DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KEDOSCHIM
Nr. 250
1. Ijar 5760

 
Diese Woche in der Tora ( Lev. 19,1-20,27):
Gebot und Versprechen, heilig zu sein; div. Ge- und Verbote
und deren Strafen; Inbesitznahme des Landes von Milch und
Honig.


+ Jom Ha'Azma'ut
 

Der Stand der Dinge...
Zum 52. Jom Ha'Azma'ut
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

Unser großer Lehrer, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk sel., sagte zum
Unabhängigkeitstag [Zusammenfassung]:

"Am Jahrestag der Unabhängigkeit müssen wir besonders die
Rückkehr der göttlichen Präsenz (Schechina) nach Zion unter
Erneuerung jüdischer Souveränität in der Gestalt des Staates
Israel feiern, obwohl noch nicht alles im Sinne der Tora geordnet
ist.

Man muss sich schon über die Gründung des Staates an sich
freuen, denn so können wir darangehen, die störenden
Einzelheiten, die noch verbessert werden müssen, zu
überwinden.

Der Staat an sich ist ganz und gar heilig und makellos; eine
himmlische Offenbarung, erhaben; desjenigen, der seine
Präsenz nach Zion zurückbringt (Schmone-Esre Gebet), alles
andere sind Details, die der Verbesserung bedürfen, und die mit
G~ttes Hilfe auch verbessert werden.

Probleme und Komplikationen können nicht im Geringsten die
reale Heiligkeit des Staates beeinträchtigen. Der Wert des
Staates hängt nicht davon ab, ob es mehr oder weniger Hüter
von Tora und Geboten gibt. Der Staat ist auf jeden Fall heilig,
und er gehört uns - der jüdischen Gemeinschaft und jedem
einzelnen Juden.

Was die Rückkehr zum Judentum angeht, so werden die
Besiedlung des Landes und die Gründung des Staates den
Anstoß geben, wie es der Prophet Jecheskel ankündigte: 'Und
ich werde euch nehmen aus den Völkern, und euch sammeln
aus all den Ländern, und euch nach eurem Lande bringen'
(36,24). Und erst danach, und deswegen: 'Und auf euch
sprengen reines Wasser, und ihr werdet rein sein von allen
euren Unreinheiten,... und mache, dass ihr nach meinen
Satzungen wandelt' (36,25+27).

Keine Einzelheit dieses exakten göttlichen Planes wird
ausgelassen, und alles wird mit G~ttes Hilfe in Erfüllung gehen.
Auf die Frage, ob man nicht die Rückkehr zum Judentum etwas
beschleunigen könnte, antwortete [mein Vater,] Rabbiner
Awraham Jizchak Kuk, 'Aber sicher! Doch nur durch mehr
Nächstenliebe können wir die Herzen näherbringen und der
Generation den Weg erleuchten. Den Glauben muss man durch
Liebe stärken, und es ist unmöglich, Glauben zu mehren, außer
in der Erkenntnis, dass alle Juden - der Charedi aus Jerusalem
und der Nichtreligiöse aus dem Kibbuz 'Ein Charod' - zur
Gemeinschaft Israels gehören. Nur durch Toragelehrte, die in
allen ihren Wegen Glauben und Ehrlichkeit ausstrahlen, die mit
den Mitmenschen in sanftem Ton reden, wird der Name G~ttes
vor den Geschöpfen geheiligt, und nur auf diesem Wege
können wir sie der Tora und den Geboten näherbringen".

Nach dem Stand der Dinge, im 52. Jahr unseres geliebten
Landes, müssen wir also Glauben und Liebe mehren und
werden dadurch mit eigenen Augen die Ausführung des
göttlichen Versprechens erleben: "Und auf euch sprengen
reines Wasser, und ihr werdet rein sein... und ich gebe euch ein
neues Herz, und einen neuen Geist geb' ich in eure Brust... und
die Städte bewohnt machen und die Trümmer aufbauen... und
es erkennen die Völker, die übrigbleiben werden rings um euch,
dass ich der Ewige aufgebaut habe die niedergerissenen,
bepflanzt habe das Verödete; ich der Ewige habe es geredet
und getan" (Jecheskel, 36.Kap.).

In Freude über die Rückkehr der göttlichen Präsenz nach Zion,
und in Erwartung der endgültigen Erlösung,
Rav Dov Begon
 
Frage und Antwort

Mal sieht man ihn, mal nicht

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Angesichts der Rückzüge auf allen Gebieten, die (G~tt
behüte) in letzter Zeit auf der Tagesordnung stehen, und der
Übergabe von Teilen des heiligen Landes an den Feind -
vielleicht befinden wir uns gar nicht im "Zeitalter der Erlösung"?
Vielleicht stimmt es gar nicht, was wir die ganze Zeit glaubten,
dass G~tt jetzt sein Volk erlöst?

Antwort: Reden Sie sich nur keinen Unsinn ein! Als nämlich der
liebe G~tt von der Erlösung sprach, hat er niemals behauptet, es
werde alles problemlos wie am Schnürchen ablaufen.

Nehmen wir einmal die Erlösung aus Ägypten näher unter die
Lupe: Unser Lehrer Moscheh, den wir wohl mit absoluter
Sicherheit als den von G~tt mit der Befreiung aus der Sklaverei
beauftragten Gesandten anerkennen können, kam zum Volke
Israel, es zu erlösen, und alle waren begeistert. Flugs begab er
sich zu Pharao, doch dieser Bösewicht wollte von der Sache gar
nichts wissen. Im Gegenteil, er veranlasste noch, dass sich die
Juden von nun an Stroh und Spreu zur Ziegelfertigung selber
suchen mussten. Das war sicher sowohl für das Volk als auch für
unseren Lehrer Moscheh eine schwere Stunde. Nach Rabbiner
Moscheh ben Nachmans ("Nachmanides", führender
Toragelehrter und Kommentator aus der Periode der Rischonim)
Deutung wusste Moscheh natürlich, dass die Erlösung nicht
unbedingt im Augenblick vollbracht wird, sondern nur Stück um
Stück vorankommt; auch Rückschläge sind dabei nicht
ausgeschlossen. So ging es ersteinmal bergab, und erst
hinterher verbesserte sich die Lage.

Nachmanides zog zur Erklärung die Worte der talmudischen
Weisen über den Vers "Es gleicht mein Geliebter dem Hirsche"
(Hohelied 2,9) hinzu - "wie ein Hirsch von Mal zu Mal zu sehen
ist, so zeigte sich ihnen auch der erste Erlöser, und verschwand
aus ihrem Blickfeld, und zeigte sich wiederum" (Nachmanides
zu Ex. 5,22).

Der Hirsch läuft über die Berge, plötzlich verschwindet er und
man sieht ihn nicht, dann taucht er wieder auf, verschwindet und
erscheint auf vorgerückter Stelle. Ebenso unser Lehrer
Moscheh: Als Erlöser erzeugte er Hoffnung und Glauben in den
Herzen, und plötzlich war er wie verschwunden, die Lage
verschlimmerte sich - und dann wurde alles besser.

Zu Beginn der Rückkehr nach Zion vollführten die Araber an
den Juden in Hebron ein schreckliches Pogrom. Nicht nur, dass
viele fromme Juden brutal ermordet wurden, vielmehr machte
sich im ganzen Lande ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit breit:
"So hatten wir uns das nicht vorgestellt". Rabbiner A.J.Kuk
veröffentlichte damals seinen Artikel "Zurück zur Feste", damit
man neuen Mut schöpfe. Die furchtbaren Geschehnisse in
Hebron seien im Sinne des "verborgenen Erlösers" zu
verstehen, der sich aber wieder zeigen werde.

Man darf wegen des Tagesgeschehens nicht die Hoffnung
aufgeben, sondern muss im Gegenteil neuen Mut und
Kampfgeist schöpfen und sich mit den Problemen
auseinandersetzen.

Es wäre nicht das erste Mal seit der nationalen
Wiedererstehung, dass es zu Behinderungen und Rückschlägen
kommt, und man kann davon ausgehen, dass es auch nicht das
letzte Mal sein wird.

So werden wir auf die Probe gestellt. Im Hohelied heißt es:
"..gleicht mein Geliebter dem Hirschen oder dem Jungen der
Rehe, auf den trennenden Bergen (al harej bater)" (2,17). Was
ist mit "trennenden Bergen" gemeint? Ein mitten geteilter Berg,
und den Hirsch, der dort durchläuft, sieht man nicht. Darüber
schloss G~tt mit unserem Vorvater Awraham einen Bund ab: Brit
bejn Ha'Betarim, den "Bund zwischen den [Opfer-]Teilstücken"
(Gen. 15.Kap.). Dafür braucht man also das göttliche Bündnis!
Wenn man den Hirsch laufen sieht - kein Problem, alle freuen
sich. Wenn man ihn aber nicht sieht, wenn er zwischen den
"harej bater" verschwindet - für diesen Fall besteht das Bündnis,
und das ist der Prüfstein für unseren Glauben, der Prüfstein für
unsere "Erwartung der Erlösung".

Im Schmone-Esre Gebet sprechen wir mehrfach davon.
Rabbiner A.J.Kuk erklärte zwei Aspekte der Erwartung der
Erlösung: 1) Auch wenn die Erlösung dem Anschein nach
steckenblieb und sich sogar in die Gegenrichtung bewegt, muss
man doch weiter an das Vorantreiben der Dinge durch den
Herrn der Welt glauben, nur dass wir es gerade nicht sehen. 2)
Man muss selber alle möglichen Mittel zum Vorantreiben der
Erlösung einsetzen, was sich "kreative Erwartung" nennt.

Wenn wir also Rückschläge und Schwierigkeiten erleben, gilt
es, nicht die Hoffnung aufzugeben, sondern neuen Mut zu
schöpfen und Kampfesgeist zu entwickeln, und am Ende
werden wir es schon allen zeigen.  

 
 
Am Schabbes-Tisch

Verbotene Mischungen

Rav Jakov Ari'el
Oberrabbiner von 
Ramat Gan

"Meine Gesetze sollt ihr beobachten, von deinem Vieh sollst du
nicht zweierlei Arten sich begatten lassen, auf deinem Felde
nicht zweierlei Arten säen.." (Lev. 19,19). Die landläufige
Erklärung für das Verbot der diversen Vermischungen stammt
aus der Deutung Nachmanides' dieses Verses: "..und wer zwei
Arten miteinander kreuzt, verändert und bestreitet den
ursprünglichen göttlichen Schöpfungsakt, als sollte man
glauben, G~tt habe seine Welt nicht vollständig ausgestattet,
und jener wolle ihm bei der Schöpfung der Welt helfen und ihr
weitere Geschöpfe hinzufügen".

Doch seltsam: Ist es denn nicht gerade die Aufgabe des
Menschen, die Schöpfung zu verbessern und
weiterzuentwickeln? War dies doch die Behauptung des bösen
römischen Statthalters Turnusrufus in seinem berühmten Streit
mit Rabbi Akiva! Während Rabbi Akiva hervorhebt, dass
Menschenwerk wohlgefälliger sei, behauptet Turnusrufus,
G~ttes Werke seien wohlgefälliger, und darum habe sich der
Mensch nicht in die Schöpfung einzumischen (aus Midrasch
Tanchuma).

Wer sich das Vorgehen der Menschen eingehender betrachtet,
wird zwei Grundeinstellungen ausmachen: Die erste entspricht
der Ansicht Turnusrufus', nach der die Schöpfung bereits
vollkommen ist. Sie benötige weder Vervollkommnung noch
Reparatur. Der Mensch wurde nur zu ihrer Benutzung, so wie
sie ist, geschaffen. Und da er keinerlei Verantwortung für den
Zustand der Welt trägt, kann er seinen Aufenthalt in dieser Welt
mit seinen Vergnügungen und Genüssen verbringen. Es gibt für
ihn keine Herausforderung: weder technologisch noch
gesellschaftlich, weder spirituell noch ethisch. Diese Einstellung
hat der moderne Mensch vor Augen. Die Welt gehört ihm - ihm
ganz allein. Er kommt in der Wissenschaft voran und entdeckt
die Geheimnisse der Schöpfung, er entwickelt Technologien
und macht sich alle Kräfte der Natur untertan. Er erlaubt sich
auch, Natur zu zerstören: Fabriken, die die Umwelt
verschmutzen, Landwirtschaft, die das ökologische
Gleichgewicht stört, und selbst in den zwischenmenschlichen
Beziehungen: ein Leben des Konsums, zügellos, ohne geistige
Inhalte und ohne moralische Gewissensbisse. Unterdessen
sehnt sich die Seele nach einem inhalts- und sinnvollem Leben
und Nähe zu G~tt. Vor lauter Eitelkeit sieht sich der Mensch als
einziger Herr der Schöpfung, der mit ihr nach seinem Belieben
verfahren kann.

Wie die Kreuzung zweier Arten, von Pferd und Esel, die der
Welt das unfruchtbare Maultier bescherte, so verhält es sich
auch mit dem modernen Menschen. Man kann allerdings auch
einige Lichtblicke von Erkenntnis feststellen, da der
technologische Fortschritt die Menschheit in mancher
Beziehung an den Rand des Abgrundes gebracht hat: die
Zerstörung der Umwelt bedroht zunehmend den Bestand der
Menschheit, und der Mensch erwirbt mehr und mehr Respekt
vor der in der Natur verborgenen Weisheit des Schöpfers, deren
Größe und Tiefe weit jenseits seines Erreichens und Verstehens
liegen: "Wie groß sind deine Werke, Ewiger, wie sehr tief deine
Gedanken! Der Dumme erkennt nicht, und der Tor sieht solches
nicht ein" (Psalm 92,6-7).

Auch Nachmanides stimmt zu, dass die Ansicht des Turnusrufus
den Wegen der Tora zuwiderstrebt. Nach der Tora besteht die
Aufgabe des Menschen darin, "das Werk, das G~tt geschaffen,
zu fertigen" (Gen. 2,3). Doch auch nachdem die Welt dem
Menschen zu getreuen Händen anvertraut wurde, hat G~tt sie
nicht abgeschrieben. Der Mensch ist nicht der Herrscher der
Natur. All seine Weisheit und Macht, seine Begabungen und
seine Fähigkeiten, entstammen dem Segen G~ttes - und seinen
Gebrauchsanweisungen! G~tt selbst gab dem Menschen die
Aufgabe und die Herausforderung, die Schöpfung zu
vervollständigen; einen Auftrag, aber keine Alleinherrschaft oder
Eigenbesitz.

Das angemessene Verhältnis des Menschen zur Schöpfung
schildern die folgenden Psalmverse: "Wenn ich deine Himmel
sehe, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du
eingerichtet - Was ist der Mensch, dass du sein gedenkest? und
der Menschensohn, dass du auf ihn siehest? Und ließest ihn um
ein Geringes G~tt nachstehen, und mit Ehre und Glanz krönest
du ihn. Machst ihn zum Herrn über die Werke deiner Hände.
Alles hast du unter seine Füße gestellt: Schafe und Rinder
allesamt, und auch das Vieh des Feldes..." (8,4-8).

Die richtige Einstellung des Menschen zur göttlichen Schöpfung
- in Bescheidenheit und Respekt - kommt auch in der
Beschränkung der Entwicklung zum Ausdruck. Das Wissen an
sich, dass nicht alles in die Hände des Menschen gegeben
wurde, erzeugt in ihm das Gefühl, nicht der Herr der Erde zu
sein. Darum blieben die Gesetze des Feldes, die in den sechs
Tagen der Schöpfung festgelegt wurden, die Unterscheidung
aller Tiere und Pflanzen nach ihren Arten, in der Hand des
Schöpfers.