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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJELECH
Nr. 1089
6. Tischri  5777


EINZELHEITEN ZU MACHON MEIR/KIMIZION UND VIELE ANDERE INTERESSANTE INFORMATIONEN FINDEN SIE  IN DEN AUSGABEN DES AKTUELLEN JAHRGANGS

Diese Woche in der Tora (Dt. 31,1-31,30):

Moschehs 120. Geburtstag, moralische Unterstützung für seinen Nachfolger, Jehoschua, Ausblick auf die Zukunft, Wohlstand wird zur Abwendung von G~tt und Strafe führen.

Haftara: Hoschea 14,2-10, Jo'el 2,15-27

Schabbat Schuwa

Mittwoch: Jom Kippur




HaRav Aviner

Tschuwa der Welt und Tschuwa des Einzelnen
 

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim/Jeruschalajim" in der Jerusalemer Altstadt

Über die Tschuwa wird im Allgemeinen auf der persönlichen Ebene geredet, als Angelegenheit des Individuums in seinem persönlichen Leben (als bußfertige Umkehr). Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) erklärte die Tschuwa als eine allgemeine spirituelle Bewegung. Es gibt nicht nur die Tschuwa des Einzelnen, sondern auch die Tschuwa der Nation und die Tschuwa allen Seins, die Tschuwa aller Welten. "Die Tschuwa ging der Welt voran" - die Tschuwa existierte schon, bevor es Menschen gab, bevor es Sünden und Sünder gab. Sie ist das Wesen und die Existenzgrundlage der Welt. Die Tschuwa des Einzelnen bildet einen Bestandteil des Tschuwa - Prozesses der Welt, und darum wird dem Umkehrer vergeben und mit ihm der ganzen Welt.

Die Tschuwa beginnt nicht beim Einzelnen, vielmehr reißt der Strom der Tschuwa die ganze Existenz mit sich in einem Sprießen und in spiritueller Erhebung. Die Frage bezüglich des individuellen Menschen lautet, ob er überhaupt merkt, wie sich Alles bewegt und vorankommt? Hört er die Hallstimme der Existenz? Möchte er Teil dieser Entwicklung sein und sich darin einfügen, Partner sein und seinen Beitrag zur Vervollkommnung leisten? - Oder vielleicht nicht, vielleicht spürt er nichts und empfängt nichts, glaubt, alles sei bewegungslos, und so bleibt auch er bewegungslos und eingefroren in seiner Kleinheit.

Die Welt befindet sich in Wirren, die ganze Existenz ist erbärmlich und gebrochen, sie erhebt sich nur langsam und unter furchtbaren Kämpfen. Das ist ein weltenweiter Krieg. Die Existenz brüllt wie eine Löwin und ruft aus ihren Leiden nach der absoluten Vervollkommnung. "Jeden Tag kommt eine himmlische Stimme vom Berg Choreb, sie ruft laut und spricht: Wehe den Menschen ob der Zurücksetzung der Tora" (Sprüche der Väter, 6.Kap.). Eine Weltenstimme, die dem Menschen zuruft: Hörst du denn nicht? Spürst du denn nicht den Schmerz? Spürst du denn nicht die Zurücksetzung? - Manchmal hört der Mensch. Er hört die himmlische Stimme, eine lautlose Stimme, mit seinem inneren Gehörsinn. Er fühlt, so kann es nicht weitergehen. Von der Kraft des Negativen des gegenwärtigen Zustands, von der Kraft des Fehlenden wird er angetrieben, zu verbessern und zu vervollkommnen. Er spürt den Widerhall des weltweiten Krieges und erfüllt sich mit der Kraft, Teil der Kämpfer zu sein in diesem Krieg der Vervollkommnung. Wie ein richtiger Soldat, wenn er sich verlassen und einsam im Gelände befindet, sein Kampfeswille abnimmt; wenn er sich aber mitten im Kampfgetümmel befindet an der Seite seiner Kameraden, während Kampfgeschrei und Explosionen ringsum zu hören sind, dann erfüllt er sich mit der Kraft, seinen Teil am Kampf zu leisten. Der 'hörende' Mensch möchte an der allgemeinen spirituellen Erhebung teilhaben und diese Entwicklung nicht behindern. Er hat Lust zu solcher Erhebung. Diese sind die Gedanken der Tschuwa, sie beginnen nicht bei ihm, sondern bei der ganzen Existenz. Er nahm nur in seine Innerlichkeit die Hallstimme des Seins auf, und deren Anhören löst bei ihm Gedanken der Tschuwa aus und einen Drang zur Verbesserung.

Wenn ein Mensch in Tschuwa umkehrt, nehme er nicht nur seine persönlichen spirituellen Probleme zum Anlass. Das ist Kleinlichkeit und Egoismus. Vielmehr tue er Tschuwa als Teil des Volkes Israel und der Welt. Würde der Mensch nur für sich selbst existieren, liefe er Gefahr, sich selbst aufzugeben, fürchtend, vom Land des Lebens abgetrennt zu sein: Ich selbst bin doch sowieso verloren... Er existiert aber nicht alleine, er trägt Verantwortung für die gesamte Existenz.

Wenn der Mensch den Schmerz der ganzen Welt hört, erwacht in ihm der Trieb zur Verbesserung. Dieser idealistische Instinkt zur Verbesserung beginnt nicht bei einer egoistischen Betrachtungsweise, sondern von einer Verantwortung für und der Partnerschaft an der ganzen Welt.

Natürlich muss der Mensch zuerst vor Allem sich selbst verbessern und nicht Anderen Moralpredigten halten, denn dann wäre er wie ein Priester, der in Unreinheit dient. Doch auf jeden Fall entspringt auch die individuelle Verbesserung einem allgemeinem Bewusstsein, und die Lust auf Verbesserung kommt vor allem im Willen zum Ausdruck, diesen Teil der Existenz, das eigene Ich, die eigene individuelle Persönlichkeit von ihren Problemen zu befreien. Die persönlich-intime Tschuwa wird von der allgemeinen Idee aufgesogen.

Das Gerede von Allgemeinheit, der 'Gemeinschaft Israels', oder der 'allgemeinen Existenz' erzeugt manchmal Missverständnisse. Als ob diese Ideen die Bedeutung des Einzelnen vernachlässigten und verkleinerten. Manche sagen: Die Allgemeinheit ist nicht Alles, man muss den Einzelnen anleiten in seinen Verwicklungen, seinem Versagen und seinen Bestrebungen. Das ist sicher richtig. Individuelle Anleitung ist notwendig, aber nur abgeleitet vom Verständnis des Allgemeinen. Die Idee von der 'Allgemeinheit' verdrängt den Einzelnen nicht, sondern erhebt ihn.

So wie sich der göttliche Ausspruch "es werde Licht" in jeder Hinsicht seinen Weg bahnt - auf dem Gebiet der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Heiligkeit, der Gesellschaftsordnung - und sich die ganze Welt vom Geiste des göttlichen Ausspruchs in einem immerwährenden Prozess der Tschuwa befindet, so befindet sich auch der Einzelne alle seine Tage in konstanter Tschuwa. Von Schlecht zu Gut und von Kleinheit zu Größe. Immer vorwärts streben und nicht stehen bleiben.

Darin besteht die Partnerschaft zwischen dem Herrn der Welt und dem Menschen. G~tt "ließ die Tschuwa der Welt vorangehen", und dadurch ist die Welt voll des Strömens und des Antriebs zur Tschuwa von den himmlischen Höhen und aus den Tiefen der Seele, von wo die Stimme G~ttes den Menschen ruft. Gedanken von Tschuwa durchströmen ihn die ganze Zeit. Auch die Bösewichte sind voller Bedauern. Die Frage ist, was der Mensch daraus macht. Er hat die Entscheidungsfreiheit. Verdrängt er diese Gedanken und flüchtet vor ihnen aus Angst vor der Verantwortung oder aus Verzweiflung, Traurigkeit und Bitterkeit, mit denen sie ihn belasten - oder akzeptiert er sie mit allen damit verbundenen Schwierigkeiten und erhebt sich durch sie.

[aus dem Buch "Tal Chermon" zu den hohen Feiertagen]


HaRav Aviner

Das Komitee zur Ausspionierung von Sünden Anderer
 

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim/Jeruschalajim" in der Jerusalemer Altstadt

Im Jahr 5608 (1848) brach in Wilna eine Choleraepidemie aus. Sogleich begannen die Leute nach Sünden zu suchen und nachzuforschen - bei Anderen. Kam so ein Sündensucher zu Rabbi Israel Salanter und erzählte ihm, dass ABC und XYZ ganz ungeheuerliche Dinge täten. Antwortete ihm Rabbi Salanter: Der Aussätzige wird wegen der Sünde der üblen Nachrede nach außerhalb aller drei Lager verbannt (Archin 16b) - nicht weil er log, denn das Verbot der üblen Nachrede gilt auch für wahre Dinge, sondern weil er Sünden nur bei Anderen sucht. Da sagt ihm der Herr der Welt: Wenn du so ein Fachmann bei der Suche nach Fehlern bist, verlasse das Lager, sitz dort allein für dich und suche deine eigenen Fehler.

Leider gibt es dieses Problem immer noch. Viele wenden sich mündlich, schriftlich oder im Radio an Rabbiner, um sie zu fragen, was Andere tun müssen, um sich zu bessern, oder um sich über Andere zu beschweren, die sich nicht an die Halacha halten. Sie vergessen dabei, dass das Sündenbekenntnis (Widui) in der 1. Person gesagt wird: Wir haben gesündigt, wir handelten verräterisch..., und nicht in der 2. Person: Ihr habt gesündigt, ihr handeltet verräterisch..., und auch nicht in der 3. Person: Sie haben gesündigt, sie handelten verräterisch... Sie sind sich anscheinend nicht bewusst, dass "jeder, der einen anderen disqualifiziert, genau mit diesem Fehler behaftet ist" (Kiduschin 70b). Das ist eine sog. "Übertragung" - der Mensch überträgt negative Aspekte seiner Persönlichkeit auf Andere. Vom Ba'al Schem Tow (Begründer des Chassidismus in Osteuropa) ist der Ausspruch überliefert, dass wenn ein Mensch eine Sünde bei seinem Nächsten sieht, dies ein Hinweis vom Himmel sei, dass er von demselben Vergehen befallen ist.

Vielleicht möge man einwenden: Es gibt doch aber das 'Gebot der Ermahnung'! Dieses Gebot ist allerdings nicht für jedermann geeignet. Schon die talmudischen Weisen bestimmten in der ihnen eigenen Demut, dass nicht jeder zur Ermahnung (bezügl. der Gebotsausübung) berechtigt sei, und wir sind keine größeren Gerechten als sie.

Versuche also bitte nicht, die ganze Welt zu erziehen, sondern erziehe dich selbst. Auch deine Frau erziehe nicht, du bist nicht ihr Erzieher, sondern ihr Freund. Auch du erziehe nicht deinen Ehemann, du bist nicht seine Erzieherin, sondern seine Freundin. Außer wenn die Gegenseite daran interessiert ist. Doch vor dem Loslassen von Kritik und Ermahnung prüfe, ob das der Fall ist, so wie es die höflichen Amerikaner tun, die vor dem Anbringen von Kritik erst mal fragen: Do you want to talk about it? Willst du darüber sprechen? Manchmal ermahnt einer seinen Nächsten nicht aus Sorge um ihn, sondern um sich an ihm abzureagieren.

Die Regel lautet: Erziehe dich selbst und nicht Andere. Vielleicht sagst du dazu: Ich kann doch kein Egoist sein, nur mich selbst erziehen - und was wird aus den Anderen?! Die Antwort ist sehr einfach: Wenn du Tschuwa tust, erhebst du andere und erleuchtest sie - sei es auf offene Weise als leuchtendes Beispiel, sei es auf verborgenen Wegen über die innere Verbundenheit aller Seelen.

Um jemanden ermahnen zu können, muss man der Anleitung Hillels des Älteren folgen: "...der die Menschen liebte und sie zur Lehre führte" (Mischna "Sprüche der Väter", 1.Kap.). Wahre Menschenliebe ist Vorbedingung, Andere der Tora nahezubringen. Und wenn man jemanden wirklich liebt, dann sieht man dessen Vorzüge und hält sich selbst sogar für weniger wert. Schon Nachmanides schrieb in seinem berühmten Lehrbrief, dass sich jeder für weniger wert als den Nächsten halte. - Einmal kam ein Jude von grober Erscheinung und Sprache zum "Alter Rebbe" von Liadi (Begründer des Lubawitsch-Chassidismus, Autor des Tanja), um ihm einen Bittzettel zu übergeben. Der Rabbiner empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln und saß ihm eine ganze Weile in tiefe Gedanken versunken gegenüber. Schließlich wandte er sich an ihn und nahm den Bittzettel in Empfang. Als ihn die Anwesenden später fragten, warum er so lange wartete, antwortete er ihnen: Um einem Juden zu helfen zu können, muss ich vorher fühlen, dass er sich auf einer höheren spirituellen Stufe befindet als ich, und dass ich weniger wert und niederen Ranges bin im Verhältnis zu ihm. Als dieser Mensch bei mir eintrat, fiel es mir sehr schwer, so zu fühlen, und darum bemühte ich mich und arbeitete schwer an mir selbst, bis mir am Ende G~tt half und ich sieben Gründe fand, warum er auf einem höheren Rang steht als ich und ich weniger als er wert bin - und dann nahm ich seinen Bittzettel an.