DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PESSACH
Nr. 248
17. Nissan 5760


Schabbat Chol Hamo'ed

Am Schabbes-Tisch

Eine halbe Antwort

Rav Asri'el Ari'el

Eine große Frage fragt der "vernünftige Sohn" (Chacham) der
Pessach-Hagada: "Was für eine Bewandtnis hat es mit den
Zeugnissen, Gesetzen und Rechten, die der Ewige, unser G~tt,
euch geboten hat?" (Dt. 6,20). Er möchte Halacha lernen -
sowohl um des Lernens an sich willen, als auch, um
weiterlehren, die Gesetze einhalten und die Gebote ausführen
zu können. Allerdings reicht die Sedernacht nicht aus, ihm seine
Frage genügend zu beantworten. Sein ganzes Leben reicht
nicht dazu aus! Aber ganz ohne was darf man ihn auch nicht
wegschicken, und so lehrt man ihn das letzte Gesetz aus den
Regelungen für das Pessachopfer: "Nach dem Genuss des
Pessachopfers darf man keinen Nachtisch (Afikoman)
verzehren" - diese Antwort finden wir in der Hagada, die wir in
der Sedernacht vorlesen.

Wenn wir allerdings das 5.Buch Moscheh aufschlagen, finden
wir dort eine vollkommen andere Antwort auf die Frage des
vernünftigen Sohnes, die scheinbar gar nichts mit der Sache zu
tun hat. Nach der Frage "Was für eine Bewandtnis hat es mit
den Zeugnissen, Gesetzen und Rechten, die der Ewige, unser
G~tt, euch geboten hat?", hätten wir eine Anleitung erwartet, wie
man ihn die gesamte Tora lehre, in allen Einzelheiten, und auch
die allgemeinen Grundsätze. Demgegenüber antwortet die Tora
nicht mit Gesetzeslehre, sondern mit einem historischen
Überblick: "Sklaven waren wir bei Pharao in Ägypten, der Ewige
aber führte uns aus Ägypten mit starker Hand. Und der Ewige
tat vor unseren Augen große und schlimme Zeichen und
Wunder in Ägypten an Pharao und seinem ganzen Hause. Uns
aber führte er von dort heraus, um uns in das Land zu bringen,
das er unseren Vätern mit einem Schwur zugesagt, um es uns
zu geben. Da befahl uns der Ewige, alle diese Gesetze
auszuüben, den Ewigen, unseren G~tt zu fürchten, auf dass es
uns allezeit wohl gehe, und er uns am Leben erhalte, wie es jetzt
geschieht" (Dt. 6,21-24).

Ist das nicht verwunderlich? Der Sohn wollte doch Tora lernen!
Warum sollen wir ihm dann "Geschichten" aus einer fernen
Vergangenheit erzählen? Darüberhinaus geht aus diesen
Versen hervor, dass wir gar nicht zwecks Erhalt der Tora am
Berge Sinai aus Ägypten herausgeführt worden waren, sondern
"um uns in das Land zu bringen,... um es uns zu geben"; die
Übergabe der Tora war demnach nur ein Nebeneffekt. Soll das
die Antwort an den vernünftigen Sohn sein?

Doch die Tora hat schon ganz genau den tieferen Hintergrund
der Frage des vernünftigen Sohnes durchschaut. Auch wenn er
nur eine rein informative Frage stellt - "Was für eine Bewandtnis
hat es mit den Zeugnissen, Gesetzen und Rechten", geht es ihm
doch (oder sollte es ihm gehen) um eine viel wichtigere Frage:
Worin besteht die Bedeutung dieser Zeugnisse, Gesetze und
Rechte! Warum soll ich diese so zahlreichen Ge- und Verbote
lernen und lehren, hüten und ausführen? Darum muss man ihm
zuerst vom Auszug aus Ägypten erzählen. Dort wurden wir zum
Volk vor dem Ewigen, unserem G~tt, und unsere Bestimmung:
in das unseren Vorvätern versprochene Land zu ziehen, und
dort als G~ttes Volk zu leben. Dazu bekamen wir ein Geschenk:
Tora und Mitzwot, zu unserem Wohle und unserer
Lebenserhaltung. Und obwohl die Gebote zu unserem Besten
sind, fügt die Tora hinzu: "Als Frömmigkeit wird es uns
angerechnet werden, wenn wir alle diese Gebote vor dem
Ewigen, unserem G~tte, sorgfältig ausüben, wie er es uns
befohlen hat" (Dt. 6,25) - will sagen, zwar sind die Gebote zu
unserem Besten, doch sollte man sie lieber mit der Absicht der
Erfüllung göttlichen Willens ausüben, weil sie uns geboten
wurden. Wenn der vernünftige Sohn glaubte, das Ziel seines
Lebens bestünde nur in der individuellen Ausübung der Gebote,
so macht ihn sein Vater darauf aufmerksam, auch die nationale
Bestimmung zu beachten; und damit beginnt auch die Hagada:
"Sklaven waren wir bei Pharao in Ägypten, der Ewige aber
führte uns aus Ägypten mit starker Hand...".

Die Antwort der Hagada an den vernünftigen Sohn fällt jedoch
ganz anders aus: keine tiefsinnige Deutung, sondern
halachische Information. Die Hagada, so wie sie uns heute
vorliegt, lässt die Periode der Tempelzerstörung anklingen, die
Zeit unserer Zerstreuung in die Diaspora. Im Exil lässt sich die
nationale Bestimmung nicht ausreichend hervorheben. An ihrer
Stelle muss man den Schwerpunkt mehr auf den individuellen
Dienst an G~tt legen. "Seit dem Tage, an dem das Heiligtum
zerstört wurde, habe der Heilige, gepriesen sei er, in seiner Welt
nichts weiter, als die vier Ellen der Halacha" (Brachot 8a).
Darum erhält der Sohn, der eine vernünftige Frage stellt, nicht
mehr als eine "halbe Antwort". Die ganze Antwort werden wir mit
G~ttes Hilfe bald erhalten, mit der vollständigen Erlösung.
 
 
 
Kinder, Kinder...

Sollten Kinder Omer zählen?
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Im "Buch der Bräuche", einer Sammlung von in Deutschland
("Aschkenas") üblichen Minhagim, erwähnte Rabbiner Jakov
ben Moscheh Halevi ["MaHaRil", lebte vor ca. 600 Jahren in
Mainz und Worms], dass der Mainzer Synagogendiener nach
dem Gebet alle Kinder zum gemeinsamen Omerzählen
versammelte.

Daraus lässt sich eine wichtige Regel ableiten: Man muss Kinder
(d.h. vor Bar/Bat Mitzwa) zur Einhaltung von Geboten anleiten,
selbst wenn diese nur rabbanitischen Ursprungs sind (das
Omerzählen ist in der heutigen, tempellosen Zeit ein
rabbanitisches Gebot). Wenn ein Kind einmal vergaß zu zählen,
darf es wie ein Erwachsener an den restlichen Tagen nur noch
ohne den vorherigen Segensspruch zählen. Auch hieraus
entnehmen wir eine wichtige Regel: Die Erziehung des Kindes
zur Einhaltung der Gebote muss auf den Erwerb positiver
Gewohnheiten für das Erwachsenenleben ausgerichtet sein.
Darum sollte man es nicht mit Halbheiten abspeisen. Diese
Regel gilt auch im Hinblick auf das Gebot des Lulaw am
Laubhüttenfest: Wenn das Kind schon die Bedeutung des Lulaw
erfassen kann, ist ihm kein für den Segensspruch nicht
qualifizierter Lulaw zu geben. Dann soll man ihm lieber gar
keinen Lulaw besorgen und stattdessen den Segensspruch über
den Lulaw des Vaters sagen lassen.

Wie erklären wir nun den Kindern die Bedeutung des
Omerzählens? Dazu wenden wir uns dem Buche "Chinuch"
[="Erziehung", Auflistung und Erläuterung aller 613 Ge- und
Verbote der Tora] zu, dessen Name schon über seinen
erzieherischen Inhalt Zeugnis ablegt. Dort heißt es wie folgt: "Es
gehört zu den Wurzeln des Gebotes, entsprechend seiner
einfachen Bedeutung, da das Wesen des Volkes Israel nichts
anderes als die Tora ist... und sie ist die Hauptsache und der
Grund, dass es erlöst und aus Ägypten herausgeführt wurde, um
die Tora am Sinai zu erhalten und sie zu befolgen... und
darum... wurde uns geboten, vom Tage nach dem ersten
Pessachfeiertag ab bis zum Tage der Toraübergabe [dem
Wochenfest, Schawu'ot] zu zählen, um den großen Wunsch
unserer Seele nach diesem ehrenwerten und in unserem
Herzen erstrebten Tage zu zeigen, wie ein Knecht, der sich
nach Schatten sehnt (siehe Ijow 7,2),... denn das Zählen macht
dem Menschen bewusst, wie sein ganzes Heil und sein ganzes
Streben dem Erreichen dieses Zeitpunktes gilt" (Chinuch,
Mitzwa 306).

Das Omerzählen führt uns hin zur Übergabe der Tora und
drückt unsere Sehnsucht nach der Tora aus. Man kann dem
vielleicht noch hinzufügen, dass die Omerzählung das gesamte
menschliche Leben symbolisiert - es gibt den zeitlichen
Abläufen eine bestimmte Richtung und weist auf das
gewünschte Ziel: spirituellen Aufstieg, Einfinden im Schutz der
göttlichen Präsenz, Erfüllung des göttlichen Willen und die
Aufsichnahme von Tora und Mitzwot.

Das Omerzählen lehrt uns auch die richtige Methode der
spirituellen Weiterentwicklung: schrittweises und hartnäckiges
Voranschreiten, ohne auch nur eine einzige Stufe auszulassen.
Langsam aber sicher erklimmt der Mensch Stufe um Stufe
persönlicher Heiligung und Toraverbundenheit, ohne etwas
auszulassen oder zu überspringen. Schritt um Schritt, Maß für
Maß, spiritueller Fortschritt um spirituellen Fortschritt - das ist
die empfohlene Methode, in die höchsten Höhen und zum
"fünfzigsten Tor" vorzustoßen.

Bei den Rischonim gibt es verschiedene Lehrmeinungen über
jemanden, der einen Tag beim Omerzählen verpasst hat, ob
damit die ganze Zählung wertlos wurde oder nicht. Die
Grundlage für diesen Zweifel bildet die Frage, ob das
Omerzählen, bei dem von "Vollkommenheit" die Rede ist, eine
geschlossene Einheit darstellt, oder ob jeder Tag für sich eine
selbständige Einheit bildet. Dieser religionsgesetzliche Streit hat
eine Parallele im Hinblick auf den Dienst an G~tt. Die Einen
sagen: Der Dienst an G~tt sei eine einzige spirituelle Bewegung,
und ihre Aufteilung in Schritte und Abschnitte soll uns nur die
Sache erleichtern, im Grunde handelt es sich aber um eine
Einheit. Darum lässt sich kein Teilstück auslassen. Wer eine
Stufe verpasst, fällt herunter. Die Anderen sagen: Der Dienst an
G~tt besteht aus vielen verschiedenen Teilen. Am besten sollte
man natürlich keinen Teil auslassen. Ausnahmsweise kann aber
auch ein Überspringen in Ordnung gehen. Das Überspringen
eines Teilstückes versperrt noch nicht den Weg zur
Vollkommenheit.