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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHLACH LECHA
Nr. 1123
23. Sivan  5777

Diese Woche in der Tora (Num. 13,1-15,41):

12 Fürsten kundschaften das Land Kana'an aus; 10 bringen positiven, aber entmutigenden Bericht, 2 optimistisch und verweisen auf göttlichen Beistand; Volk hört auf Mehrheitsbericht, göttliche Strafe: 40 Jahre Wüste, bis Ungläubige ausgestorben sind; jetzt wollen sie doch, aber G~tt lässt sie nicht mehr; weitere Opfergesetze; Strafe für G~tteslästerung; der Holzsammler am Schabbat; Zizit.

Haftara: Jehoschua 2, 1-24


 

Am Schabbes-Tisch...

Der Holzsammler
    

Rav Re'uwen Feuermann
Rabbiner an MACHON MEIR

RavReuwenFeuermann

In unserem Wochenabschnitt erscheint flüchtig zwischen den Zeilen eine unscheinbare und anonyme Figur, von der wir nichts wissen - der "Holzsammler". Es wird erzählt, dass er am Schabbat auszog, Holz zu sammeln, und dass er dafür bestraft wurde - Tod durch Steinigung, auf Weisung G~ttes.

Wer war dieser Holzsammler? Die talmudischen Weisen fragen: Was ist überhaupt der Sinn dieser Geschichte? Was hat Holz in der Wüste zu suchen? Wofür brauchte er das Holz? Sicher nicht zum Heizen, denn es geschah mitten im Sommermonat Aw. Und noch seltsamer wird es, wenn wir berücksichtigen, dass die Todesstrafe der Tora nur dann verhängt werden kann, nachdem der Betreffende vom Bet Din durch zwei Zeugen gewarnt wurde, die Tat nicht zu begehen, und er muss ihnen eine Antwort geben, um zu zeigen, dass er sie gehört und verstanden hat; wir sehen aber, dass der Holzsammler trotz alledem das Verbot übertrat. Es handelt sich einfach um eine unmögliche, unrealistische Situation. Nach den talmudischen Weisen gilt ein Bet Din, dass nur einmal in sieben oder sogar siebzig Jahren die Todesstrafe verhängt, als "tödliches Bet Din". So ein Mensch kann nur ein Selbstmörder sein. Warum also beging er diese Tat?

Die talmudischen Weisen diskutierten all diese Fragen und kamen zu dem Ergebnis, dass sich der Holzsammler einfach geopfert hatte, um das Volk Israel zu retten! Die Geschichte ereignete sich an Tu be'Aw (15. Aw), etwa eine Woche nach der Rückkehr der Kundschafter aus dem Lande Israel. Die Erfüllung der Gebote hat nur eine Bedeutung im Lande Israel, und als die Kinder Israel wegen des Kundschafterberichts weinten und bestraft wurden, bestand die Gefahr, sie kämen zu dem Schluss, sie bräuchten keine Gebote mehr zu erfüllen, da sie ja sowieso nicht ins Land einziehen würden. Der Holzsammler - nach einigen der Weisen Zelofchad, der Vater der gerechten "Töchter Zelofchads", die einen Anteil am Lande Israel verlangten - befürchtete für diesen Fall die schlimmsten Konsequenzen. Und nun, um die ganze israelitische Gemeinschaft vor einer Katastrophe zu bewahren, blieb ihm nichts Anderes übrig als sich zu opfern. Und genau das tat er - er entweihte den Schabbat mit der Absicht, dafür getötet zu werden, damit es Alle sähen und sich fürchteten! Das Volk Israel verstand die Botschaft und fuhr fort, die Gebote zu erfüllen. So bezeugt der Toßafotkommentar (zu Baba batra 119b): Die Geschichte des Holzsammlers ereignete sich zu Beginn der vierzigjährigen Wüstenwanderung, gleich nach der Rückkehr der Kundschafter ... er hatte die Heiligung des Himmels im Sinn!

Die Tora offeriert über ihn keinerlei Einzelheiten, weil sie keine Relevanz besitzen. Sein Privatleben interessiert uns nicht, vielmehr widmete er den Schwerpunkt seines Lebens einer Idee. Er ging voll und ganz in der Idee auf, an die er glaubte, und seine privaten Lebensumstände waren dabei nicht von Bedeutung ... Es gibt Privatmenschen, die nach Bequemlichkeit streben, auch auf der spirituellen Ebene. Es gibt aber auch Idealisten, die ihr Leben hauptsächlich für einen Glauben leben, dem sie ihr Leben widmen. Immer wenn wir Tanach lernen (Tora, Newi'im, Ktuwim = 5 Bücher Moscheh, Propheten, Schriften), müssen wir uns ins Bewusstsein rufen, dass jede Person, die dort erwähnt wird, keine Privatperson darstellt, sondern eine bestimmte Kraft, ein Vorbild, eine Idee, ein Engel, dessen Leben eine Mission hat. Im Tanach gibt es keine einfachen Menschen, die nur so für sich leben, und auch wenn wir Bösewichte kennenlernen, dienen ihre Taten doch der Verwirklichung einer Idee, selbst einer abscheulichen, aber niemals einer privaten.

Die Geschichte des Holzsammlers ist ein klassisches Beispiel für "ein Gebot, das auf dem Wege einer Übertretung erfolgt". Eine Übertretung um des Himmels Willen. Er ist nicht frei von Sünde, aber die Sünde beging er um des Himmels Willen. Dementsprechend ging es dem Holzsammler gar nicht um das Holz. Natürlich werden wir ihn nicht einen Frommen nennen, den schließlich hat der den Schabbat entweiht... Aber so wie er besitzt jede Figur in der Tora eine gewaltige Persönlichkeit, hinter der eine Idee steht. Zum Beispiel Frau Potifar: Bei ihr zeichnen sich die Umrisse einer äußerst korrupten Persönlichkeit ab, doch wenn wir den Erklärungen der talmudischen Weisen folgen, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Vielleicht war sie eine gute Frau, ehrlich, sittsam und ihrem Mann treu, und ihre Taten waren von idealistischen Gedanken motiviert... Die Weisen sagen, sie sah durch Astrologie, dass in der Zukunft der Maschiach ben Josef [der vor dem Maschiach aus der davidischen Linie erscheinen wird] aus ihr hervorgehen würde (Midrasch Bereschit raba 85,2), und sie war nicht bereit, mit verschränkten Armen die Sache abzuwarten (allerdings war es dann ihre Tochter Osnat, die Josef heiratete). Es gibt also Situationen, in denen Leute bereit sind, ein Verbot um des Himmels Willen zu übertreten. So auch Ja'el, Esther, Tamar und andere - zugunsten der Allgemeinheit Israels.

In der Tora kann man nichts einfach wörtlich nehmen, separat von den anderen Verständnisebenen. Wir können die Tora nicht durch oberflächliches Lesen verstehen. Die Tora besteht prinzipiell aus vier Ebenen, Pardes (=Obstgarten) genannt (Pschat, Remes, Drusch, Ssod - einfache Wortbedeutung, Andeutung, Auslegung, kabbalistische Bedeutung). Man gewinnt die einfache Wortbedeutung aus diesem Pardes! Wir verstehen nicht, was geschrieben steht, um zu verstehen, dass wir die Tora nicht nach der einfachen Wortbedeutung verstehen...

Der Talmud erzählt von Raba bar bar Chana, den ein Händler zu den Toten der Wüstengeneration führte, deren Leichen nicht verwest waren. Eine der Leichen lag mit angewinkeltem Bein auf dem Boden, mit angehobenem Knie, und der Geschichte nach ritt der Händler auf seinem Kamel unter diesem Knie hindurch, und selbst mit gestreckter Lanze konnte er es nicht erreichen. Was soll uns das lehren? Die enorme Größe der Wüstengeneration, mit ihren gewaltigen spirituellen Kräften! Große Menschen, bei denen sogar eine Magd am Schilfmeer sah, was der Prophet Jecheskel in allen seinen Prophetien nicht erreichte...

Darum lässt sich die Tora nicht im Zwergenformat erklären, auf Augenhöhe, vielmehr lernen wir Tanach auf Höhe der Seele. Das zeugt davon, wo wir hingehören, mit welchen großen Seelen wir verbunden sind. Alle sind große Menschen. Das Volk Israel ist ein Volk von Geistgewaltigen. Und gerade jetzt, in unserem Zeitalter, beginnen diese Seelen wieder offen zu erscheinen. Seit der Wüstengeneration gab es einen Niedergang durch alle Zeitalter, und erst heute beginnen sich jene Seelen wieder zu rühren - sie kommen ins Land und erbauen das Königtum Israels aufs Neue...

Gewaltige Seelen beginnen sich zu offenbaren, große und wunderbare Seelen, Wurzeln von Seelen, die am Sinai zugegen waren und deren Erscheinen bis heute aufgehalten wurde.

In diesem Geiste ist's würdig zu lernen - wer wir wirklich sind.



Zur Haftara

Jericho - im Brennpunkt


Rav Joaw Uri'el
Rabbiner an MACHON MEIR

Rav Yoav Uriel

Man hätte erwarten können, dass die Kinder Israel zuerst in das Land Israel einziehen, um sich erst danach mit der einzelnen Stadt Jericho zu befassen. Dann wären sie frei gewesen, während ihres ungestörten Aufenthaltes in Gilgal Spione auszusenden und hätten sich dort in Ruhe um Brit Mila und Pessachopfer kümmern können. Tatsächlich finden wir aber, dass Jehoschua die Spione aussandte, noch bevor die Israeliten überhaupt den Jordan überquert hatten.

Anscheinend erfüllt das Ausspionieren Jerichos eine allgemeinere Aufgabe, sie dient nämlich als Vorbereitung für den Eintritt ins Land und die Eroberung der kana'anitischen Völker. Und so erscheint die Stadt Jericho während der ganzen Spionageaffäre im Buch Jehoschua nicht als individuelle Ortschaft, sondern stellvertretend für das ganze Land Kana'an. Als Jehoschua die beiden Spione nach Jericho losschickt, erklärt er, diese Mission beziehe sich auf das ganze Land: "sehet das Land und Jericho" (2,1); der König von Jericho weist Rachaw an: "denn auszuspähen das ganze Land sind sie gekommen" (2,3). Das war kein Irrtum, er verstand sehr wohl, dass das Ausspähen von Jericho das Ausspähen des ganzen Landes bedeutete. Darüber hinaus finden wir, wie Rachaw den beiden Spionen die innersten Gefühle aller Völker Kana'ans offenbart: "Und sie sprach zu den Männern: Ich weiß, dass der Ewige euch dies Land gegeben und dass euer Schrecken auf uns gefallen, und dass alle Bewohner des Landes vor euch in Angst aufgelöst sind" (2,9). Und so lautet der Report der Spione: "Und sie sprachen zu Jehoschua: Ja, gegeben hat der Ewige in unsere Hand das ganze Land; auch sind in Angst aufgelöst alle Bewohner des Landes vor uns" (2,24).

Warum dienen Jericho im Allgemeinen und Rachaw im Besonderen als Stellvertreter für das ganze Land Kana'an? Am Ende des Buches Jehoschua (24,11) finden wir die Auflösung des Rätsels. Dort zeigt sich, dass alle Völker Kana'ans in Jericho eine Vertretung hatten: "Und ihr ginget über den Jarden und kamet nach Jericho, und es stritten mit euch die Leute von Jericho, der Emori, und der Perisi und der Kena'ani und der Chitti und der Girgaschi, der Chiwi und der Jebusi, und ich gab sie in eure Hand".

In einer tiefer gehenden Betrachtung lehrt uns Rabbiner Zadok Hakohen aus Lublin (Dower Zedek, S.125), dass sich in Jericho die Wurzeln aller spirituellen Kräfte der Völker Kana'ans befanden - "und alle Kräfte waren im Lande Israel, wie die talmudischen Weisen sagten (Kohelet raba 2,5), dass König Schlomo im Lande Israel Böden zu finden wusste, die in ihrer Beschaffenheit Böden in anderen Teilen der Welt ähnelten, und darum unterhielt jeder König einen Palast im Lande Israel, genau wo sich die Wurzel seiner Macht und seiner Königsherrschaft befand. Und die Wurzel aller zusammen war in Jericho, und darum heißt sie das Schloss zum Land Israel".

Von allen Möglichkeiten innerhalb der Stadt wählen die Spione ausgerechnet das Haus der Hure Rachaw. Im Talmudtraktat Sewachim (S.116) erklären die Weisen, dass es keinen Fürsten und Machthaber im Lande Kana'an gab, der Rachaw nicht näher bekannt war. Mit anderen Worten: Rachaw war bestens informiert, was in den verschiedenen Stämmen und Strömungen der Völker Kana'ans vorging. Damit war sie eine Art Brennpunkt und Fokus der Stadt Jericho, wo wie gesagt alle Völker vertreten waren. Rachaw war damit die genaueste Messstation der geistigen und psychischen Strömungen der Völker Kana'ans.

Was fanden die beiden Spione bei Rachaw? Die Torakommentatoren Rabbiner Levi ben Gerschon (Ralbag) und Abarbanel erklärten (zu Beginn des 2. Kapitels), dass die Mission der Spione einzig dem Zweck der Bekanntmachung des Volkes Israel mit dem seelischen Zustand der Völker Kana'ans diente. Die Spione wurden ausgesandt, um den Israeliten von der Angst und der Verzweiflung der Kana'aniter zu berichten, auf die sie später im Kampf treffen würden, um so den Mut des Volkes im Hinblick auf die bevorstehenden Kriege und die Eroberung des Landes zu stärken. Rachaw war somit das ideale Mittel zur Erfüllung dieser Mission; sie schilderte ihnen aufgrund persönlicher Bekanntschaft mit den Führern der Völker: "Und wir hörten und unser Mut schmolz und es blieb kein Mut mehr in einem Mann vor euch; denn der Ewige, euer G~tt, er ist G~tt im Himmel oben und auf der Erde hier unten" (2,11).