DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


EINZELHEITEN ZU MACHON MEIR/KIMIZION UND VIELE ANDERE INTERESSANTE INFORMATIONEN FINDEN SIE  IN DEN AUSGABEN DES AKTUELLEN JAHRGANGS


Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT RE'E
Nr. 266
25. Aw 5760

 

Diese Woche in der Tora (Dt. 11,26-16,17):
Segen und Fluch - abhängig von freier Entscheidung;
Vorschriften bezügl. des Opferdienstes, falsche Propheten,
koschere Tiere, Erlassjahr, Pessach-, Sukkotopfer.
 
 
Frage und Antwort

Post-Zionismus?!

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Manche Leute behaupten, wir leben heute in der Periode
des Post-Zionismus. Ist der jüdische Staat also überflüssig?

Antwort: Ganz und gar nicht. Überhaupt handelt es sich bei so
einer Behauptung um üble Nachrede über das jüdische Volk,
eine Verleumdung des Volkes Israel. Natürlich gibt es
postzionistisch eingestellte Leute, die weder das große Licht
noch die große Herausforderung sehen, mögen G~tt und wir
uns ihrer erbarmen und ihnen helfen. Sie repräsentieren
allerdings nicht die Bevölkerung des Staates Israel. Sie bilden
eine Randgruppe, und man kann sie in den Medien, in der
Regierung und woanders finden, sie sind aber nicht "das
jüdische Volk".

Das Volk Israel ist nicht postzionistisch, das Volk Israel ist froh,
im Lande Israel zu leben! Es ist froh, einen Staat zu haben. Es
kritisiert seinen Staat, und gleichzeitig ist es froh, einen zu
haben. Wie ein Ehepaar, das sich ab und zu in aller Liebe
streitet, beide Partner aber über ihre Ehe glücklich sind und
nicht alleine dastehen - "es ist nicht gut, dass der Mensch allein
sei" (Gen. 2,18) - auch nicht alleine ohne seinen Staat.

Das Volk in Zion freut sich, in Zion zu leben, freut sich über
seinen Staat, freut sich über das Erreichte und sieht vor sich
viele Herausforderungen. Sicher ist dieser Staat nicht perfekt,
es bleibt noch viel zu tun: auf den Gebieten der Politik,
Wirtschaft, Bürokratie, Armee, Erziehung und Kultur. Es gilt
noch viele Neueinwanderer heimzubringen und unseren Staat
zu stärken. G~ttseidank ist das Volk in Zion nicht
postzionistisch. Es gibt einige solche Leute, die keine Ziele
haben. Wie kann es angehen, dass jemand in unserer heutigen
Realität keine Herausforderung erkennt? Wir können ihn etwas
in Schutz nehmen, indem wir von ihm sagen: Er ist müde. "Aber
die auf den Ewigen hoffen, legen an neue Kraft" (Jeschajahu
40,31).

Man muss auch verstehen, dass das Fernsehen nicht immer die
Lage der Nation korrekt wiedergibt. Ein Ladenbesitzer würde ins
Schaufenster nur die schönste Ware stellen, um die Käufer
anzulocken, drinnen dann verkauft er auch mindere Qualität. Im
kleinen "Schaufenster" des Bildschirms wird allerdings nicht die
beste Ware zur Schau gestellt, häufig sogar sehr schlechte
Ware. Wir wissen auch warum: Die Journalisten müssen
besondere und ausgefallene Dinge bringen, die Aufmerksamkeit
erregen und die öffentliche Diskussion anheizen, und dazu ist
ihnen jeder Mist gut genug.

So geht das aber nicht. Wer Interesse erwecken will, muss
große Dinge zeigen, schöne Dinge. Zeigt keine Postzionisten,
sondern viele, viele Super-Zionisten. Rabbiner Awraham
Jizchak Kuk sel. schrieb, dass die Medien eine Stufe über der
Öffentlichkeit stehen müssen, sicher nicht unter dem Niveau der
Öffentlichkeit, auf dem niedersten gemeinsamen Nenner.
Natürlich auch nicht zehn Rangstufen über allen in den Wolken,
wo sie über die Köpfe der Menschen hinwegreden. Sie müssen
die Öffentlichkeit auf ein höheres geistiges Niveau erheben,
über Ideale reden, Gerechtigkeit betonen, den Glauben stärken
und die Nächstenliebe fördern. Das ist die Aufgabe der Medien,
doch nicht immer erfüllen sie sie. Viele der dort Angestellten
sind zwar begabt, nur fehlt ihnen leider jedes moralische
Verantwortungsgefühl, sowohl auf nationalem wie auch auf
pädagogischem Gebiete.

Fallt nicht auf die Massenmedien herein, die uns nicht so
darstellen, wie wir wirklich sind. Wollt ihr wirklich wissen, ob das
Volk postzionistisch ist oder nicht? Redet! Redet mit euch
selbst, redet mit den Nachbarn, redet mit den Arbeitskollegen -
ihr werdet eine Überraschung erleben.

Ein Offizier sagte einmal zu seinem Fahrer: Fahr los, wir
müssen bald ankommen! Antwortete der Fahrer: Gar nichts
müssen wir, was ist diese Armee überhaupt wert, was ist dieser
Staat überhaupt wert... Wundert sich der Offizier: Was soll das
heißen? Sagt der Fahrer: Ist doch wahr! - Am nächsten Morgen,
im Libanon, mussten sie unter Beschuss eine Senke
durchqueren; da rief der Fahrer: Für unsere Heimat, um Leben
und Tod! und gab Gas. Fragte ihn hinterher der Offizier: Aber
gestern war die ganze Armee und der ganze Staat doch nichts
mehr wert?! - Ja, das war gestern; jetzt aber, wo es hart auf
hart geht...

Wenn es hart auf hart geht, kommt die Wahrheit ans Tageslicht.
Lasst euch vom Gerede nicht irritieren, denn so ist das mit
unserer Generation: außen rauh und innen gut (siehe Rabbiner
A.I.Kuk, Briefe, §555).
 
 
Am Schabbes-Tisch

Schuldenerlass und "Prusbul"

Rav Jakov Ari'el
Oberrabbiner von 
Ramat Gan

Wie konnte Hillel (einer der großen Weisen in der
Überlieferungskette der mündlichen Tora, lebte vor 2000
Jahren) den "Prusbul" erfinden und mit seiner Hilfe ein Verbot
der Tora außerkraftsetzen?

Die Antwort finden wir in den folgenden Grundsätzen:
1. Hillel stellte fest, dass keiner mehr dem anderen Geld borgen
wollte. Dabei ist das Geben von Anleihen ein Gebot der Tora,
wie es heißt: "Wenn du Geld leihest meinem Volke, dem Armen
bei dir" (Ex. 22,24), und gehört zu einem der wichtigsten
Gebote, nämlich der Mildtätigkeit: "die Welt wird auf Mildtätigkeit
gebaut" (Psalm 89,3). Demgegenüber handelte es sich bei dem
Gebot des Erlassjahres seinerzeit (wie auch heute noch, bis die
Mehrheit des jüdischen Volkes in Israel lebt) um ein
rabbanitisches Gebot.

Wenn ein Zustand entsteht, in dem ein wichtiges Gebot der
Tora vor einem rabbanitischem Gebot zurückzutreten droht, ist
das Gebot der Tora zu bevorzugen.

2. Zwar läuft der Vorgang des Schuldenerlasses automatisch
ab, eine Art "Enteignung durch den König", trotzdem war die
Tora nicht daran interessiert, dass sich jeder Schuldner unter
Ausnutzung dieses Gesetzes seiner Geldverpflichtungen
entledige. "Jeder, der seine im Siebentjahr erlassene Schuld
zurückzahlt, wird von den Weisen in hohem Ansehen gehalten"
(Maimonides "Mischne Tora", Gesetze vom Erlass- und
Joweljahr, §9, Hal.28), d.h., man sollte seine Schulden auch im
Erlassjahr begleichen. Darum darf sich nicht jeder Schuldner auf
den Schuldenerlass verlassen. Zwar unterschied die Tora formell
keine Arten von Schuldnern, der Erlass gilt absolut und für alle
gleich; doch wer ihn nicht nötig hat, sollte lieber seine Schuld
bezahlen. Die Tora verließ sich auch auf das Gewissen des
Schuldners, dem Gläubiger keinen Schaden zuzufügen, der ihm
doch in seiner Gutherzigkeit aus einer Notlage herausgeholfen
hatte.

3. Die Tora wollte durchaus zwischen den verschiedenen Arten
der Anleihen unterscheiden, und entsprechend wäre es eine
angemessene Aufgabe für das Bet Din (Rabbinergericht), die
Einzelheiten der Anwendung der Erlassbestimmungen zu regeln,
um sie auf wirkliche Notfälle zu beschränken.

Nach Ansicht von Rabbiner Naftali Z.J. Berlin ("HaNeziw") aus
Woloschin in seinem Torakommentar "Ha'emek Dawar" zu Dt.
15, 2-3 klingt dies in der Wiederholung des Themas an, denn
zuerst heißt es: "..er soll nicht drängen seinen Nächsten und
seinen Bruder" (2), und nochmal: "..was du aber bei deinem
Bruder hast, soll deine Hand lassen" (3). Im ersten Vers geht es
um den Bruder, den Landwirt ("..denn ein Erlass dem Ewigen ist
verkündet" - der Schuldner brauchte die Anleihe, weil er seine
Felder im Erlassjahr vorschriftsmäßig brachliegen ließ und einen
Erlass dem Ewigen verkündete); im zweiten Vers geht es um
den Bruder, den Händler, der die Anleihe für seine täglichen
Geschäfte braucht und damit dem Nichtjuden ähnelt, der vom
Gebot des Brachliegenlassens der Felder nicht betroffen ist.
Über die letztere Form der Anleihe sagte die Tora: "Es sei denn,
dass unter dir kein Dürftiger ist" (4), d.h., das Bet Din hat dafür
zu sorgen, dass auch der Gläubiger nicht zu einem "Dürftigen"
wird. Es kann nicht angehen, dass sich ein Handelsmann durch
Erlass seiner Schuld auf Kosten des Gläubigers bereichert.

4. Die Regelung der Ausführungsbestimmungen zur gerechten
Anwendung der Erlassgesetze überließ die Tora dem Bet Din.
Darum bestimmte die Tora: "Wer seine Schuldscheine dem Bet
Din übergibt und spricht: 'Treibt ihr mir diese Schuld ein', so fällt
diese nicht unter den Erlass" (Gesetze vom Erlass- und
Joweljahr, §9, Hal.15). Diesem Bet Din, das die Autorität besitzt,
Geldbesitz zu enteignen, hat auch die Autorität, Schulden im
Erlassjahr einzutreiben. Darum heißt es: "..was du aber bei
deinem Bruder hast, soll deine Hand lassen" (3) - und nicht das
Bet Din, eine öffentliche Körperschaft. Das Rechtsprinzip -
Schuldeneinzug durch das Bet Din auch im Erlassjahr - bestand
schon vor der Anordnung Hillels. Dieses Recht ist in der Tora
verankert. Das Bet Din, dem die Schulden zur Eintreibung
überlassen wurden, hat das Recht der Entscheidung, welche
Schulden es einziehen will und welche nicht. Hillel schuf die
Möglichkeit des "Prusbul", d.h., jeder konnte seine
ausstehenden Schulden dem Bet Din auch ohne formale
Abtretung jeder einzelnen Schuld übertragen, nur durch
einfache Erklärung und ein unterzeichnetes Dokument, was ihm
gestattet, die Schuld anstelle des Bet Din zu kassieren. Hillel
nutzte so ein Instrument der Tora, bzw. eine entsprechende
Regelung, um die Schuldeneintreibung im Erlassjahr zu
ermöglichen.

5. Hillel neigte zwar die Waagschale des Gesetzes zugunsten
der Gläubiger, denen er ermöglichte, einen "Prusbul"
auszustellen, ohne Unterschied, ob die Anleihe zwingend
notwendig war oder nicht. weil das Gesetz des Erlassjahres
seinerzeit nur rabbanitischer Natur war. Schließlich sollte das
gegenseitige Leihen ermutigt und ein Zustand verhindert
werden, in dem niemand Geld zu verleihen bereit war.

Diese Regelungen haben temporären Charakter. Mit unserer
Rückkehr in unser Land müssen wir uns auch zur Rückkehr zu
einem vollkommenerem und idealerem Leben im Sinne der Tora
vorbereiten: "ein Leben ohne Schmach und Schande", "ein
Leben in Reichtum und Ehre" (aus dem Gebet der
Neumondsweihe), in dem wir zum Gleichgewicht von
Schuldenerlass auf der einen Seite, um den Dürftigen einen
neuen Anfang zu ermöglichen, und der Unterstützung
wirtschaftlicher Aktivität andererseits, die in umfangreichem
Maße einer zuverlässigen Kreditversorgung bedarf,
zurückkehren.