MACHON MEIR
                       DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
ROSCH HASCHANA
Nr. 216
1. Tischri 5760  

 
 
Der Stand der Dinge...

Ein Neujahrsbrief 

Rav Dov Begon
Leiter von
MACHON MEIR

Das Volk Israel als Träger der besonderen göttlichen
Eigenschaft wird im Raschikommentar (zu Ex. 19,5) mit einer
"Schatzkiste voller Edelsteine" verglichen, die die Welt
erleuchten und ihr Gutes bringen.

Auch "Machon Meir" versucht nach Kräften, das Licht von
Ahawa und Emuna, Liebe und Glauben, erstrahlen zu lassen.
In unserer 25jährigen Geschichte gelang es uns mit G~ttes
Hilfe, die Herzen von vielen Tausenden zu erleuchten und sie
dem Judentum näherzubringen. Dies alles wurde durch die
großzügigen Spenden unserer Freunde ermöglicht, die uns mit
ihrem Wohlwollen und großer Freigebigkeit unterstützen, und
das Verdienst dafür steht ihnen zur Seite.

Im kommenden Jahr 5760 werden wir mit unserer
weitverzweigten Arbeit des Näherbringens zum Judentum
fortfahren und verschiedene Gruppen Neueinwanderer
eingliedern, darunter solche aus Russland und Äthiopien,
werden besonderen Augenmerk auf Verbreitung von
Lehrmaterial legen, sowohl auf mündlichem als auch auf
schriftlichem Wege, durch Kassetten und auf dem Internet,
werden weitere "Ableger" eröffnen und den Bau unseres neuen
Studienzentrums fortsetzen, das uns als "Leuchtturm" zur
Verbreitung von Ahawa und Emuna in Israel dienen soll.

Infolge der schwierigen Geldlage müssen wir besondere
finanzielle und organisatorische Anstrengungen unternehmen
und bitten daher alle Freunde, und wer sich sonst noch mit
dem Machon verbunden fühlt, dieses Jahr eine besondere
Anstrengung zu unternehmen und weitherzig zu spenden, und
uns dadurch weiterhin die Annäherung der Herzen und
derjenigen, die sich weit vom Judentum entfernt haben, zu
ermöglichen.

Möge ihr Verdienst den Spendern und ihren Familien immer
zur Seite stehen und sie vom Himmel gesegnet sein, mögen sie
ins Buch des guten Lebens eingeschrieben und besiegelt
werden!
Schana towa umetuka,
Dov Begon

 
 
Frage und Antwort

Die Umkehr

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wie tut man "Tschuwa"?

Antwort: Mit großer Verwunderung über unseren großen
Weisen, Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides")
nehmen wir zur Kenntnis, dass er in seinen
religionsgesetzlichen Werken die (reumütige) Umkehr nicht
ausdrücklich als eines der göttlichen Gebote aufzählt, sondern
wenn jemand von einer Sünde umkehrt, so habe er diese vor
G~tt zu bekennen.

Bei der Tschuwa handelt es sich um kein exakt begrenztes
Thema wie z.B. Schabbat, Kaschrut, Tefillin, Zizit und
Nächstenhilfe, vielmehr umfasst sie alle Bereiche des Lebens.
"Kehre einen Tag vor deinem Tode um" (Mischna "Sprüche der
Väter" 2,10), sagten die talmudischen Weisen. Und weil
niemand seinen Todestag im voraus weiß, befindet man sich
zeitlebens im möglichen Zustande der Umkehr.

Die Tschuwa beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Feld des
täglichen Lebens, man muss sich vielmehr jederzeit in diesen
Zustand versetzen. Dafür gibt es eine höchst ehrenwerte
Bezeichnung: "Ba'al Tschuwa" [etwa "ein Mensch der
Tschuwa"]. Parallel dazu kennen wir den Begriff des "Ba'al
Laschon Hara" ["ein Mensch der üblen Nachrede"]. Am Ende
der "Sittenlehren" (Hilchot De'ot) zählt Maimonides
unterschiedliche Grade auf. 1. "Tratsch" - Erzählen von
Klatschgeschichten über einen Dritten, was Zank und Streit
verursacht. Das ist natürlich strengstens verboten.
Darüberhinaus: 2. "Üble Nachrede" - nachteiliger Bericht über
den Nächsten, womit man Schäden verursacht und Furcht
verbreitet, selbst wenn man die Wahrheit sagt. Noch
schlimmer: 3. "Verleumdung" - das Weitererzählen von Lügen
über den Nächsten. Jedoch der schrecklichste der Schrecken
ist der "Ba'al Laschon Hara", jemand, dem das Verbreiten von
übler Nachrede zur zweiten Natur wurde. Selbst wer nur selten
dieser Sünde verfällt, lädt schon schwere Schuld auf sich, aber
ein Ba'al Laschon Hara kann schon gar nicht mehr anders als
im Gespräch mit seinen Freunden über andere herzuziehen.
Die hervorstechendsten Beispiele dafür liefern heutzutage
Radio, Fernsehen und Zeitungen, die von übler Nachrede nur
so überquellen und Menschen gnadenlos zugrunderichten,
wobei sie nicht zu bremsen sind. Natürlich gibt es
Ausnahmefälle, so wie man einen Todkranken am Schabbat ins
Krankenhaus fahren darf. Das hebt allerdings noch lange nicht
die Schabbatgesetze auf. Ebenso kann auf dem Gebiete des
"Hütens der Zunge" nicht jeder machen, was er will.

So wie bei einem Ba'al Laschon Hara die üble Nachrede zum
festen Bestandteil seiner Persönlichkeit wurde, beschäftigt sich
der Ba'al Tschuwa ständig mit Tschuwa, steht unter ständiger
Anspannung, in ständigem Kampfe und in ständiger Bemühung
in Richtung auf das Gute. Darum kann man schlecht von einem
spezifischen "Gebot der Tschuwa" sprechen. Die Tschuwa
erfüllt unser ganzes Leben. Woher wissen wir, dass
Maimonides das auch so gemeint hat? So schrieb er: "Da jeder
Mensch über sich selbst bestimmt, bemühe sich der Mensch,
Tschuwa zu tun und sich seiner Sünden zu entledigen"
(Gesetze von der Umkehr, 7.Kap.,1).

Warum "bemühe sich.."? "..ist er verpflichtet"! Doch bei der
Tschuwa gibt es unzählige Stufen. Darum stellt Maimonides
eher eine Verbindung zwischen der Tschuwa und der freien
Entscheidung her. Wir glauben an die Freiheit des
menschlichen Willens, dass der Mensch Herr ist über seine
Taten, seine Reden und seine Gedanken. Der Wille ist frei.
Weil man also frei ist, sollte man sich bemühen, Tschuwa zu
tun und fortwährend seine zahlreichen Anstrengungen darauf
ausrichten, keine Wurzeln zu schlagen, sondern seinen
Charakter ständig zu verbessern.

Die zweite Lehre aus den Worten Maimonides' betrifft das
Bekennen der Sünden: "Wir haben uns schuldig gemacht, wir
handelten verräterisch, wir raubten...". Warum ist es so sehr
wichtig, zuzugeben: "Wir haben gesündigt"? Das ist das
Allerwichtigste: Die Übernahme der Verantwortung. Es kommt
vor, dass der Mensch sündigt. Wir sind keine Engel. Die Frage
ist, ob der Mensch die Sünde zugibt, die Verantwortung
übernimmt und nicht andere beschuldigt. Dass er nicht
behaupte: Das ist doch überhaupt keine Sünde, das war doch
nur wegen meiner Frau und meiner Eltern, wegen meiner
Nachbarn und wegen meiner Freunde, wegen der Regierung
und wegen der Armee. Für alles hat er eine Erklärung. Der
Mensch neigt dazu, die Schuld auf andere abzuwälzen. Schon
der erste Mensch behauptete zu seiner Verteidigung, seine
Frau sei an allem Schuld! So was von undankbar! (siehe
Awoda Sara 5b). G~tt gibt ihm in der Frau ein wunderbares
Geschenk, und er hängt ihr sogleich sein Versagen an.

Der Mensch bildet sich ein, dass nicht er, sondern jemand
anderes die Schuld trägt. Darum schrieb Rabbiner A.J. Kuk,
dass die meisten Menschen in falschen Vorstellungen leben
und nicht nach ihrem Verstand. Anstatt der Wahrheit ins
Gesicht zu sehen, betrachten sie die Wirklichkeit lieber im
Spiegel ihrer Einbildung, d.h., so wie sie sie sehen wollen.

Wenn ein Mensch sagt: Ich habe gesündigt!, so stellt das einen
Sieg des wahren und klaren Verstandes über die irreführende,
falsche Einbildung dar.

Natürlich haben wir nichts gegen die Einbildungskraft. Der Herr
der Welt gab uns diese Kraft nicht umsonst. Sogar die
Prophetie benötigt das wahrhaftige, lautere und reine
Vorstellungsvermögen. Man muss sich jedoch vor ihm in acht
nehmen. Manchmal führt es den Menschen aufs Glatteis, und
manchmal lässt es ihn im Stich; ein etwas zwielichtiges
Vermögen. Diese Kraft kann uns Erneuerung und Kreativität
bringen, aber auch etwas vorgaukeln.

Wieviele Katastrophen haben sich schon ereignet, weil uns die
Einbildung etwas vormachte, zum Beispiel der Jom-Kippur-
Krieg. Oder die Einbildung, dass territoriale Zugeständnisse an
einen Hitler den Frieden sichern würden.

Die meisten Menschen leben nach ihrer Einbildung und als
Gefangene ihrer Vorstellungswelt, und sind nicht bereit, die
Wahrheit zuzugeben.

Natürlich kann sich auch der Verstand irren. Doch er hat ein
Ideal, den Willen und die Sehnsucht, die Wahrheit
herauszufinden. Die Einbildung hat mit der Wahrheit nichts im
Sinn, sondern präsentiert uns die Dinge, wie wir möchten dass
sie wären. Es gibt auch wirklich große Phantasien. Wie die
zionistische Bewegung nicht vom Fleck kam, schrieb Dr. Herzl
den Roman "Altneuland" über einen nur in seiner Einbildung
existierenden Staat Israel. G~ttseidank hat die Wirklichkeit die
Einbildung noch übertroffen!

Doch gibt es auch die krankhafte Einbildung, nicht gesündigt
zu haben. Wer verkündet, "ich habe gesündigt, mich schuldig
gemacht", zeigt somit Stärke, Mut und Verstand.

Warum also machen sich die Leute etwas vor? Sie denken
daran, wie unangenehm es wäre, einen Fehler zuzugeben, wie
frustrierend, erdrückend und hoffnungsraubend. Sollten sie
sich doch lieber vorstellen, ohne Schandflecke herumzulaufen,
voller Mut und Freude. Doch wenn sie sich selbst, dem Herrn
der Welt und ihrem Nächsten beichten sollen, dass sie sich
nicht korrekt verhalten haben, so befürchten sie, dass dies ihr
Selbstwertgefühl zerstören könnte. Darum bevorzugen sie die
Einbildung, dass sie selber in Ordnung und die anderen an
allem Schuld sind.

Ein schwerer Irrtum! Genau umgekehrt! Wenn der Mensch sich
einbildet, er sei rein und unschuldig und alle Fehlschläge seien
anderen anzukreiden, dann ist er wirklich verloren, denn die
Besserung der Missstände hängt dann ja nicht von ihm ab.
Darum wird er verzweifeln. Doch wenn er sagt: Ich bin schuld,
ich habe das verbrockt - dann ist das sicher unangenehm, aber
auch Grund zur Freude, denn jetzt hängt alles weitere von ihm
ab. Wie sagte doch Rabbi Nachman von Braslav: "Wenn du
glaubst, es sei möglich zu zerstören, so glaube auch, es sei
möglich, wieder zu reparieren" - denn das füllt den Menschen
mit großer Freude.

Warum reicht es eigentlich nicht, an seine Schuld zu denken,
warum muss man sie auch aussprechen? Gedanken können
verschwommen sein, im Kopf hin- und hersausen. Was man
ausspricht, kommt klar und deutlich heraus. Wage es
auszusprechen! Gedanken sind eher unverbindlich, doch das
gesprochene Wort voller Macht und Klarheit.

Als König Scha'ul sündigte [indem er den Amalekiterkönig am
Leben ließ und einen Teil der Kriegsbeute nicht vernichtete]
und ihn der Prophet Schemu'el ermahnte - was hatte er darauf
zu erwidern? 'Das Volk wollte es so'. Natürlich kann man die
Schuld dem Volk zuschieben, so wie Rabbiner Naftali Z.J.
Berlin in seinem Kommentar schrieb, und behaupten, der König
habe jeden Blödsinn mitzumachen, den das Volk von ihm
verlangt. Doch das soll ein echter König sein?!

Nach der schweren Sünde um Batschewa ermahnte der
Prophet Natan König David mit der Fabel vom Lamm des
Armen. Und die Pointe: Du bist der Reiche, der dem Armen
sein Lamm wegnimmt. Darauf reagierte David, wie es in
unserer Welt sehr selten vorkommt: 'Ich habe gesündigt'. Das
ist Heldenmut, das ist wahre Größe. Die talmudischen Weisen
erklärten dazu: Man könnte fast sagen, David habe zum
Nutzen des Volkes Israel und der Menschheit gesündigt, damit
man wenigstens einmal aus dem Munde eines großen
Menschen, eines Königs, die Worte höre: 'Ich habe mich geirrt'.
Den Irrtum zuzugeben tut seiner Bedeutung nicht den
geringsten Abbruch. Irren ist menschlich! Nur in Beziehung
zum Papst haben die Christen eine seltsame Grundannahme
von der Unmöglichkeit des Irrens. Der Papst irrt sich niemals!
Auch nicht der Papst, der zum Holocaust schwieg...

Wir sind Menschen, wir irren, tun Tschuwa, lernen dazu - und
so verbringen wir alle unsere Tage in Tschuwa. Dafür müssen
wir unsere Einbildung überwinden. Wie gesagt irrt sich der
Verstand auch manchmal. Doch dagegen gibt es ein Mittel:
Freunde, die den Menschen auf seine Fehler durch Diskussion
und gemeinsames Gespräch aufmerksam machen. Man muss
dem Anderen zuhören, besonders dem, der einer anderen
Denkrichtung angehört.

"'Ich werde ihm gegenüber eine Hilfe machen' - hat er es
verdient, Hilfe, hat er es nicht verdient, gegen" (Jewamot
63a/Gen. 2,18). Doch schließlich heißt es ausdrücklich "ihm
gegenüber eine Hilfe"?! Erklärt Rabbiner Berlin: Wodurch hilft
dir deine Frau? Durch ihre Entgegnungen. Wenn sie dir in
vollkommener Unterwürfigkeit in allem zustimmte, könntest du
dich niemals bessern, weil dir die Klärung des Für und Wider
fehlte.

Welch ein Glück, dass wir das Gebot des Bekennens haben.
Welch ein Glück, dass wir dazu auch den Mut und die Kraft
haben, unsere Irrtümer zuzugeben, denn so können wir uns
bessern und in immer höhere göttliche Höhen vordringen.