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DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHOFTIM
Nr. 1085
7. Elul  5776


Diese Woche in der Tora (Dt. 16,18-21,9):

Regierung: Richter, König, Priester, Propheten; Warnung vor Götzendienst, Erkennen und Bestrafen desselben - Zeugen; Wiederholung Totschlägergesetze, -städte; Betrug durch Verschieben von Landmarkierungen; intrigierende Zeugen; Gesetze der Kriegführung; Gebot der Vernichtung der Kana'aniter; die Leiche im Feld/Mörder unbekannt.

Haftara: Jeschajahu 51,12 - 52,12

 

Der Stand der Dinge...

Rabbiner Kuk und der Gijur
 

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim/Jeruschalajim" in der Jerusalemer Altstadt

[Rabbiner Awraham Jizchak Hakohen Kuk war der erste Oberrabbiner des Landes Israel während der Zeit des britischen Mandats bis zu seinem Tode am 3. Elul 5695 (1935)] Lebenslauf

Erste Regel: Die Größe der wahren Konvertiten (Gerim)

Frage: Die Nationalreligiösen in ihren verschiedenen Strömungen berufen sich in fast allen Dingen auf Rabbiner Kuk. Warum stützen sie sich gerade beim Gijur auf andere Rabbiner, und gerade nicht auf Rabbiner Kuk?

Antwort: Frag' sie selber. Im Allgemeinen war Rabbiner Kuk jedoch voller Hochachtung vor wahren Konvertiten. Er nannte sie die "Perlen-Seelen, die unter den Völkern verstreut sind, von denen die Konvertiten kommen, die wir zu lieben verpflichtet sind, in gutem und doppeltem Maße" (Ma'amarej Hara'aja). Mit großer Erregung erwähnte er einen Ger, der Pfarrer in einer großen und reichen Kirche war, den das ganze Würdengetue anwiderte und er und seine Familie übertraten. Er kam nach Jerusalem und lernte mit großer Ausdauer, bis er ein bedeutender Toragelehrter wurde (ebda.).

Zweite Regel: Nur jemanden konvertieren lassen, der voller Tora und Heiligkeit Israels ist.

Frage: Wie erklärte Rabbiner Kuk demnach die Talmudpassagen "Unglück auf Unglück kommt über die, die Proselyten aufnehmen", und "Proselyten seien für die Israeliten wie ein Ausschlag unangenehm" (Jewamot 109b)?

Antwort: Er zitiert den Tossafotkommentar zu dieser Stelle: "Das gilt, wenn man sie zu konvertieren treibt oder wenn man sie sofort aufnimmt, aber wenn sie sich um den Gijur bemühen, sollen wir sie aufnehmen".

Frage: Wie kam es dann, dass Hillel der Ältere jenen Mann als Ger annahm, der sagte: "Konvertiere mich unter der Bedingung, dass du mich zum Hohepriester machst", oder "unter der Bedingung, dass du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Bein stehe" - das heißt ja nicht gerade 'sich um den Gijur bemühen'?

Antwort: Auch dazu brachte er die Erklärung des Tossafot: "Hillel war sich sicher, dass er am Ende ein vollkommener Ger werden würde, wie es auch wirklich geschah". Rabbiner Kuk folgerte daraus: "Keine Frage, dass wir weit davon entfernt sind, einen Menschen von den Nationen der Welt zum Konvertieren zu veranlassen ... sondern auch jene, die von sich aus kommen, prüfen wir mit gründlicher Prüfung, ob ihre Seele wirklich vom Funken des göttlichen Lichtes der heiligen Tora erleuchtet ist und von der Heiligkeit Israels im Allgemeinen".

3. Regel: Rabbiner Kuk war extrem zurückhaltend bezüglich halachischer Entscheidungen zum Thema Gijur.

Frage: Es ergibt sich aus den oben genannten Quellen, dass der Gijur nur für einige Wenige gedacht ist. Hat Rabbiner Kuk selbst jemals jemanden konvertiert?

Antwort: Richtig, Rabbiner Kuk hielt sich bezüglich Konvertierungen sehr zurück und vermied es, sich damit zu beschäftigen. So hörten wir von seinem Sohn, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk.

4. Regel: Es sind keine Gerim zu akzeptieren, die nicht alle Gebote erfüllen wollen.

Frage: Was hätte Rabbiner Kuk zu der neuen Idee gesagt, dass man auch jemanden übertreten lassen kann, der nicht alle Gebote erfüllt?

Antwort: Das ist überhaupt keine neue Idee. Das gab es schon zu seiner Zeit. Z.B. die Rabbiner in Argentinien widersetzten sich ihr mit aller Macht, und Rabbiner Kuk unterstützte deren Entscheidung nach besten Kräften, "diesen Stolperstein aus dem Weg unseres Volkes zu schaffen, in der Sache der Aufnahme von Konvertiten nicht nach den Regeln des Gesetzes, über die ganz sicher das Wort der talmudischen Weisen gilt, 'Unglück auf Unglück kommt über die, die Proselyten aufnehmen', wie es im Traktat Jewamot 109b heißt". Und bezüglich jener, die man aufnehmen darf, "ist doch vollkommen klar, nur wenn man ihnen ansieht, dass sie mit ganzem Herzen um des Himmels Willen konvertieren, aber jene, die angeschleppte Gerim konvertieren, und solche, die wegen materieller Dinge und der Gier ihres Herzens konvertieren, über sie heißt es sicher: Zerrüttet wird er [wenn er sich verbürgt für einen Fremden] (Sprüche 11,15), und es wird über sie Unglück auf Unglück kommen, denn die Konvertiten sind sicher für die Israeliten wie ein Ausschlag unangenehm, und sie bringen Dornen in den Weinberg des Hauses Israel" (Da'at Kohen, §154).

Fünfte Regel: Aufsichnahme wirklich aller Gebote

Frage: Was soll das heißen: Aufsichnahme der Gebote? Alle Gebote, oder die Mehrheit der Gebote, oder die wichtigen Gebote?

Antwort: Alle Gebote. Der Talmud vermerkt dies ausdrücklich, und Rabbiner Kuk zitierte: "Ausdrücklich sagten die Weisen, Traktat Bechorot 30b, 'wer die Obliegenheiten der Tora mit Ausnahme einer einzigen Sache auf sich nehmen will, so nehme man ihn nicht auf. Rabbi Jose ben Rabbi Jehuda sagt, auch wenn nur eine Genauigkeit von den Worten der Schriftgelehrten', und wie kann man demnach Konvertiten annehmen, wenn man genau weiß, dass sie nach dem Gijur die Worte der Tora übertreten werden?!".

6. Regel: Gijur zum Zwecke der Eheschließung ist in Ordnung unter der Bedingung der ehrlichen Annahme der Gebote

Frage: Und wie ist der Übertritt eines 'Konvertiten zwecks Heirat' einzustufen?

Antwort: "Obwohl wir uns nach jener Ansicht richten [im Talmud], dass alle [dort Genannten] Proselyten sind, in Jewamot 24b, einschließlich des Mannes, der wegen einer Frau übertritt, und der Frau, die wegen eines Mannes übertritt, geht allerdings aus den Worten des Tossafot (Chulin 3b 'kassawar', und Jewamot ebda. 'Halacha') hervor, nur unter der Bedingung, dass der Übertritt bezüglich der Gebotsausführung vollkommen ist, wenn sie aber nicht vollständig konvertiert sind, d.h. ohne Erfüllung und Hüten der Gebote, und dazu war die ursprüngliche Absicht keine würdige (z.B. zwecks Heirat), dann sind sie übler als die 'Löwenproselyten' (Samaritaner im Lande Israel, die aus Angst vor den Löwen übertraten) ... und Maimonides und Schulchan Aruch schrieben, dass man jemandem, der wegen einer Sache übertritt (z.B. zwecks Heirat), misstraut, bis sich seine Frömmigkeit erwiesen hat. Wenn wir demnach sehen, dass der Ger sich nicht an die jüdischen Gesetze hält, und er wegen einer Sache übergetreten war, ist das kein vollständiger Übertritt". Das bedeutet, man warte ab, wie er sich verhält, erfüllt er die Gebote oder nicht, und in der Zwischenzeit ist sein Status zweifelhaft - wenn er die Gebote einhält, gilt der Übertritt, und wenn nicht, ist das kein vollkommener Übertritt.

7. Regel: Gijur von Personen, die keine Gebote halten werden, bedeutet für Viele einen Stolperstein.

Frage: Und dennoch, falls sie keine Gebote einhalten werden, ist es vielleicht trotzdem besser, wenn sie konvertieren, denn wenn es schon nichts nützt, schadet es aber auch nicht?

Antwort: Und ob es schadet! Rabbiner Kuk erklärte: "Und nicht nur das, wer solche Gerim annimmt, übertritt das Verbot, 'kein Hindernis vor einen Blinden zu legen', wie auch immer man es betrachtet. Denn wenn man sagt, auch im Nachhinein ist der Übertritt ungültig, so bilden sie doch einen Stolperstein für die Vielen, weil man Nichtjuden für Juden hält, und welche Missstände und Katastrophen ergeben sich daraus, bezüglich Heirat, Scheidung, Witwenehe...".

8. Regel: Der Gijur stürzt jemanden, der die Gebote nicht einhält, ins Unglück.

Frage: Und wenn wir sagen, dass so ein Gijur gültig ist?

Antwort: Damit stürzt man den Konvertiten ins Unglück. "Und wenn sie wirklich Gerim und im Nachhinein zu allen Geboten verpflichtet sind, dann stürzt man sie ja ins Unglück, da sie für alle ihre Übertretungen der Toragesetze strafbar sind, und bevor sie in diese Lage kamen, waren sie dessen nicht pflichtig und wären nicht bestraft worden, und wie es im Traktat Jewamot 47a heißt: 'Man teile ihm die Bestrafung wegen [Übertretung] der Gebote mit und spreche zu ihm: Wisse, dass du bisher Talg gegessen hast, ohne mit der Ausrottung bestraft zu werden, den Schabbat entweiht hast, ohne mit der Steinigung bestraft zu werden; wenn du aber von jetzt ab Talg isst, wirst du mit der Ausrottung bestraft, wenn du den Schabbat entweihst, wirst du mit der Steinigung bestraft'. Zudem ist uns 'kein Hindernis legen' auch bezüglich Nichtjuden geboten ... und erst recht in dieser Sache, wo er zu Fall kommt, da er in bekannter Weise in die israelitische Allgemeinheit eintritt und pflichtig wird, und er wird dadurch für jede Toraübertretung bestraft".

Frage: Aus den Worten Rabbiner Kuks scheint hervorzugehen, es sei nicht 100% sicher, dass der Gijur kein Gijur ist?

Antwort: Richtig. Das ist ein Zwischenzustand, ein Zweifelsfall, wie er sagte: "...ist das kein vollständiger Übertritt".

9. Regel: Manchmal entscheidet man, überhaupt keine Gerim aufzunehmen.

Frage: Wenn das so kompliziert ist, wäre es vielleicht besser, gar keine Gerim aufzunehmen?

Antwort: Genau das geschah in Argentinien, wo die Rabbiner entschieden, überhaupt keine Gerim aufzunehmen, und Rabbiner Kuk bestärkte sie in dieser Entscheidung. "Darum taten trefflich die ehrwürdigen Toragelehrten und die heiligen Rabbiner, die sie darin bestärkten, die einen Zaun in ihrem Lande errichteten, als die Sache außer Kontrolle geriet und viele Frauen nur zum Schein übertraten, indem sie überhaupt keine Gerim mehr annahmen".

10. Regel: Das Bet-Din muss gründlich nachforschen, ob der Übertritt um des Himmels Willen erfolgt.

Frage: Dann würde doch auch das Tor vor denen versperrt, die aus ehrlicher Überzeugung um des Himmels Willen wahrhafte Gerim werden wollen?!

Antwort: So einen Fall wird man nach Jerusalem, der heiligen Stadt delegieren, wo man diese Person gründlichst vernimmt, bis man sich sicher ist. "Und wer in Wahrheit der Heiligkeit Israels anhängen will, komme nach der heiligen Stadt Jerusalem ... damit das große Bet Din bei ihm gründlich nachforsche, auf eine Weise, dass keine Voreingenommenheit herrsche, einen jeden aufzunehmen, und damit sie sicher sind, dass sie um des Himmels Willen übertreten und alle Worte der Tora befolgen werden, nachdem sie dazu durch den Bund mit G~tt mit dem Übertritt in Wahrheit unter die Schwingen der göttlichen Präsenz eintreten. Mögen sich eure Hände stärken, ehrwürdige Toragelehrte und eure Kraft erhalten bleiben, dass sie auf der Wacht des Heiligen stehen und jedes Missgeschick verhindern, das die Heiligkeit und Tora Israels entwurzelt und zerstört".

11. Regel: Von einem Mann, der ohne Annahme der Gebote übergetreten war, muss, nach der strengeren Seite, ein Scheidebrief (Get) gefordert werden.

Frage: Im Sinne der obigen Ausführungen zu einem 'nicht vollständigen Übertritt' kann es also sein, dass der Übertritt dennoch gilt und der Betreffende nicht sicher Nichtjude ist, und wenn er geheiratet hat und sich nun scheiden lassen will, einen Get ausstellen muss?

Antwort: Richtig. Man muss nach beiden Seiten der strengeren, d.h. sichereren Gesetzesauslegung folgen. "G~ttbehüte dabei zu erleichtern, diese [argentinischen] Frauen als Konvertiten anzusehen, die in die israelitische Allgemeinheit aufgenommen wurden, dabei ist nach der strengeren Seite zu verfahren, dennoch werden wir nicht nach der Seite erleichtern, sie ohne Get usw. von ihren Ehemännern zu entlassen, bis die Angelegenheit einer jeden Einzelnen von ihnen genau geklärt wurde". So gab es einen Fall, als ein Ger heiratete und die Frau dann als Aguna [eine Frau, die mangels Get nicht wieder heiraten kann] sitzen ließ. Die Rabbiner Ägyptens wollten sie freigeben mit der Begründung, dass ihr Mann beim Übertritt die Gebote nicht einhalten wollte, sondern es nur nach außen hin versprach. Rabbiner Kuk entschied: Weil er es versprach, kann man den Übertritt nicht vollkommen annullieren, und selbst wenn der Prophet Elijahu erschiene und bezeugte, in seinem Herzen dachte er anders als er versprach, berücksichtigen wir in solchen Sachen nicht 'Dinge im Herzen'. Und auch unsere Vorfahren nahmen die Gebote durch einen Ausspruch an, 'wollen wir tun und gehorchen' (Ex. 24,7), obwohl sie in ihren Herzen auch Götzendienst hatten und bei der Überquerung des Schilfmeeres das Standbild Micha bei ihnen war, dennoch war der Gijur ein Gijur" (Da'at Kohen, §153).

Frage: Hier scheint doch ein Widerspruch zu bestehen, denn in §153 bestimmt Rabbiner Kuk, dass ein Gijur nicht rückwirkend aufgehoben werden soll, und in §154 schreibt er: "Solange sie keine Gebote erfüllen und auch die Absicht [beim Übertritt] nicht die angemessene war, liegt hier überhaupt kein Gijur vor"?

Antwort: Richtig. Es kommt auf den Fall an. Wenn das im Nachhinein entschieden werden soll, um eine Frau ohne Get zur Heirat freizugeben, gilt der Gijur seiner Ansicht nach als zweifelhaft gültig (§153). Im Vornhinein aber, wenn wir einen Gijur-Kandidaten vor uns haben, der die Gebote nicht auf sich nimmt, gibt es auch keinen Gijur (§154). Nebenbei ist das die Ansicht der Mehrheit der Rischonim und der Achronim (die Rabbiner der letzten tausend Jahre).

12. Regel: Gijur eines Kindes - wenn seine Eltern es nicht mit der Absicht dem Bet-Din vorführen, dass es die Gebote halten wird, gilt es nicht als Annahme der Gebote.

Frage: Was hielt Rabbiner Kuk vom Gijur eines Kindes, dessen Eltern Nichtjuden bleiben, bzw. ein Elternteil Nichtjude und ein Elternteil nichtreligiös?

Antwort: Beide Eltern müssen wollen, und es danach erziehen, dass es die Gebote erfüllt. Wenn aber beide Nichtjuden sind, oder nur einer, "ist in der Regel anzunehmen, weil sie Nichtjüdin blieb ... sicher auch nicht ihr Kind in die Heiligkeit einführen will". Der Gijur "gilt nur in der Weise, dass wir wissen, dass er als Erwachsener die Gebote erfüllen wird, denn die Aufsichnahme der Gebote ist in Wahrheit die Hauptsache des Gijurs und dessen unverzichtbare Vorbedingung", "sicher muss auf jeden Fall sein Vater oder seine Mutter, oder beide zusammen, [das Kind dem Bet Din] präsentieren mit der Absicht der Gebotserfüllung", "wenn sich aber herausstellt, dass sie überhaupt nicht die Absicht zur Gebotserfüllung haben und sich vor den Toraverboten vorzusehen ... ist das überhaupt kein Gijur, weil die Aufsichnahme der Gebote fehlt" (§147).

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"Über die Gerechten und über die in Liebe Hingegebenen, über die Ältesten deines Volkes, über den erhaltenen Rest ihrer Gelehrten und über die in die jüdische Pflicht Eingetretenen..." (Schmone-esre Gebet).