DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
SCHABBAT SCHEMINI AZERET / SIMCHAT TORA
(außerhalb Israels 2 Tage)
Nr. 219
22. Tischri 5760  

 
 
Frage und Antwort

Freude am Leben

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: An Simchat Tora freuen wir uns mit der Tora. Warum
eigentlich? Viele Menschen sehen in der Tora und ihren
Geboten doch eine schwere Last und eine Beschränkung der
Freiheit?

Antwort: Der Mensch liebt die Freiheit. Die talmudischen
Weisen sagten, dass ein Sklave nicht an der Konvertierung zum
Judentum interessiert sei, weil ihm der Zustand der
eingeschränkten moralischen Verantwortlichkeit angenehm ist,
wo er tun kann, was sein Herz begehrt. Ist doch die Tora voller
Beschränkungen und Verbote. Die Menschen mögen keine
Gesetze. Nach Rabbiner A.J.Kuk liegt darin der Grund für den
Hass, den ein Großteil der Menschheit für uns hegt, denn wir
sind für viele verschiedene Moralgesetze verantwortlich. Vor
dem Erscheinen des Volkes Israel beherrschte die Vielgötterei
die Welt. Diese Weltanschauung behauptete: Alles ist erlaubt,
alles ist heilig, alles ist schön, der Trieb des Menschen gut von
Jugend an, und man darf ihn ausleben.

Dann kam die Tora und zog Grenzen. Von nun an gab es
"erlaubt" und "verboten", Gebot und Pflicht, rein und unrein; es
galt nicht mehr alles als gleich, auch nicht die Menschen.
Darum hassen uns jene, denen wir die Zügellosigkeit
verdorben haben. Wir stecken in einer echten Zwickmühle: Die
einen beugen sich den Moralgesetzen und beklagen sich, dass
wir sie um ihr Glück, wie sie glauben, gebracht haben, und die
anderen, die die Moral mit Füßen treten - haben jetzt dabei ein
schlechtes Gewissen! Wir haben jenen also mit dem guten
Gefühl auch die Legitimation entzogen ("Orot" S.158).

Die heidnischen Völker hassten Vorschriften, und auch im
Christentum kam diese Einstellung von Abscheu vor Gesetzen
und die Aufhebung der biblischen Gebote hoch (siehe
Schabbat 116b; "Ma'amarej Hara'aja" S.288). Die Gebote
wurden als eine die Lebensfreude raubende Bedrückung
empfunden und daher außerkraftgesetzt.

Vor zwei-, dreihundert Jahren entstanden auch in jüdischen
Kreisen Strömungen der Abkehr von den Geboten. Man war
zwar bereit, einige Glaubensgrundsätze und allgemeine
Prinzipien zu übernehmen, von den Geboten wollten sie jedoch
nichts wissen, weil diese ihrer Ansicht nach beschränkten,
einengten und die Freiheit raubten, wie ein Vögelein
herumzufliegen.

Der Irrtum des Vorgenannten rührt im wesentlichen von
falschen Vorstellungen her. Die Ausführungsbestimmungen
bedrücken niemanden. Es hängt nur davon ab, ob sie zur Natur
der jeweiligen Person passen. Nehmen wir zum Beispiel einen
musikalisch begabten Menschen, der ins Klavierspiel verliebt
ist. Alle Noten und alle Taktanweisungen machen ihm nicht die
geringste Mühe, im Gegenteil, sie klingen von alleine in seiner
Seele. Jemand aber, der überhaupt nicht musikalisch begabt
ist und den man zum Musizieren zwingt, fühlt sich aufs
Schlimmste gefoltert, weil es eben nicht zu ihm passt.

So verhält es sich auch auf jedem anderen Fachgebiet. Wer
keine Mathematik mag, leidet bei jeder Gleichung. Und wer sie
gernhat, findet in jeder Einzelheit große Befriedigung.

Die wesentliche und immer wiederkehrende Frage lautet:
Findet die betreffende Tätigkeit Gefallen, passt sie zu diesem
Menschen, und besteht eine Beziehung dazu? Weil eine Mutter
ihr Baby liebt, macht es ihr eine besondere Freude, jeden
Pieps eigenhändig zu behandeln, sogar, die Windel zu
wechseln, wohingegen das Windelwechseln beim
Nachbarskind ihr Ekel verursachen würde. Eigentlich
unlogisch, es ist doch diegleiche Windel! Ja - aber nicht
dasgleiche Baby. Wo es um ihr eigenes Kind geht, nimmt sie in
Liebe alle Widrigkeiten auf sich.

Natürlich legen die Gebote dem Menschen Pflichten auf. Erst
die Aufsichnahme der himmlischen Herrschaft, und dann die
Verpflichtung durch die Gebote (Mischna Brachot 2,2). Manche
Juden behaupten: Wir sind "frei", ihr Religiösen unterliegt den
Pflichten. Das stimmt, wir haben Pflichten, doch sind dies
geliebte Pflichten. Und warum lieben wir sie? Weil sie in
unserer Seele wiederklingen.

Die Gebote harmonisieren wie die Töne einer Sinfonie, wie
eine einzige großartige Melodie. Jede Halacha ist wie eine
Note, jedes Kapitel im "Schulchan Aruch" wie ein Akkord. Es
versteht sich von selbst, dass man an einer Halacha nichts
ändern darf. Man stelle sich vor was geschähe, wenn der fünfte
Geiger der Philharmonie ein "c" statt eines "d" spielte. Wie
würden alle Zuhörer das Gesicht verziehen und die Zeitungen
am nächsten Tag einen Riesenskandal daraus machen. Wenn
nun einer zu seiner Verteidung aufstünde und sagte, was regt
ihr euch wegen einer Note Unterschied so auf? - dann heißt
das nur, dass dieser Mensch nichts von Musik versteht, wo doch
die ganze Harmonie zerstört wurde.

So verhält es sich auch mit der Tora und den Geboten. So
sagte Rabbiner A.J.Kuk: Wie es Regeln für die Lieder gibt, gibt
es Lieder für die Regeln. Alle Regeln der Tora sind eine
einzige Melodie auf den Saiten unserer Seele.

Wer sich nicht voller Glauben, Hingabe und Zugehörigkeit
sieht, wird die Gebote als Beschwernis und Belästigung
empfinden, so wie manche Jugendliche heute behaupten, es
fehle ihnen "die Beziehung" zu diesem oder jenem Gebot.
Dabei handelt es sich aber nur um eine Ausrede. In
Wirklichkeit fehlt dieser Person selber die Beziehung zur Tora,
zum Glauben und zum Herrn der Welt. Eine Mutter würde nie
behaupten, es fehle ihr "die Beziehung" zur Windel. Die Windel
an sich löst zwar keine besonderen Lustgefühle aus, doch weil
sie ihr Baby liebt, freut sie sich doch über das Wohlgefühl, das
sie dem Kind mit dem Windelwechsel bereiten kann.

Alles beginnt mit dem Verbundenheitsgefühl und mit der
Freude. Doch woher stammen diese beiden? Vom jüdischen
Wesen! Genau wie eine Begabung für Musik, für Wissenschaft
und für das Organisieren von Ausflügen ist in unserer Seele
die Tora eingraviert. Noch bevor wir die Tora in Tinte auf
Pergament erhielten, stand sie schon mit Buchstaben der
Seele in unserem Innern geschrieben.

Theoretisch könnten wir die ganze Tora und alle Gebote parat
haben, ohne sie jemals zu lernen. Es würde reichen, nur
unserer inneren Stimme zu lauschen. Leider wohnt in unserer
Persönlichkeit auch ein ungebetener Gast - der "Jezer Hara",
der Trieb zum Bösen.

"'Es soll in dir kein anderer Gott sein' - was ist das für ein
fremder Gott, der im Körper des Menschen wohnt? Sage, das
ist der böse Trieb" (Psalm 81,10/Schabbat 105b). Er steckt in
uns wie ein Fremdkörper. Wenn der Mensch das Wort "Ich"
benutzt, dann spricht aus ihm manchmal die reine Seele und
manchmal die tierische Seele, das "Sub-Ego", das
freudianische "Id". Deshalb darf man nicht blindlings den
Einflüsterungen der Seele folgen, ohne sie von Grund auf
gereinigt zu haben.

Also müssen wir die Tora erlernen, und sie wird uns aufzeigen,
was in uns zur reinen Seele gehört und was nicht, was ihr
fremd, absonderlich und zuwider ist.

Alles beginnt mit der jüdischen Natur. Jedes Volk verfügt über
eine eigene Natur. So wie jedes Individuum seine eigenen
Eigenschaften hat, ob wir sie nun auf erbliche oder auf umwelt-
und erziehungsbedingte Einflüsse zurückführen - so hat jedes
Volk seinen eigenen Charakter, seinen nationalen "Genius",
seine Volkspsychologie (nach Moritz Lazarus/Heymann
Steinthal). Das englische Volk unterscheidet sich in seinem
Charakter vom französischen Volk. Natürlich kann ein
einzelner Engländer sein Land und seine Mentalität verlassen,
doch das Volk in seiner Ganzheit behält seine
charakteristischen Eigenschaften.

Auch das Volk Israel zeichnet sich durch einen bestimmten
Charakter und die dazugehörenden Eigenschaften aus und
wurde mit einer spezifischen Seele geschaffen. Worin besteht
nun ein Volks-Charakter? Das eine Volk ist besonders fleißig,
das andere besonders ordentlich, das eine mutig und das
andere träge oder schwach. Jedes Volk hat seine Vorzüge und
seine schwachen Seiten. G~tt konzentrierte nicht alle
Begabungen auf ein Volk, sondern verteilte sie unter den
Völkern .

Was ist nun besonders am Volk Israel? Gibt es ein
Aufklärungsbuch, eine erklärende Statistik über unsere
Eigenschaften? Aber sicher, und zwar die Tora. Die Tora ist
nichts anderes als die Generalkarte unserer Seele. Sie ist das
Spiegelbild unseres innersten Selbst, sie beschreibt, wie wir
sein sollten und am Ende sein werden. Sie ist unser innerstes
Ego.

Ein junger Mensch packt seine Siebensachen und reist nach
Indien. - um sich selbst zu suchen! Was denkst du macht dein
Selbst in Indien? Das musst du doch zuallererst in dir selber
suchen, in deiner Seele. Doch woher weiß er, was in seiner
Seele verborgen ist? Aus der Tora!

Die besondere seelische Schöpfung des Volkes Israel und die
Völkerpsychologie, die Volksseele, der "Schutzengel" des
Volkes, der "Fürst" des Volkes (Daniel 10,20), sie existierte
schon vor der Übergabe der Tora, doch war die Tora schon in
unserem Inneren verborgen, vor ihrer öffentlichen
Bekanntmachung. Darum sprechen wir den folgenden Segen,
wenn wir zur Toralesung aufgerufen werden: "..der uns vor
allen Völkern erwählt und uns seine Lehre gegeben hat". Man
könnte sich fragen, 'warum bin ich eigentlich Jude? Weil ich
Tora lerne und sie einhalte, das macht mich zum Juden'. Doch
dann müsste der Segensspruch andersrum lauten: "..der uns
seine Lehre gegeben hat" und deswegen "uns vor allen
Völkern erwählt hat". Es steht aber nunmal erst die göttliche
Auserwähltheit; er wählte sich so ein Volk, schuf sich dieses
Volk, "das Volk, das ich mir geschaffen" (Jeschajahu 43,21),
schuf es sich in einem langandauernden und komplizierten
historischen Prozess, der mit unserem Vorvater Awraham
begann und im Auszug aus Ägypten gipfelte. Beim Auszug aus
Ägypten wurde ein Volk geboren, zu dessen Wachstum eine
besondere spirituelle Nahrung nötig ist, die es seine
potentiellen Begabungen in die Tat umsetzen lässt. Wenn es
aber mit Nahrung versorgt wird, die nicht zu ihm passt, wird es
krank.

Die innere israelitische Natur vor Übergabe der Tora am Sinai
bildete das Fundament für diese Übergabe. Wenn wir also der
Tora begegnen, stehen wir unserem inneren Wesen
gegenüber, unserer Seele, dem inneren Selbst, das jeder
sucht. Und das bereitet Freude. Wenn ein Mensch einer Sache
begegnet, die zu seiner Natur passt, dann freut er sich. An
Simchat Tora, dem Fest der Torafreude, begegnen wir
unserem Selbst, und darum freuen wir uns.