DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

EINZELHEITEN ZU MACHON MEIR/KIMIZION UND VIELE ANDERE INTERESSANTE INFORMATIONEN FINDEN SIE  IN DEN AUSGABEN DES AKTUELLEN JAHRGANGS

Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NIZAWIM
Nr. 532
27. Elul 5765

 

Diese Woche in der Tora (Dt. 29,9-30,20):
Das ganze Volk am Bund mit G~tt beteiligt, nochmalige 
Ermahnung zur Einhaltung der Gebote, göttliches Versprechen, 
auch nach schwerer Strafung zu G~tt und Land 
zurückzukehren.

Allen Leserinnen und Lesern der "Betrachtungen" ein
gesegnetes und glückliches neues Jahr
 
Am Schabbes-Tisch...

Ein Tag des Lärmblasens

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

"Und im siebenten Monat am ersten des Monats sollt ihr heilige 
Berufung haben;... ein Tag des Posaunenschalls (trua) sei es 
euch" (Num. 29,1). Was bedeutet dieser "Posaunenschall" 
wenn nicht gebrochene Töne, wie jene gebrochene Stimme, am 
Boden zerstört, wie ein baufälliges Haus, eine Ruine? Und wenn 
dieser "Tag des Posaunenschalls" nun ein Tag der 
gebrochenen Töne ist, der "Krisentöne", wie können die 
Neujahrstage dann Freudentage sein?!

Die Neujahrstage lassen sich wirklich als "Krisentage" 
bezeichnen. Allerdings nicht als "Katastrophentage", und schon 
gar nicht als "Holocausttage". Mit "Krise" (maschber) wird auch 
der Zustand einer Frau kurz vor der Geburt bezeichnet, 
"gekommen sind die Kinder bis an den Muttermund (maschber)" 
(Kö.II, 19,3). Kein Zweifel, dass die Geburtswehen sehr 
schmerzhaft sind, doch gerade dadurch erscheint neues Leben. 
Kein Zweifel über die Schmerzhaftigkeit jeder Zerstörung, doch 
gerade dadurch wird eine neue Realität ermöglicht. 

Im Gegensatz zu den anderen Feiertagen, die uns in der 
Monatsmitte begegnen, zur Zeit des Vollmondes, fällt Rosch 
Haschana (naturgemäß) auf den Monatsanfang, den Neumond, 
"am Monatsbeginne zu unserem Festtage" (Psalm 81,4), am 
Tage, da der Mond bedeckt ist. Jeden Monat nimmt der Mond 
zu und wieder ab, ein Symbol für das davidische, das 
israelische Königtum. Manchmal befindet es sich in einem 
jämmerlichen Zustand, manchmal scheint es in aller Pracht. 
"Kranz der Verherrlichung [ist der Mond] den von Geburt an 
Belasteten [die Israeliten], die bestimmt sind, ihm gleich sich zu 
erneuen und ihren Bildner zu verherrlichen ob der Herrlichkeit 
seines Reichs" (aus dem Gebet beim Anblick des Neumonds). 
Parallel zu diesem Blickwinkel wird das davidische Königtum 
nicht mit einem "Haus" verglichen, sondern mit einer Sukka, "die 
Hütte Davids, die verfallene" (Amos 9,11), und der Maschiach 
("Messias") aus der davidischen Linie wird auch "Sohn der 
Verfallenen" genannt (Sanhedrin 96b). Das davidische 
Königtum wird gerade unter großen Rückschlägen erbaut, unter 
Leiden, unter Geburtswehen.

In der "Hütte Davids" verbirgt sich ein Segen. "Denn er birgt 
mich in seiner Hütte am Tage des Unglücks, bewahret mich im 
Schutze seines Zeltes" (Psalm 27,5). Am Tage des Unglücks, 
am Tage des Posaunenschalls, am Tage, da alles erbebt und 
zusammenstürzt, an jenem Tage wird offenbar, wie Alles 
vergänglich und unbeständig ist, am Tage, an dem kein Haus 
fest im Boden steht, sondern wie ein Zelt im Winde - fühlte 
David, gerade dann, gerade dort "stellt er mich hoch auf einen 
Felsen" (ebda.). Da fühlte David, wie sehr er vom Ewigen, 
seinem G~tte abhing, und darum auch, wie er mit ihm 
verbunden war. "Der Ewige ist mein Hirt, ich darbe nicht" 
(Psalm 23,1). Darum kann er selbst auf der Höhe der 
Unglückstage singen und musizieren, "opfern will ich in seinem 
Zelte Opfer des Jubels, will singen und saitenspielen dem 
Ewigen" (Psalm 27,6). Das feste Bauwerk, gut verankert im 
Boden, trotzt jedem gewöhnlichen Winde. Doch wenn ein 
Hurrikan darüber hinwegfegt, ein außergewöhnlicher Sturm, 
verfällt es und steht nicht wieder auf. Ein temporäres, 
wackeliges Zelt jedoch ist schnell wieder aufgestellt, wenn es 
einmal zusammenfällt. Darum beten wir jeden Monat in großem 
Vertrauen auf die versprochene Zukunft, beim Segen über den 
sich immer wieder wie ehemals erneuenden Mond: "David, 
Israels König, lebt und bleibt".

Wer sehnt sich nicht nach Beständigkeit. Sie hat aber einen 
Mangel. Sie hat an sich etwas Festgefahrenes, 
Steckengebliebenes, Unbewegliches, Unveränderliches, 
Erneuerungsfeindliches und Unverbesserliches. Es gibt keinen 
Fortschritt, keine Ziele, keine Bestrebungen, keinen Willen. 
Demgegenüber fällt die Unbeständigkeit den Menschen schwer. 
Doch birgt sie einen Lohn. Jedes Jahr lässt sich etwas ändern, 
jeden Monat etwas Neues vornehmen. Der Schofarklang ruft zu 
ständiger Verbesserung auf. Es gibt Fortschritte und 
Bestrebungen und ständigen Willen.

Wir beginnen mit der "Tekia", dem beständigen und festen 
Zustand. Dieser ist jedoch nicht von Dauer. Es folgen 
"Schewarim", die gebrochenen Töne, Krise, Geburt. Dann 
"Trua", der Zitterton, kurz und bündig, aufrüttelnd, die 
Aufforderung zu ständiger Erhebung. Erst am Ende erscheint 
die "Tekia gedola", ein Symbol für die jenseitige Welt der 
endgültigen Ruhe, der Beständigkeit, der absoluten 
Vollkommenheit, "ein Tag, der ganz Schabbat ist, Ruhe für das 
ewige Leben" (Tamid 33b).

Und wir, die wir uns in den Tagen der "Schewarim" und der 
"Trua" befinden, stehen vor den Bruchstücken unserer Häuser, 
die sich in ihrer ganzen Unbeständigkeit und Baufälligkeit 
zeigten - und stehen vor dem Ewigen unserem G~tt vom 
Streben erfüllt, voll Willen, die Geburt nach der Krise zu sehen, 
den Wiederaufbau "Davids Hütte, der verfallenen". In diesen 
Augenblicken spüren wir die große Wahrheit in den Worten aus 
dem Lehrhause Rabbiner Menachem Mendel aus Kotzk (die wir 
am Tage des Unglücks in der Synagoge von Newe Dekalim im 
Katif-Gebiet erwähnten), "dass es nichts Vollkommeneres gibt 
als ein gebrochenes Herz".
 


 
Zum Gebet

Segen der Väter

Rav Uri Scherki
MACHON MEIR

"..der du der Frömmigkeit der Väter gedenkst und einen Erlöser 
bringst ihren Kindeskindern um deines Namens willen in Liebe. 
König, Helfer, Retter und Schild! Gesegnet seist du, Ewiger, 
Schild Awrahams!"

Wir sind nun am Ende des Segensspruchs der Väter angelangt 
[dem ersten Segensspruch der Schmone-Esre], beim Ausdruck 
"und einen Erlöser bringst ihren Kindeskindern um deines 
Namens willen in Liebe". Dieser Ausdruck soll uns 
verdeutlichen, worin die göttliche Motivation besteht, die 
Erlösung zu bringen. Vielleicht möge jemand glauben, die 
Erlösung komme nur, wenn sich das Volk Israel genügend 
Verdienste erworben hat, und bis dahin wird es eben nicht 
erlöst. Und so finden wir wirklich im Talmud geschrieben, 
nämlich die Ansicht Rabbi Eliesers, einer der großen 
"Tanna'iten" (aus der Periode der Mischna vor etwa 1900 
Jahren): Wenn die Israeliten bußfertige Umkehr tun, werden sie 
erlöst werden, wenn nicht - nicht (Sanhedrin 97b). Diese 
Lehrmeinung wurde allerdings zugunsten derjenigen von Rabbi 
Jehoschua verworfen, der sagte: So oder so werden sie erlöst 
(ebda.). Diese Ansicht finden wir fast 100%ig durch die Verse 
des Prophetenbuches Jecheskel bestätigt, wo es heißt: "Nicht 
euretwegen tue ich es, Haus Israel, sondern meines heiligen 
Namens wegen, den ihr entweiht habt unter den Völkern" 
(36,22) - die Tatsache an sich, dass die Juden unter die Völker 
verstreut sind, das ist "eine Entweihung des göttlichen 
Namens". Demzufolge können wir wohl ein göttliches Interesse 
an der Erlösung annehmen. Aus diesem Grund haben die 
Verdienste, oder ein Mangel selbiger, keinen Einfluss auf die 
generellen Pläne G~ttes; darum sagen wir über den Heiligen, 
gelobt sei sein Name: "..und einen Erlöser bringst ihren 
Kindeskindern um deines Namens willen" (s.o.). 

In diesem Falle aber müssen wir uns fragen: Wozu strengen wir 
uns so sehr an im Dienst an G~tt, dass wir unser ganzes Leben 
lang Gebote erfüllen und Pluspunkte sammeln, um einer guten 
Beziehung zum Herrn der Welt würdig zu sein? Erklärte 
Rabbiner A.J.Kuk in seinen Briefen, dass es in der jüdischen 
Seele zwei Ebenen gibt: eine Ebene, die wir mit "besonderer 
jüdischer Eigenschaft" (segula) bezeichnen wollen, und diese 
besondere jüdische Eigenschaft hängt wirklich nicht von 
unseren Verdiensten ab; gehört sie doch zur Natur des Juden, 
mit der er geschaffen wurde, eine heilige Natur unserer Seele, 
so wie alles in dieser Welt eine bestimmte Natur hat. Zusätzlich 
zu dieser besonderen Eigenschaft gibt es Heiligkeit, die zu uns 
Kraft unserer freien Entscheidung kommt; sie heißt "Heiligkeit 
der Entscheidungsfreiheit". Die Kraft der besonderen 
Eigenschaft ist zwar größer als die der Entscheidungsfreiheit, 
doch besteht ein fester Bund, dass sich alle Tage dieser Welt die 
besondere Eigenschaft nur in Maßen offenbart, und dieses Maß 
wird durch die Entscheidungsfreiheit bestimmt. Das gilt jedoch 
nicht für das messianische Zeitalter (be'ikweta demeschicha), 
wenn G~tt die Generation nach ihrer besonderen Eigenschaft 
beurteilt und nicht nach ihren Entscheidungen. Entsprechend 
erhalten alle Begriffe wie "Gerechte", "Mittelmäßige" und 
"Bösewichte", die während aller Generationen anwendbar 
waren und nach denen die Kinder Israel gerichtet wurden, eine 
andere Bedeutung, wenn G~tt uns "einen Erlöser bringt um 
seines Namens willen in Liebe". 

Der Segensspruch endet mit: "Gesegnet seist du, Ewiger, 
Schild Awrahams!". Beschäftigen wir uns aber hier nicht mit 
dem "Segen der Väter", "G~tt Awrahams, G~tt Jizchaks und 
G~tt Jakovs"?! Das erklärten die talmudischen Weisen 
folgendermaßen: Wie G~tt sagte: "Und ich werde dich zu einem 
großen Volke machen und dich segnen, und groß machen 
deinen Ruf; und du sollst ein Segen sein" (Gen. 12,2), deutete 
der Talmud "Und ich werde dich zu einem großen Volke 
machen" auf "G~tt Awrahams" [in unserem Segensspruch], 
"dich segnen" auf "G~tt Jizchaks", und "groß machen deinen 
Ruf" auf "G~tt Jakovs" (Pessachim 117b). Als Awraham hörte, 
dass man auch sage "G~tt Jizchaks und G~tt Jakovs", war er 
betrübt. Da sprach G~tt zu ihm: Sorge dich nicht, mit dir schließt 
man den Segen: "und du sollst ein Segen sein" deutet auf 
"Gesegnet seist du, Ewiger, Schild Awrahams!". Doch das ist 
ganz unverständlich. War Awraham etwa auf seine Kinder und 
Kindeskinder eifersüchtig?! Awraham war doch für seinen 
ehernen Willen bekannt, jedem Geschöpf dieser Welt zu 
dessen Vervollkommnung zu verhelfen, ohne Rücksicht auf 
Herkunft! Als er aber "G~tt Jizchaks und G~tt Jakovs" hörte, 
wonach G~tt seinen heiligen Namen mit einer bestimmten 
Nation verknüpft, nämlich der israelitischen und keiner anderen 
- befürchtete er, dass sein universaler Plan nicht in die 
Wirklichkeit umgesetzt werden wird. Darauf sprach G~tt zu ihm: 
"Nur mit dir wird man den Segensspruch schließen". Gerade 
durch die nationale Absonderung des Volkes Israel im Lande 
Israel unter Anleitung seiner Tora, genau dadurch wird der 
große Plan des großen der Größten, unseres Vorvaters 
Awraham, Wirklichkeit werden. Nicht durch grenzenlosen 
Kosmopolitismus, sondern durch Konzentration auf die jüdische 
Nation wird die große universale Vision, "der Schild Awrahams", 
am Ende Wirklichkeit werden.
bogrey21