DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT JITRO
Nr. 341
20. Schwat 5762

Diese Woche in der Tora (Ex. 18,1 - 20,23)
Jitro, Moschehs Schwiegervater, kommt zum Volk Israel in die
Wüste; gibt Moscheh Rat, Richtervollmachten zu delegieren;
Bund mit dem Ewigen, ein heiliges Volk zu sein und seine
Worte zu befolgen; die 10 Gebote am Berge Sinai; das ganze
Volk Augenzeugen.
 
 
Frage und Antwort

Sowas nennt sich Erlösung?!

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Soll unser heutiger Zustand etwa schon die Erlösung
sein?! Es gibt doch so furchtbar viele Probleme, Probleme von
nationalen Ausmaßen, durch Feinde von außen und Feinde von
innen, Krieg und Terror. Dazu kommen spirituelle Probleme -
Entfremdung eines großen Teiles des Volkes von der Tora und
den Geboten. Daneben gibt es noch Krankheiten,
Wirtschaftsprobleme, Naturkatastrophen, nicht genug Regen,
und so weiter. Wie kann man das alles "Erlösung" nennen, oder
"das Sprossen unserer Erlösung", oder gar "Anzeichen für das
messianische Zeitalter"?!

Antwort: In der Tat, wir befinden uns im Zuge der Erlösung,
ganz ohne jeden Zweifel. Und zwar nicht erst seit heute,
sondern schon seit 120 Jahren, seit der ersten
Einwanderungswelle im Jahre 5641 (1881). Ihre Frage beruht
vielmehr auf einer Begriffsverwirrung. Die von Ihnen beklagten
Probleme existieren nicht deshalb, weil dies noch nicht die
Erlösung ist, sondern weil wir uns noch in der diesseitigen Welt
befinden ("Olam haseh"), einer Welt der Probleme, einer
komplizierten Welt mit Schwierigkeiten und Versuchungen, wie
im ersten Kapitel des wunderbaren Buches "Der Weg der
Frommen" ("Messilat Jescharim", Rabbiner Moscheh Chajim
Luzatto) beschrieben wurde. Der Autor erklärt dort den
natürlichen Gang der Welt, wozu der Mensch dort hineingesetzt
wurde, worin seine Aufgabe und worin seine Pflichten in seiner
Welt bestehen.

Das "messianische Zeitalter" ("Jemot Hamaschiach") findet
noch in "dieser Welt" statt. In der "kommenden Welt" ("Olam
haba") wird es allerdings die genannten Probleme nicht mehr
geben, weder in der Welt der Seelen noch in der Welt der
Wiederauferstehung. Die "kommende Welt" enthält beide
Aspekte, und es ist von Fall zu Fall anhand des
Zusammenhanges abzuklären, um welchen es gerade geht,
oder ob beide zusammen gemeint sind.

Was versteht man unter "Welt der Seelen"? Nach dem Tode hat
der Mensch keinen Körper mehr, er existiert aber weiterhin im
Zustand der Seele. Diese Art der kommenden Welt existiert
natürlich schon heute, betonte Rabbiner Moscheh ben Maimon
("Maimonides", Gesetze von der Umkehr, Ende des 8. Kap.),
bekanntlich stirbt der Mensch; nur dass man dorthin erst nach
dem Tode gelangt. Dort gibt es natürlich keinen Terrorismus
und keine Krankheiten, Hunger oder Armut, denn jene sind
untrennbar mit der körperlichen Welt verbunden. Doch hat diese
"Welt der Seelen" nichts mit dem "messianischen Zeitalter" zu
tun, das auf der Erde, in "dieser Welt" stattfindet.

Worum handelt es sich nun bei der "Welt der
Wiederauferstehung"? Wie der Name schon sagt, handelt es
sich um das Zeitalter der Auferstehung der Toten, eine Art
Garten Eden wie zur Zeit des ersten Menschen vor der Sünde.
Die "Welt der Wiederauferstehung" bedeutet den endgültigen
Sieg über den Tod, der als Strafe für die Sünde über den ersten
Menschen verhängt worden war. Dann werden wir alle am
ewigen Leben teilhaben, wie es eigentlich schon für den ersten
Menschen vorgesehen war. Natürlich gibt es dann keine
tödlichen Anschläge mehr, keine Krankheiten oder sonstige
Naturkatastrophen. Wie gelangen wir zur Auferstehung der
Toten? Durch Rückkehr zum sündenfreien Zustand des ersten
Menschen, und noch darüber hinaus: zur grundsätzlichen
Ausmerzung der Sünde, zur Beseitigung der Voraussetzungen
für die Sünde, zur Auslöschung des bösen Triebes. Das
geschieht natürlich nicht von heut auf morgen. Wir erwarten die
Ankunft des Maschiach ("Messias") und hoffen täglich auf sein
Kommen (12. der 13 Glaubensartikel), doch die
Wiederauferstehung der Toten erwarten wir nicht für heute. Mit
der fundamentalen Ausmerzung des Bösen haben wir noch eine
ganze Menge Arbeit vor uns.

Man muss zwischen der "kommenden Welt" in ihren beiden
Erscheinungsformen und dem "messianischen Zeitalter" genau
unterscheiden. Im Schabbat-Morgengebet sagen wir: "Keiner ist
dir zur Seite zu stellen, Ewiger, unser G~tt, in dieser Welt, und
keiner ist außer dir, unser König, im Leben der kommenden
Welt; nichts gibt es neben dir, unser Erlöser, in den Tagen des
Maschiach, und wer gleicht dir, unser Helfer, wenn du die Toten
belebst!" (Hakol joducha). Hier wird die Zuordnung deutlich: "in
dieser Welt" - "in den Tagen des Maschiach", "im Leben der
kommenden Welt" - "wenn du die Toten belebst".

Maimonides zitierte die Worte der talmudischen Weisen:
"Komme gar nicht erst auf den Gedanken, dass im Zeitalter des
Maschiach irgendetwas im normalen Lauf der Welt außer Kraft
gesetzt werde oder eine Neuerung in der Schöpfung geschehe -
vielmehr geht die Welt ihren normalen Gang" (Gesetze von
Königen und Kriegen, 12.Kap.,§1). Das findet also in "dieser
Welt" statt. An anderer Stelle führte er aus: "Die 'Tage des
Maschiach' sind Teil der Jetztzeit, wobei die Welt ihrem
natürlichen Gange folgt, nur dass das Königtum an Israel
zurückkehrt" (Gesetze von der Umkehr, 9,2). Darum heißt der
Maschiach (=der Gesalbte) auch "König Maschiach", der mit
dem speziell dafür vorgesehenen Salböl zum König gesalbte -
er ist der König schlechthin, der Inhaber des einzig wahren
Königtums.

So entschied Maimonides: "Unsere Weisen erklärten: Es gibt
keinen anderen Unterschied zwischen der Jetztzeit und den
Tagen des Maschiach als das Aufhören der Knechtschaft der
Regierungen [=Unabhängigkeit Israels]" (Gesetze von Königen
und Kriegen, 12.Kap.,§2, nach Brachot 34b). In dieser Welt sind
wir den Völkern unterworfen, in Russland und in Amerika, und
selbst im heiligen Lande den Türken und den Briten. Im Zeitalter
des Maschiach sind wir Niemandem unterworfen, sondern freie
Menschen.

Doch dies ist immer noch "diese Welt", und in ihr gibt es Feinde.
Selbst der Maschiach wird Kriege führen müssen: "...und der die
Kriege G~ttes führen wird" (Gesetze von Königen und Kriegen,
11.Kap.,§4); "der erste Maschiach - David, der Israel von seinen
Bedrängern erlöste, und der letzte Maschiach, der von dessen
Söhnen erstehen wird und Israel aus den Händen Eßaws
errettet" (ebda., §1); "'und zerschmettert alle Söhne Schets' -
das ist König Maschiach" (ebda.); "zu Beginn der Tage des
Maschiach wird der 'Gog-und-Magog-Krieg' stattfinden"
(12.Kap.,§2).

Im Zeitalter des Maschiach gibt es immer noch toraferne
Menschen, und der Maschiach "wird ganz Israel drängen, in den
Wegen der schriftlichen und mündlichen Lehre zu wandeln und
ihre Einhaltung zu bestärken" (11.Kap.,§4) - wenn alle fromm
wären, bräuchte er ja niemanden zu drängen.

Im Zeitalter des Maschiach wird es leider immer noch Arme
geben. Als Beweis für ihre Lehre "Es gibt keinen anderen
Unterschied zwischen der Jetztzeit und den Tagen des
Maschiach als das Aufhören der Knechtschaft der Regierungen"
(Brachot 34b, s.o.) bringen die talmudischen Weisen den
Toravers: "denn nicht aufhören wird der Dürftige innerhalb des
Landes" (Dt. 15,11). Es wird also weiterhin Arme geben.
Natürlich muss dieses Problem gelöst werden - und wird auch
gelöst werden - doch besteht kein Grund zur Annahme, dass
dies zwangsläufig zu Beginn der messianischen Herrschaft
geschehen muss.

Das Zeitalter des Maschiach findet in dieser Welt statt, unter
Schwierigkeiten und Problemen. Das ist kein Zufall und auch
kein Irrtum, kein Ausrutscher und keine göttliche "Panne" oder
gar ein Mangel an göttlicher Vorsehung. Vielmehr liegt dem
göttliche Absicht zugrunde, wie in jenem ersten Kapitel des
Buches Messilat Jescharim ausgeführt wird, wonach unsere
Welt eine Welt der Versuchungen sei, eine Welt der Mühe. "Ein
Mensch wird zur Mühsal geboren" (Ijow 5,7). Er erwirbt sich
seine spirituelle Größe durch seinen Dienst, durch die
Überwindung seiner Triebe und von Schwierigkeiten, "bis er
sich mitten im Kriege dagegen befindet" (M.J.). Unsere Welt ist
nicht die endgültige Welt, nicht der ideale Palast, sondern nur
ein Korridor dorthin - doch dieser Korridor ist der einzige Weg,
der zum Palast führt. Wir müssen uns das Wohnrecht im Palast
verdienen, nicht wie die Engel, die es zum Geschenk erhielten.

Je größer eine Sache ist, um so mehr Mühe ist dafür nötig. Das
Buch Messilat Jescharim führt Stufe um Stufe weiter, und zur
Erlangung jeder weiteren Stufe muss man sich erneut
anstrengen. Es reicht nicht, die besprochene Stufe nur zu
verstehen, man muss auch die Wege ihres Erwerbes erlernen
und die Mittel kennen, um dort verbleiben zu können.

Diese Welt steckt voller Probleme - nicht zu unserem
Schlechten, sondern zu unserem Besten, nämlich damit wir sie
überwinden. Das "Zeitalter des Maschiach", die "Erlösung", "das
erste Sprossen unserer Erlösung", der "Anfang der Erlösung",
die "Schritte des Maschiach" sind alles einander ähnliche
Begriffe und bezeichnen die gleiche Zeitperiode: das Ende der
Tage am Ende der Erlösung. Ihre praktische Bedeutung:
Rückkehr zur Unabhängigkeit Israels.

Wann genau fand diese statt? Am 5. Ijar 5708 [15. Mai 1948].
Natürlich begann damals noch nicht das ideale Königtum, noch
nicht das messianische Königtum, und auch noch nicht ein
vollkommenes Königtum nach den Gesetzen der Tora. Aber es
war der Anfang. Zwischen ihm und der Herrschaft der Türken
oder Briten besteht ein himmelweiter Unterschied.

Unsere Regierung bildet eine Stufe der Vorbereitung für das
jüdische Königtum, und das Königtum Israels nach der Tora ist
eine Vorbereitung für das Königtum des Maschiach. Auch für
die israelische Regierungsherrschaft unserer Tage gab es eine
Vorbereitungsphase: die Rückkehr nach Zion. Ist es doch
unmöglich, einen Staat zu gründen, ein regierungsfähiges
Wesen, ohne die dazugehörigen Juden. Es reicht dazu auch
kein kleines Häuflein von Pionieren. Vielmehr gibt es ein
allbekanntes Minimum: Sechshunderttausend. Diese Zahl
wurde etwa zur Zeit der Staatsgründung erreicht.

Auch die "Einsammlung der Verstreuten" benötigt der
Vorbereitung: es muss was zu essen da sein. Bekanntlich
mussten häufig Neueinwanderer in ihre Herkunftsländer
zurückkehren, weil sie nicht einmal ein Minimum an Nahrung
erlangen konnten. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" (Dt.
8,3) - aber auch vom Brot. Und wann gab es hier was zu
essen? "Du hast kein deutlicheres [Kennzeichen für das] Ende
als das folgende: 'ihr aber, ihr Berge Israels, lasst euer Laub
sprossen und tragt eure Frucht für mein Volk Israel, denn sie
kommen bald'" (Sanhedrin 98a, Jecheskel 36,8). Der
Raschikommentar erklärt dazu: "- wenn das Land Israel seine
Früchte großzügig geben wird, dann nähert sich das Ende, und
es gibt kein deutlicheres [Kennzeichen für das] Ende als
dieses". Das war vor etwa 120 Jahren, mit der Gründung der
ersten landwirtschaftlichen Siedlungen.

Die talmudischen Weisen deuteten die Reihenfolge der
Segenssprüche im Schmone-Esre-Gebet als Parallele zur
Erlösung Israels: "Segne uns, Ewiger, unser G~tt, dieses Jahr
und alle Arten seines Ertrages zum Guten" als Vorbereitung für
"Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung, erhebe das
Panier, unsere Verbannten zu sammeln" (siehe Megilla 17b).

Der Heilige, gelobt sei er, "bringt seine Präsenz zurück nach
Zion" (Schmone Esre), "Stück um Stück" (Talmud Jeruschalmi
Brachot 1. Kap., Hal.1), aber in einem recht schnellen Prozess,
der in dieser Welt stattfindet, in unserer Welt mit Tiefen und
Höhen, in der man sich müht und Verdienst erwirbt.