DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT MEZORA
Nr. 247
10. Nissan 5760

 

Diese Woche in der Tora (Lev. 14,1-15,33):
Behandlung eines vom Aussatz befallenen Hauses; Aussatz-,
Ausflussleidende und Monatsblutung, deren Bedeutung auf den
Reinheitsstatus des Befallenen, die Begutachtung durch den
Priester und die Behandlung; Reinigungsprozedur und
zugehörige Opfer.
+ Schabbat Hagadol
 

Der Stand der Dinge...
Von Mizrajim nach Jeruschalajim
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

"Eine Mitzwa, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen, und jeder,
der sich dabei hervortut, ist lobenswert. Und in jeder Generation
muss sich Jedermann so vorkommen, als sei er selbst aus
Ägypten gezogen, denn G~tt erlöste nicht nur unsere Vorväter,
sondern auch uns mit ihnen" (aus der Pessach-Hagada).

Darum handelt es sich bei der Wiedergabe des Auszugs aus
Ägypten nicht nur um eine historische Beschreibung der
Vergangenheit, vielmehr setzt er sich durch alle Generationen
fort, in unserer wie auch in den nach uns folgenden, bis hin zur
endgültigen Erlösung in der Zukunft.

"..die Kinder Israels aber zogen mit erhobener Hand" (Ex. 14,8) -
"wir ziehen und ziehen seit damals bis heute, durch alle Zeitalter
ziehen wir mit erhobener Hand" (Gespräche HaRav Zwi Jehuda,
Parschat Bo).

Nach dem Stand der Dinge leben wir in einer wunderbaren Zeit
und an einem wunderbaren Ort, an dem sich das göttliche
Versprechen erfüllt: "Ich will euch in das Land bringen, von dem
ich mit erhobener Hand geschworen, es Awraham, Jizchak und
Jakov zu geben, und ich werde es euch zum Erbsitz geben, ich,
der Ewige" (Ex. 6,8). Die ganze Geschichte spielt sich zwischen
zwei Punkten ab: Zwischen Mizrajim (Ägypten) und
Jeruschalajim (Jerusalem), und zwischen zwei Persönlichkeiten,
unserem Lehrer Moscheh und dem König Maschiach
("Messias") aus der davidischen Linie, möge er bald in unseren
Tagen erscheinen. Wie glücklich können wir uns schätzen, und
wie gut haben wir es wirklich, dass wir uns auf diesem Tausende
von Jahren dauerndem Wege seit dem Auszug aus Ägypten
jetzt kurz vor seinem Ende schon in Jerusalem befinden. Wir
sind nicht mehr Knechte der Ägypter und der anderen Völker
der Welt, sondern leben in unserem eigenen Lande und sehen
vor unseren Augen den Aufbau Jeruschalajims.

Mit den besten Segenswünschen für ein koscheres und
freudiges Pessach,
Rav Dov Begon
 
Frage und Antwort

Fröhlichen Pessachputz!

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Je näher das Pessachfest rückt, umso schwerer arbeitet
man, verschleißt seine Kräfte und brüllt die Kinder an: "Habe ich
dir nicht eingeschärft, nicht mehr in dieses Zimmer zu gehen,
warum bist du trotzdem reingegangen?!", "Iss auf dem Balkon, iss
im Stehen, rühr bloß nichts an". Die Küche sieht aus wie nach
einem Luftangriff, der Ehemann und die Kinder stehen zitternd
vor Angst in einer Ecke und essen, während die Hausfrau wie
ein Feldwebel herumkommandiert. Der Haussegen hängt schief
- und das nennt sich "Festvorbereitung"? Das nennt sich
Kindererziehung?

Antwort: Wenn man unbedingt einen Frühjahrsputz abhalten
will, so ist das natürlich möglich - aber nicht ausgerechnet vor
Pessach! Das ist nicht die geeignete Zeit dafür. Die
Pessachferien sind dazu da, mit den Kindern Ausflüge zu
machen, mit ihnen zu spielen, fröhlich zu sein, herumzutanzen
und kleine Vorträge für die Sedernacht vorzubereiten. Das
ganze Jahr über arbeitet die Frau schwer, "und belegten die
Töchter Israels mit Fronarbeit" (frei nach Ex. 1,13). Jetzt sind
doch Ferien, um mal mit den Freundinnen einen Ausflug zu
machen - und der Ehemann bleibt zuhause und passt auf die
Kinder auf. Man macht Ausflüge, amüsiert sich und gelangt
ausgeruht zur Sedernacht, die so zu einem Erlebnis und zu
einer Horizonterweiterung für die Kinder wird. Wenn die
Hausfrau unbedingt wie eine Verrückte arbeiten will und gerne
Dienstmädchen spielt, kann sie das tun - aber erzieherisch gibt
sie so ein schlechtes Vorbild. Sie muss sich ihre Zeit zum
Spielen mit den Kindern freihalten. Wir sind nicht aus der
ägyptischen Sklaverei befreit worden, nur um uns selber zu
versklaven. Wir haben natürlich nichts gegen gründliche
Reinigung des Hauses, man muss sie aber über das ganze Jahr
verteilen und sich alle paar Monate ein Zimmer vornehmen.
Jetzt ist nicht die Zeit für Großputzaktionen, alles zu ordnen -
und zur Sedernacht herrscht trotzdem noch Unordnung, und
das Haus ist reif für eine Renovierung.

Wenn eine Frau freudig leidet - bittesehr, sie erspart sich
dadurch einen Teil der Qualen des Gehinnom. Alle Leiden, die
man in dieser Welt durchmacht, werden einem auf die Zukunft
angerechnet. Wer daran interessiert ist, darf sich ganz legitim so
verhalten - aber nicht vor Pessach, denn der Monat Nissan ist
ein Monat der Freude.

Mann und Frau machen gemeinsam sauber, denn es ist ein
gemeinsames Haus und ein gemeinsames Leben. Am besten
beteiligt man die Kinder an der Arbeit. Es muss aber wie ein
interessantes Abenteuer organisiert werden. Erstmal putzt man
das unbedingt Nötige, was sich in einem halben Tag nach voller
Strenge der Halacha erledigen lässt! Und wenn man dann noch
mehr machen will, kann man das in aller Ruhe, mit Lust und
Freude. Wenn jemand weiß, dass es sich bei einer bestimmten
Sache um eine religionsgesetzliche Verschärfung handelt, und
diese gerne einhalten will - so erwirbt er sich dadurch Segen,
ebenso, wenn es ihn aus dem Inneren seiner Seele zu
extensivem Saubermachen drängt. Besonders an Pessach
kommt Segen auf alle, die Verschärfungen auf sich nehmen.
Allerdings zwingt man sich nicht zu Verschärfungen, sondern
nimmt sie in Liebe auf sich!

Im Schulchan Aruch (rm"a) heißt es:
"Jedermann muss seine Zimmer vor der "Bedika" (Die Suche-
nach-Chametz am Abend von Erew Pessach) reinigen, ebenso
muss man die Taschen und Handöffnungen der
Kleidungsstücke, wo man ab und zu Chametz hineintut,
untersuchen" (O.C. 433,11),
und die "Mischna Brura" fügt hinzu:
"Der allgemeine Brauch ist, das ganze Haus und die Zimmer am
13. Nissan zu reinigen, damit man die Untersuchung
vorschriftsmäßig in der Nacht zum 14. ausführen kann". Mit
dem "allgemeinen Brauch" hat man seine Pflicht erfüllt. Wer
mehr tun will, so komme auf ihn Segen - im Hinblick auf
Pessach, aber nicht im Hinblick auf die Kinder.

Die Hauptsache besteht in der Unterscheidung zwischen
Chametz, dessen Beseitigung Pflicht nach der vollen Strenge
des Gesetzes ist, und Dreck - der natürlich auch weggeräumt
werden muss - doch nicht unbedingt vor Pessach. Vor Chametz
muss man erzittern! Aber nicht jeder Schmutz ist Chametz.
Natürlich darf man Chametz nicht auf die leichte Schulter
nehmen, doch andererseits richtet sich nicht jeder Pessachputz
immer nur auf Chametzbeseitigung.

Ein fröhliches und koscheres Pessachfest! Man sollte immer
darauf achten, dass Pessach fröhlich und Purim koscher geraten.
Man muss zur Sedernacht weder müde noch erschöpft antreten,
sondern fröhlich, damit diese Nacht ein überwältigendes
Erlebnis für die Kinder wird, eine große Quelle für den Glauben
an G~tt, den Erlöser Israels.

Die ungekürzte Version dieses Artikels können Sie hier lesen:
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Halacha und praktische Tips


 
 
Kinder, Kinder...

Der verschwundene Afikoman
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

In der Serdernacht gelangt man nach dem Händewaschen und
dem Essen des in Salzwasser getunkten Grünzeugs zum
"Jachaz" - der Hausherr nimmt die mittlere Matza aus der
Sederschüssel, teilt sie in zwei Teile und verbirgt den größeren
als Afikoman. Darum nennt man das Essen des Afikoman
"Zafun" (=verborgen).

Manche stellen eine Verbindung zwischen dem Verbergen des
Afikoman und dem Vers "..die Backtröge trugen sie in ihre
Tücher eingebunden auf der Schulter" (Ex. 12,34) her, wonach
die Kinder Israels die Matzot beim Auszug aus Ägypten in
Tücher wickelten. Nach einem alten Brauch binden die
Familienmitglieder eine Matza in ein Tuch ein, hängen es über
die Schulter und wandern im Haus herum, unter Verkündung
"so zogen unsere Vorfahren mit den Backtrögen in Tüchern".

Weitaus verbreiteter jedoch ist der Brauch der Kinder, den
Afikoman zu "entführen". Einen Hinweis darauf finden wir in den
Worten der talmudischen Weisen, wonach die Matza in der
Sedernacht zu "schnappen" sei, damit die Kinder nicht
einschlafen. Zwar hatten die Weisen damit den Sedergebenden
im Sinn, der mit dieser merkwürdigen Handlungsweise die
Aufmerksamkeit der Kinder erregen soll, doch irgendwie hat sich
der Brauch dahingehend entwickelt, dass auch die Kinder ihr
Können beim Schnappen des Afikoman zeigen.

Das Schnappen des Afikoman war nicht die einzige
außergewöhnliche Handlung, die unsere Weisen in den
Pessach-Seder einbrachten, um die Kinder wach zu halten und
ihr Interesse zu schüren. Sie schlugen z.B. vor, Nüsse und
Röstähren (Süßigkeiten) an die Kinder zu verteilen, und schon
zur Zeit der Mischna handelte man danach (Pessachim 109a).
Allerdings darf man bei alledem nicht das Hauptanliegen dieser
Weckaktionen vergessen, nämlich den Inhalt der Hagada
anzuhören, über G~ttes Gnade über sein Volk zu lernen, und
wie G~tt über seine Welt wacht.

Manchmal wird leider das Mittel zum Selbstzweck. Die Eltern
verteilen Nüsse und Röstähren, und die Kinder beschäftigen
sich damit den ganzen Abend, ohne ihr Ohr den goldenen
Worten aus der Hagada zu neigen. So geschah es auch mit
dem Schnappen des Afikoman: viele Kinder hält das
"Unternehmen Afikoman" von Anfang bis Ende des Seders in
Atem, wobei sie langwierige Verhandlungen über den Umfang
der Geschenke abhalten, die jeden Gewerkschaftsboss vor Neid
erblassen ließen. Der Seder wird zu einem preisträchtigen
Versteckspiel.

Es gehört zur Kunst der Erziehung, nicht aus der Hauptsache
eine Nebensache zu machen und die Nebensache zur
Hauptsache. Der Seder ist ein einziges Erziehungsunterfangen,
ein Erziehungsfest, mit seiner Grundlage in unseren spirituellen
und erzieherischen Werten - die Geschichte vom Auszug aus
Ägypten mit den begleitenden Erzählungen der talmudischen
Weisen, den Erläuterungen, ihrer Bedeutung für unsere heutige
Zeit usw. Nüsse, Röstähren und Afikoman-Schnappen sind
nichts anderes als beiläufige Ratschläge, die dem
erzieherischen Ziele dienen, es aber keinesfalls ersetzen sollen.
Vielleicht können wir unseren Kindern einen Austausch der
Bräuche schmackhaft machen und das Versteckspiel um den
Afikoman durch den erzieherisch wertvollen Brauch des
Herumtragens der Matza ersetzen. Sollen sie ruhig ausrufen:
"So zogen unsere Vorfahren mit den Backtrögen in Tüchern".
Die Sefardim fügen hinzu: Wo kommst du her? - Aus Ägypten.
Und wo gehst du hin? - Nach dem Lande Israel. Darauf
antworten alle: "Leschana haba'a beJeruschalajim hebenuja" -
nächstes Jahr im erbauten Jerusalem! Diese symbolische
Handlung erweckt in den Kindern eine Identifikation mit den
Auszüglern aus Ägypten und öffnet ihnen die Ohren für
Geschichte und Inhalt der Hagada.