DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


EINZELHEITEN ZU MACHON MEIR/KIMIZION UND VIELE ANDERE INTERESSANTE INFORMATIONEN FINDEN SIE  IN DEN AUSGABEN DES AKTUELLEN JAHRGANGS


Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHLACH LECHA (außerhalb Israels Beha'alotecha)
Nr. 257
21. Sivan 5760

 

Diese Woche in der Tora (Num. 13,1-15,41):
12 Fürsten kundschaften das Land Kana'an aus; 10 bringen
positiven, aber entmutigenden Bericht, 2 optimistisch und
verweisen auf göttlichen Beistand; Volk hört auf
Mehrheitsbericht, göttliche Strafe: 40 Jahre Wüste, bis
Ungläubige ausgestorben sind; jetzt wollen sie doch, aber G~tt
lässt sie nicht mehr; weitere Opfergesetze; Strafe für
G~tteslästerung; der Holzsammler am Schabbat; Zizit.
 
 
Frage und Antwort

Das Fernsehen - der Feind der Menschheit

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Warum sind die Menschen heutzutage alle so nervös,
und warum sind besonders die Jugendlichen so
unaufmerksam?

Antwort: In der heutigen Zeit fällt es vielen Jugendlichen
schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren (besonders
beim Talmudstudium). Der Jugendliche interessiert sich nicht so
furchtbar für den Stoff, den er darum auch nicht besonders mag.
Eins hängt vom andern ab. Um ein bestimmtes Fach
gernzuhaben, reicht es nicht aus, sich über dessen Bedeutung
klar zu sein, sondern man muss auch einen Erfolg spüren. Wenn
sich der Jugendliche nicht konzentrieren kann, kommt er nicht
voran, und dann mag er dieses Fach nicht.

Mangel an Konzentrationsvermögen und Aufmerksamkeit plagt
die heutige Generation in allen Fächern, besonders beim
Lernen der Gemara, das komplizierte und verzweigte
Gedankengänge sowie tiefschürfende und abstrakte
Problemfälle enthält. Der Jugendliche kann kaum noch die Nase
über Wasser halten. Darum bemüht man sich in den Schulen,
jedes Thema in mundgerechte Einheiten zu zerlegen, die sich
leicht erfassen lassen. Wenn man mit einer Einheit fertig ist,
wendet man sich der nächsten zu. Darüberhinaus bedient man
sich natürlich auch Hilfsmitteln wie Video und Computer, die das
Lernen interessanter machen sollen.

Über diesen Zustand wundern sich viele Leute. Sie sagen: 'In
unserer Jugend, vor 30-50 Jahren, war alles ganz anders'.

Es kann sehr wohl angehen, dass sich das menschliche Gehirn
durch fortgesetztes Fernsehen geändert hat. Wenn ein Kind
heute in der 1. Klasse anfängt, hat es schon zehntausende
Stunden vor dem Bildschirm hinter sich. Geht ein Kind den
Eltern auf die Nerven, setzen sie es einfach vor den
Zauberkasten und kommen so in den Genuss vorfabrizierter
Ruhe.

Man muss sich einmal klarmachen, wie Fernsehen wirkt: Kurze
Bildsequenzen in schnell wechselnder Folge, die sich leicht
aufnehmen lassen. Der Inhalt muss leicht fassbar sein,
anspruchslos, oberflächlich und ohne Tiefgang. Der Betrachter
braucht nicht zu denken, denn man bereitet ihm alles fix und
fertig vor. Man darf auch gar nicht erst zu denken anfangen,
denn dann verpasst man die nächste Bildfolge! Jedes Bild wird
sorgfältig auf schnelles Erfassen des Inhaltes abgestimmt.

Aus diesem Grunde liegen große Teile des Gehirnes eines
Kindes oder Jugendlichen brach und verkümmern. Jeder
Muskel schwindet, der nicht regelmäßig bewegt wird. Abstraktes
Denken und Konzentrationsvermögen lassen nach. Auch das
Lesen eines Buches, selbst eines Kinderbuches oder einer
Pferdegeschichte verlangt eine gewisse Konzentration,
Anstrengung und Überlegung, um sich ein Pferd usw.
vorzustellen. Die Psychologen sagen, dies sei zwar noch nicht
abstraktes Denken, aber doch der erste Schritt in diese
Richtung.

Wenn man diese Fähigkeiten nicht benutzt, die sich
mehrheitlich in der linken Gehirnhälfte befinden, verkümmern
sie, wie jedes vernachlässigte Körperteil. Wenn jemand mit
einem eingegipsten Bein herumläuft und deshalb bestimmte
Muskeln nicht benutzen kann, "wissen" diese nach Abnahme
des Gipses nicht mehr, wie sie funktionieren; ihre Vitalität
(Tonus) wurde geschwächt. Das Gehirn hat inzwischen die
entsprechenden Befehle zum Bewegen dieser Muskeln
vergessen. Dann geht man zur Physiotherapie, um den Muskeln
und dem Gehirn die verlorenen Funktionen wieder beizubringen.
Für jemanden, der lange Zeit bettlägerig war, wird dieser
Zustand zu einer mittleren Katastrophe, und er muss den ganzen
Körper einer langwierigen Physiotherapie unterziehen.

Dasgleiche gilt auch für den Verstand. Wenn man den Dingen
nicht auf den Grund geht, wenn man nicht nachdenkt, wenn
man sich nicht ab und zu den Kopf zerbricht - lässt das
Denkvermögen mehr und mehr nach.

Fürs Fernsehen braucht man sich nicht zu konzentrieren:
einfache Bilder, leicht zu erfassen, schnell wechselnd. Wenn
man sich erst dran gewöhnt hat, passt sich das Gehirn
entsprechend an. Evolutionäre Veränderungen benötigen nach
Darwin viel Zeit. Hier erfolgt die Veränderung verhältnismäßig
schnell, nach nur einigen Jahren, sie ist allerdings umkehrbar.

Wie aber sollen Kinder nach sovielen Fernsehstunden nicht ihr
Konzentrationsvermögen und ihre Aufmerksamkeit verlieren?!
Wie werden sie später Gemara lernen können?! Der
Jugendliche ist doch nur fähig, Fernsehbilder an sich
vorbeirauschen zu lassen, d.h. kurze Geschichtchen, audio-
visuell und sehr aufreizend.

Der Lehrer muss also etwas zu bieten haben, schon in seiner
äußerlichen Aufmachung, seinen Bewegungen und seiner
Sprechweise. Natürlich kann er mit dem Professionalismus des
Fernsehens nicht mithalten. Er muss den Lehrstoff so einfach
wie möglich übermitteln.

Das Fernsehen bringt den Untergang der Menschheit, und nicht
nur wegen der Inhalte. Selbst bei hervorragender
Programmauswahl, wie z.B. Natur-Dokumentarfilme, über das
Leben von Rabbi Akiba oder über jüdische Nächstenliebe - so
verharrt der Zuschauer doch in Passivität und strengt sein
Gehirn nicht an. Dadurch lassen seine Begabungen nach und
der IQ sinkt, auf keinen Fall aber besteht noch irgendeine
Befähigung zum Talmudstudium. Ebenso wird er unfähig,
erhabene, abstrakte Begriffe über G~ttesfurcht, Glauben und
Anhänglichkeit an G~tt zu verarbeiten.

Wollen wir uns nun den Inhalten zuwenden, die jeder Kritik
spotten. Sie stehen in krassem Gegensatz zu allen moralischen
Grundsätzen eines jeden modernen und aufgeklärten Staates.
Es geht um die zutiefst negativen Einflüsse und die
Niveaulosigkeit, die von Filmen und selbst
Nachrichtensprechern ausgeht.

Früher war es nicht so einfach, die drei Todsünden
(Blutvergießen, Götzendienst und Unzucht) zu begehen. Man
musste sich dafür einigermaßen anstrengen. Heute findet der
Mensch all dies in seinem eigenen Hause. Jeden Abschaum der
Welt setzt man ihm auf Knopfdruck vor die Nase.

Jemand sagte einmal, wenn unser Vorvater Awraham heute
leben würde, nähme er sicher eine Axt und zertrümmerte jedes
Fernsehgerät auf der Welt. Manche mögen einwenden: Es gibt
aber doch auch gute Sachen im Fernsehen! Das stimmt, und
wir haben auch nichts gegen den Bildschirm und seine
elektronische Funktionsweise. Das Problem liegt vielmehr im
andauernden Zuschauen, das den Menschen verkümmern und
ihn das abstrakte und vertiefende Denken verlernen lässt. Wohin
gelangt die Menschheit auf diesem Wege?

Die Inhalte lassen sich schwerlich erlesen nennen. Handelt es
sich beim Verantwortlichen für die Sendungen um einen
erstklassigen Pädagogen, der nach Wegen sucht, den
Jugendlichen moralische Grundwerte aufzuprägen? Nicht im
Geringsten. Vor vielen Jahren (es ist schon sehr, sehr lange
her) wurde das israelische Fernsehen als "Lehr-Fernsehen"
gegründet, da anders die nötigen Geldmittel in der damaligen
schwierigen finanziellen Situation des Staates nicht bewilligt
worden wären. Die Erziehung der Kinder war so wichtig, dass
man bereit war, Geld dafür auszugeben, das man gar nicht
hatte.

Heute verhält es sich genau umgekehrt. Das Fernsehen trägt
weder in seinen Inhalten noch in der Darbietung zur Erziehung
bei. Die Inhalte könnte man wohl verbessern, die Form der
Darbietung jedoch nicht. Selbst ein religiöses, spirituelles,
gläubiges und moralisches Fernsehen, geleitet von
hochgeistigen Fachleuten, könnte doch nicht das Problem der
verdummenden, passiven Konsumform lösen. So leiden die
Menschen auf jeden Fall unter Lernschwierigkeiten, und darum
muss man es ihnen leicht machen. Hausaufgaben werden
besonders leicht gestellt, knapp und attraktiv. Anstatt Gemara
zu lernen wie alle früheren Generationen, mit Lust und
Begeisterung, mit Raschi und Tossafot, mit großer Befriedigung
- gibt es keinen anderen Ausweg als sich einige Themen
herauszupicken, die sich mit aktuellen Begebenheiten verbinden
lassen, um das Erlernen des Talmuds relevant erscheinen zu
lassen. Das ist nicht der richtige Weg. Man muss den Menschen
auf ein höheres geistiges Niveau erheben und nicht an seiner
Lernweise herumdoktern und zu versuchen, diese nach Art des
Fernsehens interessant zu machen.

Aus dem gleichen Grunde wird man dann auch in anderen
Bereichen versuchen, um jeden Preis Erleichterungen von der
Schwere des Religionsgesetzes zu suchen, denn auch beim
Dienst an G~tt wird den Menschen die Konzentration
schwerfallen. Doch damit löst man das Problem nicht. Viel
besser wäre es doch, den Menschen zu stützen, ihm
stufenweise die verlorengegangene Konzentrationsfähigkeit
zurückzugeben, und ihn einfürallemal von diesem schädlichen
TV-Gerät zu trennen.

Manche Leuten ist es schade um die guten Sendungen. Ja,
sicher, dann verpassen wir diese wenigen positiven Dinge.
Davon geht die Welt nicht unter. Wir werden doch nicht wegen
einiger Ausnahmen den Schaden an der Menschheit
inkaufnehmen und unseren teuren Kindern eine Art Mutation
verursachen wollen!?

Es ist kein Wunder, dass sich kaum noch jemand konzentrieren
kann, schon gar nicht auf die Gemara, die so komplizierte,
verzweigte und weitreichende Gedankengänge enthält. Doch
genau darin besteht das wunderbare Vergnügen - heute würde
man sagen: die große intellektuelle Herausforderung - nämlich
in der Auseinandersetzung mit gesetzlichen Themen sowie
moralischen, spirituellen und das Land Israel betreffenden
Fragen. Nicht den Lehrstoff versimplifizieren, sondern Schüler
und Erwachsene(!) befähigen. Zum Glück ist es noch nicht zu
spät. Die Verkümmerung der Konzentrationsfähigkeit lässt sich
immer noch beheben.

Wer nur über die nötige Willenskraft verfügt und das
Vorgenannte verstanden hat, wird den Fernseher schleunigst
auf den Müll werfen. Am Anfang werden sich natürlich
Entzugserscheinungen bemerkbar machen wie bei Jedem, der
sich von einer Abhängigkeit löst. Er wird einen enormen Mangel
spüren - was nebenbei beweist, wie sehr er abhängig war. Im
Laufe der Zeit lernt er, ohne Fernseher zu leben, wird sich frei
fühlen, Höhenluft atmen; plötzlich hat er Zeit für die Familie, Zeit
zum Lesen, Zeit zum Toralernen. Diese Willenskraft ist heute
bitter nötig, nicht nur bei den Religiösen, nicht einmal nur bei
den Juden - sondern bei der ganzen Menschheit, und darum
besonders beim Volke Israel, "dem weisen und klugen Volk"
(Dt. 4,6), insbesondere bei moralisch-idealistisch orientierten,
g~ttesfürchtigen Menschen, die ihren Gehirnkasten von
solchem Abfall sauberhalten wollen und ihre Zeit der Familie,
dem Lesen und dem Ergründen unserer heiligen Tora widmen.