DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WA'ETCHANAN
Nr. 264
11. Aw 5760
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 3,23-7,11):
Fortsetzung Moschehs Rückblicksrede, Bitte, doch einwandern
zu dürfen, und deren göttliche Ablehnung; Ermahnung, die Tora
nicht zu ändern; Warnung vor Götzendienst; Zufluchtstädte;
Wiederholung der 10 Gebote; das Schma-Gebet; Vermeiden
von Mischehen; nochmalige Aufforderung zur Vertreibung der
Ka'ananiter.
 
 
Frage und Antwort

Schöne gute Welt

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wie können wir uns eine positive Weltanschauung
angewöhnen, wenn die Wirklichkeit um uns herum alles andere
als rosig aussieht? Im nachhinein - und mit dem göttlichen
Überblick - sind wir alle schlauer, doch sind wir schließlich
Menschen, die mittendrin in der rauhen Wirklichkeit stecken.
Und wegen der vielen Leiden beten wir dann. Doch wann soll
man sich zusammenreißen, und wo liegt die Grenze zwischen
Mitgefühl und Gleichgültigkeit?

Antwort: Diese Frage beschäftigt die Menschen schon seit
alters her. Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides")
widmete ihr ein ganzes Kapitel in seinem Buch "Führer der
Unschlüssigen" [eines der Standardwerke jüdischer
Religionsphilosophie] (3.Teil, 12.Kap.). Demnach gebe es nach
der Vorstellung der Massen mehr Schlechtes als Gutes auf der
Welt. Die Völker der Welt schildern diesen Zustand in Rede und
Lied auf viele verschiedene Weisen, und selten findet man
etwas Gutes, meistens überwiegt und überdauert das
Schlechte. Doch nicht nur die Massen glauben daran, sondern
auch diejenigen, die sich für Denker halten, wie z.B. ein
Schriftsteller namens Abu-Bekr (Muchamad ben Sakarja Alrasi).
Neben anderem Blöd- und Wahnsinn behauptete er bei jeder
Gelegenheit, dass das Schlechte das Gute überwiege. Wenn
man nach seiner Argumentation die Seelenruhe gegenüber den
Leiden und Qualen abwiege, den Krankheiten, den
Enttäuschungen, den falschen Versprechungen und den
Naturkatastrophen, dann komme einem das Leben wie eine Art
grausame Strafe vor. Er konnte gar nicht oft genug seine
traurige Liste im Kampf gegen die treuen Anhänger der
Wahrheit wiederholen, die durchaus die Güte G~ttes in seiner
Welt sehen.

Als Grund für den Irrtum dieses Ungebildeten und
seinesgleichen gab Maimonides den Glauben an, die Welt sei
nur für ihn persönlich geschaffen worden. Wenn so einem
etwas gegen den Strich geht, dann ist für ihn gleich die ganze
Welt schlecht. Wenn er sich nur klarmachen könnte, welch
kleinen Raum er in der Welt einnimmt, würde ihm schnell die
Wahrheit dämmern: die Welt besteht aufgrund göttlichen
Willens.

Gleichzeitig quillt diese Welt über von göttlichem Segen,
wohingegen die meisten Missstände auf das Konto des
Menschen gehen. In seiner Analyse teilte Maimonides die
Leiden der Welt in drei Kategorien ein:

1. Leiden, die in der Natur der Welt begründet liegen, wie
Krankheiten und Naturkatastrophen. Hier macht sich die
Tatsache bemerkbar, dass die Welt nicht nur eine spirituelle,
sondern auch eine materielle Seite hat; eine große Gnade, die
aber auch ihren Preis fordert. In Wahrheit kommen diese Leiden
äußerst selten vor und bilden eher die Ausnahme. Viele Orte
auf der Welt wurden in tausenden von Jahren kein einziges Mal
von Überschwemmungen oder von Flächenbränden
heimgesucht.

2. Stärker verbreitet als Ursache für menschliche Leiden ist die
Bosheit, mit der die Menschen miteinander umgehen. Daran
sind wir selber schuld, jedoch kann der einzelne Betroffene
selten etwas zur Milderung seines Leides unternehmen. Auch
hier sollten wir zugeben, dass Mord und Raub nicht die Regel
sind. Zwar treffen Kriege viele Menschen auf einmal, doch auch
sie kommen nicht jeden Tag vor.

3. Die schlimmsten Leiden aber fügt sich der Mensch selber zu.
Erst führt er einen schädlichen Lebenswandel, und dann kommt
er dem Herrn der Welt mit theologischen Spitzfindigkeiten. Alle
beklagen sich, und fast alle sind selber schuld. "Die Narrheit des
Menschen führt ihn auf krummen Weg, und dann ist sein Herz
wider den Ewigen erbittert" (Sprüche 19,3). "G~tt hat die
Menschen schlicht geschaffen, sie aber suchen viele
Berechnungen" (Prediger 7,29).

Am meisten schadet sich der Mensch durch seine schlechten
Eigenschaften. Er gibt sich seinen Trieben hin, handele es sich
nun ums Essen, Trinken oder Weibergeschichten; immer mehr,
als für eine gesunde Lebensführung nötig ist. Die Begierden
nehmen kein Ende. Hat er Silber, will er Gold, hat er Gold, will
er Edelsteine. So ist er sein ganzes Leben lang traurig und
unzufrieden, weil er niemals den Überfluss erreicht, nach dem er
sich sehnt, und außerdem setzt er sich dafür noch allen
möglichen Gefahren aus. Er beklagt sich, wenn sein Geld nicht
für exklusive Weine und teure Freundinnen reicht - als wäre
sein Genuss das Ziel der Welt. Er regt sich auf, weil ihm der Herr
der Welt nicht bei der Befriedigung seiner schlechten
Eigenschaften hilft.

Die Gerechten jedoch begnügen sich mit dem Nötigen: "..und
gibt mir Brot zu essen und ein Kleid anzuziehen" (Gen. 28,20).

Dieses Nötige zu erlangen ist relativ leicht, schrieb Maimonides.
Je unnützer ein Ding ist, um so teurer muss man es bezahlen.
Luft ist zum Leben unbedingt notwendig, und die gibt es gratis.
Wasser braucht man auch, aber nicht in gleichem Maße wie
Luft, es ist aber auch sehr billig zu haben. Ebenso
Grundnahrungsmittel (im allgemeinen), sie kosten aber mehr als
Wasser. Kaviar und Whisky hingegen sind teuer, man kann
aber ohne sie überleben.

Diese dreiteilige Analyse des Maimonides' war den Philosophen
der Völker bekannt und wurde z.B. von Leibnitz in seinem Buch
"Theodicée", d.h. G~ttesrechtfertigung, erwähnt.

Um sich diese Eigenschaft anzueignen, muss sich der Mensch
angewöhnen, "das große Maß an Wohltaten, die der Heilige,
gelobt sei er, an jedem Tag und zu jeder Stunde am Menschen
vollbringt, und die großen Wundertaten, die er ihm von seiner
Geburt bis zu seinem letzten Tag angedeien lässt" (Rabbiner
Moscheh Chajim Luzzatto, "Der Weg der Frommen" Messilat
Jescharim 8.Kap.) im Auge zu behalten. Der Reiche und der
Gesunde können diese Wohltaten sicher leicht nachvollziehen.
Doch auch der Arme und der Kranke müssen die Wundertaten
des Schöpfers anerkennen, der sie nicht zugrundegehen lässt
(ebda.).

Um diesen Punkt geht es auch im Buch "Herzenspflichten"
("Chowot HaLewawot", Rabbiner Bechaje Ewen Pakuda), d.h.
um die Dankbarkeit für erwiesene Wohltaten. Genau damit
fängt der jüdische Tag an: wenn man morgens aufwacht, sagt
man als erstes "Modeh ani...", "Ich danke dir..." (siehe Siddur).
Man zeigt sich für das erwiesene Gute erkenntlich. Im Laufe der
Generationen fanden unzählige Juden im Kapitel über das
Gottvertrauen in den "Herzenspflichten" großen Trost für ihre
Leiden, doch heutzutage leben wir ja in unserem eigenen Lande
wie im Paradies - seit dem Auszug aus Ägypten ging es dem
jüdischen Volk noch nie so gut wie heute (vielleicht mit
Ausnahme des salomonischen Königtums).

Was den unbedeutenden Teil des Bösen in der Welt angeht,
müssen wir uns zu seiner Erklärung der Weisheit der Kabbala
bedienen: "Der das Licht bildet und Finsternis schafft, Frieden
stiftet und Unheil schafft", verkündete der Prophet Jeschajahu
(45,7). Im täglichen Morgengebet zitieren wir ihn allerdings nicht
wörtlich, sondern sagen: "..der alles schafft". Wenn "das Böse"
für sich dasteht, wird es auch als böse aufgefasst. Im
Gesamtzusammenhang betrachtet geht es aber im "alles" auf.
Und das Gute, das aus dem Bösen hervorgeht, ist größer als
das von-Anfang-an-Gute. Doch um dies zu verstehen, muss man
die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende kennen. Das
liegt allerdings außerhalb unserer Reichweite, wie König
Schlomo ("Salomo") es ausdrückte: "Alles hat er schön gemacht
für seine Zeit, gleichwohl hat er die Ewigkeit ihnen ans Herz
gelegt, ohne dass der Mensch ausfindet an dem Werk, das G~tt
gemacht, weder Anfang noch Ende" (Prediger 3,11).

Ein gutes Beispiel für jemanden mit einem positiven Ausblick
auf die Welt bietet Josef, der Sohn Jakovs. "'Ein
fruchttragendes Reis ist Josef, ein fruchttragendes Reis an einer
Quelle', worüber Rabbi Abahu [im Talmud] sagte, man lese
nicht ale-ajin [an einer Quelle], sondern ole-ajin [das Auge
übersteigend]" (Brachot 20a nach Gen. 49,22). Nicht nur im
Lehrhaus sieht er mit Wohlwollen, wie das Gute aus dem
Schlechten hervorgeht, sondern auch am Beispiel seines
eigenen Lebens: "Kränkt euch nicht, und es möge euch nicht
leid tun, dass ihr mich verkauft hierher, denn zur
Lebenserhaltung hat mich G~tt vor euch hergesandt... nicht ihr
also habt mich hierhergesandt, sondern G~tt" (Gen. 45,5+8),
"Doch Josef sprach zu ihnen: Fürchtet nichts; bin ich denn
anstatt G~ttes?! Und habt ihr auch Böses wider mich gesonnen,
G~tt hat es zum Guten gewandt" (Gen. 50, 19-20).

Unsere Welt ist eine gute Welt. "..und G~tt sah, dass es gut
war... gut.. gut... sehr gut" (Gen. 1,12/18/21/31).

Wir alle als Schüler unseres Lehrers Moscheh, glauben an G~tt
und sehen die Welt mit Optimismus. Dazu gehören zwei Dinge:
1. Das Gute überwiegt das Schlechte in der Welt (s.o., nach
Maimonides). 2. Die Welt befindet sich in einer ständigen
Aufwärtsentwicklung zum Guten - nach den Worten der
Kabbalisten.

Dieser Optimismus entspringt einer wackeren Geistes- und
Charakterhaltung und erklärt uns, dass auf dieser Welt nichts
vergebens ist, dass unsere tagtägliche Mühe Früchte trägt, dass
sich die Welt verbessern lässt und wir an dieser Aufgabe einen
Anteil haben. Diese Einstellung treibt als unverzichtbare Kraft
jede menschliche Aktivität und bildet das Fundament aller
Moral. Ein Mensch wird keinen Finger krümmen, wenn er
glaubt, dass seine Mühe überflüssig ist, oder wenn er seine
Nächsten für unverbesserliche Bösewichte hält. Diese
Weltanschauung ist sich des Wesens der Lebenskraft an sich
bewusst, die schafft und Fortschritt bringt, durch göttlichen
Antrieb "prangend in Heiligkeit" (Ex. 15,11).