DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT TRUMA
Nr. 238
6. Adar-1 5760

Diese Woche in der Tora (Ex. 25,1 - 27,19):
Sachspendenaktion zum Bau des Wüstenheiligtums
(Bundeslade, Tisch der Schaubrote, Leuchter, Stiftszelt,
umgebende Trennwand, Vorhänge, Altar), Maße und
Anordnung der einzelnen Teile.
 
 
Frage und Antwort

Erlaubter Genuss und religiöse Enthaltsamkeit
 

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: In einem Ihrer Kommentare in "Be'Ahawa ube'Emuna"
[Nr. 226, Parschat Wajeze 5760] schrieben Sie, dass der
Mensch nicht jede Sekunde, 24 Stunden am Tag, dem Dienst
an G~tt widmen muss, vielmehr darf er ohne weiteres einen Teil
seines täglichen Lebens erlaubten Genüssen zuwenden, wie
Musik zu hören oder was Leckeres zu essen.

Das hat mich sehr gewundert, denn ich bin an eine ganz andere
Denkweise gewöhnt: Es ist schade um jeden einzelnen
Augenblick im Leben, der nicht für die göttliche Lebensweise
genutzt wird, und keinen Moment ist der Mensch befreit von der
Erfüllung seiner Pflicht; die Annehmlichkeiten sollen ihm
ausschließlich eine Stütze dabei sein.

Dann dachte ich darüber nach, worauf sich diese Ansicht
eigentlich gründet. Sofort kam mir der Ausspruch unserer
Weisen in der Mischna in den Sinn, "und alles was du tust
geschehe, um G~tt zu ehren" ("Sprüche der Väter", 2,12).
Bekanntlich heißt es im Buche "Der Weg der Frommen"
(Rabbiner Moscheh Chajim Luzzatto) im 1. Kapitel, dass sich der
Mensch nur in dieser Welt befindet, um die Gebote auszuüben,
[G~tt] zu dienen und die Prüfungen zu bestehen, und die
Annehmlichkeiten dieser Welt seien nur dazu da, ihm dabei
behilflich zu sein. Diese Dinge sind allgemein bekannt und alle
Bücher der Sittlichkeit und ethischer Werte voll davon, z.B.
"Chowot HaLewawot" (Herzenspflichten), wonach der weise
Mensch von den materiellen Dingen der Welt nur das Nötige zur
Befriedigung seiner Bedürfnisse nutze. Ebenso im Buche "Sefer
HaChinuch" (Liste aller 613 Ge- und Verbote mit Erläuterungen)
über das Gebot der Liebe zu G~tt (Nr.418) scharfe Worte über
diejenigen, die ihre Gedankenwelt auf materielle Dinge ohne
Verbindung zu G~tt ausrichten und nur ihr Vergnügen im Sinn
haben.

In Wirklichkeit verlangt der Verstand danach, denn diese Welt
ist nur ein Korridor zum Königspalast. Jeden Augenblick, den
der Mensch in dieser Welt mit der Beschäftigung in göttlichen
Dingen zubringt, verschafft ihm Anteil am ewigen Leben, und
jede Sekunde, die er davon ablässt, vermindert seinen Anteil.

Antwort: Alle genannten Quellenangaben sind natürlich wahr
und unerschütterlich, doch lassen sie sich nicht zwangsläufig
als Gebot und Pflicht auslegen, wonach der Mensch jeden
Augenblick seines Lebens dem Dienst an G~tt heiligen muss.
Vielmehr können die von Ihnen genannten Zitate auch als
höchste Stufe aufgefasst werden, zu der es zu streben gilt. Zwar
gibt es Kommentare, die Ihrer Auslegung entsprechen, doch
können sie keine ausschließliche Gültigkeitkeit für sich
beanspruchen, es gibt nämlich auch andere Auslegungen.
Wenn es sich wirklich um eine Pflicht handelte, so müsste
entsprechend in den Gesetzeswerken wie Maimonides'
"Mischne Tora" und im "Schulchan Aruch" erscheinen, dass der
Mensch keinen Teil seiner Zeit koscheren Annehmlichkeiten
widmen dürfe, und das steht dort nicht; wir entnehmen daraus,
dass es sich um eine gute Eigenschaft handelt, die zu erlangen
man erstreben sollte, und glücklich kann sich derjenige
schätzen, der diesen Weg geht, ja "heilig" wollen wir ihn nennen
- doch kann man die Menschen nicht gebotsweise dazu
verpflichten, höchstens dafür begeistern und erheben. Und
wenn sie erlaubte Annehmlichkeiten genießen wollen, statt Tora
zu lernen oder G~tt zu dienen, so begehen sie keine Sünde.
Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") schrieb: "Dem
König [von Israel] ist es verboten, zu trinken nach der Weise der
Säufer, wie es heißt: 'nicht den Königen, Wein zu trinken'
(Sprüche 31,4), sondern beschäftige sich mit der Tora und den
Bedürfnissen Israels bei Tag und bei Nacht, wie es heißt: 'und
sie soll bei ihm sein, dass er darin lese alle Tage seines Lebens'
(Dt. 17,19). Außerdem treibe er es nicht mit den Weibern. Selbst
wenn er nur eine einzige [Frau] hat, halte er sich nicht ständig
bei ihr auf wie die übrigen Dummköpfe, wie es heißt: 'gib nicht
den Weibern deine Kraft' (Sprüche 31,3). Mit der Ablenkung
seines Herzens nahm es die Tora besonders streng, wie es
heißt: 'dass sein Herz nicht abtrünnig werde' (Dt. 17,17), denn
sein Herz ist das Herz der ganzen israelitischen Gemeinschaft.
Darum brachte ihn die Schrift in innigerere Verbindung mit der
Tora als das übrige Volk, wie es heißt: 'alle Tage seines Lebens'
(s.o.)" (Gesetze von Königen und Kriegen, 3.Kap., Halacha 5-6).
Wir sehen also, dass die innige Verbindung mit der Tora und den
Bedürfnissen des jüdischen Volkes bei Tag und bei Nacht zu
den besonderen Gesetzen für den König gehört, und dass
demnach der Normalbürger Wein trinken und etwas Zeit mit
seiner Frau verbringen darf, auch wenn er dann gerade keine
Tora lernt. Wiederum muss natürlich betont werden, wer der Tora
100%ig anhängt, "heilig" genannt wird. Maimonides schrieb
weiterhin, dass sich jedermann täglich bestimmte Zeiten für das
Torastudium festlegen muss, und diese Pflicht betrifft nun
wirklich alle (Gesetze vom Torastudium 1.Kap., Hal.8).
Demgegenüber "wen sein Herz dazu erhebt, dieses Gebot in
der ihm angemessenen Weise zu erfüllen und gekrönt zu sein
mit der Krone der Tora, lasse sein Herz zu keinen anderen
Dingen verleiten, und bilde sich nicht ein, er könne die Tora
gleichzeitig mit Reichtum und Ehre erwerben; denn so ist die
Weise der Tora: 'esse Brot mit Salz usw.'" (ebda. 3,6). Wer nach
der "Krone der Tora" strebt, vergeude nicht auch nur eine seiner
Nächte mit Schlafen, Essen, Trinken, Unterhaltungen und
dergleichen mehr, sondern verbringe sie mit dem Lernen der
Tora und Worten der Weisheit" (ebda. 3,13). Daraus ergibt sich,
dass dies nicht jedermanns Sache ist, aber glücklich der, dem
diese Eigenschaft vergönnt ist.

Der Grund besteht darin, dass die Tora niemanden über seine
Fähigkeiten hinaus beansprucht, sondern ihn nur zu dem
verpflichtet, was jeder normale Mensch erfüllen kann.
Darüberhinaus ermuntert sie ihn, Stufe um Stufe
emporzusteigen, aber ohne Zwang, wie Rabbiner Me'ir Simcha
aus Dwinsk in seinem Kommentar  "Or Same'ach" zu
Maimonides' Gesetzeswerk ausführlich erläuterte.

Auch Maimonides selber schrieb schon, dass die Tora einerseits
den Menschen auf eine höhere Ebene heiligen Verhaltens zu
ziehen sucht, bis hinauf in höchste Höhen zu größtmöglicher
G~ttesnähe. Und andererseits erschwert sie nicht übermäßig
das materielle Leben, sondern passt sich der menschlichen
Natur an ("Führer der Unschlüssigen", III,34).

Diese "Tora des Lebens" verschließt sich nicht vor den
Annehmlichkeiten des Lebens. Diesen nennt man den Mittelweg
- der den Menschen nicht zur Enthaltsamkeit von koscheren
Genüssen dieser materiellen Welt zwingt (Maimonides, Gesetze
von den Sittenlehren, 3.Kap., und "8 Kapitel", Vorkommentar zu
den "Sprüchen der Väter", 4.Kap.).

Darüber liegt die spirituelle Stufe der Enthaltsamkeit von
weltlichen Dingen, und darüber die Ebene der besonderen
Frömmigkeit in vollkommener Hingabe zu G~tt.

In der Tat steht im ersten Kapitel des "Weges der Frommen",
dass man von den Annehmlichkeiten der Welt nur das unbedingt
Notwendige zum Dienst an G~tt genießen darf, doch dieses
Kapitel will uns vor allem mit dem Endziel vertraut machen,
nämlich uns an G~tt und nur an G~tt zu erfreuen. Doch dann
zeigt er uns den Weg dahin auf, den es bedächtig zu gehen gilt,
bis wir zu dieser erhabenen Stufe gelangen. In den ersten
Kapiteln des Buches redet er erstmal gar nicht mehr davon,
sondern bis zum 12. Kapitel nur über die Vorsicht vor
Verbotenem, die Flinkheit bei der Ausübung von Geboten und
die Reinheit in Wort und Tat, d.h. alles Dinge, die jedermann gut
anstehen und auch von jedem erreicht werden müssen. Die
Stufen der Enthaltsamkeit und der besonderen Frömmigkeit
hingegen (ab 13. Kap.) sind nur bestimmten Individuen
angemessen, und die Mehrheit der Menschen würde auf Dauer
diesen hohen Ansprüchen nicht gewachsen sein, außer eben
diesen einigen Wenigen, die die göttliche Nähe erstreben und
so auch die Mehrheit verdienstvoll machen. Im selben Kapitel
erwähnt Rabbiner Luzzatto verschiedene Genüsse von
Nahrung, Kleidung, Gespräch, Eheleben u.ä. und betont, dass
diese erlaubt sind. Doch der Enthaltsame entferne sich von
ihnen und richte alle seine Handlungen auf die Ehrung G~ttes,
und diese hohe Stufe sieht Maimonides bereits nahe des
prophetischen Ranges, und sicher handelt es sich dabei nicht
um eine Empfehlung für die Mehrheit der Menschen. Vielmehr
muss jeder versuchen, das nach seinen Kräften Mögliche auch
wirklich zu erreichen.

Der Autor der "Herzenspflichten" vertritt zugegebenerweise eine
verschärfende Position (Kapitel vom Dienst an G~tt, §3). Für ihn
gibt es keinen neutralen Raum zwischen Pflicht und Sünde.
Nach seiner Ansicht zählt alles, was der Mensch zum Leben
unbedingt braucht, als Gebot, und alles, was
darüberhinausgeht, schon als Sünde. Doch Rabbiner Awraham
ben David aus Posquieres (RaAwaD, ein Zeitgenosse und
Kommentator Maimonides') vertrat eine andere Ansicht, nämlich
gebe es in der Mitte zwischen den Pflichten und den Sünden
den Bereich des Erlaubten ("Ba'alej HaNefesch", Kapitel über
die persönl. Heiligkeit).

Das Buch der 613 Gebote, "Sefer HaChinuch", beschreibt das
höchste Ideal, nach dem der Mensch vollkommen im Dienst an
G~tt aufgeht, 24 Stunden am Tag, doch auch hier finden wir
eine Ausdrucksweise der Empfehlung, nicht der Verpflichtung.

Was Sie schreiben, der Verstand verlange nach der Befolgung
dieser Empfehlungen, ist sicher richtig. Aber nicht jeder Mensch
verfügt über die notwendigen seelischen Kräfte, und G~tt klagt
seine Geschöpfe nicht an, d.h., bringt sie in Versuchung, der sie
nicht gewachsen sind. Niemand muss auf die höchste Stufe mit
einem Satz springen, wie Rabbiner Luzzatto am Ende des 15.
Kapitels schreibt, sondern gehe entsprechend seinen Kräften
von Stufe zu Stufe. Glücklich kann sich der schätzen, der jeden
Augenblick G~tt widmet, der in den Herrn der Welt verliebt ist,
so wie das Hohelied ein Beispiel dafür gibt, (Maimonides,
Gesetze von der Umkehr, 10. Kap., Hal. 3). Und so, wie wir am
Ende alle auf dieser Stufe landen werden, wenn die ganze Erde
vom Wissen über G~tt voll ist wie das Wasser die Meere füllt,
wie Maimonides am Ende seines Gesetzeswerkes schreibt.

Mögen wir alle Reinheit und Heiligkeit mehren, desgleichen
Tora und Gebote, gute Eigenschaften, Liebe zu G~tt und
Ehrfurcht, und mögen unsere Herzen nur auf den Dienst an G~tt
ausgerichtet sein.