DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
SUKKOT
Nr. 218
15. Tischri 5760  

 
 
Frage und Antwort

Wolken der Herrlichkeit

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Im Talmud ist im Zusammenhang mit der Laubhütte von
den "Wolken der Herrlichkeit" die Rede. Worum genau handelt
es sich dabei?

Antwort: "In Sukkot sollt ihr wohnen sieben Tage; alle
Eingeborenen in Israel sollen in Sukkot wohnen. Damit es eure
Geschlechter erfahren, dass ich in Sukkot die Kinder Israel
habe wohnen lassen" (Lev. 23,42-43). Was ist eine "Sukka"?
Bei den Weisen der Mischna gibt es darüber zwei
Auslegungen: 1. die Laubhütte, so wie wir sie kennen, und 2.
"die Wolken der Herrlichkeit".

Doch was sind "Wolken der Herrlichkeit"? Wer verherrlicht
wen? Es sind die Wolken der Herrlichkeit G~ttes. Allerdings
offenbart sich die Herrlichkeit G~ttes nicht nur in Wolken - die
ganze Welt schuf er zu seiner Verherrlichung. Die Herrlichkeit
G~ttes offenbart sich in jedem Kraut und in jeder Blume, in
jedem Baum und in jeder Ameise. "Die Himmel erzählen die
Herrlichkeit G~ttes" (Psalm 19,2).

In unserem Fall ist die Rede von der göttlichen Herrlichkeit, die
das jüdische Volk (wie das Laubdach) bedeckt. Diese
Herrlichkeit G~ttes, die sich durch das Volk Israel offenbart,
steht an der Spitze einer Rangordnung. Es gibt Unterschiede in
der Welt, G~tt offenbart sich nicht überall mit der gleichen
Intensität: leblose Mineralien, Pflanzenwelt, Tiere und der
sprachbegabte Mensch, die Krone der Schöpfung. Auch bei
den Menschen gibt es Unterschiede. Die Engländer zum
Beispiel sind nicht mit den Nazis zu vergleichen. Zwar haben
wir einige gewichtige Klagen gegen sie vorzubringen für das,
was sie uns vor der Staatsgründung angetan haben - das
macht sie aber noch lange nicht zu Nazis. Und das Volk Israel
ist erst recht nicht mit den Engländern zu vergleichen.

Kann man denn vergleichen, wie sich die Herrlichkeit G~ttes
während der gesamten Weltgeschichte durch das jüdische Volk
offenbarte und noch offenbart, mit der Herrlichkeit G~ttes, wie
sie durch das englische oder japanische Volk ans Tageslicht
gelangt?! Sicher existiert die Herrlichkeit G~ttes auch bei
jenen. Wer einen nichtjüdischen König sieht, muss folgenden
Segen aussprechen: "Gelobt seist du,..., der Sterblichen von
seiner Herrlichkeit verliehen hat". Im König, der stellvertretend
für sein ganzes Volk steht, offenbart sich die Herrlichkeit
G~ttes (Rabbiner A.I.Kuk, Sidur "Olat Re'aja" I, S.386); nicht im
Sinne von äußerlicher, zeremonieller Herrlichkeit, sondern im
Sinne von Wert an sich.

Doch an der Spitze steht das Volk Israel. Über ihm wölben sich
die "Wolken der Herrlichkeit", in allen seinen Generationen,
über alle Juden, über die Frommen und über die weniger
frommen, über die linken oder die rechten, die religiösen und
die nichtreligiösen, über Aschkenasim und über Sefaradim,
jemenitische und äthiopische, von der einen Partei und von der
anderen - alle Juden befinden sich unter den Wolken der
Herrlichkeit.

Natürlich darf man deswegen noch lange nicht stehlen oder
den Schabbat entweihen. Wer sich so verhält, muss verwarnt
werden. Doch auch er befindet sich unter den Wolken der
Herrlichkeit. Die Herrlichkeit G~ttes in der israelitischen Nation
schließt auch ihn ein.

"Schwacher Nachtrab" [die hinter dem Lager Herziehenden und
von Amalek Erschlagenen] (Dt. 25,18) - es klingt, als würden
sie nicht mitgerechnet. Aber nein! sagen die talmudischen
Weisen. Es gibt kein "draußen". Amalek war eingedrungen und
hatte sie entführt. Es gibt einen Typ Juden, der nicht besonders
herrlich aussieht, eher, als stünde er außerhalb der Wolken der
Herrlichkeit. So sieht es zwar aus, doch in Wirklichkeit befindet
er sich "drinnen", seine Seele ist "drinnen", alle Juden sind
"drinnen". "Alle Juden" - das sind wir, mit unserer
Kritikfreudigkeit, mit den Streitigkeiten, mit allen Unterschieden
und Meinungsverschiedenheiten. Alle schweben in den Wolken
der Herrlichkeit.

Man sieht das nicht immer von außen. Darum braucht man
Geduld, Glauben, und am Ende kommt alles zum Vorschein.  

 
 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (2)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Eine der Aufgaben der Erziehung besteht in der Vorbereitung
des Kindes/des Jugendlichen auf den "Lebenskampf", und
dazu gehört auch das Erlernen eines Berufes zum eigenen
Unterhalt und dem der Familie. So heißt es in der Mischna
(Kiduschin 82a): "Rabbi Meir sagt: Stets lehre man seinen
Sohn einen sauberen und leichten Beruf", und die Gemara
erklärt: "wie z.B. Schneider" (dieser Beruf verlangt keine große
physische Anstrengung). Weiter heißt es (Kiduschin 29a): "Der
Vater muss seinen Sohn.. Tora.. und einen Beruf lehren... Rabbi
Jehuda sagt: Wer seinen Sohn keinen Beruf lehrt, ...gilt, als
hätte er ihn Räuberei gelehrt" - Raschikommentar dazu: "Weil
er keinen Beruf hat und es ihm daher an Brot mangelt, wird er
sich an eine Weggabelung begeben und die Passanten
überfallen". So wie die Eltern die Kinder Tora lehren müssen,
haben sie auch für eine Berufsausbildung zu sorgen, damit
sich der Nachwuchs später einmal menschenwürdig ernähren
kann und nicht auf Abwege gerät oder seinen Mitmenschen auf
der Tasche liegt.

Die Mischna zählt allerdings auch eine ganze Reihe ehrlose
Berufe auf, deren "Handwerk ein Räuberhandwerk" ist, d.h., in
diesen Berufen wird man leicht vom Wege des Anstandes und
der Ehrlichkeit abgebracht. Die "Räuberei" lauert also auf zwei
Gebieten: 1. In Ermangelung einer Berufsausbildung läuft der
Nachwuchs Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten, und 2. in
bestimmten Berufen, die zu unehrlichem Verhalten verleiten.
Darum legten die talmudischen Weisen den Eltern die Pflicht
auf, die Kinder bei der Berufswahl anzuleiten.

Aus diesem Grund ist es sogar erlaubt, am Schabbat eine
Ausbildung für den Nachwuchs mit einem Berufslehrer zu
vereinbaren [was sonst als "Vorbereitung für den Wochentag"
verboten wäre], weil die Vorbereitung für ein jüdisches Gebot
am Schabbat erlaubt ist, und es sich bei der Berufsausbildung
um ein Gebot handelt (Schabbat 150a, Raschi).

Wenn noch in der Vergangenheit der Jugendliche seinen Beruf
als Geselle bei einem Meister erlernte, so kommt man
heutzutage schon nicht mehr ohne eine minimale
wissenschaftliche Grundlage aus. Ebenso machte die früher
übliche landwirtschaftliche Ausrichtung heute der modernen
technologischen Ausbildung Platz. Darum führt die
Vorbereitung des Kindes auf den "Lebenskampf" über ein
methodisches Erlernen der Wissenschaften und anderer
weltlicher Bereiche auf wenigstens minimaler Basis, was ihm
die Wahl eines Berufes nach seinem Herzen ermöglicht.

"Welches ist der gerade Weg, den der Mensch wählen soll?
Der zur Ehre gereicht dem, der ihn einschlägt, und ihm
Achtung bringt bei den Menschen", (Mischna "Sprüche der
Väter" 2. Kap.,1.Mischna). Der "Sforno" - Kommentar [Rabbi
Ovadia ben Jakow, berühmter Bibelkommentator, lebte vor ca.
500 Jahren in Italien] erklärt dazu, dass sich der Mensch einen
zu ihm passenden Beruf auswählen soll, "in dem er zu größerer
persönlicher Vollkommenheit gelangt, indem er Lob und Preis
von seinen Mitmenschen erhält, und so einen größeren Erfolg
erzielt". Der passende Beruf ist eine wesentliche
Voraussetzung für den Erfolg. Eine gelungene Berufskarriere,
die dem Menschen "Lob und Preis von seinen Mitmenschen"
einbringt, gilt nicht nur nicht als anrüchig, sondern als
ausgezeichnet und erstrebenswert...

Nun könnte man auch auf den Gedanken kommen, den Vers
"Wirf auf den Ewigen dein Begehr und er wird dich versorgen"
(Psalm 55,23) für seine Zwecke einzuspannen. G~tt ernährt
alle Geschöpfe, "..sättigst allem, was lebt, sein Verlangen" und
"gibt ihnen Nahrung zur rechten Zeit" (Psalm 145,16; 104,27),
"..ernährt die ganze Welt, von den gehörnten Büffeln bis zu
den Nissen der Läuse" (Awoda Sara 3b). So wie G~tt mich
durch einen Beruf ernähren kann, wird er es doch auch ohne
Beruf fertigbringen! Solche Behauptungen kann man häufig
hören, und sie bringen uns zum Thema "G~ttvertrauen und
eigene Bemühung". Die einstimmige Entscheidung aller großen
Rabbiner seit talmudischen Zeiten fiel auf die eigene
Bemühung, und man dürfe sich nicht auf Wunder verlassen,
wie der Midrasch "Sifri" zu Dt. 15,18 sagt: "'Auch wird dich der
Ewige, dein G~tt segnen' - sogar, wer nur sitzt und nichtstut?!
Darum heißt es weiter: 'in allem, was du tust'". "Wirf auf den
Ewigen dein Begehr" usw. (s.o.) betrifft den Fall, nachdem sich
der Mensch ausreichend bemüht hat.

Bisher haben wir uns mit dem Wert der säkularen Studien für
sich selbst genommen befasst, in ihrer Bedeutung für die
Vorbereitung des Jugendlichen auf den "Lebenskampf", doch
die wesentliche Frage besteht im richtigen Verhältnis von
weltlichen Studien zum religiösen Lehrplan! Diese Frage stellt
sich auf zwei Ebenen - der prinzipiellen und der praktisch
ausführbaren. Darüber mehr beim nächsten Mal.
 
 
Am Schabbes-Tisch

Die G~ttes-Hütte

Rav Asri'el Ari'el

"Denn er birgt mich in seiner Hütte am Tage des Unglücks,
bewahrt mich im Schutze seines Zeltes, stellt mich hoch auf
einen Felsen" (Psalm 27,5) - so schrieb König David im Psalm,
den wir von Rosch Chodesch Elul bis Hoschana Rabba dem
täglichen Gebet zufügen.

König David hat einen "schlechten Tag", einen Tag des
schweren Kampfes. Die Situation - bittere Tränen, der Feind
hat die Oberhand. Seine Armee ist gewaltig, die Waffen
modern. Ihm steht die israelische Armee gegenüber, nur
ungenügend gewappnet. Es stehen ihr weder Betonbunker
noch Aktiv-Panzerung zur Verfügung. Einem entschlossenen
Feind sitzen David und seine Mannen in Laubhütten und Zelten
gegenüber. Von dort gedenkt er den Geschossen der
feindlichen Steinschleuder-Artillerie zu entrinnen.

Wie hat sich König David in dieser schwachen
Verteidigungsposition gefühlt? Entblößt und bedroht, in Furcht
und Angst? Ganz im Gegenteil. Im schmalen Schatten der
Sukka fühlt er sich wohlgeborgen. Unter dem dünnen Gestänge
des Zeltes fühlt er sich gedeckt und geschützt. In seine
schwachen und improvisierten Befestigungen sieht er sich im
Schatten G~ttes wie auf einem hohen, festen
Beobachtungsturm auf den Spitzen der Berge stehend.

So verhält es sich auch mit unserer eigenen Sukka. Gerade zu
einer Jahreszeit, in der der erste Regen zu fallen droht, ziehen
wir aus der Festung des Hauses, die uns sicheren Schutz vor
allen Widrigkeiten des Wetters bietet, vor strömendem Regen
und drohenden Feinden. Genau dann begeben wir uns in die
Sukka. Es ist eine provisorische Behausung mit offenen
Wänden (es reichen zwei Seiten und eine dritte von 10 cm).
Diese Seitenwände werden zwar religiongesetzlich als "Haus"
definiert, doch ist die rauhe Wirklichkeit oft meilenweit von
dieser Theorie entfernt. Und über uns kein schützendes Dach -
nur ein bisschen Laub und Zweige. Wir finden uns nämlich nicht
unter Menschenwerk ein, sondern unter den Schwingen der
göttlichen Präsenz.

Bei König David pocht keine schwächliche Hoffnung auf
Rettung in seinem Herzen, sondern ein lebendiger Glauben,
der seine ganze Existenz erfüllt. Darum sagte er: "Und jetzt",
da ich im Schatten der Sukka weile, "erhebt sich mein Haupt
über meine Feinde rings um mich". Und jetzt - unsichtbar,
durchs Zelt verdeckt, bringe ich ein Dankopfer dar. "und opfern
will ich in seinem Zelte Opfer des Hornschalles". Zwar ist dies
die Stunde des Hornschalles - der Sorgen und des Krieges, in
der gebrochene und niedergeschlagene Töne erklingen;
nichtsdestoweniger ist es auch eine Stunde des Dankes (Psalm
27,6). Er ist sich vollkommen sicher, sein Herz vertraut auf die
kommende göttliche Rettung. Auch wenn er kurz danach fleht:
"Höre, Ewiger, meine Stimme - ich rufe" (7), so sagt er doch
genau davor: "will singen und saitenspielen dem Ewigen" (6).

"Mein Licht" - das ist Rosch Haschana, und "mein Heil" Jom
Kippur (ebda.,1). "..er birgt mich in seiner Hütte" (5) - Sukkot;
"will singen und saitenspielen dem Ewigen" (6) - Simchat Tora.