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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT PINCHAS
Nr. 1127
21. Tammus  5777

Diese Woche in der Tora (Num. 25,10-30,1):

G~ttes Friedensbund mit Pinchas, dem Priester; Musterung der Kinder Israels vor Jericho; Auslosung der Anteile am Lande Israel; auch Töchter erben Land; Jehoschua zum Nachfolger Moschehs erwählt; Opfergesetze für Wochentage, Schabbat, Neumond und Feiertage.

Haftara: Jirmijahu 1,1 - 2,3


 

Am Schabbes-Tisch...


Das Gleichnis vom Hirten und der Herde

Rav Siw Raweh
Rabbiner an MACHON MEIR

RavRaweh

Nicht umsonst wählte Moscheh den Vergleich mit 'Hirte und Herde', als er von G~tt einen Nachfolger zur Führung des Volkes Israel erbat - "dass nicht die Gemeinde G~ttes wie Schafe sei, die keinen Hirten haben" (Num. 27,17). In dieses knappe Gleichnis zwängte er zahlreiche Gedankengänge über das Erscheinungsbild der idealen Führung der jüdischen Nation.

Bekanntlich folgen "die Schafe, die keinen Hirten haben", dem Leithammel an der Spitze der Herde. Allerdings kann man ihn nicht einen echten Anführer nennen, denn sein Verstand entspricht bloß dem der Herde, von der er ein Teil ist. Darum ist ein Hirte vonnöten, dessen intellektuelle Fähigkeiten die der Herde weit überragen und der vom 'Eigentümer der Herde' angestellt wurde, um für ihr Wohlergehen zu sorgen. Der Blick der Schafe gilt dem Boden und den Pflanzen, die auf ihm wachsen. Sie sind beschäftigt mit den Problemen ihres Lebensunterhalts, mit ihren Privatangelegenheiten, mit dem Säugen der zarten Lämmer. Sie sind sich überhaupt nicht der lauernden Gefahren bewusst und können sich auch nicht selbst verteidigen. Daneben steht der Hirte aufrecht in seiner ganzen Größe, den Blick auf den Horizont gerichtet. Er lässt seine Herde auf grünen Wiesen lagern, leitet sie an stille Wasser und beschützt sie vor wilden Tieren und sonstigen Gefahren. Als der Herr der Herde diese in die Hand des Hirten gab, zeugte das von seinem Vertrauen, dass jener seine Arbeit pflichtbewusst erledigen würde, indem er sie hütet und für ihr Wohlergehen sorgt. Ein echter Hirte eint die Herde auf dem gemeinschaftlichen Weg. Er hat ein Ziel vor Augen, das er anstrebt, und die Herde folgt ihm voller Vertrauen.

Dieses Gleichnis weitet sich zu einer Mahnung an die Führer Israels im Prophetenbuch Jecheskel (34,2): "Wehe, Hirten Israels, die sich selber geweidet haben. Müssten nicht die Hirten die Herde weiden?". Eigentlich sollten sich die Hirten um die Herde kümmern und nicht nur um sich selbst! Aber "das Fett habt ihr gegessen und in die Wolle euch gekleidet, das Gemästete habt ihr geschlachtet; aber die Herde nicht geweidet" (V.3). Die Regierenden genießen ihren Status und nutzen zu ihrem Privatgebrauch, was ihnen nicht gehört. V.4: "Die Siechen", gebrochen, kraftlose, "habt ihr nicht gestärkt, und das Kranke nicht geheilt, und das Verwundete nicht verbunden, und das Versprengte" aus der Herde nach außerhalb "nicht zurückgeführt, und das Verlorene", die sich vom Wege der Tora entfernt hatten, "nicht aufgesucht, aber mit Strenge habt ihr sie niedergehalten und mit Härte"; statt sich um die Armen zu kümmern, habt ihr die Steuern erhöht und die Lasten erschwert. V.5: "Und sie wurden zerstreut aus Mangel an Hirten", als die Führung kein Mitgefühl zeigte, "und wurden zum Fraße allen Tieren des Feldes, und wurden zerstreut", die Feinde Israels, sowohl auf spiritueller als auch auf körperlicher Ebene, töten und zerfleischen von allen Seiten, und das Ergebnis (V.6): "Es irren meine Schafe auf allen Bergen und auf jeglichem hohen Hügel, und über die ganze Fläche des Landes waren meine Schafe versprengt, und da war Keiner, der nachfragte, und Keiner, der aufsuchte".

Dieser trostlose Zustand wird am Ende vom 'Herrn der Herde' behoben: "So spricht G~tt der Herr: Siehe, ich [wende mich] an die Hirten und fordere meine Schafe von ihrer Hand, und mache ihrem Weiden der Schafe ein Ende, dass die Hirten nicht ferner sich selber weiden, und ich rette meine Schafe aus ihrem Munde, dass sie ihnen nicht seien zum Fraße" (V.10).

In unserem Wochenabschnitt werden die Eigenschaften eines wahren Hirten beschrieben. "Da sprach Moscheh zu G~tt: So bestelle G~tt, der G~tt der Geister in allem Fleische, einen Mann über die Gemeinde" (Num. 27,15-16), "ein Mann von festem Willen, ohne den geringsten Eigennutz" (Neziw), "der einen jeden von ihnen nach seinem Sinn erträgt" (Raschi), "welcher vor ihnen ausziehe und welcher vor ihnen einziehe" (V.17), "der an der Spitze auszieht" (Raschi), mit Mut gegürtet. "Und der sie ausführe und der sie einführe" (V.17), "durch seine Verdienste" (Raschi), er muss also ein Gerechter sein.

"Da sagte G~tt zu Moscheh: Nimm dir Jehoschua, Sohn Nuns" (V.18). Jehoschua ist als Anführer geeignet, weil er "ein Mann, in welchem Geist ist". Der Geist der Prophetie ruht auf ihm, "Geist der Weisheit und der Einsicht, Geist des Ratschlusses und des Mutes, Geist des Wissens und der G~ttesfurcht" (Malbim). Er befindet sich nicht auf dem niedrigen geistigen Niveau der Herde, weil er lange Jahre "als jugendlicher Diener nicht aus dem Zelte wich" (Ex. 33,11), er machte Moschehs Lehrhaus zu seinem festen Aufenthaltsort. Durch die Beschäftigung mit der Tora und wegen seines spirituellen Niveaus wusste er auf jeden Einzelnen einzugehen und Israel nach den Vorschriften von Tora und Geboten zu führen. Ein Anführer des Volkes Israel offenbart das Königtum G~ttes auf der Erde, darum beruht seine Kraft auf seinem spirituellen Rang, auf seiner Treue zum Willen G~ttes. Zusätzlich zu seiner Eignung als "der Fromme als Herrscher, dem seine Sinne und seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten gehorchen" (Kusari III,5), ähnlich der Aufgabe, die er in der Nation erfüllt, bedenkt ihn G~tt mit einem zusätzlichen und notwendigen Vorzug zur Erfüllung seiner Mission: "und stütze deine Hand auf ihn" (V.18), "gewähre ihm die Hilfe des Himmels, im Sinne der Wahrheit und mit klarem Verstand zu entscheiden" (Neziw). "Und lege von deiner Hoheit auf ihn" (V.20).

Die heute übliche Methode, wonach die Herde ihre Hirten wählt, senkt zwangsläufig den strategischen Horizont der 'Hirten' auf die Höhe der Sorgen der 'Herde'. Die Hirten wollen ihre Popularität bewahren, beschäftigen sich mit Wirtschaft, Verteidigung und Außenbeziehungen, aber die Spiritualität der Nation behandeln sie im 'Freistil'. So läuft das gewählte Oberhaupt schnell Gefahr, seinen Sinn nur darauf zu richten, ein Mann zu sein, "in welchem der Geist des Volkes ist", aber nicht unbedingt "der Geist G~ttes" - immer nach den letzten Meinungsumfragen schielend, aber nicht auf jenes spirituelle Niveau, das die Tora G~ttes als Ideal fürs Volk vorsieht. Dieser Zustand besteht allerdings nur für eine begrenzte Zeit, nämlich bis zu den Tagen des Maschiach ("Messias"), wie es heißt: "Und werde aufstellen über sie einen Hirten, dass er sie weide, meinen Knecht David, der soll sie weiden, und der sei ihnen ein Hirt. Und ich der Ewige werde ihnen ein G~tt sein, und mein Knecht David der Fürst in ihrer Mitte; ich, der Ewige, habe es geredet" (Jecheskel 34,23-24).

Der Stand der Dinge...

Der Tag, an dem die Sonne erlosch

Rav Chagai Londin
Rabbiner an der Hesder-Jeschiwa Sderot

RavChagaiLondin

Der 17. Tammus, den wir diese Woche begehen, ist Bestandteil einer Reihe von Gedenktagen zur Erinnerung an die Tempelzerstörung: Am 10. Tewet begann die Belagerung Jerusalems; am 17. Tammus wurden die Stadtmauern durchbrochen; am 9. Aw ("Tischa be'Aw") verbrannte der Tempel. (Es gibt dann noch den Fasttag "Zom Gedalja" am 3. Tischri, der an den letzten Schlag gegen die jüdische Souveränität im Lande Israel erinnert, doch das geschah bereits nach der Tempelzerstörung).

Die Tempelzerstörung bedeutet nicht nur eine lokale Katastrophe, als ob bloß irgendeine prachtvolle Synagoge zerstört worden wäre. Der Tag der Tempelzerstörung bezeichnet im Judentum den Tag, an dem sich die Welt veränderte; den Tag, an dem die Sonne erlosch.

Zur Zeit des Tempels sah die Welt anders aus als die Welt, wie wir sie heute kennen. Zur Zeit des Ersten Tempels standen das Leben und die Heiligkeit in einer natürlichen Verbindung zueinander, und man konnte sich den Strömungen des irdischen Lebens ohne Befürchtungen hingeben. In den Tagen König Schlomos, die als das "goldene Zeitalter" des Ersten Tempels gelten, finden wir im Tanach Beschreibungen von erstaunlicher Lebenskraft: "Und es war der Speisebedarf Schlomos für einen Tag: Dreißig Kor Kernmehl und sechzig Kor Mehl" (Kö.I, 5,2); "das Silber war nicht im geringsten geachtet in den Tagen Schlomos" (ebda. 10,21). Die Beschreibungen handeln von gewaltiger irdischer Macht: Armee, Wirtschaft, Kunst und Ästhetik; ganze Kapitel sind den kleinsten Details der prachtvollen Architektur des Königspalastes und des Tempels gewidmet, Schlomos Armee, seinen Händlern und seinen Ställen. Ein charakteristischer Satz lautet: "Jehuda und Israel, so viel wie der Sand am Meere an Menge, aßen und tranken und waren fröhlich" (Kö.I, 4,20). Das Heilige erscheint im Weltlichen - und das Weltliche gibt dem Heiligen Ausdruck. Die Dinge machen auch nicht an der Staatsgrenze halt, sondern "es kamen von allen Völkern, zu hören die Weisheit Schlomos; von allen Königen der Erde, die seine Weisheit gehört hatten" (Kö.I, 5,14). Vor unseren Augen entfaltet sich der geistige und politische Einfluss des israelitischen Reiches in jener Epoche. Das Volk Israel umfasst, heiligt und entwickelt alle Kulturen.

Dies alles jedoch endete mit der Zerstörung des Ersten Tempels. Zur Zeit der Zerstörung entsteht "eine eiserne Wand zwischen Israel und seinem Vater im Himmel" (Brachot 32b). "Seit dem Tag, an dem der Tempel zerstört worden ist, gibt es keinen Tag ohne Fluch, der Tau fällt nicht zum Segen, und den Früchten ist der Geschmack genommen" (Mischna, Sota 48a). Mit anderen Worten: Das Leben verliert seine innere Kraft. Wir beginnen ein Zeitalter ständigen Kampfes des Weltlichen gegen das Heilige, des Materiellen gegen das Spirituelle; ein Kampf, der bis heute anhält. Die spirituelle Welt, die während des Tempels fühlbar war und auf verschiedenen Ebenen mit dem Materiellen verflochten erschien, verschwand im Nebulösen und hinter Zweifeln, während die physische Realität als das einzig (Be-)Greifbare aufgefasst wird.

Die jüdischen Geistesgrößen pflegten während aller Generationen den Brauch, um Mitternacht ein besonderes Gebet zu sprechen, das "Tikun Chatzot" genannt wird. Mit diesem Gebet beweinen sie den Zustand der Welt seit der Tempelzerstörung, wie es Rabbiner A.J.Kuk ausdrückte: "Einsichtige des Herzens stehen um Mitternacht auf, die Hände an der Hüfte wie eine Gebärende: Über die Leiden der Welt, die Leiden Israels, die Leiden der göttlichen Präsenz, die Leiden der Tora weinen sie und beweinen jene. ... Sie wissen, dass alle Leiden und Finsternisse, alle Ströme und Bäche vergossenen Blutes, alles Ungemach und alle Wanderungen, alle Schmähungen und Gehässigkeiten, alle Bosheit und Beschmutzung nichts anderes sind als ein schwacher Nachhall jenes Echos des höchsten Schmerzes, des Schmerzes des Himmels, des Schmerzes der göttlichen Präsenz" (Orot, Hamilchama §10). Ein durchdringender Blick offenbart uns, dass alle Leiden auf der Welt, der Kampf verschiedener Mächte, der am Ende zu Krieg führt, Spannungen und Krisen auf allen Ebenen - auf privaten wie öffentlichen - all das letztendlich einem Mangel an Ausgewogenheit zwischen der spirituellen und der materiellen Welt entspringt, eine Ausgewogenheit, die durch die Tempelzerstörung verloren ging.

Die drei Wochen zwischen dem 17. Tammus und dem 9. Aw sind die traurigsten Wochen des Jahres. In dieser Zeit halten wir verschiedene Trauerbräuche. Alle haben ein einziges Ziel - das Bedenken und die Verinnerlichung der Tatsache, dass die Welt, in der wir leben, eine Welt ist, der etwas fehlt. In dem Moment, wenn wir verstehen, was uns fehlt, besteht auch eine Chance, den Prozess der Wiederbeschaffung des Verlorenen zu beginnen. Denn viel ging verloren.