DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT TOLDOT
Nr. 225
4. Kislev 5760
 

Diese Woche in der Tora  (Gen. 25,19 - 28,9):
Geburt Jakows und Eßaws, Verkauf des Erstgeburtsrechtes,
Hungersnot, Jizchak und Riwka bei König Awimelech, Streit um
Brunnen, Friedensvertrag, Jizchak segnet Jakow und Eßaw,
Eßaws Mordabsichten und Flucht Jakows.
 
 
Frage und Antwort

Die Gebote und ich (1.Teil)

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage eines Jugendlichen: Ich kann mich nicht mit den Geboten
identifizieren, z.B. mit dem Beten.

Antwort: Ich auch nicht.

Frage eines "Backfisches": Ich kann mich nicht mit den Geboten
identifizieren, besonders nicht mit "sittsamer Kleidung" wie z.B.
langen Röcken.

Antwort: dito
Das ist eine Erfindung der letzten paar hundert Jahre: Wenn ich
mich mit dem Gebot identifizieren kann, dann ist es ok, und
wenn nicht, dann ist es Luft für mich, es existiert einfach nicht.
Doch wo in der Tora steht eine Bedingung geschrieben, dass
man sich mit den Geboten identifizieren können muss?! Kann
sich überhaupt ein Mensch auf unserem Niveau der Heiligkeit
heutzutage mit den Geboten identifizieren?! Der heilige A.R.I.
sel. [größter Rabbiner der letzten Jahrhunderte auf dem Gebiet
der Kabbala] konnte sich bestimmt mit jedem Gebot und jedem
Detail identifizieren und durch seinen scharfen Verstand und
seine spirituellen Fähigkeiten das in jeder Mitzwa verborgene
innere Licht erkennen. Er wusste dadurch die wunderbare
göttliche Verbindung zwischen auch dem kleinsten Detail jeder
Mitzwa und seinem Gegenstück in der menschlichen Seele
herzustellen. Für ihn war jede Gebotserfüllung wie eine
Hochzeit, wie eine himmlische Paarung. Doch wir sind nicht von
solchem Kaliber. Vielleicht verstehen wir gerade noch den
allgemeinen geistigen Gehalt der Gebote, doch erfassen wir
sicher nicht das in jeder Einzelheit verborgene göttliche Licht.
Wenn man also das Erfüllen der Gebote von der Identifikation
mit allen ihren Einzelheiten abhängig macht, dann trennt man
so effektiv unsere Verbindung zu fast allen Mitzwot unserer
heiligen Tora.

Die beiden Fragesteller behaupteten weiter: "Aber ich
identifiziere mich mit G~tt. Das reicht doch. Die Gebote benötige
ich nicht so sehr". Das ist nicht wahr. Wenn sie G~tt liebten,
würden sie seine Gebote erfüllen. Die Liebe zu G~tt ist kein dem
persönlichen Genuss dienendes spirituelles Erlebnis. Vielmehr
drückt sich die Liebe zu G~tt in der Erfüllung seines Willens
aus. "Du sollst den Ewigen, deinen G~tt, lieben, mit deinem
ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem
ganzen Vermögen" (aus dem Schma-Gebet, Dt. 6,5); auch das
ist schwer. "mit deinem ganzen Herzen - mit deinen beiden
Trieben, mit dem Trieb zum Guten und mit dem Trieb zum
Bösen" (Brachot 54a). Manchmal steckt der Trieb zum Guten
dahinter, dann ist es angenehm. Doch manchmal zieht einen
der Trieb zum Bösen in die falsche Richtung, und man muss
kämpfen. Er säuselt: 'Sünde ist angenehm' - dann darf man
nicht auf ihn hören, und das fällt schwer.

"mit deiner ganzen Seele - selbst wenn er dir deine Seele
nimmt" (Brachot ebda.). "Wenn du dich nicht zu Jesus
bekennst, verbrennst du auf dem Scheiterhaufen!" - und wer
lässt sich schon gerne verbrennen?... Das waren furchtbare
Qualen... Ich liebe das Leben... Nein! Aus Liebe zu G~tt
verzichte ich sogar auf das Leben.

"mit deinem ganzen Vermögen - mit deiner ganzen Habe"
(Brachot ebda.). Mitzwot kosten Geld. Um einer Übertretung
auszuweichen kann man manchmal viel Geld verlieren
(Schulchan Aruch O.C. §656,1). Der Mensch liebt sein Geld.
"..wenn es einen Menschen gibt, dem sein Geld lieber ist als
sein Körper.." (Brachot 61b). Trotzdem verzichtet er darauf.

Dieser Jude identifiziert sich nicht mit dem Verlust an
Genüssen, die ihm der Trieb zum Bösen anpreist, er identifiziert
sich nicht mit dem Verlust seines Lebens und seines Geldes.
Und weil er G~tt liebt, erfüllt er trotzdem freudig seinen Willen.

Darüberhinaus glaubt er, dass die Gebote zu unserem Besten
sind und nicht willkürliche Anordnungen eines grausamen
Herrschers. Nur dass er sie nicht immer versteht und nicht immer
etwas dabei fühlt. In der Mehrheit der Fälle versteht er nicht den
Sinn der Mitzwa. König Schlomo ("Salomo") kannte die
Bedeutung aller Gebote (außer der "roten Kuh") und konnte das
befriedigende Gefühl dieses Verstehens genießen, und unser
Lehrer Moscheh erlangte sogar das Verständnis jenes Gebotes.
Doch unsereiner ist weder König Schlomo und schon gar nicht
Moscheh Rabenu, und wir verstehen nichts.

Haben wir nicht gelernt, dass man G~tt in Freude dienen soll?
("Maimonides", Gesetze von Sukka und Lulaw, 8.Kap.)
Sicherlich. Dabei handelt es sich um die Freude, G~ttes Willen
zu erfüllen ("Magid Mischne"-Kommentar ebda.). Das ist
nämlich die größte Freude auf der Welt, ob uns die Gebote nun
gefallen oder nicht, - denn sie finden Gefallen einfach dadurch,
dass sie G~ttes Willen sind.

So eine Liebe umschließt alle Gebiete. Wir lieben einfach alle
Gebote, und das hängt nicht an diesem oder jenem Detail.
Wenn eine Mutter sich um ihr geliebtes Kind kümmert, um die
Hand, den Fuß, die Nase und das Ohr, dann denkt sie nicht
dabei, wie wunderbar und einzig auf der Welt doch dieses
Händchen sei, wie entzückend jenes Öhrchen, nein, sie liebt
den ganzen Balg, auch wenn er in die Windel macht und sie
sich nicht besonders mit der Windel identifizieren kann.

So lieben wir die Tora in ihrer Gesamtheit, ebenso die Gebote in
ihrer Gesamtheit und identifizieren uns mit ihnen. Auch diese
Liebe ist nicht zwangsläufig von der romantischen Sorte.
Rabbiner Naftali Z.J. Berlin, (Leiter der Woloschiner Jeschiwa
bis zu ihrer Schließung vor etwa 100 Jahren) beschrieb zwei
unterschiedliche Stufen der Liebe zu G~tt. Einmal die Stufe der
Durchschnittsmenschen, und dann die Stufe der innig
Frommen. Für den Durchschnittsmenschen gilt, was wir schon
vorher erwähnt haben, er kämpft mit dem Trieb zum Bösen und
überwindet sich bis hin zur Selbstaufgabe und dem Verlust
seines Vermögens. In jeder Generation haben einfache Juden
diese Einstellung aufrechterhalten. Die Liebe zu G~tt der
besonderen Frommen aber gleicht eher echtem Verliebtsein,
denn sie denken an G~tt zu jeder Tages- und Nachtzeit und
sind krank vor Liebe zu G~tt, wie es Maimonides definierte: "Die
rechte Liebe besteht darin, dass man G~tt so gewaltig groß und
innig liebt, bis die Seele gleichsam in der Liebe zu G~tt
gebunden ist und immer von ihr erfüllt ist. So wie der Sinn des
Liebeskranken durch die Liebe zu einer bestimmten Frau nicht
frei ist, sondern sie immer in ihm lebt bei seinem Essen und
Trinken, beim Sitzen und Stehen. Noch stärker soll die Liebe zu
G~tt im Herzen jener sein, die immer gleichsam von ihm erfüllt
sind" (Gesetze von der Umkehr, 10.Kap.,3). Diese Melodie lässt
sich niemals unterbrechen. Auf dieser Stufe stehen nur diese
besonderen Frommen und nicht jedermann, denn
normalerweise lebt man nicht im Zustand fortwährender
spiritueller Erhebung.         (2.Teil nächste Woche)


 
 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (7)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

In den vorigen Folgen betrachteten wir den Wert von weltlichen
Studien als Mittel zur Erlangung eines Berufes - "der Vater muss
seinen Sohn einen Beruf lehren" (Kiduschin 29a). Dagegen hat
niemand etwas einzuwenden, allerdings gibt es eine
Einschränkung: nicht mehr als das für einen Beruf notwendige
Minimum. Andere Wissenschaften, die für diesen Beruf nicht
benötigt werden, sind also nicht mit inbegriffen. Der Talmud
(Makkot 8b) bestätigt zum Beispiel, dass wie das Torastudium
ein göttliches Gebot ist (Mitzwa), so auch das Erlernen der
Tischlerei, wenn man damit seinen Lebensunterhalt verdienen
will, aber nicht, wenn man schon einen anderen Beruf hat. Hat
es demnach einen Wert, Wissenschaft und was sonst den
Horizont erweitert, aber nicht für den Beruf gebraucht wird, zu
lernen?

Viele der großen Toragelehrten hielten die Wissenschaften zum
Verständnis der Tora für unbedingt notwendig, und zwar als
Grundlage für zwei zentrale Gebiete des Judentums: Emuna
und Halacha, Glauben und Gesetz.

Besondere Bekanntheit haben die Worte des Rabbi Elijahu
"Gaon von Wilna" erreicht, die von seinem Schüler, Rabbi
Baruch aus Sklov, in dessen Übersetzung des klassischen
Buches der Geometrie von Euklid im Vorwort zitiert werden:
"eine Wissenslücke auf dem Gebiet der Wissenschaft
verursacht dem Menschen hundert Wissenslücken in der
Erforschung der Tora, denn Tora und Wissenschaft gehören
zusammen". Rabbi Baruch erzählte, dass er dieses Buch auf
Weisung des Gaons übersetzte: "..und er befahl mir, was
möglich von der Wissenschaft in unsere heilige Sprache zu
übertragen, um das [von den Völkern] bereits Verschlungene
aus ihren Mündern herauszuziehen, um es der Masse unseres
Volkes Israel nutzbar zu machen und dessen Weisheit zu
mehren".

Ein weiterer Schüler des Gaon von Wilna, Rabbi Israel aus
Sklov, bezeugt im Vorwort seines Buches "Pe'at HaSchulchan"
ebenfalls die innige Beziehung seines großen Lehrmeisters zu
den Wissenschaften, weil sie zum Torastudium gebraucht
werden: "So sagte er: 'Alle Wissenschaften werden für unsere
heilige Tora gebraucht und sind in ihr inbegriffen'; er
beherrschte sie vollkommen und erwähnte besonders die
Algebra, Dreiecke, Geometrie und Musikkunde, und betonte
audrücklich deren Wert". Der Gaon von Wilna schrieb selber
wissenschaftliche Werke auf drei Gebieten: ein Buch der
Geometrie, über die geografischen Grenzen des Landes Israel,
und eine Grammatik. Die Beschäftigung mit und das Verfassen
von Büchern auf diesen Gebieten entsprang nicht einer
besonderen Vorliebe für wissenschaftliche Themen, sondern
ihrer Notwendigkeit zum vollständigen Verständnis der Tora.

Diese Grundeinstellung war in der Periode der Rischonim (vor
etwa 600-1000 Jahren) von den Toragelehrten allgemein
akzeptiert, und auch später fand man wenigstens nichts
Nachteiliges daran. Zum Beispiel der "Chatam Sofer", der
bekannt war für seinen entschiedenen Kampf gegen die
Bestrebungen der liberalen Juden, den Aufbau des Lehrplanes
zugunsten eines größeren Gewichtes der weltlichen Studien
zulasten der religiösen Studien zu verändern. Er schrieb in
einem seiner Kommentare: "Alle Wissenschaften gleichen
Dienstmägden... der Tora und öffnen ihre Türen und Tore. Und
wer sich nicht in den Grundlagen der Chirurgie auskennt, wird
keine richtigen Entscheidungen auf dem Gebiet der Trefe-
Gesetze [bezügl. unkoscheren Fleisches] fällen können. Und die
Wissenschaft der Maße und der Geometrie für Eruwim
[Umgrenzung der Gebiete, in denen man sich am Schabbat
bewegen darf] und die Größe der Sukka und der Aufteilung des
Landes und ähnliches..".

In dieser Hinsicht tat sich besonders Rabbiner Jonatan
Eybeschütz (Oberrabbiner der Dreigemeinde Altona-Hamburg-
Wandsbek vor etwa 250 Jahren, berühmter Talmudist und
Kabbalist) hervor. Er bewies, dass alle Wissenschaften zum
Studium der Tora notwendig seien. Er zählte sie eine nach der
anderen auf, wobei er die jeweilige Verbindung zur Tora
aufzeigte: "Alle Wissenschaften sind wie Beigaben und zum
Nutzen unserer Tora... die Geometrie, für die Ortsbestimmung
des unbekannten Toten, die Flächen der levitischen Städte und
Zufluchtsorte, und den Außenbereich von Städten... die
Wissenschaft von Gewichten, die Mechanik, um mit gerechtem
Maß zu messen... die Optik, um die Fälschungen und Listen der
Götzenpriester aufzudecken,... zur Prüfung von
Zeugenaussagen (Blickwinkel, Entfernungen), die Astronomie,
eine besonders jüdische Wissenschaft wegen ihrer Bedeutung
für die Bestimmung von Schaltjahren und -monaten, die Biologie
(und mit ihr auch die Heilkunst), die für die Tora besonders
nötig ist zur Unterscheidung verschiedener Blutarten der
Monatsunreinheit, zur Entscheidung, ob eine Frau rein oder
unrein ist, ...und erst recht, wenn man in einem Rechtsstreit
entscheiden soll, ob die Verletzung, die Jemand seinem
Nächsten zufügte, zum Tode hätte führen können oder nicht,
und für welchen Kranken man den Schabbat entweihen muss...
die Botanik zur Feststellung von Mischpflanzungen, welche
Arten gekreuzt werden dürfen und welche nicht, die Kochkunst,
in der Platon ein Meister war und aus der er Lehren für die
gesunde Ernährung und Lebensführung zog, woraus später die
Arzneimittellehre entstand, mit Auswirkungen auf das
Verständnis des Opferdienstes, der Mehl-, Wein- und
Wasseropfer und des Räucherwerkes... die Alchimie, die
Metallurgie und die Zusammensetzung der Elemente, die
Wissenschaft vom Verhalten von Metallen und Rohstoffen (zum
Bau des Wüstenheiligtums und des Tempels), die Geheimnisse
der Natur, die sich aus ihren weitverzweigten Wurzeln
ergeben... die Bildkunst und die Analyse zum Erkennen der
Geheimnisse von Hand und Gesichtsausdruck zum Verständnis
der körperlichen Ausdrücke und Parallelen des Hoheliedes".
(Fortsetzung folgt)