DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHEMINI
Nr. 245
25. Adar-2 5760

 

Diese Woche in der Tora (Lev. 9,1-11,47):
Aharon bringt Sühnopfer für seine Beteiligung am "Goldenen
Kalb"; Stiftszelt-Einweihungsopfer und göttliche Erscheinung
vor dem versammelten Volk; zwei der Söhne Aharons werden
für falsches Räucherwerk von himmlischen Feuer getötet;
Speisegesetze, erlaubte und verbotene Tiere.
+Schabbat HaChodesch
 

Der Stand der Dinge...
"Wider den Ewigen und seinen Gesalbten" (Psalm 2,2)
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

Über das Kamel heißt es in unserem Wochenabschnitt: "Doch
das dürft ihr nicht essen von den Wiederkäuenden und
Behuften: das Kamel, denn wiederkäuend ist es, aber
hufgespalten ist es nicht: unrein ist es euch" (Lev. 11,4), und
über das Schwein steht dort: "Und das Schwein, denn behuft ist
es und hufgespalten, aber es wiederkäuet nicht: unrein ist es
euch" (ebda.,7).

Die beiden vorgenannten Tiere weisen Zeichen der (rituellen)
Reinheit und der Unreinheit auf, doch die Tora bestimmt
unmissverständlich: unrein sind sie euch.

Bekanntlich symbolisieren das Schwein und das Kamel im
übertragenen Sinne das Christentum und den Islam. Beide
Religionen rühmen sich ihrer jüdischen Ursprünge und
benutzen die Bibel und andere jüdische Quellen zur
Rechtfertigung ihrer Existenz. Wenn das Christentum seine
gespaltenen Hufe vorzeigt, so will es damit ausdrücken: "seht
her, ich bin rein", doch in seinem Inneren ist es unrein, denn es
verkörperlichte die G~ttheit in einem Menschen und behauptet,
G~tt habe das jüdische Volk verlassen und einen "neuen Bund"
(Testament) geschlossen. Der Islam wendet sich zwar gegen die
Körperwerdung G~ttes und glaubt an einen einzigen G~tt, womit
er im innerlichen, ideologischen Sinne das Zeichen der Reinheit
(vergleichbar mit dem Kamel) trägt, zeigt sein wahres Gesicht
jedoch durch das Schwingen des Jihad-Schwertes über Israel
und andere Völker, wie es heißt: "..seine Hand gegen Alle, und
die Hand Aller gegen ihn" (Gen. 16,12).

Nach dem Stand der Dinge haben Christentum und Islam
gemeinsame Probleme und Interessen - nämlich wie sie mit der
nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Lande Israel
und Jerusalem als seiner ewigen Hauptstadt fertigwerden. Diese
Sache rüttelt an den Fundamenten ihrer Weltanschauung und
ihres Glaubens. Sie versuchen im Guten wie im Bösen, auf dem
Wege des Friedens und dem Wege des Krieges G~ttes
Ratschluss zu vereiteln, der gut über sein Volk denkt, es liebt und
zu neuem Leben erweckte, worüber der Psalmist, König David
schrieb: "Warum lärmen die Völker und sinnen die Nationen
Eitles? Aufstellen sich die Könige der Erde, und Fürsten beraten
sich einmütig wider den Ewigen und wider seinen Gesalbten"
(Psalm 2, 1-2).
"Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer" (ebda.,4),
"Ich habe ja gesalbt meinen König auf Zion, meinem heiligen
Berge.
Verkünden will ich von dem Beschlusse: der Ewige hat zu mir
gesprochen: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt"
(ebda.,6-7).

"'Mein erstgeborener Sohn ist Israel' (Ex. 4,22): und der König
steht für das ganze Volk; 'heute gezeugt': ihr seid mir in meinen
Augen so lieb wie ein Sohn dem Vater am Tage der Geburt"
("Mezudat David"-Kommentar).

In Erwartung der Erlösung,
Rav Dov Begon
 
 
 
Frage und Antwort

Hingabe oder Selbstbetrug

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Ich fühle eine starke Hingabe (Dwekut) zu G~tt und mich
mit ihm verbunden, g~ttseidank. Zu den Geboten (Mitzwot)
jedoch fühle ich mich gar nicht hingezogen, im Gegenteil, sie
scheinen mir fremd und lebensfern.

Antwort: Eine sehr ernste Frage. Und die Antwort ist noch viel
ernster: In Wirklichkeit hat der Fragesteller gar keine Hingabe zu
G~tt. Hingabe zu G~tt äußert sich vor allem durch intensive
Beziehung zu seinen Geboten. Der Fragesteller bildet sich
vielmehr die Hingabe zu G~tt bloß ein. Überhaupt ist die
Einbildung ein schweres Problem.

Rabbiner Schne'ur Salman von Liadi, Autor des "Tanja"
(philosophisch-kabbalistisches Grundwerk) und Gründer des
Lubawitscher Chassidismus, erklärte, dass es "unmöglich sei,
Ihm in Wahrheit anzuhängen, ohne seine 248 Gebote zu
erfüllen" (4.Kap.). Es gibt keine Alternative zur Gebotserfüllung
auf dem Weg zur Hingabe, zur Anhänglichkeit an G~tt. Leider
bilden sich die Leute manchmal ein, sie hingen G~tt an; sie
hören Musik-Kassetten mit chassidischen Liedern, deren
Rhythmus die Seele beflügelt, fühlen ein starkes künstlerisch-
ästhetisches Erlebnis und glauben schon, mit G~tt verbunden
zu sein. Wir haben natürlich nichts gegen Kassetten mit
chassidischer Musik, im Gegenteil, hätten wir nur mehr davon -
man darf sich allerdings nicht vormachen, die Eigenschaft der
Hingabe so billig erwerben zu können wie eine Kassette, oder
durch passives Anhören von Liedern ohne jede eigene
Anstrengung und Einsatz im Dienst an G~tt. Das ist ganz
einfach Selbstbetrug. Verbindung zu G~tt, Anhänglichkeit an
G~tt und Liebe zu G~tt sind keine billigen und primitiven Dinge.
"Du sollst den Ewigen, deinen G~tt lieben mit deinem ganzen
Herzen, und mit deiner ganzen Seele, und mit deinem ganzen
Vermögen" (Dt. 6,5, "Schma"-Gebet). Die Hingabe zu G~tt
erfolgt durch die Erfüllung der göttlichen Gebote - so schrieb
Rabbiner Schne'ur Salman. Einige oberflächliche Menschen,
die sich für Fachleute halten, behaupten, die Besonderheit des
Chassidismus läge darin, nicht durch "trockene"
Gebotserfüllung zur Hingabe zu gelangen, sondern durch
heilige Begeisterung. Aber glaubt denn wirklich jemand im
Ernst, der "Ba'al Schem Tov", Gründer der chassidischen
Bewegung in Osteuropa, befreite irgendjemanden von der
Erfüllung der Gebote?! Vielmehr betonte er, die Gebote müssten
aus vollem Herzen erfüllt werden und nicht nur rein mechanisch.

Die Anhänglichkeit an G~tt erfolgt durch die Gebote, auch wenn
man sich dabei nicht mit G~tt verbunden fühlt. Nehmen wir mal
an, jemand hört zehn Minuten chassidische Musik mit
ergreifendem Rhythmus und fühlt eine große seelische
Erhebung. Danach besucht er einen gebrechlichen Menschen,
macht ihm im Verlaufe von vier Stunden die Wohnung sauber,
ordnet alles schön, kocht Essen - und langweilt sich dabei;
hinterher kommt es ihm vor, als hätte er gar nichts getan. In
Wirklichkeit verhält es sich genau andersrum. Vorher hatte er
ein eingebildetes Erlebnis von Verbindung zu G~tt, ohne im
Geringsten mit G~tt verbunden zu sein, und hinterher stand er
durch die Mitzwa der barmherzigen Taten in Verbindung mit
G~tt, ohne irgendetwas zu fühlen.

Darin genau besteht die christliche Fälschung, wonach man
höchste religiöse Erlebnisse ohne eigenen Einsatz erlangen
kann. - Die ganze Tora, schrieb Rabbiner Moscheh ben Maimon
("Maimonides") in seinem Buch "Führer der Unschlüssigen", ist
ein einziger Kampf gegen den Götzendienst. Das Heidentum
erlaubt jeden Genuss und erklärt ihn für heilig, man müsse den
Trieben ihren Lauf lassen. Jedem Trieb: "Lass ihn heraus und
genieße, koste das Leben bis auf den Grund aus". Nein, sagte
unser Vorvater Awraham, man muss das Gute tun und seine
Pflicht erfüllen. Da kamen die Christen und sagten: Beide Seiten
haben ihre Vorzüge, und darum "gibt es keine Juden mehr und
gibt es keine Griechen mehr". Der Vorteil der heidnischen
Griechen: Freiheit, Offenheit - aber mit einem großen Nachteil:
die Seele fühlt sich benachteiligt, einsam und beschämt, sie
leidet große Qual. Im Judentum fühlt sich die Seele wunderbar,
die körperlichen Triebe jedoch etwas benachteiligt und
vernachlässigt. Darum erdachte das Christentum eine
Kreuzung: innen heidnisch, außen jüdisch. Die Mitzwot wurden
abgeschafft, und so konnte jedermann seinen Trieben freien
Lauf lassen. Gleichzeitig wird ein religiöses Erlebnis geboten,
ohne sich dazu groß anstrengen zu müssen - direkt und passiv.
Wer eine Kirche betritt, wird wegen der besonderen Architektur
sofort von einem starken ästhetischen Eindruck überwältigt.
Dann wirkt auf ihn die Orgelmusik, der Gesang, und er spürt
eine Art Hingabe, "Kommunion", ohne eigene Anstrengung und
Einsatz. Erlebnis auf die billige Tour.

Auch Juden verwechseln manchmal die wahre Anhänglichkeit
an G~tt durch die Erfüllung der Gebote mit der eingebildeten
Anhänglichkeit durch Selbstbetrug. Gerade in den Geboten und
im Studium der Tora verbirgt sich die göttliche Erleuchtung, und
nicht nur ausgerechnet in hochgeistigen Dingen, sondern auch
in alltäglichen Themen wie z.B. "wenn ein Ochse eine Kuh
niedergestoßen hat" (Mischna Baba Kama 46a). Dort
konzentrierte der Herr der Welt sein überströmendes Licht, dort
kann man ihm begegnen. "Man kann den König an seinen
Gewändern erfassen, und jene sind Tora und Mitzwot" ("Tanja",
4.Kap.). Jedes Gebot, das der Mensch erfüllt, verbindet ihn mit
dem Schöpfer, flößt ihm tief in seine Seele etwas Göttliches ein
und aktiviert seine göttliche Seele in direkter und wahrhaftiger
Weise.

Wenn jemand behauptet: "Ich kann mich nicht mit den Geboten
identifizieren", muss man genau nachforschen, wer "Ich" ist. Der
Mensch, ein vielschichtiges Wesen, enthält eine göttliche und
eine tierische Seele, die beide in der ersten Person Einzahl aus
ihm sprechen: Ich. Darum muss man diesen Ausspruch danach
abklopfen, welches Ich sich nicht mit den Geboten identifizieren
kann - der Trieb zum Guten oder der Trieb zum Bösen? Der
Engel im Menschen oder das Tier im Menschen? Das "Ebenbild
G~ttes" oder die Abgründe der Seele? Das erhabene "Super-
Ego", oder das "id", die triebhafte Neigung? Wer knüpft die
Verbindung, und wer spricht hier? Manchmal wird der Mensch
von verwirrenden Gefühlen und beunruhigenden Erlebnissen
heimgesucht. Ein kranker Mensch hat keinen Appetit auf
heilungbringende Nahrung. Er verlor viel Blut, viele rote
Blutkörperchen, nun hat er keinen Appetit, isst weniger, es fehlt
ihm Eisen zu ihrer Bildung; noch weniger Appetit, noch weniger
Eisen, und so weiter im Teufelskreis, bis es mit ihm zuende ist.

So gibt es auch Menschen ohne Appetit auf Mitzwot, ohne das
Gefühl der Identifikation mit den Geboten. Das ist eine wahre
Tragödie. Sind sie vielleicht nicht ganz normal? Wer hat sie
verwirrt? Die Sünden haben das besorgt. Wenn ein Mensch
sündigt, schwächt er sich - neben dem Tatbestand der
Übertretung eines Gebotes - und so "zieht eine Sünde die
andere nach sich" (Mischna "Sprüche der Väter", 4. Kap.,2).
Demgegenüber "zieht eine Mitzwa die andere nach sich"
(ebda.). Die Mitzwa verknüpft ihn etwas mehr mit dem Herrn der
Welt, dadurch sehnt er sich mehr nach G~tt, und so erfüllt er
noch mehr Gebote, und so weiter.

Wie wichtig sind doch die Worte dieses Geistesriesen, des
Autors des "Tanja": "Es ist unmöglich, ihm in Wahrheit
anzuhängen, ohne seine 248 Gebote zu erfüllen" (s.o.) -
natürlich aus ganzem Herzen. "Der Heilige, gelobt sei er, fordert
das Herz" (Sanhedrin 106b), doch wenn sich das nicht in
Gebotsbefolgung ausdrückt, zeigt sich im nachhinein, dass das
Herz hier nicht beteiligt war, sondern nur eine Einbildung von
Herz. Das Vorstellungsvermögen des Menschen, eine starke
Kraft, kann ihn Stufe um Stufe erheben, es kann ihm aber auch
zum Fluch werden, wenn es ihm die Dinge nicht
wahrheitsgetreu vorführt, sondern so, wie er sie gerne sehen
möchte.

In den Geboten liegt die Liebe zu G~tt verborgen, und wer
Erlebnisse sucht, kann versichert sein, sie am Ende zu spüren.
Doch spielt sie im Vergleich zur Anhänglichkeit an G~tt nur eine
untergeordnete Rolle.

Die gleiche Fälschung der Vorstellungswelt finden wir auch bei
den Drogen. Ein Mensch arbeitet die ganze Woche schwer,
ernährt seine Familie ehrenvoll, erledigt seine Arbeit in Treu und
Glauben nach dem höchsten Standard der Arbeitsmoral,
kümmert sich um Ehepartner, Kinder und Eltern, betet aus
ganzem Herzen, lernt Tora - nach einer, g~ttseidank, so
angefüllten Woche verspürt er große innere Befriedigung. Es
geht aber auch viel einfacher: ein kleiner "Schuss", und schon
fühlt er ein unbeschreibliches Erlebnis, ohne jede Mühe.

Hüten wir uns vor eingebildeten "Abkürzungen", um nicht den
Begriff der Hingabe, der Anhänglichkeit an G~tt zu verfälschen,
bilden wir uns nicht ein, neue Pfade zu finden, von denen uns
der oberste Architekt nichts verraten hat, der Herr der Welt, der
den Menschen und die Welt schuf.

Je mehr wir uns darüber klar sind, dass die Erfüllung der Gebote
mit dem Gebieter der Gebote verbindet, werden wir mehr und
mehr Freude erlangen, der Grundlage des "Dienstes an G~tt in
Freude" (siehe Dt. 28,47).