DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT LECH-LECHA
Nr. 222
13. Marcheschwan 5760
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 12,1-17,27):
Awra(ha)ms Umzug nach Kana'an, göttliches Versprechen,
seinen Nachkommen das Land zu geben, ägyptisches
Intermezzo, Trennung von Lot, dessen Rettung aus der
Gefangenschaft nach den Kriegen mit 4-5 Königen, "Bund der
Opferteile", Geburt Jischma'els durch die ägyptische Magd
Hagar, Awram>Awraham, Sarai>Sara, Versprechen der
Fruchtbarkeit, Gebot der Beschneidung
 
 
 
Am Schabbes-Tisch

Die zweite Alija

Rav Asri'el Ari'el

[Alija=Einwanderung nach Israel; Mz. Alijot]
Unser Vorvater Awraham machte sich zweimal auf den Weg
nach Israel. Die erste Alija - mit seinem Vater Terach im
Wochenabschnitt "Noach", und die zweite Alija, seine eigene,
im Abschnitt Lech-Lecha. Diese beiden Alijot unterscheiden
sich grundsätzlich voneinander. Bei der ersten reist Awraham
mit der ganzen Familie, und bei der zweiten verlässt er
endgültig sein Vaterhaus. Die erste erfolgt aufgrund
menschlicher Initiative, nämlich Terachs, die zweite durch
göttlichen Befehl. Bei der ersten Alija verhält sich Awraham
vollkommen passiv, denn sein Vater nimmt ihn mit. Bei der
zweiten zieht er selber los. Beim ersten Mal machen sich alle
von neutralem Boden auf, von Ur Kasdim, beim zweiten Mal
verlässt Awraham seine angestammte Heimat. Die erste Alija
hat ein vorgegebenes Ziel, das Land Kana'an, bei der zweiten
bleibt es verborgen, es heißt nur: "Geh ..in das Land, das ich
dir zeigen werde" (Gen. 12,1). Doch der wichtigste
Unterschied: Beim ersten Mal bleibt das Land Israel ein
Wunschtraum, zu dem man sich aufmacht, es aber nicht
erreicht, beim zweiten Mal heißt es jedoch: "..und sie kamen in
das Land Kana'an" (Gen. 12,5). Worauf beruhen alle diese
Unterschiede?

Bei der ersten Alija handelte es sich offenbar um eine
notbedingte Auswanderung. "Ur Kasdim" ähnelte dem
Feuerofen, in den Awraham geworfen wurde. Der eigentliche
Beweggrund lag im Verlassen des Ortes, an dem man nicht
mehr existieren konnte. Für Terach war das Land Israel eine
technische Lösung, ein sicherer Unterschlupf, der ihm nach
gründlicher Überlegung als der geeignetste Ort erschien. Die
Alija Terachs machte demnach keine gefühlsmäßige Trennung
von der alten Heimat notwendig.

Anders bei Awraham. Bei der ersten Alija verhielt er sich
vollkommen passiv, denn er fürchtete nicht das Feuer der
Kasdim. Er flüchtete nicht vor den Problemen des Exils, der
Galut. Seine Motivation orientierte sich an einem ganz anderen
Punkt: dem göttlichen Befehl. "Geh!" Darum drehte es sich
dieses Mal nicht um das Verlassen des vorherigen Wohnortes,
sondern um das Gelangen an ein neues Ziel. Genau darum
hatte Awraham kein Interesse, den Zielort vorher zu kennen
und zu prüfen. Es waren nicht die Lebensbedingungen des
neuen Ortes, die er vor Augen hatte, sondern die göttliche
Auswahl "des Landes, das ich dir zeigen werde". Darum ließ er
sich diesmal nicht von seinem Vater mitschleppen, sondern
ging aus eigenem Antrieb. Darüberhinaus handelte es sich bei
der Auswanderung Terachs nur um einen physischen
Ortswechsel. In kultureller Hinsicht blieb er mit Ur Kasdim
verbunden. Im Gegensatz dazu wurde Awraham der Bruch mit
der Vergangenheit befohlen: "Geh von deinem Land und von
deiner Heimat" - deinen Kindheitseindrücken und der
Atmosphäre, in der du aufwuchst - an einen anderen Ort. Auch
sollte er sich nicht nur von seiner Heimat im geografischen
Sinne trennen, sondern auch im kulturellen: "Geh... aus deinem
Vaterhause". Im Lande, über das das Auge G~ttes wacht,
erwartet dich eine ganz andere spirituelle Aufgabe.

Die erste Alija, Terachs Suche nach "Nochi'ut" (bequemes
Leben) fiel in den Abschnitt "Noach", die zweite Alija,
Awrahams, in den Abschnitt "Lech-Lecha", "Geh!", ein
ständiges Vorangehen in Richtung auf ein erhabenes Ziel. Nun
wird auch klar, warum Awraham die Einwanderung gelang, und
warum Terach auf halbem Wege "steckenblieb", und in
fremdem Lande starb, in Charan.
 
 
Frage und Antwort

Wozu in die Ferne schweifen?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Ist es nicht eine gute Idee, zur Horizonterweiterung in
die weite Welt zu reisen?

Antwort: Ein Ausflug ins Ausland soll gut sein? Nein - nach
dem jüdischen Gesetz (Halacha) ist er verboten. Es ist nicht
nur 100%ig verboten, außerhalb des Landes Israel zu wohnen;
es endgültig zu verlassen - gar nicht dran zu denken! Aber
auch nur zeitweilig darf man nicht ausreisen. Im Gesetzeswerk
von Maimonides ("Mischne Tora", Zusammenfassung aller
Gesetze der schriftlichen und der mündlichen Tora) findet sich
eine Erlaubnis zum Verlassen Israels nur zur Ausführung eines
wichtigen Gebotes (Mitzwa), wie zum Lernen von Tora, falls im
Lande Israel dazu keine Möglichkeit besteht, oder um eine
Frau zu heiraten, wenn der Mann dazu ins Ausland reisen muss
(Gesetze von Königen und Kriegen 5.Kap., Hal.9). Nach dem
Schulchan Aruch braucht der Anlass nicht unbedingt ein
wichtiges Gebot zu sein (O.C. 531,4); der Tossafotkommentar
zum Talmud (Awoda Sara 13a "Lilmod") bringt beide
Regelungen. Alle sind sich allerdings darin einig, dass man nur
zum Vergnügen nicht ins Ausland reisen darf.

Manche sagen: Im Ausland ist es schön. So schlau sind wir
auch; dann guck eben auf die Schönheit unseres eigenen
Landes. Was würde man von Jemandem halten, der zu seiner
Frau sagte: Heute abend gehe ich mal mit der Nachbarin aus -
weil sie so schön ist. Das soll ein Grund sein?!

Bestimmt gibt es schöne Länder auf der Erde, aber unseres ist
das schönste von allen. Das sagen jedenfalls alle Reisebüros -
im Ausland... Wie dem auch sei, in unseren Augen ist es das
schönste Land der Welt. Und wenn es auch nicht das schönste
ist, so ist es doch unser Land. Wir bleiben hier und genießen
es und verlassen es noch nicht einmal für einen kurzen
Ausflug.

Wenn man für eine Mitzwa verreist, wie zum Beispiel als
Gesandter der Jewish Agency, darf man natürlich bei dieser
Gelegenheit auch die schöne Landschaft betrachten.
Eigentlich verwunderlich, wie so viele Leute sich nicht an ein
klar und deutlich im Schulchan Aruch aufgeführtes Gesetz
halten.

Auch für eine Mitzwa machte es Maimonides davon abhängig,
dass es eine große Mitzwa sein müsse. Wie sehr überlegte
Rabbiner A.J.Kuk (erster Oberrabbiner Israels) hin und her,
bevor er sich entschloss, der Einladung ins Ausland zum
Kongress der "Agudat Israel" zu folgen. Man sagte ihm, es sei
eine große Mitzwa, weil er die Teilnehmer für das Land Israel
erwärmen könne. Dennoch fiel ihm die Entscheidung schwer.
Weil er außerdem krank war und ärztliche Behandlung
benötigte, und auch seine Frau nicht bei bester Gesundheit
war, stimmte er schließlich schweren Herzens zu.

Das Verlassen des Landes Israel ist keine einfache Sache. Ich
wundere mich über die religiösen Organisationen und
Zeitungen, die für Auslandsreisen werben. Eines von den
Blättern mit Torakommentaren, die jeden Schabbat in den
Synagogen verteilt werden, brachte einmal die
religionsgesetzliche Entscheidung des vorigen sefardischen
Oberrabbiners Israels, Rabbiner Mordechai Elijahu, wonach
Auslandsreisen zum Vergnügen verboten seien. Und auf
derselben Seite prangte eine Reklame für Auslandsausflüge
(natürlich "glatt koscher")! Ein wohl etwas naiver Leser schrieb
daraufhin an die Redaktion des Blattes, dass hier doch
offensichtlich ein Widerspruch vorliege. Die Antwort lautete:
Nein, für den Artikel ist die Halacha-Abteilung zuständig, und
für die Reklame die Anzeigen-Redaktion, und die Einen haben
mit den Anderen nichts zu tun!

Doch diese Antwort überzeugt nicht so ganz. Wie kann man für
etwas gegen die Halacha werben!?

Vielmehr lieben wir unser Land und machen unsere Ausflüge
dortselbst.


 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (4)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Letztes Mal behandelten wir die elterliche Verpflichtung, den
Nachwuchs sowohl Tora als auch einen Beruf zu lehren, wobei
eine bestimmte grundwertebedingte Rangordnung besteht.
Torastudium bildet die Persönlichkeit des Jugendlichen und
verschafft ihm die Eigenschaften "gut" und "ehrlich", bevor er
sich das Erlernen eines Berufes im allgemeinen und von
weltlichen Fächern im besonderen vornimmt, die ihn für den
"Lebenskampf" fitmachen sollen. So schrieb Rabbiner A.J.Kuk
("Briefe" Nr. 427): "Auf der zweiten Stufe, nach unserer heiligen
Tora, werden wir unsere Kinder und Zöglinge in den für das
alltägliche Leben notwendigen Fächern ausbilden".

Welche Bedeutung hat die Voranstellung der ethischen Werte?
Zuallererst soll sie die innere Einstellung zur Tora und ihrer
Aneignung beeinflussen. Das Studium der heiligen Fächer gilt
als "Stufe 1", das der weltlichen Fächer als "Stufe 2". Diese
Weisung finden wir bei einigen großen Rabbinern der letzten
Generation. So schrieb Rabbiner A.I.Bloch aus Tels, dass das
Erlernen von wissenschaftlichen Fächern zur Berufsausbildung
erlaubt sei, aber unter der Bedingung, dass die heiligen Fächer
sowohl im Zeitplan als auch in der Wichtigkeit vorne liegen und
man sich immer den qualitativen Unterschied zwischen heilig
und weltlich vor Augen halte. Entsprechend schrieb auch
Rabbiner Elchanan Wassermann: "Es besteht keinerlei Verbot,
weltliche Weisheit zur Erlangung eines Berufes zu lernen,
wenn es zum Lebensunterhalt geschieht, denn das Erlernen
eines Berufes zum Lebensunterhalt ist ein Gebot der Tora", er
wandte sich aber entschieden gegen die Kreise, "die die
weltlichen Studien gleichrangig mit dem Torastudium
einstufen... und das Ergebnis dieses Irrtums, der die weltliche
Weisheit auf eine Stufe neben das Torastudium stellt, ist
schlecht und äußerst bitter".

Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese wertebedingte
Vorrangigkeit über das unterschiedliche Verhältnis hinaus auch
auf die praktische Festlegung eines Lehrplanes Einfluss nimmt?

Der "Chatam Sofer" (Rabbi Moses Sofer/Schreiber, Gründer
der Pressburger Jeschiwa, einer der scharfsinnigsten
Talmudisten der neueren Zeit, lebte vor ca. 200 Jahren) zog
aus der höheren Bedeutung der religiösen Studien vor den
weltlichen folgende wichtige pädagogische Anweisung: Zu
Beginn der Erziehung des Jugendlichen, im Kindesalter, sollte
man ihm ausschließlich jüdische Inhalte vermitteln, "..ist den
jüdischen Kindern weder Berufsfertigkeit noch Wissenschaft
beizubringen, nur die göttliche Lehre... und wenn das Kind
aufwächst und in der Tora nicht vorankommt, dann lehre man
es einen Beruf". Die wertebedingte Vorrangigkeit macht auch
eine bestimmte chronologische Abfolge notwendig. Der
"Chatam Sofer" stützte sich dabei auf folgende Talmudstelle:
"Raw sprach zu seinem Sohne Ajwu: Ich habe mich bemüht,
dich Tora zu lehren, und es gelang mir nicht; ich will dich nun
weltliche Dinge lehren" (Pessachim 113a). In einer seiner
Predigten erklärte er, dass das Volk Israel beim Auszug aus
Ägypten verachtet und mittellos dastand, weit entfernt von
jeglicher Weisheit und Wissenschaft, und G~tt gab ihm in
dieser Situation gerade zuerst die Tora. Daraus sollten auch
die folgenden Generationen ihre Schlüsse ziehen...

Wegen dieses Standpunktes wurde der "Chatam Sofer" von
einigen Historikern der Feindlichkeit gegenüber den weltlichen
Studien beschuldigt. Wohl war er gegen weltliche Studien im
Kindesalter, distanzierte sich aber nicht davon, wenn sie in
einem späteren Alter vorgenommen werden. Der "Chatam
Sofer" war der Ansicht, dass die Erziehung im Jugendalter voll
und ganz auf die Reinheit des Heiligen gestützt sein muss, um
den Jugendlichen die Tora tief in die Seele einzupflanzen.
Seine Worte muss man auch im Zusammenhang mit dem
Zeitgeschehen sehen, mit dem entschlossenen Kampf gegen
die Aufklärung, als sich viele Juden von der Tora und den
Mitzwot entfernten, wie er in einer seiner Predigten schrieb:
"Seht euch diese Generation an, sie lehren ihre Kinder
Philosophie und Fremdsprachen... und vergaßen die Tora...
wenn diese Kinder aufwachsen, dann allerdings ohne die
göttliche Lehre... sie werden nicht lange zögern, sich taufen zu
lassen".
(Fortsetzung folgt)