DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJESCHEW
Nr. 228
25. Kislev 5760
 

1. Schabbat Chanukka
Diese Woche in der Tora (Gen. 37,1 - 40,23):
Josefs Träume, Feindschaft seiner Brüder, als Sklave nach
Ägypten, Jehuda und Tamar, Josef im Hause Potifar, im
Gefängnis, deutet die Träume Pharaos Mundschenks und
Bäckers.
 
 
Frage und Antwort

Charedisch-zionistische Erziehung?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Die Charedim [nichtzionistische, orthodoxe Juden]
verfolgen bei der Erziehung einen alten, gut ausgetretenen
Weg: nur Heiliges. Die Chilonim [säkulare Juden] verfolgen
einen neuen, gut ausgetretenen Weg: nur Weltliches. Und worin
besteht unser [zionistische Orthodoxe] Ideal? Sagen wir mal:
Heiliges und Weltliches zusammen, wie z.B. in den Jeschiwa-
Gymnasien, so können wir sicher auf diese Institutionen stolz
sein, doch ehrlich gesagt gibt es dort viele Probleme,
wohingegen in den Vor-Jeschiwot, in denen nur religiöse
Themen gelehrt werden, die Schüler wesentlich mehr Tora und
G~ttesfurcht erwerben. Und wenn wir sagen wollten:
Beschränken wir uns auf das Heilige - worin unterscheiden wir
uns dann noch von den Charedim?! Soll das unser Ideal sein,
Jugend ohne Allgemeinbildung? Woher soll unser Staat dann
Arbeiter und Wissenschaftler nehmen? Diese Frage liegt mir
schwer auf dem Herzen.

Antwort: In der Tat handelt es sich hierbei um eine schwere, eine
schicksalshafte Frage über das ideale spirituelle
Erscheinungsbild unserer Schüler, unserer Erzieher und
darüberhinaus auch unserer Rabbiner. Eine Schicksalsfrage mit
weitreichenden Konsequenzen.

Welches Glück, dass uns in unseren neuen und komplizierten
Lebensumständen "Wegweiser" zuhilfe kamen, die uns in die
richtige Richtung lotsen, nämlich Rabbiner Awraham Jizchak
Kuk [erster Oberrabbiner Israels] und sein Sohn, Rabbiner Zwi
Jehuda Kuk [Leiter der Jeschiwa "Merkas Harav" in Jerusalem
bis zu seinem Tode im Jahre 5742]. In so einer wichtigen Frage
können nur erstrangige rabbinische Kapazitäten die
Entscheidung treffen. Ein so ernstes Thema darf nicht auf dem
Jahrmarkt des täglichen Lebens ausgeschachert werden. Sicher
muss man dazu auch die Realität kennen, doch diese diktiert
nicht den Lehrplan im Bet Midrasch [Lehrhaus]; vielmehr
bestimmt das Bet Midrasch die Realität! Auch ein Arzt
entscheidet nicht nur mit seinem Fachwissen, er muss auch den
Zustand des Kranken genau kennen, doch darf der Kranke nicht
alleine seine Behandlung bestimmen.

Unsere beiden vorgenannten Geistesgiganten, vertraut mit der
Lehre der Wiedergeburt Israels und des Heiligtums, lehrten uns,
dass die zentrale Kraft zur Erhebung des Einzelnen und des
Volkes, der Familie und des Staates, der Streitkräfte und der
Wirtschaft, der Reinheit und der Heiligkeit - im Studium der Tora
liege. Das jüdische Volk kann nur durch das Torastudium seine
alte Frische wiedererlangen; Tora für die Massen, und Tora
speziell zur Heranbildung geistiger Führungspersönlichkeiten.

Wir gehen davon aus, dass die Tora alle Krisen beheben und
alle Um- und Zustände mit höchster Spiritualität ausfüllen kann.
So betonte Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") am
Anfang seines Buches "Führer der Unschlüssigen", dass es sich
bei der Tora um die Wissenschaft handele, frühere und heutige
Generationen in Einklang miteinander zu bringen.

Demnach haben wir es hier mit drei Aspekten zu tun:
1. Torastudium, 2. Erkennen der Realität, 3. Erleuchtung
unserer Realität durch die Tora.

Zu 1. Die Tora bleibt natürlich die gleiche Tora, die sie schon
immer war, wie sie in großen und kleinen, Vor- und
Hauptjeschiwot, in Grundschulen und im Cheder [Kombination
von religiöser Vorschule und Kindergarten] seit Moses' Zeiten
gelernt wird. Diegleiche Tora, die in allen Jeschiwot in Tiefe und
Weite, mit geistiger Schärfe und fundierter Genauigkeit, in
Reinheit, G~ttesfurcht und Liebe, mit Ehrfurcht vor dem Heiligen
und mit Freude, mit großer Lust und unglaublicher Ausdauer
gelernt wird - denn sie birgt unser Leben und die Länge unserer
Tage, und mit ihr beschäftigen wir uns bei Tag und bei Nacht.

Zu 2. Die offensichtliche Realität zeigt, dass G~tt sein Volk zu
erlösen begonnen hat. Die Endzeit ist da! Die Prophezeiungen
der Propheten werden vor unseren Augen Wirklichkeit: Aufbau
des Landes, Rückkehr nach Zion, Gründung des Staates Israel,
Siege der Armee und Rückkehr der Tora zu ihren Schülern in
unserem heiligen Lande. Was für ein Glück - und das ist noch
nicht in allen Jeschiwot bekannt.

Zu 3. Die Tora erleuchtet diese Realität, was unser Lehrer
Rabbiner Zwi Jehuda Kuk als "die erlösende Tora" bezeichnete,
d.h., die Tora erfüllt den Prozess der Erlösung mit einer Seele.
Natürlich handelt es sich auch hier um genau diegleiche Tora
wie in allen Jeschiwot, doch in dem neuen Licht, das Zion
erleuchtet!

Diese Tora beinhaltet neben dem Studium von Talmud und
Halacha [jüdischem Gesetz] auch die Grundlagen des Glaubens
in gründlicher und ernsthafter Auseinandersetzung. Worin
besteht nun die charakteristische Eigenschaft dieses Glaubens?
Der Glauben an das Volk Israel, das Volk Israel in allen seinen
Generationen, und wie wir es heute vor uns haben; der Glauben
an unsere Generation, der großen Generation, die selbst die
Erlösung Israels erlebt, der Glauben an die Hand G~ttes, die zu
unserer Errettung und Wiedererstehung wirkt; der Glauben an
unseren Staat als Konkretisierung der Prophezeiungen der
Erlösung; der Glauben an unsere Armee, die über das Volk und
das Land wacht und den Namen G~ttes heiligt.

Das ist unser Ideal: einen Schüler hervorzubringen, einen
religiösen Menschen, einen Toragelehrten, voller Tora und
G~ttesfurcht, guten Eigenschaften wie in allen Generationen,
und dazu mit Herz und Seele mit allen Aspekten unserer Nation
verbunden, und in ihr zu ihrem Segen wirkend und ihren Weg
erleuchtend.

Und wo bleibt die Allgemeinbildung? Über ihre
Lebensnotwendigkeit und Unverzichtbarkeit brauchen wir kein
Wort zu verlieren - aber sie ist nicht die Hauptsache. Ein junger
Mensch braucht vor allen Dingen gute Charaktereigenschaften,
G~ttesfurcht und Tora. Später sind dann genau abgemessene
Gaben von Allgemeinbildung hinzuzufügen, so dass ein Mensch
heranwächst, der auf allen Pfaden unseres reichen und
vielseitigen Lebens bewandert ist. Und wo bleiben die Arbeiter
und die Wissenschaftler? Auch das ist nicht so eilig.
Gottseidank dauert das Leben lange. Wenn der in einer
zionistischen Jeschiwa erzogene Jüngling eines Tages
entscheidet, sich der Arbeit oder der Wissenschaft zuzuwenden,
so steht ihm immer das Tor zur Berufsberatung offen, die, wie
die Erfahrung zeigt, meist in eine erfolgreiche Karriere mündet.

In der Jugendorganisation "Bnej Akiva" wuchsen wir auf unter
dem Eindruck des großen Weisen der Mischna, Rabbi Akiva.
Sein Licht strahlt auf allen unseren Lebenswegen. Er lernte
seinerzeit 24 Jahre ununterbrochen Tora unter enormer
Selbstaufopferung, nicht Mathematik oder Physik, Metaphysik
oder Musik, sondern eben nur Tora. So brachte er der ganzen
Nation Segen. Doch wie Rabbiner A.J.Kuk in einem Brief an
seine "teuren Herzensfreunde" Bnej Akiva betonte - alle Teile
der Tora. So beinhaltet unser Weg beim Studium der Tora auch
die Grundlagen des Glaubens, den Glauben Israels und Tora.
Und noch eine Eigenschaft hatte Rabbi Akiva: tatkräftige
Rückenstärkung der großen Vision von der nationalen
Wiedererstehung, der eigenen Armee und der Selbständigkeit.

Solange wir uns an den Rockschößen von Rabbi Akiva
festhalten, bringen wir uns und unserer zu neuem Leben
erwachenden Nation Segen.  

 
 
Am Schabbes-Tisch

Perez und Serach

Rav Asri'el Ari'el

Zwillingsbrüder gebar Tamar dem Jehuda: Perez und Serach.
Rabbiner Moscheh ben Nachman ("Nachmanides") und Rabenu
Bechaje (aus der Periode der Rischonim vor etwa 700 Jahren)
verglichen sie mit Sonne und Mond. Serach entspricht der
Sonne, die am Himmel strahlt ("Serach" bedeutet "strahlen")
und Perez ("Durchbruch") dem Mond, dem ab und zu ein Stück
"abbricht" und der sich immer wieder füllt.

Im jüdischen Volk repräsentieren diese beiden zwei
gleichwertige Kräfte: Serach steht für die beständige
Gleichmäßigkeit, er kennt kein Zu- und Abnehmen - eben wie
die Sonne. Bei seiner Geburt kam seine Hand vor seinem
Bruder heraus, doch schließlich wurde er als zweiter geboren.
Im Denken liegt er vorne, und in der praktischen Ausführung
hinkt er hinterher. Wie in der Vision vom Ende der Tage, wenn
das Licht des Mondes wie das Licht der Sonne sein wird, und
wie es zu Beginn der Schöpfung war (Midrasch).

Sein Bruder Perez ergänzt ihn. Er steht für ungebremsten
Aktivismus. Er brennt darauf, Herausforderungen anzunehmen.
Er hält nichts von Beständigkeit, sondern bevorzugt die
dauernde Auseinandersetzung. Er ist bereit, die Höhen zu
erstürmen und sich den Gefahren eines Sturzes in die Tiefe
auszusetzen. Das Königtum Israels, die Herrschaft des Hauses
David, wird mit dem Mond verglichen. Manchmal nimmt er zu
und erscheint vollkommen, und manchmal nimmt er ab und
erscheint mangelhaft, diegleiche Vorstellung, wie wir sie von
Davids Königtum erhalten. Er symbolisiert das Schicksal des
Volkes Israel in dieser Welt: ein Schicksal des ständigen
Kämpfens, eine Aneinanderreihung von Niederlagen und
Erfolgen, Höhen und Tiefen; doch verschwindet es niemals
vollständig. "David König Israels lebt und besteht" (aus dem
Gebet über den sich erneuernden Mond). Wie der Mond, so das
Königtum Israels. Nach dem tiefsten Sturz und vollständiger
Unsichtbarkeit findet der neue "Molad", die "Wiedergeburt" statt,
worauf es seine Erneuerung aufbaut.

Der MaHaRaL aus Prag ("Der hohe Rabbi Löw") bezieht die
gleiche Grundidee auf das Chanukkafest. Das Datum für den
Beginn der Schöpfung, der Tag, an dem das Licht geschaffen
wurde, war der 25. Elul. An diesem Tag sind Tag und Nacht
gleichlang, danach werden im Verlaufe von drei Monaten die
Tage kürzer und das Licht weniger, bis zum 25. Kislev. Dieser
Tag ist der kürzeste mit dem wenigsten Licht während des
Sonnenjahres. Doch an diesem Tag kehrt sich der ganze
Prozess um, und die Tage werden wieder länger und das Licht
mehr. So erleuchten uns die Chanukka-Lichter gerade die
dunkelste Winterszeit und die dunkelste Periode im Monat,
wenn er nämlich zuende geht. Nach der Regel für Chanukka
zünden wir jeden Tag mehr Lichter an "bis der Tag heranbricht
und die Schatten fliehen" (Hohelied 2,17), bis der Mangel des
Mondes behoben sein wird und er sich anfüllt, um niemals
wieder abzunehmen.