DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KI-TEZE
Nr. 268
9. Elul 5760

 

Diese Woche in der Tora (Dt. 21,10-25,19):
Die Kriegsbraut, geliebte u. gehasste Frau, ungehorsamer Sohn,
Fundsachen, Dachgeländer, div. Eherecht, Verhältnis zu
Nachbarvölkern, Entlohnung, Zinsen, Pfand, Schwagerehe,
Ehefrau greift in Streit ein, korrekte Gewichte, gedenke Amalek.
 
 
Frage und Antwort

Die Frist läuft ab

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Ich habe gehört, dass ein großer Rabbiner vor vielen
Jahren schrieb, der Maschiach ("Messias") werde im Jahre
5760 kommen. Nun ist das Jahr 5760 beinahe herum, und, nu,
wo bleibt der Maschiach?!

Antwort: Kein Mensch weiß, wann der Maschiach kommt, weder
die Gerechten noch die Weisen, weder die Engel noch die
Propheten. Selbst unserem Vorvater Jakov lüftete G~tt dieses
Geheimnis nicht, obwohl er ihn bat, es ihm zu verraten. Die
talmudischen Weisen sagten sogar: "Es schwinde der Geist
derjenigen, die das Ende berechnen wollen" (Sanhedrin 97b).
Entsprechend schrieb auch Rabbiner Moscheh ben Maimon
("Maimonides") in seinem großen Gesetzeswerk "Mischne Tora"
(Gesetze von Königen und Kriegen, 12.Kap.,§2). Und warum
diese Opposition? Wenn so eine spezifische Hoffnung
enttäuscht wird, kann es leicht zu Glaubenskrisen kommen.

Wozu also erwähnte jener erhabene Weise, der fromme
Rabbiner Awraham Asulai, Autor des Buches "Chessed
Le'awraham", dieses Jahr 5760? Dazu gibt es zwei Antworten,
jede für sich ausreichend, sich aber dennoch ergänzend.

1. Gemeint war die Möglichkeit seines Erscheinens. Schließlich
kann der Maschiach jeden Tag kommen, auf natürlichem oder
auf übernatürlichem Wege, "Ich bin vollkommen von der
Ankunft des Gesalbten überzeugt, und wenn er auch zögert,
trotzdem hoffe ich täglich auf ihn, dass er kommen wird" (12. der
13 Glaubensprinzipien am Ende des täglichen Morgengebetes).

2. Tatsächlich hat sich etwas in diesem Jahr ereignet, auch
wenn wir es nicht bemerkt haben, und nur nach Ablauf einer
bestimmten Zeit wird uns die Bedeutung im Nachhinein
klarwerden. Letztendlich erklärten unsere Weisen, an jenem
Tischa b'Aw, dem Tag der Tempelzerstörung, wurde der
Maschiach geboren. Wo steckt er demnach? Vielmehr offenbart
er sich von Tag zu Tag mehr, auch wenn es nach außen hin
anders erscheint. Das ist das Wesen der "Erwartung der
Erlösung" (Schabbat 31a) - zu glauben, dass die Erlösung von
Tag zu Tag wächst, auch wenn es nicht so aussieht. Dazu
beten wir in der Schmone-Esre: "David, Deines Dieners Spross
wollest Du bald sprießen lassen".

Demnach passen beide Antworten genau zueinander, denn der
Maschiach "sprießt" jeden Tag. Wie ein Küken in der Schale im
Vogelnest - dieses Beispiel stammt aus dem Sohar - das Küken
nimmt langsam Gestalt an, und wenn es fertig ist, bricht es aus
der Schale. Nur von außen sieht man bis zum Schluss von
alledem gar nichts, und darum erwarten wir jeden Moment, dass
es herauskommt.

Man muss sich sehr vor allen Maschiach-Berechnungen
inachtnehmen. Im Jahre 5408 [1648] hatten wir große
Probleme, die Pogrome des Kosaken Chmielnizki; seine
Banden massakrierten hunderttausende Juden. "Wenn du ein
Zeitalter siehst, über das die Leiden sich wie ein Strom
ergießen, so hoffe auf ihn" (Sanhedrin 98a). Damals verbreitete
sich das Gerücht, dass die Erlösung noch in jenem Jahr erfolgen
werde. Dazu fand man einen Hinweis im Sohar im "verborgenen
Midrasch": "In diesem Joweljahr wird jedermann zu seinem
Erbsitz zurückkehren, wenn sich 'diesem' vollendigt, das heißt
5408, wird jedermann zu seinem Erbsitz zurückkehren" [5408 ist
der Zahlenwert der hebräischen Buchstaben von 'diesem'].

Diese Hoffnung nützte der falsche Messias Schabtai Zwi, möge
sein Name auf ewig rotten, für seine Zwecke. Er blendete die
Herzen seiner übereifrigen Anhänger und entfachte einen
schweren Brand im Hause Israels.

Auch um das Jahr 5600 herum, als die Judenheit Russlands von
schweren und grausamen Leiden durch die Verordnungen des
üblen Zaren Nikolai I. heimgesucht wurde, verbreiteten sich in
Russland und Polen Gerüchte von der noch in diesem Jahr
erfolgenden Errettung und Erlösung. Auch dazu fanden sich
Hinweise im Sohar: "Im sechshundertsten Jahr des sechsten
Jahrtausends werden sich die Tore der Weisheit öffnen, und
dein Zeichen: 'Im sechshundertsten Jahre vom Leben Noachs...
brachen hervor alle Quellen des tiefen Abgrundes' [Gen.7,11]".

Als die Toragelehrten jener Generation sahen, dass die Hoffnung
auf das Kommen des Maschiach im Jahre 5600 und das
gleichzeitige Überfluten der Erde mit Weisheit unerfüllt zu
bleiben drohte, fürchteten sie eine massenhafte Enttäuschung
und Verzweiflung und beschlossen, die Gemüter zu
besänftigen. Einer der größten Gelehrten, Rabbiner Jakov
Gesundheit, Oberrabbiner von Warschau, bestieg zu Rosch
Haschana 5600 die Empore seines Lehrhauses, ergriff eine
Torarolle und schwor in aller Öffentlichkeit, dass der Maschiach
nicht im Jahre 5600 kommen werde!

Die Sehnsucht nach dem sofortigen Erscheinen des Maschiach
("We want Mashiach now!"), "David, Deines Dieners Spross
wollest Du bald sprießen lassen" (s.o.), ist durchaus
begrüßenswert, wenn sie gute Taten auf den Gebieten von Tora
und reumütiger Umkehr, Heiligkeit und Reinheit, Aufbau des
Landes und der Rückkehr nach Zion, Stärkung des Staates und
der Armee sprießen lässt - aber nicht, wenn sie leere Illusionen
erzeugt.

Hauptsache, wir fordern den Maschiach nicht für uns, weder für
materielle Sorglosigkeit noch spirituelle Ausgeglichenheit,
sondern für die Heiligung G~ttes großen Namens in der Welt:
"Hilf uns, G~tt unser G~tt, und sammle uns aus den Völkern,
Deinem heiligen Namen dankend zu huldigen und uns Deines
Tatenlobs zu preisen", "..gedenke uns den Bund unserer Väter
und hilf uns um Deines Namens willen", "lasse Dein Angesicht
über Dein verödetes Heiligtum wieder leuchten, entsprechend
meinem Herrn", "und schreite ein, zögere nicht! um
Deinetwillen, mein G~tt, denn Dein Name ist über Deine Stadt
und über Dein Volk genannt", "hilf uns um Deines Namens
willen", "Wohltat übe mit uns um Deines Namens willen", "wie
lange soll Dein Unüberwindliches der Gefangenschaft
preisgegeben, und das Dich Verherrlichende in der Hand des
Feindes sein! Wecke Deine Allmacht...", "nicht um unsertwillen,
bewirke es um Deinetwillen" (aus dem morgendlichen
Tachanun-Gebet, Slichot für Montag und Donnerstag, nach dem
aschkenasischem Brauch).  

 
Am Schabbes-Tisch

Die heiligen Heerscharen

Rav Asri'el Ari'el

Eine große Herausforderung hält unsere heilige Tora dem
israelischen Soldaten bereit, der folgenden Vers erfüllen soll:
"Wenn du ausziehest ins Lager gegen deine Feinde, so hüte
dich vor jeglichem bösen Dinge" (Dt. 23,10). Über den Soldaten
in seinem natürlichen Element, den Krieg, schreibt der
Kommentator Rabbiner Moscheh ben Nachman
("Nachmanides"): "Bekanntlich gehört es zur Sitte der zum
Kriege ausziehenden Heerscharen, jedes Ekel zu essen, zu
stehlen und zu plündern, und weder vor Ehebruch noch anderen
Schandtaten zurückzuschrecken. Jeder nach seiner Natur
anständige Mensch nimmt beim Auszug des Kriegslagers gegen
den Feind eine gewalttätige und wütende Haltung an, und
darum warnte ihn die Schrift: 'so hüte dich vor jeglichem bösen
Dinge'".

Zum Gang der Welt gehört es, dass man beim Militär alle seine
Triebe abreagiert. (Es ist kein Zufall, dass die Mehrheit der
Schlagzeilen, die von Untaten berichten, Ereignisse im
Zusammenhang mit der Armee oder Ex-Soldaten behandeln). In
dem Moment, da der Durchschnittsbürger seine Uniform anlegt,
beherrscht ihn ein anderer Geist. Seine allgemein sittsame
Ausdrucksweise verwandelt sich in einen Armee-Slang gespickt
mit Wörtern, die jede sanfte Seele erschrecken: zum Teil
obszön, zum Teil von der Art, die jeder Mensch, der auch nur
etwas auf sich hält, vermeiden würde. Tischmanieren
verschwinden, als hätten sie nie existiert. Auch beim Verrichten
seiner Bedürfnisse fällt der Mensch in die Periode der Steinzeit
zurück... Der Mensch wird ganz einfach zum Tier.

Der jüdische Soldat macht ein umfassendes
Erziehungsprogramm durch, um ein anderer Soldat zu sein. Das
erste Gebot, das die Tora an ihn richtet, betrifft die Reinheit der
Ausdrucksweise: "so hüte dich vor jeglichem bösen Dinge" - das
ist die üble Rede (Ketubot 46a). Doch in der
kameradschaftlichen, kumpelhaften Atmosphäre der Armee
reicht es nicht, wenn der einzelne Soldat seine Zunge hütet und
die Ohren zuhält, um sich vor Obszönitäten zu schützen. Es
reicht auch nicht, gegen solche Reden gehörig zu protestieren.
Wenn ein Soldat sich in diesen Dingen nicht vorsieht und das
Wort der talmudischen Weisen nicht einhält: "Man denke nicht
am Tage sündhaft, um nicht dadurch nachts zur Verunreinigung
zu kommen" (ebda.) - dann muss ihn die Gemeinschaft der
Soldaten ausstoßen, bis er rein ist: "..so soll er hinausgehen
außerhalb des Lagers, nicht soll er kommen innerhalb des
Lagers" (Dt. 23,11).

Doch reicht das Hüten seiner Zunge allein noch nicht aus. Es
gibt kein tierischeres Verhalten als das Erledigen der
Bedürfnisse. Auf der ganzen Welt entzieht man sich dazu
üblicherweise den Blicken der Umgebung. Unter den
Bedingungen des Armeelagers ist dies ganz und gar nicht
einfach zu bewerkstelligen. Doch gerade darum gebietet die
Tora dem Soldaten, Mensch zu bleiben und das "Ebenbild
G~ttes" in ihm zu bewahren, durch Einrichtung eines
besonderen (Ab-)Ortes und das Mitführen eines kleinen
Spatens in seiner Ausrüstung, um ein menschenwürdiges
Verhalten zu gewährleisten.

Ein Soldat, der auf all diese Dinge achtet, ist weit davon
entfernt, sich in eine wilde Bestie zu verwandeln. Er zieht aus
auf die Gefahr hin, getötet zu werden, und selber zu töten; nicht,
weil er das "Ebenbild G~ttes" verloren hat, sondern im
Gegenteil, weil er weiß, wie wertvoll das "Ebenbild G~ttes" ist
und wie sehr man sich für seine Bewahrung bemühen muss. Ein
in diesem Bewusstsein kämpfender Soldat fühlt mit
vollkommener Klarheit, wie der Ewige, sein G~tt, mit den
israelischen Streitkräften wandelt: "Denn der Ewige, dein G~tt
wandelt inmitten deines Lagers, dich zu retten und deine Feinde
vor dich hinzugeben, und es sollen deine Lagerstätten heilig
sein" (Dt.23,15).