DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT TASRIA
Nr. 246
3. Nissan 5760

 

Diese Woche in der Tora (Lev. 12,1-13,59):
Das Gebot der Beschneidung; Geburtsunreinheit und
Reinigungsopfer; Ausschläge, deren Bedeutung auf den
Reinheitsstatus des Befallenen, die Begutachtung durch den
Priester und die Behandlung; Reinigungsprozedur und
zugehörige Opfer; entsprechende Behandlung eines vom
Aussatz befallenen Kleides.
 
 
Frage und Antwort

Die "Tora-Kodes"

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Angeblich gibt es in der Tora verborgene Kodes von
Buchstaben in bestimmten Abständen voneinander, die die
himmlische Herkunft der Tora beweisen. Ein Beispiel von vielen:
"..rabot moftaj be'eretz mizrajim" (Ex. 11,9). Die
Anfangsbuchstaben dieser vier Worte ergeben die
gebräuchliche Abkürzung für Rabbi Moscheh ben Maimon (der
seine Hauptwerke in Ägypten=Mizrajim verfasst hatte). Oder
wenn man vom Buchstaben M von Moscheh in Abständen von
50 Buchstaben zählt, erhält man "Mischna". Wenn man 613
Buchstaben (nach der Gesamtzahl der Ge- und Verbote, der
Mitzwot) weiterspringt und dann in 50er Abständen zählt, erhält
man "Tora". Und fertig ist die Schose: RaMBaM - Mischna - 613
- Tora. Auf ähnliche Weise wurden die Todestage großer
Rabbiner entdeckt. Was ist davon zu halten?

Antwort: Man muss das Thema unter drei Aspekten prüfen: 1. Als
Deutung der Tora, 2. als wissenschaftliche Methode, und 3. als
Beweis für den himmlischen Ursprung der Tora.

1. Was die Deutung der Tora betrifft, so benötigt diese keinen
Koscherstempel von der Wissenschaft. Alle Deutungen sind gut.
Dazu gehört auch die "Gematria" (die Auslegung der
Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben), eine wenn auch
nicht immer überzeugende Art der Deutung, doch will sie auch
gar nicht überzeugen, sondern nur aufhellen.

So handelt es sich auch bei den "gleichen Abständen" um eine
Art der Deutung. Zwar bedienten sich die meisten früheren
Kommentatoren nicht dieser Methode, höchstens in Ansätzen;
z.B. im Raschikommentar zum Traktat Sukka S.45a, der aus
den jeweils 72 Buchstaben langen Versen Ex. 14,19-21
bestimmte Namen herauslernt. Rabbi Moscheh ben Nachman
("Nachmanides"), einer der führenden Tora- und
Talmudkommentatoren aus der Periode der Rischonim, schrieb
in der Einleitung seines Torakommentares, dass bis zur
Offenbarung am Berge Sinai die Tora bereits als eine
ununterbrochene Buchstabenfolge existierte, und Rabenu
Bechaje führt aus, wäre die Tora in ihrer wahren Reihenfolge
veröffentlicht worden, hätte jedermann Tote auferstehen lassen
und andere Wunder vollbringen können (ebda.). Rabbi
Moscheh Cordovero, ein führender Kabbalist, schrieb von der
Möglichkeit, durch die Methode der Abstände die Geheimnisse
der Tora entdecken zu können, doch wisse er nur nicht, wie...

Auf jeden Fall machten die Vorgenannten aus der Sache keine
große Angelegenheit. Erst in der vorigen Generation entwickelte
Rabbiner Chajim Michael Dov Weissmandel eine
entsprechende Methode.

Doch wie gesagt darf man die Tora auf neuen Wegen erklären,
auf der Grundlage von Himmelsfurcht und Glauben. Natürlich
gibt es tiefschürfende, aber auch oberflächliche Erklärungen.
Durch die Methode der Abstandsberechnungen wird man sicher
nicht zu einem großen Toragelehrten, aber man darf sie auch
nicht von der Hand weisen, solange sie ihre Reinheit bewahrt.

2. Als wissenschaftliche Methode - hier muss natürlich ihre
Richtigkeit bewiesen werden. Zu diesem Thema läuft schon seit
zwei Jahren eine hitzige Debatte. Die eine Seite behauptet, es
sei alles statistisch erwiesen und ihre Gegner entweder, wenn
religiös, wissenschaftliche Banausen, und wenn
Wissenschaftler, antireligiös. Die andere Seite behauptet, mit
dieser Methode lasse sich alles beweisen, was man wolle, man
brauche bloß die richtigen Abstände zu wählen, und von dieser
willkürlichen Auswahl hänge das Ergebnis ab; wenn man wolle,
könne man auf diese Weise aus jedem Buch, wenn es nur lang
genug ist, ausgefallene und erstaunliche Kombinationen
herausdestillieren, und letztendlich waren die Erfinder dieser
Methode keine Wissenschaftler. Unter den Gegnern finden sich
einige religiöse Mathematiker, wie Professor Hasofer und
Professor Buddy Simon. Letzterer kann 45 bedeutende
Mathematiker für seine Seite aufbieten, unter ihnen zehn
g~ttesfürchtige Juden, die die Methode der Abstände als jeder
wissenschaftlichen Basis entbehrend ansehen und sie für einen
Irrweg halten (diese Information stammt vom Internet).

Was meine bescheidene Wenigkeit angeht, so bin ich kein
Mathematiker und kann dazu kein Gutachten abgeben. Zwar
lernte ich in meiner Jugendzeit Mathematik, etwas
Wahrscheinlichkeitslehre und Statistik, doch nicht auf einem so
hohen Niveau, dass ich diesen Streit entscheiden könnte.
Ich möchte mich vielmehr auf eine allgemeine Anmerkung zur
wissenschaftlichen Denkweise beschränken. Die Väter der
Abstandsmethode entdeckten in der Tora verschiedene
Ereignisse, wie z.B. die Todesdaten berühmter Rabbiner, geben
aber zu, dass sie keine Voraussagen treffen können. Das
entzieht jeder Wissenschaft die Grundlage. Denn was ist
eigentlich "Wissenschaft"? Das Erforschen der Fakten nach den
Gesetzmäßigkeiten, die alle Erscheinungen erklären. Um die
Wahrhaftigkeit einer Theorie prüfen zu können, muss sie
Angriffspunkte bieten, d.h. eine Möglichkeit, ihren
Wahrheitsgehalt durch praktischen Versuch entweder zu
beweisen oder zu widerlegen. Auch wenn wir viele Beweise zu
ihrer Stützung brächten, würde das noch nicht ihre Richtigkeit
beweisen, doch ein einziger Gegenbeweis reicht bereits zur
Erschütterung ihres Anspruches, eine allgemeingültige
Erklärung zu bieten. Wenn sich also eine Theorie nur auf die
Vergangenheit bezieht und jede Möglichkeit auf Prüfung in der
Zukunft ausschließt, entzieht sie sich somit auch jeder
Nachprüfung ihrer Richtigkeit.

Und noch etwas: Bekanntlich gibt es in der Tora einige
unterschiedliche Lesarten, die sich durch feine Unterschiede
auszeichnen, auch im Buche Genesis (Bereschit) (siehe
Randnotizen Rabbi Akiba Eger zu Schabbat 55b). Dazu schrieb
Rabbiner Schlomo Sternberg, Professor für Mathematik, dass
Kodes, die für eine Lesart gut waren, nicht auf der anderen
Lesart funktionierten (aus dem Internet).

3. Was den Beweis des himmlischen Ursprungs der Tora durch
die Abstandsmethode angeht - dazu drei Anmerkungen:

a) Erstmal muss man natürlich die Beweiskraft dieser Methode
sicherstellen, und wie wir gezeigt haben, sind sich die Fachleute
in diesem Punkt keineswegs einig. Darüberhinaus muss man zur
Prüfung ihrer Richtigkeit komplizierte statistische Berechnungen
durchschauen, was die Frage aufwirft, warum man ein Professor
für höhere Mathematik sein muss, um sich von der Wahrheit der
Tora überzeugen lassen zu können - die Tora wurde doch auch
den einfachen Leuten gegeben!

b) Darum gibt diese Methode ein Beispiel für einen
strategischen Irrtum in der Kunst der Überzeugung. Wenn
jemand zur Tora durch mathematische Überredung gelangt und
ihm klarwird, dass diese Methode gar nicht auf so sicherem
Boden steht, droht sein ganzes Glaubensgebäude einzustürzen.
Entsprechend schrieb schon Rabbiner Sa'adja Gaon vor über
1000 Jahren, dass einer der Gründe für die Abkehr vom
Judentum in wackeligen Begründungen für den Glauben
bestünden.

c) Selbst wenn wir mal für einen Moment annehmen wollten, die
Kodes enthielten den absoluten, verstandesmäßigen Beweis für
die Tora, so haben wir doch was viel Besseres im Glauben
(Emuna), der weit über Verstand und Wissenschaft steht. Wir
sind zwar nicht gegen wissenschaftliche Beweise, doch dienen
diese eher als Krücken für etwas, das Stützung braucht.

Es war einmal ein religiöser Jude in der Zeit der Aufklärung, in
der Philosophie bestens bewandert, der einige G~ttesbeweise
aus nichtjüdischen Büchern übersetzte. Damit glaubte er dem
jüdischen Volk einen großen Gefallen zu tun. Der seinerzeitige
Oberrabbiner von Jerusalem, Rabbiner Awraham David
Rabinowitz-Te'omim, lehnte jedoch diesen Weg ab. Er sagte:
Für die Existenz G~ttes brauchen wir keine Beweise. Wenn
etwas Beweise benötigt, so ist das ein Zeichen, dass man
darüber Zweifel hegt, wie es im Talmud Jeruschalmi heißt:
"Einer nicht einleuchtenden Sache bringt man viele Beweise"
(Brachot 14b).

Wer seine Glaubenswelt auf Verstandesbeweise baut, wird sich
auch in seiner Verbindung zur Tora, zum Glauben und zum
Herrn der Welt am Verstand orientieren. Dem steht die Emuna,
der Glauben, gegenüber, ein Bewusstsein der Zugehörigkeit, der
Lebensnotwendigkeit und der Anhänglichkeit an G~tt. Dafür ist
der Mensch zur Selbstaufopferung bereit! Darin besteht der
Unterschied zwischen dem "G~tt des Aristoteles", der kalt und
abstrakt, allgemein und fern aus Verstandesbeweisen emaniert,
und zwischen dem "G~tt Awrahams", der "Jedem, der ihn ruft,
nahe ist, jedem, der ihn in Wahrheit ruft" (Psalm 145,18).

Genauso besteht ein Riesenunterschied zwischen dem "G~tt
der Zahlen" und dem lebendigen G~tt, dem König der Welt; ein
starker Erlöser, der in unserer Mitte lebt: "Und Der ist mein G~tt
und der mich erlösende Lebendige, und meines Leidens Hort
zur Zeit der Not ...in seine Hand übergebe ich meinen Geist...
..und mit meinem Geiste meinen Leib, G~tt ist mit mir, ich
fürchte nicht" ("Adon Olam").