DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT MISCHPATIM
Nr. 553
27. Schwat 5766

 

Diese Woche in der Tora (Ex. 21,1 - 24,18):
Gesetze vom Umgang mit Sklaven, von den Schädigungen 
durch Mensch, Tier und Feuer, Diebstahl, Leihe, Hütung, Leihe, 
Wucher, Gerichtsbarkeit, Schabbat u.v.a.m. G~tt verspricht 
Segnungen und Hilfe bei der Eroberung des Landes Israel, 
wenn die Gebote eingehalten werden; das Volk verspricht die 
Einhaltung der Gebote, und sie zu erlernen; Moscheh steigt auf 
den Berg Sinai, um die Gesetzestafeln zu erhalten.

Parschat "Schekalim"
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Der Esel deines Feindes

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Eine Situation des Hasses zwischen Juden ist keine einfache Angelegenheit. Einerseits dürfen wir annehmen, dass ein Jude einen anderen nicht ohne weiteres hasst, sondern durch schwerwiegende Umstände dazu gebracht wurde, wofür man Verständnis aufbringen kann. Andererseits weist uns unsere Tora den Weg, wie man sich in einer Hass-Situation verhalten sollte, auch wenn er berechtigt ist, und erst recht, wenn kein ausreichender Grund vorliegt.

"Wenn du den Esel deines Hassers unter seiner Last erliegend siehst, und du wolltest unterlassen, es ihm leichter zu machen?! Mache es (ihm) leichter mit ihm!" (Ex. 23,5). Das Gebot besteht in der Erweisung einer Tat des Erbarmens gegenüber dem Hasser. Aber warum?! Er hat es doch auf mich abgesehen! Er hat doch eine Sünde begangen! Riecht das nicht verdächtig nach dem "Hinhalten der anderen Wange", wie ein gewisser Herr lehren wollte?

Man hätte diesen Vers also in Bezug auf den ungerechtfertigten Hass erklären können; demnach wolle die Tora den Hasser lehren, seinen Trieb zu überwinden und seinem Gegenüber Gnade zu erweisen. Damit könnte der Teufelskreis des Hasses durchbrochen werden. Die talmudischen Weisen lehren dieses Gebot allerdings für den Fall des berechtigten Hasses (Pessachim 113b). Wenn man einen Juden eine Sünde absichtlich begehen sieht, darf man dieser Tat in keiner Weise irgendwelche Legitimität verleihen, und man muss den Vers befolgen: "Furcht des Ewigen, Hass des Bösen" (Sprüche 8,13). Dennoch befahl die Tora, dem Hasser eine Wohltat zu erweisen, und wir kehren zu unserer Ausgangsfrage zurück: Wenn ein Gebot besteht, ihn zu hassen, warum soll man ihm dann Gnade erweisen?

Wir müssen also davon ausgehen, dass dieser Hass Beschränkungen unterliegt und nicht alles umfasst. Er hat nicht die vollkommene Zerstörung des Sünders zum Ziel, sondern soll eine scharfe Abscheu vor seinem Verhalten verdeutlichen. Nach weiterer Vertiefung in dieses Thema können wir sagen, wie wir häufig von unserem Lehrmeister Rabbiner Zwi Jehuda Kuk gehört haben, dass wir nicht hinter dem Ursprung des Hasses her sind, sondern seiner Zielsetzung. Wollen wir das weiter erklären. Provokatives Verhalten des Nächsten erregt Zorn. Zorn kann sich verstärken und in Hass ausarten. Wenn wir den Hasser fragen, warum er denn hasse, so wird er ganz einfach antworten: Weil der mir dies und das angetan hat. In diesem Fall ist der Hass auf eine Ursache zurückzuführen - die provokative Tat. Wenn wir aber den Hasser fragten: Welches Ziel verfolgst du mit deinem Hass? - wird er nicht immer eine Antwort zu geben wissen, sondern sich vom Sturm seiner Gefühle treiben lassen. Die Tora lenkt uns in eine andere Richtung. Nicht hassen "weil", sondern "wofür", damit Jener nicht negativen Einfluss auf mich oder Andere nimmt, damit er sich bessert, oder Ähnliches. Wenn das Ziel des Hasses in dieser Besserung besteht, meiner oder Anderer, muss er genauestens auf dieses Ziel ausgerichtet sein, damit er keine unerwünschten Nebeneffekte zeitigt. Er darf sich nicht auf ein generelles Gefühl der Abscheu stützen, weil er dann nicht den Sünder und dessen Genossen positiv beeinflussen kann. Der Hass muss ihm vielmehr auf deutliche Weise klarmachen, wie unakzeptabel sein Verhalten ist, allerdings auf der Basis tiefer Sympathie für seine Persönlichkeit. Unter dieser Voraussetzung lässt sich der Mensch nicht von den Umständen mitreißen, sondern dirigiert sie nach seinem Willen und im Lichte seiner moralischen Zielsetzung, die er anstrebt und der er verpflichtet ist.

Aus diesem Grunde wurde gerade "Schmu'el der Kleine" [einer der talmudischen Weisen aus der Periode der Mischna] erkoren, den "Segensspruch gegen die Ketzer" [in der Schmone-Esre] zu verfassen. So einen Segensspruch aus tiefempfundenen Hass zu entwerfen, der persönlichen Frustrationen ein Ventil verschafft, ist keine große Kunst. Das kann Jeder hinbekommen. Diesen Segensspruch aber auf die Absicht der Einflussnahme zur Besserung auszurichten, das konnte nur "Schmu'el der Kleine", der stets den Vers "Freu' dich nicht über den Fall deines Feindes" (Sprüche 24,17) im Munde führte. 

Diese Stelle lädt geradezu dazu ein, eine weitere Deutung nach den Worten Rabbiner Kuks zum Vers anzubringen: "Wenn du den Esel [chamor] deines Hassers unter seiner Last erliegend [rowetz] siehst" - hier geht es um eine Situation, in der die materialistischen [chomri] Neigungen der Vergnügungssucht einen ganzen Teil der jüdischen Öffentlichkeit zu einer Unterwerfung unter deren negative Begleiterscheinungen veranlasst, mit der Folge allgemeiner Bosartigkeit. Das größte Problem bedeutet die Umwandlung von zibur in rowetz [gleiche hebr. Buchstaben, von hinten nach vorn gelesen]. Wenn wir das Wort zibur, d.h. die Öffentlichkeit, als Abkürzung auffassen, so bezeichnet diese den Zusammenschluss von Zadikim (Gerechten), Benoni'im (Durchschnittlichen) und Rescha'im (Bösewichten). Diese Zusammensetzung bedeutet keine leichte Situation, es ist aber eine normale Situation, solange die Gerechten an der Spitze stehen und der Buchstabe waw ("und") alle miteinander vereinigt. (Ohne das verbindende waw hätten wir hier einen "Zabar", die aus Israel bekannte stachelige Kaktusfrucht). Wenn aber die Bösewichte an der Spitze stehen und alle Anderen anführen - die Situation des rowetz - ergibt sich eine unerträgliche Lage, die einen starken Drang der Flucht oder gar der Abkoppelung erzeugt. Dazu weist uns die Tora an: "und du wolltest unterlassen, es ihm leichter zu machen?!" Käme etwa infrage, ihn zu verlassen, g~ttbehüte?! Keinesfalls! "Mache es (ihm) leichter mit ihm!" Die Betonung liegt auf "mit ihm", gemeinsam mit der jüdischen Allgemeinheit. "Mit ihm bin ich in der Not" (Psalm 91,15). "Mit ihm" kann darüberhinaus auch heißen: "Trotz alledem", wie in "trotz alledem hoffe ich täglich auf ihn [den Maschiach], dass er kommen wird" (13 Glaubensartikel des Maimonides), trotz aller Probleme und Komplikationen ist dies unser Volk. Es besteht kein Grund zu prinzipiellen Kompromissen. Man darf keiner kriminellen Ungerechtigkeit irgendwelche Legitimation erteilen. In diesen Dingen darf man auf keinen i-Punkt nachgeben.

"Man kann nicht einfach davonlaufen. Schließlich ist das unser Staat... Wir werden uns nicht freizeichnen, nicht weglaufen und nicht ablassen. Wir gehören zusammen, die ganze jüdische Gemeinschaft. Trotz aller Probleme... sind wir ein Teil der jüdischen Allgemeinheit.

Man muss auf seinem Standpunkt bestehen, aber von innen... Wir werden etwas leiden, und andere werden etwas leiden, und im Laufe der Zeit werden sich die Dinge einrenken... Es besteht keine Absicht zu Kompromissen, sondern langsam aber sicher werden wir gegenseitiges Verständnis finden auf der Grundlage von Liebe und Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft" (aus "Gespräche, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk, Parschat Jitro, 2. Serie).
 
 
 
Zum Gebet

Verzeihung
 

Rav Uri Scherki
(Leiter der hebräischsprachigen Abteilung von MACHON MEIR)

Der Segensspruch "Verzeihe uns" erinnert uns an einige Sünden oder Vergehen, die es zu bereinigen gilt. Dabei konzentriert er sich auf zwei Punkte: "Verzeihe uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt, vergib uns, unser König, denn wir haben gefrevelt". Aus der Schrift kennen wir allerdings drei Arten Vergehen: Sünde [chet], Schuld [awon; Absicht] und Frevel [pescha; Widerspenstigkeit]. Für das Gebet wurden allerdings nur die zwei Extreme gewählt, die "Schuld" ist dabei inbegriffen. Bei den talmudischen Weisen ist von "Sünde" [chet] immer dann die Rede, wenn die Tat nicht in vollem Bewusstsein der Übertretung geschah (Joma 36b), und darum wird G~tt im Zusammenhang mit der Tatsache, dass wir Sünder sind, "unser Vater" genannt. Er liebt uns immer noch wie der Vater seinen Sohn, der ohne Absicht gesündigt hat. Was nicht für den "Frevel" zutrifft, eine absichtliche Auflehnung - dort erscheint G~tt als "unser König", als König und Richter. Und trotzdem, obwohl wir gesündigt und gefrevelt haben, bitten wir unseren Vater, unseren König um Verzeihung. Warum rechnen wir uns darauf eine Chance aus? Weil du "ein gütiger und verzeihender G~tt" bist, weil es nicht von vornherein die Absicht des Schöpfers war, die Bösewichte zu bestrafen und einen guten Lohn nur den Gerechten zu geben, vielmehr möchte der Schöpfer der ganzen Welt Gutes tun, auch den Bosewichten. Wie es im Prophetenbuche Jecheskel heißt: "Sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, ist der Spruch G~ttes des Herrn, dass ich keinen Wohlgefallen habe an dem Tode des Bösewichtes, sondern an der Rückkehr des Bösewichtes von seinem Wandel, dass er lebe" (33,11). Von diesem Ausgangspunkt können wir eines der Geheimnisse der göttlichen Vorsehung verstehen. Wir hätten zum Beispiel behaupten können, die göttliche Oberlenkung richte sich ausschließlich nach dem Gesetz, d.h., der Herr der Welt bestimmte in seiner Welt Prinzipien, nach denen jemandem, der das Gute tut, Lohn zusteht, und jemandem, der das Böse tut, Strafe, und so entscheide jeder für sich in freier Wahl, welchen Weg er gehen möchte. Wenn der Bösewicht sich für das Böse entscheidet, weiß er, dass eine Strafe auf ihn wartet, und der Gerechte, der sich für das Gute entscheidet, kann einer Belohnung entgegensehen. Doch das hatte der Schöpfer nicht im Sinn, weil er "ein gütiger und verzeihender G~tt" ist; zuallererst hat er das Wohl Aller im Auge, und jeder Gebrauch von Lohn und Strafe ist der allgemeineren Oberlenkung unterworfen, die der Offenbarung der Ehre seines Königtums vor allem Fleische gilt. Darum ordnet der Herr der Welt die Vorgänge in der Welt auf eine Weise, dass trotz allem, und obwohl der Mensch über Entscheidungsfreiheit zwischen Gut und Böse verfügt, am Ende die allgemeine Menschheitsgeschichte zum Guten neigt, um so alle Menschen vor dem Verderben zu retten. Das ist die eigentliche Bedeutung dieses Segensspruches. 

Die Dinge werden ausführlicher im Buch "Da'at Tewunot" von Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto besprochen, wo von zwei parallelen historischen göttlichen Weltlenkungen die Rede ist, die eine "Lenkung des Rechtes" genannt, die uns eher als "Lenkung von Lohn und Strafe" bekannt ist, und die andere, innerlichere, aber wichtigere, die wirklich die historischen Prozesse voranbringt, nämlich die "Lenkung der Einzigkeit", die historische Bestrebung der letztendlichen Offenbarung der Ehre des Himmels vor Aller Augen, damit G~tt als alleiniger Herrscher seiner Welt sichtbar wird. Diese hauptsächliche Lenkung tritt inkraft, wenn die Lenkung des Rechtes versagt. Bei der Sünde um das goldene Kalb zum Beispiel wäre nach der Lenkung des Rechtes g~ttbehüte die vollständige Auslöschung des jüdischen Volkes vorstellbar gewesen. Da rief Moscheh zu G~tt: "Warum sollen die Ägypter sprechen: Zum Unglück hat Er sie herausgeführt..." (Ex.32,12). So wie auch Jehoschua ben Nun bei der Eroberung von Ai sagte, als einige Israeliten im Kampfe fielen. Seine wesentliche Klage lautete nicht: Worin haben wir gesündigt? Sage uns, worin unsere Sünde besteht, und wir werden reumütige Umkehr tun... sondern: "Und was wirst du tun deinem großen Namen?" (Jehoschua 7,9). In Zeiten, in denen die Verdienste des jüdischen Volkes eher dünn gesät zu sein scheinen, sollten wir uns diese große Bestrebung des Herrn der Welt in Erinnerung rufen, dass sich sein Name durch das Volk Israel offenbare. Diese Tatsache allein ist würdig, alle unsere Sünden zu vergeben, wie der Prophet sagte: "In jenen Tagen und in selbiger Zeit, ist der Spruch des Ewigen, wird gesucht werden die Missetat Israels, und sie ist nicht da, und die Sünde Jehudas, und sie wird nicht gefunden; denn ich werde vergeben dem, den ich übrig lasse" (Jirmijahu 50,20).