, 1.Kap.).

Die Opferung des Tieres im Tempel, der Ort, der die ganze Existenz an ihrer höchsten Wurzel vereint, wirkt hin auf die Vervollkommnung der Wurzel 'Tier' der allgemeinen Wirklichkeit, und damit automatisch auch der Seele des Menschen. Auf diese Weise wird die tierische Äußerlichkeit, durch die sich der Mensch zur Sünde verleiten lässt, nach und nach gemildert, die Verunstaltung von 'hohem Feuer' verbrannt, und der Wurzel der tierischen Seele im Menschen Verdienstlichkeit und Reinheit zugeleitet, denn Alles entstammt einer einzigen Wurzel, und der Mensch wird entsühnt. Generell erhebt das Opfern der Opfertiere die Welt zu ihrer göttlichen Wurzel und bringt die göttliche Präsenz in unsere materielle Welt. Dadurch werden die Mangelhaftigkeit und die Finsternis des Materiellen abgeschwächt, die Einheit G~ttes tritt stärker in Erscheinung, die Vorstellungskraft wird rein, die Prophetie rückt in greifbare Nähe, göttlicher Einfluss, göttliche Lenkung und göttliche Oberaufsicht werden stärker, und immer mehr Tore des Lichtes und des Segens, spirituelle und materielle, öffnen sich. Dieser Prozess verkörpert das genaue Gegenteil der hedonistischen Kultur eines Achaschwerosch, der zu seinem Gelage die Gefäße des Tempels hervorholte und das Heilige dem Tierischen unterwarf, das 'Ebenbild G~ttes' der Genusssucht und der Niedrigkeit. Der Dienst im Heiligtum verbindet die Wirklichkeit mit der in ihrem Inneren festgeschriebenen Bestimmung und alle unteren Stufen bewegen sich aufwärts - zusammen mit der Wurzel des Tierischen, die ihre negativen Aspekte verliert, zusammen mit dem Leblosen, verkörpert durch Wasser und Salz, die auf dem Altar dargebracht werden, der Pflanzenwelt, verkörpert durch die Mehlopfer, Feinmehl, Olivenöl und Wein, und natürlich mit der ganzen Menschheit, verkörpert durch die Priester (Kohanim) und ihren Dienst, die Leviten auf ihrer Empore, und die Israeliten bei ihrer Versammlung dort.

"Da steht der Mensch und wundert sich: Welche Notwendigkeit besteht denn für diese massenhaften Werke und all die seltsamen und vielfältigen Geschöpfe, und er versteht nicht, wie all dies eine einzige große Einheit bildet. ... Wenn du dich wunderst, wie du sprichst, hörst, riechst, spürst, siehst, verstehst und fühlst, kehre um zu deiner Seele, denn alles Leben, und alles, was dessen Herrichtung voranging, alle versorgen dein ganzes Sein im Übermaß. Selbst der kleinste Punkt ist nicht überflüssig, alles wird gebraucht und alles dient seiner Aufgabe. Du befindest dich in allem, was rangmäßig unter dir ist, und du bist verbunden und steigst auf mit dem über dich Erhabenen" (Orot Hakodesch II, S.361).