DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NASSO (außerhalb Israels 2. Tag Schawuot)
Nr. 255
7. Sivan 5760

 

Diese Woche in der Tora (Num. 4,21-7,89):
Weitere Aufgabenverteilung für den Stiftszelttransport; Prozedur
für Ehebruchsverdächtigte; Enthaltungsgelübde und deren
Opfervorschriften; die Gaben der Stammesfürsten zur
Einweihung des Wüstenheiligtums (Stiftszelt).

Erew Schabbat: Schawu'ot
 
 
Frage und Antwort

König David (2)

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Letzte Woche schrieben Sie, dass man König David nicht
auf unser Niveau herunterziehen soll, sondern eher versuchen,
auf sein Niveau heraufzukommen. Theoretisch hört sich das ja
ganz nett an, aber praktisch sind wir doch so sehr diversen
Trieben unterworfen, die eine solche spirituelle Entwicklung auf
jeden Fall vereiteln.

Antwort: Es stimmt, jeder macht mal Fehler. "Ja, da ist kein
Mensch gerecht auf Erden, der das Gute tue und nimmer fehle!"
(Prediger 7,20). Jeder kann einmal versagen. Rabbiner
Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) schrieb:
"Der Mensch wurde auch nicht in so einer Weise geschaffen,
dass er niemals sündige, sondern dass er sich vor der Sünde
hüte, und wenn er fehlt und sündigt - reumütige Umkehr tue"
(Briefe, Nr.79). Man muss sich mit allen Mitteln vor Sünden
hüten.

Und ich frage: Das nennt sich "mit allen Mitteln vor Sünden
hüten", wenn man herumerzählt, "hier stand König David und
sah Batschewa", und dass er sowohl gute wie schlechte Züge
hatte?! Das soll einen Menschen im Kampf gegen die Sünde
stärken und festigen?!

Das ist ein ganz großes Unrecht, was man da einem der
heiligsten Menschen voller Sehnsucht nach G~tt antut; "..und
mit den Liedern Davids loben wir dich" (Morgengebet).

Natürlich müssen wir uns mit König David identifizieren, aber
mit dem wahren König David.

Nun wenden Sie ein, wir seien aber doch nur kleine und
einfache Leute, gänzlich unseren Trieben ausgeliefert und alles
andere als sündenfrei, und wir können uns unter keinen
Umständen mit einem so großen Menschen identifizieren.

Das stimmt aber nicht. Wir sind keine "kleinen Leute". Wir sind
große Menschen. Wir haben eine Seele "im Ebenbild G~ttes"!
Uns stehen große Kräfte zur Verfügung.

Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") schrieb in den
Gesetzen von der Umkehr (5.Kap., Hal.2), dass jeder Mensch ein
Gerechter wie unser Lehrer Moscheh sein kann. Er schrieb nicht
"ein Weiser wie Moscheh" oder "ein Prophet wie Moscheh",
denn das hängt auch von anderen Dingen als der persönlichen
Entscheidungsfreiheit ab, sondern "ein Gerechter wie unser
Lehrer Moscheh". Das war auch keine poetische Übertreibung,
denn Maimonides neigte ganz und gar nicht zu Übertreibungen.

Ebenso kann der Mensch ein Gerechter wie König David sein;
aber nicht wie der gefälschte David, dem man ein Etikett von
Gut und Böse ans Hemd geklebt hat, sondern wie der echte
König David, wie ihn die heiligen Weisen beschrieben hatten.

Jeder sieht König David mit seinen eigenen, subjektiven Augen,
entsprechend seinen geistigen Voraussetzungen. Ein Schüler,
der zwischen beiden Welten hin- und herwechselt, möchte
König David gerne so sehen, wie er selbst ist.

So nicht! Hole König David nicht zu dir herunter, sondern steige
hinauf zum wahren König David! Das ist möglich. Der Mensch
hat viele Kräfte, und die Tora konfrontiert ihn mit erhabenen
Idealen. Nicht nur den jüdischen Menschen, sondern auch die
Nichtjuden, denn auch sie wurden "im Ebenbild G~ttes"
geschaffen. Der Vater der Menschheit, Noach "war ein
gerechter, untadliger Mann in seinen Zeiten; mit G~tt wandelte
Noach" (Gen. 6,9). Jeder Mensch auf der Welt kann ein
Gerechter sein, der nie etwas Schlechtes tut, darüberhinaus
auch "untadlig", der das Gute nicht aus irgendwelchem
Interesse oder Abwägungen tut, sondern aus Idealismus, für
G~tt, kann sogar "mit G~tt wandeln" in Verbindung mit und
Anhänglichkeit an G~tt. Erst recht ein jüdischer Mensch, der
über eine jüdische Seele und jüdische Eigenschaften verfügt,
die ihm im Blute liegen und in seinem Charakter verankert sind.

Es kommt wohl vor, dass Leute verzweifeln, wenn sie trotz aller
Anstrengungen scheitern. "Denn fällt der Gerechte siebenmal,
er erhebt sich dennoch" (Sprüche 24,16). Selbst ein Gerechter
kann häufig stolpern, bis er am Ende fest auf beiden Beinen
steht. Genau genommen stolpert nur ein Gerechter und steht
wieder auf, denn ein Bösewicht stolpert nicht und steht auch
nicht wieder auf, weil er sich in einem Dauerzustand der
Hinfälligkeit befindet, möge sich G~tt seiner erbarmen. Ein
Gerechter, der fällt, fasst neuen Mut und erhebt sich.

Wir sollten von König David lernen, wie man wieder aufsteht,
d.h., wie man umkehrt. Die talmudischen Weisen sagten, diese
Sünde passe gar nicht zu König David, vielmehr wollte G~tt uns
auf diese Weise lehren, wie man auf den rechten Pfad
zurückgelangt.

Auf keinen Fall sollte dies ein Lehrbeispiel dafür sein, wie man
am besten einen Fehler macht. Dafür brauchen wir keine
zusätzlichen Lehrer, denn jeder kennt den erfahrenen und
erprobten Lehrmeister, der jedem innewohnt, nämlich den Trieb
zum Bösen, der uns ohne Unterlass zusetzt. Man sollte ihn
weder reizen noch ihm irgendwelche Rechtfertigung zukommen
lassen.

Man darf das Böse auch nicht mit psychologischen
Fachausdrücken verharmlosen. Wir haben nichts gegen die
Psychologie und ihre Beschreibung der inneren Konflikte der
menschlichen Seele. Solange sich die Psychologie auf die
Zustandsbeschreibung beschränkt, ist sie am Platze, wenn sie
jedoch anfängt, die Normen zu bestimmen, die
Wertvorstellungen festzulegen und nicht nur die Tatsachen zu
schildern, wenn sie uns sagt, was sein soll und was als normal
gilt, und so das Böse rechtfertigt - dann hat sie ihre
Kompetenzen überschritten.

Wir werden uns nicht dieser Lehrmethode bedienen, sondern
lernen, wie es zu allen Zeiten üblich war, nämlich wie die
Weisen aller Generationen die heilige Schrift lernten, so wie
Raschi lernte. So mehren wir gute Charaktereigenschaften und
Himmelsfurcht und kommen unserem Schöpfer näher.
 


 
Am Schabbes-Tisch

Bombast und Verborgenheit

Rav Asri'el Ari'el

Mit Ruth erhielten wir nach den Worten der talmudischen
Weisen ein Beispiel für Sittlichkeit (Schabbat 113b). Sie ging
nicht eher aufs Feld zur Ähren-Nachlese, als bis sie sicher war,
nur in Gesellschaft von anständigen Leuten zu sein. Sie achtete
bei jeder Bewegung darauf, kein Körperteil zu entblößen, oder
auch nur auffällig zu bewegen, das man besser bedeckt hält.
Sie wechselte mit niemandem unnötiges Gespräch. Ruths
Sittlichkeit kam nicht nur in der Länge ihrer Ärmel oder ihres
Kleides zum Ausdruck. Eine ganze Lebensweise offenbart sich
vor unseren Augen: von Zurückhaltung, Flucht vor Bekanntheit
und vor dem Aufsichlenken unnötiger Aufmerksamkeit.

Hinter der Sittlichkeit von Ruth der Moabiterin verbirgt sich keine
Schwäche. Sie war keine verschämte Frau, die sich vor jeder ihr
zugewandten Aufmerksamkeit genierte. Als sie es für richtig
hielt, schreckte sie nicht davor zurück, des nachts zur Tenne zu
gehen, wo Boas und die Knechte schliefen, obwohl diese Tat
alles andere als züchtig zu nennen ist. Gerade die Fähigkeit zu
einer so außergewöhnlichen Tat beweist uns, dass ihre vorher
gezeigte Sittlichkeit freier Entscheidung und nicht einem "Nicht-
anders-können" entstammte. Darum wurde gerade sie, die
sittsame Königstochter, die Stammutter des israelitischen
Königshauses. Damit entsprach sie dem Wesen des Volkes
Israel: der Sittlichkeit, im Gegensatz zu ungezügelter
Geltungssucht.

Aus dem gleichen Grunde betont die Schrift zu Beginn des
Buches Bemidbar, dass der Ewige zu Moscheh nicht nur einfach
"in der Wüste Sinai" redete, sondern speziell "im Stiftszelte",
verschlossen und den Blicken der Menschen entzogen. "So
sprach der Heilige, gelobt sei er: Darin besteht meine Ehre - dass
ich von Innen spreche..." (Midrasch Rabba).

Ganz anders jedoch verlief die Übergabe der Tora am Berge
Sinai. Hier mangelte es nicht an öffentlicher Bekanntmachung:
Donnerschall und Blitze, anschwellender Schofarklang aus einer
schweren Wolke. Doch war dies nur eine einmalige Ausnahme,
um den Glauben in den Herzen der Israeliten fest einzupflanzen.
"Siehe, ich werde zu dir kommen in der Dichte des Gewölks,
damit das Volk höre, wenn ich mit dir rede und auch auf immer
dir vertraue" (Ex. 19,9). Doch eine Sache, der ein gewisser
Makel anhaftet - auch wenn sie auf einer zwingenden,
unbestreitbaren Notwendigkeit beruht - hat eine schädliche
Nebenwirkung. Es dauerte nicht lange, und das Volk machte
sich etwas Anderes, etwas besondere Aufmerksamkeit
Erheischendes. Den Glauben an den verborgenen G~tt, der
mitteilt: "Ich bin der Ewige, dein G~tt" (Ex. 20,2/1.Gebot),
übertrugen sie auf das goldene Kalb, auf das jeder mit dem
Finger zeigen konnte: "Das sind deine Götter, Israel" (Ex. 32,4).

Die talmudischen Weisen erwähnten [im Midrasch Tanchuma]
in diesem Zusammenhang die Warnung, die Moscheh
zusammen mit den zweiten Gesetzestafeln empfing: "Und kein
Mensch steige mit dir hinauf, kein Mensch werde auch nur
gesehen auf dem ganzen Berge" (Ex. 34,3) - "die ersten Tafeln
wurden öffentlich gegeben, darum herrschte über sie der böse
Blick und sie zerbrachen, und hier [bei den zweiten Tafeln]
sagte ihm G~tt: Es gibt nichts Besseres als die Verborgenheit,
wie es heißt: 'Und was fordert der Ewige von dir als das Gesetz
zu halten und Mildtätigkeit zu üben und in deinem Inneren zu
wandeln mit deinem G~tte' (Micha 6,8)'".