DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


EINZELHEITEN ZU MACHON MEIR/KIMIZION UND VIELE ANDERE INTERESSANTE INFORMATIONEN FINDEN SIE  IN DEN AUSGABEN DES AKTUELLEN JAHRGANGS


Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJEZE
Nr. 226
11. Kislev 5760
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 28,10 - 32,3):
G~ttes Versprechen an Jakow, ihn im Exil zu schützen,
Begegnung mit Rachel, Jakow in Charan bei Lawan, Leah, die
vertauschte Braut, Hochzeit mit Rachel, Geburt der Stämme,
Lawans Betrügereien und göttliche Wende zu Jakows Vorteil,
beschleunigte Abreise nach Kana'an und Showdown mit Lawan
auf dem Wege.
 
Frage und Antwort

Die Gebote und ich (2.Teil)

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

[Fortsetzung von letzter Woche]
Der Begriff der "Identifikation mit den Geboten" ist der Tora
völlig unbekannt. Er rührt vielmehr von einer individualistischen
Weltanschauung her: 'Der Herr der Welt interessiert mich gar
nicht, mich interessiert nur eine einzige Sache: Ich selber, und
dass ich mich gut fühle. Ich bin gar nicht gegen die Mitzwot, im
Gegenteil, wenn mir danach ist, bete ich. Wenn nicht, dann
nicht. / Wenn mir ein langes Kleid gefällt, trage ich es. Wenn
nicht, dann nicht. / Ich bin mir mein eigenes Ideal, mit dem ich
mich identifizieren kann. Ich habe immer mich vor Augen, nicht
G~tt. Wenn es mir gefällt, mich mit G~tt zu identifizieren, wenn
es um eine wunderbare, erhabene Pflicht geht, so bin ich dabei.
Wenn das Gebet mir ein Erlebnis ist, mit gefühlvollem Gesang,
dann mache ich mit. Wenn nicht, dann lege ich eben eine
Kassette Hard Rock ein'.

Diese Jugendlichen identifizieren sich natürlich überhaupt nicht
mit G~tt. Die Identifikation mit G~tt beinhaltet absolute
Selbstverneinung vor der Göttlichkeit, eine Art seelischer
Zustand, in dem der Mensch in seiner Welt nichts als G~tt hat.
Für G~tt stellt er seinen Willen und seine Gedanken, seine Kraft
und seine Persönlichkeit, seinen Verstand und seine Gefühle
zurück. Das ist Selbstverneinung. Er versucht, vollkommen "im
Körper des Königs aufgesogen zu werden" (Sohar, Parschat
Vajechi). Wer diese spirituelle Stufe erreicht hat, freut sich
bestimmt über die Erfüllung jedes göttlichen Gebotes, ob es ihm
nun leicht oder schwer fällt. Er dient G~tt wirklich mit Freude,
wie es bei Maimonides heißt: "..dass sich der Mensch freue bei
der Ausführung der Gebote und der Liebe zu G~tt" (Gesetze von
Sukka und Lulaw, 8.Kap.). Er liebt G~tt, und darum freut er sich
über jede Mitzwa, auch über eine schwere.
Manche Gebote fallen schwer, z.B. in Eiswasser unterzutauchen
oder jemanden, den man beleidigt hat, um Verzeihung zu bitten,
oder sogar das Fasten an Tischa be'Aw. Oder zur Armee zu
gehen und sich in einer Kampfeinheit mutig zu bewähren. Und
trotzdem freut sich der Mensch. Warum? Weil er G~ttes Willen
erfüllt.

Doch wenn er sich freut, weil er sich erfüllt, dann ist er selbst
das Ideal seines Lebens. Er ist ein Individualist.

Nun werden Sie fragen: Aber ist es denn verboten, auch ein
bisschen an sich selbst zu denken?! Natürlich nicht. Der Mensch
darf an sich selbst denken. Die Tora ist für das Leben bestimmt,
ein "goldener Mittelweg" (Maimonides, Sittenlehren/ "De'ot",
1.Kap.): Einen Teil meines Lebens für G~tt, und einen Teil für
mich. Einen Teil meines Lebens widme ich meinem
persönlichen Wohlbefinden, meiner Würde und meinem
Vergnügen - natürlich unter Einhaltung der jüdischen Gesetze.
Daran ist nichts auszusetzen, denn das nennt man den
"Mittelweg"; einerseits keine wilden Ausschweifungen, und
andererseits keine totale Selbstaufgabe zugunsten G~ttes,
sondern "..die Hälfte für G~tt und die Hälfte für euch"
(Pessachim 68b). Natürlich gibt es auch Ausnahmen wie z.B.
extreme Hingabe zu G~tt, die das ganzes Leben ausfüllt, doch
so eine elitäre Stufe von Enthaltsamkeit und Frömmigkeit liegt
nicht in Reichweite eines jeden Durchschnittsmenschen. Doch
jeder darf sich seinen Lebensweg selbst bahnen, zum Teil für
sich, in Gesetzestreue und Ehrlichkeit, und zum Teil für G~tt.
Doch dieser Teil für G~tt ist ernsthaft für G~tt! Zu 100 Prozent!

Man kann sich das vorstellen wie einen Vater, der seinen
kleinen Sohn bittet, ihn nicht ununterbrochen zu stören. Er
brauche etwas Ruhe und Zeit für sich und seine Arbeit, danach
aber werde er sich eine ganze Stunde nur mit ihm beschäftigen.
Wenn er aber während dieser Stunde immer wieder
Telefonanrufe beantwortet, dann gehörte er eben nicht ganz
seinem Sohn.

So hat der Mensch einen Teil seines Lebens für seine
Annehmlichkeiten, fürs gute koschere Essen, für gute Musik -
doch der Teil für G~tt muss wirklich ganz G~tt gewidmet sein.
Wenn man nun bestimmt: Ich erfülle Gebote nur, wenn es mir
gefällt, wenn es für mich ein Erlebnis ist und wenn ich mich
damit geistig und gefühlsmäßig identifizieren kann - dann
identifiziert man sich gar nicht mit G~tt. Man verbleibt in seiner
eigenen Erlebniswelt. Man dient nicht G~tt, sondern nur sich
selbst. An sich ist das erlaubt, aber nur in dem Teil, der für einen
selbst bestimmt war, im anderen Teil, dem für G~tt, dient man
G~tt und erfüllt seine Gebote, ob man nun alle Einzelheiten
begreift oder nicht.

Glaubt jener Jugendliche aus unserer ursprünglichen Frage, der
sich nicht mit dem Beten identifizieren kann, dass man z.B. ganz
auf das Gebet verzichten kann? Dass man ohne Gebet
überhaupt leben kann? Sicher nicht. Im allgemeinen stimmt er
zu, dass man beten muss, nur in letzter Zeit kommt er nicht damit
klar. Doch dazu muss man wissen, dass es im Leben immer mal
aufwärts und mal abwärts geht, auch in bezug auf den
Gemütszustand, die spirituelle Verfassung und die Lust.

Die zu Beginn genannte Fragestellerin hat sicher im Prinzip
nichts gegen die Sittsamkeit, nur dass sie sich mit einem
bestimmten Detail "nicht identifizieren" kann. Doch verfügen
nicht alle von uns über die tiefschürfende Erkenntnis, das
intensive Einfühlungsvermögen und die besondere Sensibilität
für jedes kleinste Detail. Wir wissen nur, dass G~tt es so will.
Im Gegenteil, wenn man oft mit Hingabe betet, ob man sich
identifiziert oder nicht, in Liebe zu G~tt und mit Lust, seinem
Willen zu folgen, dann wird man auch das große Vergnügen
verspüren, das das Gebet vermitteln kann. Und wenn dieses
Mädchen ein langes Kleid trägt, zugeknöpft von Kopf bis Fuß,
wird es im Laufe der Zeit ein bisher unerreichtes Gefühl der
Reinheit spüren - und jeden kleinen Schlitz wie einen
Messerstich.

Die Erfüllung der Gebote in Treue und Glauben wird uns
nämlich sehr angenehm sein, wenn wir mit eigenen Augen
erkennen, wie wahr die Worte unserer heiligen Tora und die
Gebote zu unserem Besten sind. Doch dieser Lohn hat seinen
Preis. Er erfordert viel Mühe und Einsatz. Die direkte
Verbindung mit G~tt bei jedem einzelnen Gebot, dieser höchste
Genuss, erscheint nicht gleich am Anfang des "Weges der
Frommen" [gemeint ist das gleichnamige Buch von Rabbiner
Moscheh Chajim Luzzatto, das von allen Strömungen des
Judentums als Grundlage für die ethische
Persönlichkeitsbildung anerkannt ist]. Dieses erhabene
Vergnügen muss teuer erkauft werden, und man erhält es erst im
19. Kapitel, auf der Stufe der Chassidut [einer hohen Stufe der
G~ttverbundenheit, nicht zu verwechseln mit Chassidismus].
Große Dinge kommen nicht billig.

Den Ausgangspunkt bildet die Einheit G~ttes, "Du sollst den
Ewigen, deinen G~tt, lieben, mit deinem ganzen Herzen, mit
deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen" (aus
dem Schma-Gebet, Dt. 6,5). In Glauben an G~tt nimmt man in
Liebe das Joch der Gebote auf sich (Mischna Brachot 2.Kap.,2).
Es stimmt schon, dass wir nicht die Freiheit haben, dieses Joch
abschütteln, aber dafür ist es ja auch ein geliebtes Joch.  

 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (8)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

In der vorigen Folge brachten wir eine von Rabbiner Jonatan
Eybeschütz aufgestellte Liste aller für die Tora nötigen
Wissenschaften. Diese Liste enthält die Mehrheit der allgemein
gebräuchlichen Wissenschaften wie Astronomie, Geometrie,
Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Optik, bildende Kunst, Musik
u.a.m. Einen Hinweis auf den Wert der Wissenschaften und ihr
Verhältnis zur Tora sah Rabbiner Eybeschütz in der
symbolischen Bedeutung des Leuchters (Menora) im
Tempelheiligtum. "Die Weisheit wird als "Lampe, Licht"
bezeichnet... und die Lichter der Menora stehen für die
weltlichen Weisheiten, und das Licht am westlichen Ende für
unsere heilige Tora,... und von ihm aus zündete [der Priester]
und endigte bei ihm". Alle Lichter neigen zum westlichen Licht,
um zu lehren, "dass alle weltlichen Weisheiten der Tora
untergeordnet sind". Auch der "Neziw" [Abk. f. Rabbiner Naftali
Zwi Jehuda Berlin] sah in den Lichtern der Tempelmenora ein
Symbol für die Beziehung zwischen weltlichen Wissenschaften
und der Tora: "Ohne die Wissenschaften kann man einige
Grundbegriffe der Tora nicht verstehen, wie z.B. das genaue
Maß der Mischsaat... und alle Weisheiten dienen zum Nutzen
und zur Erläuterung der Anweisungen der schriftlichen Tora...
der Tempelleuchter muss aus einem Stück Metall gefertigt
werden - das lehrt, dass alle Weisheiten der Tora entstammen".

Alle die zahlreichen Beispiele für die Notwendigkeit der
Wissenschaften zum Verständnis der Tora konzentrieren sich
auf den Bereich der Halacha, des Gesetzes. Natürlich kann ein
Rabbiner ohne botanische und agronomische Grundkenntnisse
wohl kaum eine Entscheidung in Sachen Mischsaaten und
Siebentjahr (Schmitta) fällen. Einige der großen jüdichen
Toragelehrten, allen voran Maimonides, fügten hinzu, dass die
Wissenschaften nicht nur zum Verständnis der Halacha nötig
seien, sondern auch zum Erlangen des Glaubens an G~tt. In
seinem Brief an seinen Schüler Josef ben Jehuda, für den er
sein Buch "Führer der Unschlüssigen" verfasste, schrieb
Maimonides, dass er ihn die Bücher der Prophetie zu studieren
würdig befunden habe, weil er sich auf dem Gebiet der
Wissenschaften geschult habe, wie Astronomie und Logik.

Maimonides betonte mehrmals, dass die Naturwissenschaften
und andere Fachgebiete als Vorstufe zum Erlangen
theologischen Verständnisses dienten, da man zu G~tt nur über
dessen Schöpfung, über diese materielle Welt gelange.
Maimonides nannte unter diesen Vorstufen Mathematik,
Geometrie, Logik, Naturwissenschaften und Theologie.

In diesem Zusammenhang fragte Maimonides nach der Quelle
in der Tora, die uns gebietet, uns mit den der G~tteserkenntnis
näherbringenden Wissenschaften zu befassen. Er kam zu dem
Ergebnis, dass der Vers "Du sollst den Ewigen, deinen G~tt,
lieben, mit deinem ganzen Herzen.." (Dt. 6,5) darauf hindeutet;
d.h., man soll versuchen, die Liebe zu G~tt unaufhörlich zu
steigern und sich nicht auf das Minimum beschränken. Wie
bewerkstelligt man das? Maimonides verweist den Leser an
seine Worte in seinem Gesetzeswerk "Mischne Tora", (Gesetze
von den Grundlagen der Tora, 2.Kap.): "Welches ist nun der
Weg, ihn [G~tt] zu lieben und ihn zu fürchten? Wenn der
Mensch seine Taten und seine Schöpfungen betrachtet, die
großen und wunderbaren, und in ihnen seine unermessliche und
unendliche Weisheit erkennt, so wird er ihn sofort lieben und
preisen und ein großes Verlangen nach dem Wissen um seinen
großen Namen verspüren". Die Betrachtung der Welt der Natur,
über die Maimonides hier spricht, besteht nicht im Anblick einer
zauberhaften Landschaft oder unberührter Flecken, die dem
Menschen wegen ihrer Schönheit den Atem rauben, sondern
um die Offenbarung "unermesslicher und unendlicher" göttlicher
Weisheit.

Rabbiner Moscheh Chajim Luzzatto, Autor des "Weges der
Frommen" ("Messilat Jescharim") widmete diesem Thema einen
ganzen Artikel mit dem Titel "Der Weg der Weisheit" ("Derech
Chochma"), der alle Aspekte zusammenfassend behandelt. Er
teilte die Wissensgebiete in vier Gruppen ein: Die erste Gruppe,
das Ziel aller Weisheit, befasst sich mit der Göttlichkeit, wie es
heißt: "Kenne den G~tt deines Vaters und diene ihm" (Chronik I,
28,9), durch das Lernen der Schriften über das Heilige und die
übrigen Werke der Toragelehrten. Zu diesem Zwecke muss man
sich auch ein bestimmtes Grundwissen auf dem Gebiete der
Logik aneignen. Für die zweite Gruppe, das Erlernen der
Gebote und der Gesetze, braucht man auch einige
Naturwissenschaften wie Geometrie und Astronomie. Die dritte
Gruppe beinhaltet das Erlernen eines Berufes für den
Lebensunterhalt. Die vierte Gruppe: alle anderen
Wissensgebiete, deren Erlernen nicht den geringsten Nutzen
bringt.

Es bleibt nun nur noch zu klären, wo weltliche Studien zum
Zwecke der Allgemeinbildung und zur Horizonterweiterung
einzuordnen sind. Weil diese Serie aber schon sehr lange läuft,
werden wir uns dieser Frage erst an einem späteren Zeitpunkt
zuwenden.