DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJCHI
Nr. 231
16. Tewet 5760
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 47,28 - 50,26):
Jakov segnet Josef und seine anderen Söhne vor seinem Tode
in Ägypten; der Segen bezeichnet die Charaktereigenschaft
eines jeden der 12 Stämme; großer Trauerzug und Begräbnis in
der Machpela-Höhle; Josef prophezeit, dass G~tt die Kinder
Israels ins Land der Vorväter zurückbringen wird und bittet,
dann seine Gebeine zum Begräbnis dort mitzunehmen.
 
Am Schabbes-Tisch

Mit Rehpost

Rav Asri'el Ari'el

Am Ende des ersten Buches Moscheh segnet unser Vorvater
Jakov seine Söhne, wobei er sie symbolisch mit verschiedenen
Tieren vergleicht. So auch Naftali, eine "gesandte Hinde"
(Hirschkuh). Diese Bezeichnung erscheint jedoch einigermaßen
mysteriös. Die anderen erwähnten Tiere werden mit den für sie
als typisch bekannten Eigenschaften genannt. Der junge Löwe
mit der Eigenschaft des Reißens anderer Tiere zu seiner
Nahrung: "Ein junger Löwe bist du, Juda, wenn du vom Reißen,
mein Sohn, empor dich reckst" (Gen. 49,9). "Ein räuberischer
Wolf ist Benjamin, am Morgen frisst er seine Beute, am Abend
teilt er seinen Fang" (49,27). "Ein knochenstarker Esel -
Issachar, dahingelagert zwischen Hürden" (49,14), schleppt
Lasten und kauert sich nieder, um vom Wege auszuruhen. Dan:
"er wird der Schlange gleichen auf dem Wege" (49,17). Im
Zusammenhang mit der Hinde heißt es jedoch: "schöne Worte
bringend" (Gen. 49,21). Seit wann sprechen Hirsche?! Was soll
dieses Beispiel also bedeuten?

Nachmanides (Rabbiner Moscheh ben Nachman, prominenter
Tora- und Talmudkommentator aus der Periode der Rischonim)
betonte besonders die Rolle der Hinde als "Brieftaube", allerorts
gute Nachrichten zu verbreiten. Darum heißt es auch nicht
"schöne Worte sprechend", sondern "schöne Worte bringend",
von anderen ausgesprochen, und durch sie überbracht.

Demnach liegt Naftali besonders der Botendienst. Der Bote
agiert nicht aus eigener Initiative, und er überbringt auch nicht
seine eigenen Ideen. Er rennt auf Veranlassung des Absenders,
und überbringt dessen Mitteilungen so, wie sie sind. So verhält
sich Naftali in seiner Beziehung zu G~tt. Er dient nicht seinem
eigenen Ego wie jemand, der in G~tt nur eine
Informationsquelle, eine Hilfe zur "Selbstverwirklichung" sieht.
Im Gegenteil - er sieht sich ausschließlich als Mittel zum Zweck
des Dienstes an seinem Schöpfer, und das Wort G~ttes allen
Menschen auf der Erde zu überbringen.

Nachmanides zitierte eine Geschichte aus dem Talmud
Jeruschalmi (kürzerer Vorgänger des babylonischen Talmuds)
aus dem Traktat Schwi'it (9.Kap., Hal.2), die davon handelt, wie
die Hinde ihren Botendienst erfüllt:

Der Kaiser Dikletian verursachte den Bewohnern von Panias
(dem heutigen Banias im Norden Israels) großes Leid durch die
hohen Steuern, die er ihnen auferlegte. Da sprachen sie zu ihm:
Wir werden von hier wegziehen und uns woanders
niederlassen. Sein persönlicher Berater aber sagte zu ihm:
Wenn sie weggehen, werden sie am Ende doch wieder dorthin
zurückkehren, denn so verlangt es die Natur, dass man nämlich
an seine Geburtsstatt zurückkehre. Probiert es aus, wenn ihr
wollt, und nehmt euch ein paar Hirsche, die an diese Gegend
gewöhnt sind, und schickt sie in ein fernes Land. Ihr werdet
sehen, am Schluss kommen sie wieder zurück. Und so geschah
es auch: Er ließ einigen Hischen das Geweih mit Silber
überziehen und schickte sie nach Afrika, und nach Ablauf von
13 Jahren kehrten sie an ihren Ursprungsort zurück.

Die Bewohner von Panias drohten dem Kaiser mit der Aufgabe
ihrer Stadt wegen der Probleme, die er ihnen bereitete. Der
Berater des römischen Kaisers wusste aber besser als sie selber
um die Anhänglichkeit eines Menschen an sein Land. Er konnte
zwar ihre Flucht nicht verhindern, doch konnte er wohl deren
Rückkehr zu ihrer natürlichen Umgebung voraussagen.

Der Talmud Jeruschalmi teilt uns nicht mit, ob es sich bei den
Bewohnern von Panias um Juden oder um Nichtjuden handelte.
Nach den historischen Unterlagen, die uns heute zur Verfügung
stehen, kann man davon ausgehen, dass es eine nichtjüdische
Stadt war. In diesem Lichte sehen wir die Überlegungen:
Wirtschaftliche Probleme auf der einen Seite, und eine starke
natürliche Verbundenheit zum Ort auf der anderen Seite - diese
Charakteristika kennzeichnen die Verbindung eines jeden
Volkes zu seinem Lande.

Das Volk Israel dagegen stellt eine andere Verbindung zu
seinem Land her. Hier geht es nicht um von der Natur diktierte
Verbundenheit, sondern um göttlichen Auftrag. Es verkündet
keine selbstgestrickten Parolen, was die Bedeutung seiner
Existenz betrifft, sondern bringt "schöne Worte", die von G~tt
erhaltene Botschaft. "Das Volk, das ich mir geschaffen, meinen
Ruhm sollen sie erzählen" (Jeschajahu 43,21). Dies ist die
Botschaft des Stammes Naftali, der sein Stammgebiet
gegenüber von den Golanhöhen erhielt.