DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NOACH
Nr. 221
6. Marcheschwan 5760  

 

Der Stand der Dinge...
Nationale Einheit 
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

Die Generation des Turmbaus zu Babel sagte im frischen
Bewusstsein der Weltzerstörung durch die Sintflut: "Einmal in
1656 Jahren wankt das Firmament, wie es in den Tagen der
Sintflut geschah, kommt, wir wollen ihm Stützen machen"
(Raschikommentar zu Gen. 11,1 nach Midrasch Bereschit
rabba). Nach ihrer Ansicht reichte die Einheit der Völker zur
Verhinderung einer weiteren Sintflut, Zerstörung und
Weltuntergang aus.

"Und sie sprachen einer zum anderen" (Gen. 11,3) - "Nation zu
Nation, Mizrajim zu Kusch und Put, und Kusch und Put zu
Kenaan" (Raschi ebda.), "lasst uns eine Stadt bauen und einen
Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht, damit wir uns
einen Namen machen und nicht über die ganze Erde hin
zerstreut werden" (11,4) - "dass Er keinerlei Plage über uns
bringen kann, um uns von hier zu zerstreuen" (Raschi). Sie
glaubten, der Überlebenswillen sei stark genug, die Menschheit
zu einen und eine weitere Katastrophe wie die Sintflut zu
verhindern. Sie ließen den wirklichen Grund G~ttes für die
Sintflut gänzlich unbeachtet, nämlich die Schlechtigkeit der
Menschen, die von früh bis spät nur Böses im Schilde führten,
ihre Perversionen auslebten und so die Erde mit Gewalt füllten.
Darum "zerstreute der Ewige sie über die ganze Erde hin"
(11,8).

Wenn die Bösewichte einig sind, droht der Welt Gefahr. Das
konnte man schon in zwei Weltkriegen beobachten, und wie
besonders wir es durch die Nazis erlebt haben, die uns und der
Welt einen Holocaust brachten.

Nach dem Stand der Dinge müssen wir uns um nationale
Einheit bemühen, doch dabei die Lehre aus der Generation der
Sintflut ziehen - nationale Einheit, deren einziges Ziel im
Interesse der Erhaltung der physischen Existenz besteht, ohne
Anhebung der spirituellen und moralischen Grundwerte, kann
nicht überdauern. Zur Zeit können wir im Staate Israel
beobachten, wie die nationale Einheit immer schwächer wird
und Kriege und Existenzkampf nicht mehr die frühere
einigende Wirkung zeitigen. Die wahre jüdische Einheit wird
sich jedoch im Lande Israel offenbaren, "ein einziges Volk im
Lande" (Schemu'el II, 7,23), indem wir den Geist und die Seele
der Nation durch eine Rückkehr zu unseren Wurzeln stärken,
denn die Wurzeln und der Stamm einen alle Verzweigungen.
Die Rückkehr zum Judentum, zur Tora und zur Überlieferung
wird das Volk Israel einen. Und nicht nur Israel allein, sondern
die gesamte Menschheit, wie es beim Propheten Jeschajahu
heißt: "..denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für
alle Völker" (56,7), "und der Ewige wird König sein über die
ganze Erde; an selbigem Tage wird der Ewige einzig sein und
sein Name einzig" (Secharja 14,9).
 
 
Frage und Antwort

Wird jedes Gebet erhört?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wenn ich etwas im Leben ganz furchtbar möchte und
meinen ganzen Glauben in mein Gebet lege, dann geduldig
abwarte - wird dieses Bitte am Ende erfüllt werden?

Antwort: Ein Gebet wird nicht immer entsprechend dem
Wunsche des Betenden erhört. Der Herr der Welt ist uns gar
nichts schuldig, und wir ihm alles. Man darf nicht so beten, als
fordere man ein Recht ein und verlange, erhört zu werden. Die
talmudischen Weisen nennen das "Ijun Tefila" (Nachsinnen
beim Gebet) in der negativen Bedeutung des Wortes (d.h. auf
Erfüllung sinnen; Brachot 55a). Der erwünschte "Ijun Tefila"
bezeichnet das konzentrierte Beten, das die Tage des
Menschen verlängert. Das Bestehen auf Erfüllung des Gebetes
wird einem jedoch als Frechheit ausgelegt, auch wenn man um
wichtige Dinge betet. Man erreicht damit nur das Gegenteil,
nämlich dass man sich im Himmel ersteinmal seine Sünden
vornimmt. Jeder Mensch verfügt über ein wohlgefülltes
Sündenkonto, und auf die Wohltaten, die ihm G~tt in seiner
Gnade zukommen ließ, hat er sicher keinen Rechtsanspruch.
Vielmehr hat G~tt Erbarmen mit uns und nimmt es nicht immer
so genau. Doch wenn der Mensch ankommt und fordert, sagt
ihm der Herr der Welt: Wollen wir doch vorher erstmal prüfen,
was du schon bekommen hast.

Man darf von G~tt alles, was man will erbitten, wie ein
Bittsteller. Man braucht sich dann um sein Sündenkonto keine
Gedanken zu machen, denn man bittet ja bloß um einen
Gefallen. Über jemanden aber, der einfordert und auf sein
Recht pocht, heißt es: "hingezogenes Hoffen macht das Herz
weh" (Sprüche 13,12). Er hofft und hofft ohne Ergebnis, und
diese Frustration schlägt sich auf seine Gesundheit nieder.
Manche beklagten sich, dass den intensiven Gebeten um die
Befreiung eines jungen Soldaten aus den Händen der
terroristischen Kidnapper kein Erfolg beschieden war. Doch wie
gesagt ist G~tt uns gar nichts schuldig. Ebenso haben schon
viele Menschen um das Kommen des Maschiach ("Messias")
gebetet, und wir warten immer noch auf ihn. Auch während des
Holocaust beteten viele, er möge schnell aufhören, und doch
ließ sein Ende lange auf sich warten.

Beim Gebet handelt es sich nicht um einen bestimmten
magischen Mechanismus, wie die vorzeitlichen Götzenanbeter
glaubten, oder sogar in unseren Tagen in Indien. Heute glaubt
der moderne Götzendiener, durch bestimmte Zeremonien
seinen Gott in die Enge treiben und ihm seinen Willen
aufzwingen zu können.

Nein, das Gebet ist keine Zauberei, sondern Dienst an G~tt,
ein Flehen zu G~tt. Man darf auch um kleine Dinge bitten, die
nicht so wichtig erscheinen, die aber dem Betreffenden am
Herz liegen, so wie ein Kind seinen guten Vater um etwas
bittet.

Man darf vor allem nicht vergessen, dass es beim Gebet nicht
hauptsächlich um das Erlangen des Gebetsobjektes geht,
sondern um eine größere Nähe zu G~tt, um sein Herz vor G~tt
auszuschütten. Manche Leute glauben, Sinn des Gebetes sei
die Behebung eines bestimmten Mangels. Die tiefere
Bedeutung des Gebetes liegt jedoch genau im Gegenteil
begründet: Damit der Mensch bete und sich seinem Schöpfer
nähere, verursacht G~tt Mangelzustände. Wenn es einem
Menschen an nichts fehlte, würde er nie aus vollem Herzen
beten, und das ist das Schlimmste, was ihm passieren könnte.

Unser heiliges Land - "vom Regen des Himmels trinkt es
Wasser" (Dt. 11,11), und wenn der Regen ausbleibt, betet das
Volk zu seinem Schöpfer. Der Mangel an Regen ist eine
Gnade, die die Kommunikation mit G~tt ermöglicht.

Je stärker der Mensch seinem Schöpfer anhängt, um so stärker
fließt der göttliche Segen in die Welt, was sich letztendlich
auch in der Erfüllung der Gebete niederschlägt. Doch wie
gesagt handelt es sich dabei nicht um eine bestimmte Technik,
sondern der G~ttes-Dienst des Herzens und des Gefühles ist
ein so erhabener G~ttes-Dienst, der selber schon höchste
Freude verschafft.


 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (3)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Voriges Mal beschäftigten wir uns eingehend mit der elterlichen
Pflicht, für die Berufsausbildung des Nachwuchses zu sorgen,
damit er die Mittel erwerbe, im "Lebenskampf" bestehen zu
können. In der heutigen Zeit macht diese Zielsetzung das
Studium von weltlichen Unterrichtsfächern notwendig, die
anschließend den Erwerb von beruflichen Fachkenntnissen
nach den Erfordernissen der modernen Zeit ermöglichen.

Allerdings bezieht sich unsere ursprüngliche Fragestellung
nicht hauptsächlich auf den Wert von weltlichen Studien an
sich oder ihre Bedeutung in der Vorbereitung des Kindes auf
den "Lebenskampf", sondern auf ihr quantitatives Verhältnis zu
den religiösen Studien! Diese Fragestellung erstreckt sich auf
zwei Ebenen - die prinzipielle und die praktisch machbare.
In seinem Schreiben zum Thema der Erziehung ("Briefe" Nr.
170) erklärte Rabbiner A.J.Kuk, dass die Vorbereitung des
Kindes auf den Lebenskampf nicht das zentrale Ziel der
Erziehung darstellt und nicht an erster Stelle der Prioritäten
steht, sondern lediglich an zweiter Stelle. "Die Vorbereitung
des Menschen auf den Lebenskampf sehen wir immer als
zweitrangigen Aspekt der Erziehung an und nicht als ihr
Hauptanliegen". Und worin besteht das Hauptanliegen der
Erziehung? "Ziel der Erziehung ist es, den Menschen auf die
Vervollkommnung seines Wesens vorzubereiten, deren
wesentlicher Punkt darin besteht, ihn gut und ehrlich zu
machen". Die Erziehung dreht sich im Wesentlichen um den
Aufbau des Charakters und die Persönlichkeitsbildung des
Kindes und nicht der Erwerb von zahlreichen und
breitgefächerten Fähigkeiten, die ihm ermöglichen sollen, im
Leben zurechtzukommen, wenn es in die Welt der
Erwachsenen entlassen wird.

Rabbiner Kuk nannte die zwei zentralen Eigenschaften, die die
Erziehung beim Jugendlichen fördern soll: "gut und ehrlich".
"Gut" bedeutet freundliche, wohlwollende Gesinnung und
Gutherzigkeit, "ehrlich", geradlinig und anständig, sowohl nach
außen hin als auch mit sich selbst. Die innere Ehrlichkeit bringt
den Menschen zur Entfaltung seiner Kräfte in deren natürlicher
und ursprünglicher Weise (Unaufrichtigkeit mit sich selbst
bringt alle Lebenskräfte durcheinander), und nach außen hin
knüpft sie zwischenmenschliche Verbindungen und
Beziehungen von Wahrhaftigkeit.

Nach Nennung der Ziele geht Rabbiner Kuk über zur
Beschreibung der Wege, sie zu erreichen. So schrieb er, wie
von Anbeginn seines Weges das jüdische Volk erkannte, "dass
je stärker die Verkündung des Namens G~ttes im Herzen des
Menschen verwurzelt ist, umso größer seine Güte und
Ehrlichkeit, und umso größer sein persönliches Glück wie das
der ganzen Gesellschaft". Die Entwicklung eines guten und
ehrlichen Charakters ist also von der Stärke der Beziehung zu
G~tt abhängig. Dieses Prinzip schrieb das Volk Israel auf seine
Fahnen: das innige Verhältnis von den Begriffen des Glaubens
an G~tt zur den ethischen Grundwerten, das beim jüdischen
Volk bis hin zu einer fast vollständigen Überlappung reicht.

Hier kommen nun die religiösen Studien ins Spiel: für "die
Verwurzelung der Verkündung des Namens G~ttes im Herzen
und der Seele des einzelnen Menschen und der gesamten
Nation ist regelmäßiges Studium von frühester Kindheit an
notwendig, und so nahm das Torastudium die höchste Priorität
in der jüdischen Erziehung in Anspruch". Der
Religionsunterricht soll dem Herzen des Kindes den Glauben
an G~tt und die Verkündung seines Namens einpflanzen und
es zu einer Persönlichkeit voll Güte und Ehrlichkeit entwickeln.
Darum kommt an erster Stelle in der Erziehung das
Torastudium, und erst danach die Vorbereitung auf den
"Lebenskampf" im allgemeinen, und das Lernen von weltlichen
Fächern im besonderen. Und so schrieb Rabbiner Kuk ("Briefe"
Nr. 427): "Auf der zweiten Stufe, nach unserer heiligen Tora,
werden wir unsere Kinder und Zöglinge in den für das
alltägliche Leben notwendigen Fächern ausbilden".

Welche Bedeutung hat die Voranstellung der ethischen Werte?
Zuallererst soll sie die innere Einstellung zur Tora und ihrer
Aneignung beeinflussen. Obwohl der Vater den Sohn sowohl
Tora als auch einen Beruf lehren soll, was beides als göttliches
Gebot (Mitzwa) gilt, sind diese deswegen noch nicht identisch.
Religiöse und weltliche Studien sind nicht gleichgewichtig.
Darum war es eine positive Maßnahme des religiösen
Erziehungswesens, die Stundenpläne voneinander zu trennen,
und ebenso lobenswert ist die Gewohnheit, den Schultag
grundsätzlich mit jüdischen Studien zu beginnen, um deren
Vorrang und spirituelle Überlegenheit zu betonen. Das Studium
der heiligen Fächer gilt als "Stufe 1", das der weltlichen Fächer
als "Stufe 2". Es stellt sich nun die Frage, ob sich die
Voranstellung der ethischen Werte auch auf die praktische
Festlegung des Lehrplanes auswirkt. Darüber mehr beim
nächsten Mal.