DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


EINZELHEITEN ZU MACHON MEIR/KIMIZION UND VIELE ANDERE INTERESSANTE INFORMATIONEN FINDEN SIE  IN DEN AUSGABEN DES AKTUELLEN JAHRGANGS


Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJERA
Nr. 223
20. Marcheschwan 5760
 

Diese Woche in der Tora  (Gen. 18,1-22,24):
Besuch der 3 Engel bei Awraham, Ankündigung Saras Sohn,
Verhandlung mit G~tt über Sdom, Engel bei Lot, Vernichtung
von Sdom und Amora, Lot und seine Töchter, Awraham und
Sara bei Awimelech, Geburt Jizchaks, Vertreibung Hagars und
Jischma'els, Bündnis mit Awimelech, Opferung
Jizchaks/Widder, göttliches Versprechen zahlreicher
Nachkommenschaft und Segen für alle Völker der Erde.
 
 
Frage und Antwort

Was das Herz begehrt

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Vor meiner Heirat habe ich viel und gern gelernt, vor
allem biblische Themen. Jetzt, wo ich gottseidank eine eigene
Familie habe, finde ich keine Beziehung zur Hausarbeit, und
ich ertappe mich immer wieder mit der Nase in einem Buch,
statt über dem Kochtopf. Was soll ich tun?

Antwort: Jeder Einzelne muss sich vor allem mit dem
beschäftigen, wohin seine Seele ihn drängt; demnach sollte
sich eine Frau mit spirituellen Neigungen hauptsächlich mit
spirituellen Dingen beschäftigen und ihren praktischen
Aufgaben eine untergeordnete Rolle zuweisen.

Allerdings gibt es auch hie und da Pflichten im Leben wie
kochen, das Haus sauber halten und die Kinder waschen.
Jeder Mensch unterliegt angenehmen wie auch
unangenehmen Pflichten, doch allesamt fallen in die Kategorie:
"Alles was G~tt sagt wollen wir tun; lasst es uns hören" (Ex.
24,7). Eigentlich sind alle Gebote angenehm, in ihrer
Eigenschaft als göttlicher Wille, und den göttlichen Willen
auszuführen ist doch die angenehmste Sache auf der Welt.

Im Klartext: Das Gefühl, ob einem etwas liegt oder anspricht, ist
absolut zweitrangig. Wir führen die göttlichen Weisungen nicht
für irgendein vages Verbundenheitsgefühl aus, oder um unser
seelisches Gleichgewicht zu erhalten, sondern um seinen
Willen in die irdische Realität umzusetzen. Zwar ist dies schon
wert, sich ganz wunderbar beim Dienst an G~tt zu fühlen, bleibt
aber trotzdem eine zweitrangige Angelegenheit. Hauptsache
bleibt die Ausführung des göttlichen Willens, ob einen dabei
nun ein heiliges Gefühl durchströmt, oder gar nichts.

Im Gegenteil: Ein Mensch, der G~tt dient und dabei keine
besondere seelische Ausgeglichenheit verspürt, hat so viel
eher die Chance, G~tt um seiner selbst willen zu dienen. Wenn
ein Mensch jedoch seine "Beziehung" auslebt, kann ihm leicht
der Zweifel an der Richtigkeit seiner Taten kommen - bewegt
ihn der Drang zu seinem persönlichen Glücksgefühl, oder
G~ttes Willen auszuführen? Darum sorgt G~tt in seiner Güte
ab und zu für ein Abebben der Freude und der Begeisterung,
als Prüfung und als Übergangszustand, damit der Mensch zum
ideellen Grundgedanken zurückfindet und so auf eine höhere
Stufe im Dienst an G~tt gelangt.

Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, dass wir uns in der
diesseitigen Welt dazu befinden, den göttlichen Namen in der
materiellen Welt zu heiligen. Die Tora wurde nicht den
Dienstengeln gegeben, sondern den Menschen, damit sich
erfülle: "lasset uns deinen Namen in der Welt heiligen, damit
sie ihn in den himmlischen Sphären heiligen".

Gerade belesene und geistig geneigte Frauen sind es, die eine
seelische Ausgeglichenheit bei der Erfüllung der häuslichen
Pflichten fühlen können, weil sie das immense Licht der Gnade
ermessen können, das in diesen einfachen und alltäglichen
Tätigkeiten verborgen ist. Wie ausführlich schildert die Tora die
mildtätigen Werke unseres Vorvaters Awraham, und die
Behendigkeit ihrer Ausführung, weil er nämlich das darin
verborgene göttliche Licht erkannte.

Als Gäste kamen, kümmerte er sich persönlich um sie und
sagte zum Herrn der Welt: "so gehe doch nicht an deinem
Knecht vorüber" (Gen. 18,3); daraus zogen die talmudischen
Weisen die Lehre, dass Gastfreundschaft von höherem Rang ist
als das Empfangen der göttlichen Präsenz. Und der MaHaRaL
(der "Hohe Rabbi Löw" aus Prag) erklärte dazu, dass diese
beiden Dinge identisch sind - "Gastfreundschaft" bedeutet
"Empfang der göttlichen Präsenz". Entsprechend ruht die
göttliche Präsenz auf allen mildtätigen Werken der Frau in
ihrem Haushalt.


 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (5)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

In den bisherigen Folgen behandelten wir ausführlich die
Pflicht der Eltern, ihren Nachwuchs einen Beruf zu lehren, wie
es in der Mischna heißt (Kiduschin 82a): "Rabbi Meir sagt:
Stets lehre man seinen Sohn einen sauberen und leichten
Beruf"; und weiter (Kiduschin 29a): "Der Vater muss seinen
Sohn.. Tora.. und einen Beruf lehren... Rabbi Jehuda sagt: Wer
seinen Sohn keinen Beruf lehrt, ...gilt, als hätte er ihn Räuberei
gelehrt". Heutzutage kommt man ohne weltliche Studien nicht
aus, um einen modernen und sinnvollen Beruf zu erlernen.

In allen früheren Generationen fand sich niemand, der an
diesem Prinzip gerüttelt hätte. In letzter Zeit jedoch mehren
sich die Stimmen, die von weltlichen Studien für die
Jugendlichen absolut nichts wissen wollen. Der Grund? Weil
angeblich die oben zitierte Lehrmeinung nicht von allen
talmudischen Weisen geteilt wurde. Nach den Worten von
Rabbi Meir bringt die Mischna den Ausspruch von Rabbi
Nehorai: "Rabbi Nehorai sagt, ich lasse lieber jedes Gewerbe
der Welt und lehre meinen Sohn nur die Tora, denn der
Mensch genießt ihren Lohn auf dieser Welt, und das
Grundkapital bleibt ihm für die kommende Welt erhalten, was
aber bei jedem anderen Gewerbe nicht der Fall ist, denn wenn
der Mensch einmal krank, alt oder leidend wird und nicht
seinem Gewerbe nachgehen kann, so stirbt er vor Hunger, was
aber bei der Tora nicht der Fall ist. Sie behütet ihn vielmehr in
seiner Jugend vor allem Bösen und gewährt ihm Zukunft und
Zuversicht im Alter", und im Raschikommentar dazu heißt es,
selbst wenn der Mensch einmal krank wird und sich nicht mit
der Tora beschäftigen kann, so zehrt er von ihrem Lohne.

Manche legten diesen Ausspruch als Widerspruch zu Rabbi
Meir aus, d.h., man habe die Erziehung ausschließlich auf das
Torastudium auszurichten. Daher der entschiedene Widerstand
gegen jede Berufsausbildung der Jugendlichen, und damit
auch gegen den Erwerb von Grundwissen in den weltlichen
Fächern. Die Mehrheit der Kommentatoren jedoch entnahm
dem Stil der Mischna, dass Rabbi Nehorai keinen gegenteiligen
Standpunkt zu Rabbi Meir beziehen wollte, sondern nur eine
ergänzende Anmerkung machen bzw. einen persönlichen
Sonderfall darlegen wollte. Der MaHaRSchA (Rabbiner
Schmu'el Eli'eser Edels, berühmt für seinen in Halacha und
Agada aufgeteilten Talmudkommentar, vor ca. 400 Jahren)
zum Beispiel erklärte, dass Rabbi Nehorai nicht der
allgemeingültigen Lehrmeinung von Rabbi Meir von den
Vorzügen des Berufsstudiums widerspricht, sondern sie nur
eingrenzt: "Rabbi Nehorai widersprach sicher nicht, und jeder
Mensch muss einen Beruf erlernen, er meinte es vielmehr wie
folgt: 'Ich lasse lieber jede feste Berufsbeschäftigung und lehre
meinen Sohn hauptsächlich Tora, und einen Beruf
zwischendurch'. D.h., Rabbi Nehorai wollte den Eltern die
Prioritäten aufzeigen. Wer seinen Sohn zu dauernder
Beschäftigung mit der Tora und gelegentlicher Erwerbstätigkeit
erziehen will, muss während der Schulzeit den Torastudien
einen festen Platz einräumen und den berufsvorbereitenden
Fächern untergeordnete Bedeutung zukommen lassen.

Diese Anweisung ist außerordentlich wichtig. Die Bewahrung
der "Permanenz" im Zusammenhang mit religiösen Studien
gegenüber der "Zeitweiligkeit" der weltlichen Fächer ist ein
immer wiederkehrendes pädagogisches Prinzip, das sich wie
ein roter Faden durch die Schriften so gut wie aller großer
Toragelehrten zieht. Nicht nur, dass sie sich säkularen Studien
nicht widersetzen, sondern sie verpflichten sogar dazu,
allerdings unter der Bedingung der Bewahrung ihres
temporären Charakters gegenüber den Torastudien.

Auch der "Pnej Jehoschua" (Rabbiner Jakov Jehoschua Falk,
nach seinem berühmten Talmudkommentar P.J. genannt, vor
etwa 300 Jahren) bestimmte, dass Rabbi Nehorai nicht die
Notwendigkeit der Berufsausbildung abstreitet: "Sicher ist es
für jeden normalen Menschen angebracht, Tora und Beruf zu
lernen" (und verboten, sich darauf zu verlassen, dass andere
ihn ernähren werden, denn wenn dies nicht eintreffe, "könnte er
der Räuberei verfallen oder zu einer Schande der Tora
werden"). "Vielmehr redete Rabbi Nehorai von sich selber und
von seinem Sohn, in dem er ein außergewöhnlich schnelles
Begreifen und eine besondere Begabung für das Torastudium
erkannte, der auch das Erlernte in die Tat umsetzen könne und
eines Tages ein großer Gelehrter und wahrhaft Gerechter sein
werde... 'an seinen Handlungen erkennt man den Knaben'
(Sprüche 20,11)". Es zeigt sich demnach, dass Rabbi Nehorai
nur den Spezialfall seines Sohnes schilderte, der schon in
frühestem Jugendalter durch hervorragende Ergebnisse in
seinen jüdischen Studien und durch seine beispielhaften
Charakterzüge auffiel, was große Erwartungen erweckte;
darum wollte Rabbi Nehorai dessen Begabung auf dem
Gebiete der Tora fördern und machte sich um seinen
Lebensunterhalt keine Sorgen. G~tt werde sich schon um
seinen Sohn kümmern und ihn nicht im Stich lassen.

Daraus lernen wir, dass es in der Erziehung kein Patentrezept
gibt, sondern eine Regel, und Ausnahmen von der Regel. Man
muss sowohl die Eltern repektieren, die ihre Kinder auch
wissenschaftliche Fächer in Vorbereitung für eine akademische
Ausbildung lernen lassen, wie auch die Eltern, die ihre Kinder
im Rahmen von religiösen Studien zulasten der weltlichen
Fächer erziehen lassen, nachdem sie die entsprechende
Neigung und Eignung des Nachwuchses für diese Art der
Bildung festgestellt haben.

Für die Worte von Rabbi Nehorai gibt es allerdings noch
andere Erklärungen, doch darüber mehr in der nächsten Folge.