DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT JITRO
Nr. 236
22. Schewat 5760


Diese Woche in der Tora (Ex. 18,1 - 20,23):
Jitro, Moschehs Schwiegervater, kommt zum Volk Israel in die
Wüste; gibt Moscheh Rat, Richtervollmachten zu delegieren;
Bund mit dem Ewigen, ein heiliges Volk zu sein und seine
Worte zu befolgen; die 10 Gebote am Berge Sinai; das ganze
Volk Augenzeugen.
 
 

Der Stand der Dinge...
Wir wollen unsere Richter 
wiederhaben!
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

Bevor man darangeht, die Führer des Volkes und dessen
Richter zu wählen, sollte man sich den Ratschlag Jitros an
unseren Lehrer Moscheh ins Gedächtnis rufen, wer wirklich
geeignet ist, das Volk zu führen: "Ersehe dir aus dem ganzen
Volk tüchtige und gottesfürchtige Männer, die nach Wahrheit
streben und Bereicherung hassen" (Ex. 18,21). Es ist allerdings
gar nicht so einfach, die Kandidaten auf diese Eigenschaften
und Voraussetzungen hin zu prüfen. Darum heißt es: "Ersehe
dir", "mit dem göttlichen Geiste, der auf dir ruht"
(Raschikommentar). Nur wer über diesen Geist verfügt, kann
den wahren Charakter und die Eigenschaften eines Menschen
erkennen.

"..die nach Wahrheit streben und Bereicherung hassen" seien
die Häupter des Volkes. Wenn das Haupt gesund ist, macht
sich das im ganzen Körper bemerkbar; Spitzenpolitiker und
Richter, die sich nach moralischen Grundwerten richten, weise,
von innerer Würde und guten Eigenschaften kommen dem
ganzen Volk zugute. Anderenfalls müssen alle leiden.

Darum erbitten wir in jedem der täglichen Schmone-Esre-
Gebete "gib unsere Richter wieder wie zuvor und unsere Räte
wie am Anfang", und dadurch "wende ab von uns Kummer und
Seufzen".

Nach dem Stand der Dinge sind wir Zeugen einer Krise, die
einen Teil unserer Führung erfasst hat, wobei schwere
Anschuldigen unethischen Verhaltens auf einigen
Persönlichkeiten lasten. Das ist alles kein Zufall. Bei der
Beschreibung unseres Zeitalters sagten die talmudischen
Weisen: "Im messianischen Zeitalter wird die Frechheit
(Chutzpa) zunehmen... keine Zurechtweisung, ...die Wahrheit
wird sich rar machen... das Gesicht der Generation dem Gesicht
des Hundes gleichen" (Sota 49b). Doch wir Gläubige, Kinder
von Gläubigen, erwarten das Erwachsen der Erlösung gerade
aus dieser ethischen und spirituellen Krise. Der "König, der
Gerechtigkeit und Gericht liebt" (Schmone-Esre), wird sein
Versprechen halten, "und stelle her deine Richter wie vormals
und deine Räte wie zu Anfang. Nachher wird dir zugerufen:
Stadt der Gerechtigkeit, bewährte Feste. Zion wird durch Recht
erlöst, und seine Rückkehrer durch Gerechtigkeit" (Jeschajahu
1,26-27).

In Erwartung der Erlösung,
Rav Dov Begon
 
 
Frage und Antwort

Prophetie heute
 

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Gibt es heutzutage Propheten, die die Zukunft
voraussagen können? Was ist mit den Leuten, die für ein
bestimmtes Datum das Ende der Welt und dergleichen im
voraus wissen?

Antwort: Die talmudischen Weisen lehrten, dass die Propheten
mit der Zerstörung des Tempels ihre Prophetie verloren (Baba
Batra 12a). Der letzte war Male'achi, der seine Prophezeiungen
mit dem Vers beendete: "Siehe, ich sende euch Elijahu, den
Propheten" (M. 3,23) - erst dann wird die Prophetie
zurückkehren.

Die Prophetie hängt nicht nur von den spirituellen
Vorbereitungen des Menschen ab, sondern auch vom
generellen Zustand des jüdischen Volkes. Baruch ben Nerja, ein
Schüler des Propheten Jirmijahu, hatte ein brennendes
Verlangen nach dem Herrn der Welt und der Prophetie, doch
wurde er kein Prophet. G~tt erklärte ihm: "Und du wolltest für
dich Großes verlangen? Verlange es nicht!" (Jirmijahu 45,5),
denn dies ist eine Zeit der Zerstörung, die ganze Welt steht auf
dem Kopf. Rein persönlich betrachtet eignest du dich zur
Prophetie, doch das Volk Israel hat momentan keine Beziehung
dazu.

Dafür gibt es viele Beispiele: "..da ertönte über ihnen eine
Hallstimme aus dem Himmel: Einer ist unter euch, der würdig
ist, dass die Göttlichkeit auf ihm ruhe, wie auf unserem Meister
Moscheh, nur ist das Zeitalter dazu nicht würdig" (Sanhedrin
11a). Dieser Ausspruch bezog sich auf Hillel den Älteren und
Schmu'el HaKatan.

Selbst unser Lehrer Moscheh, der größte aller Propheten, verlor
nach der Sünde der Kundschafter für 38 Jahre seine Fähigkeit
zur Prophetie, gerügt wegen der Fehler jener Generation. Wir
sehen also, dass die Gabe der Prophetie nicht allein von der
spirituellen Erhöhung des Einzelnen abhängt, sondern auch
vom allgemeinen Zustand seiner Generation, wie eine
menschliche Pyramide, bei der der oben Stehende auf die ihn
Stützenden angewiesen ist..

Die Prophetie wird in Zukunft zurückkehren, wie im Buche
"Emunot WeDe'ot" von Rabbiner Sa'adja Gaon (Oberhaupt der
babylonischen Judenheit vor etwa 1000 Jahren) und im "Brief
an die jemenitische Gemeinde" von Maimonides steht, zur Zeit
der Einsammlung der Verstreuten, der Rückkehr nach Zion und
der Wiedererstehung des jüdischen Volkes in seinem Lande.

Momentan haben wir keine Propheten und auch nicht den
passenden gesellschaftlichen Nährboden. Nicht zu vergessen
die persönlichen Vorbedingungen, denn nicht jeder kann so
einfach Prophet werden. Maimonides erwähnte in seinem Buch
"Führer der Unschlüssigen" die Meinung der Massen, dass sich
selbst ein einfacher Mensch von einem Tag zum andern in
einen Propheten verwandeln könne. Dem ist jedoch keineswegs
so, vielmehr muss sich ein angehender Prophet gründlich
vorbereiten, ebenso wie bei anderen Berufen oder Berufungen.
Um Pilot zu werden reicht es nicht, einmal in einem Flugzeug
gesessen zu haben, sondern man muss die vorgeschriebene
Ausbildung absolvieren. Es geht nicht ohne gute Vorbereitung.
Ein Physiker muss sich z.B. auch in Mathematik auskennen.

Wie bereitet man sich auf die Prophetie vor? Zunächst durch ein
umfangreiches Torastudium, eine im Hinblick auf das
angestrebte Ziel angemessen heilige Verhaltensweise, und
Himmelsfurcht. Viele Jahre lang muss sich der Kandidat mit
höchstem Einsatz heiligen und sein spirituelles Niveau laufend
erhöhen. Maimonides schrieb in seinem oben genannten Werk,
dass die Idee, ein einfacher Mensch könne ohne weiteres
Prophet werden, so dumm sei wie die Idee, ein Frosch könne
Prophet werden...

Dagegen ließen sich genügend Beispiele aus der Bibel
anführen, wo G~tt zu einfachen Menschen sprach, etwa Hagar
oder Lawan, die nicht gerade für besondere Gerechtigkeit oder
Heiligkeit bekannt waren. Eine Erklärung der Rischonim, den
Kommentatoren von vor etwa 700-900 Jahren, z.B. des
Nachmanides, zielt darauf ab, dass sich G~tt in dieser Art
Prophetie nur einmalig offenbart. So können der böse Bil'am
und sogar seine Eselin eine göttliche Erscheinung wahrnehmen
- doch als feste Eigenschaft der Prophetie "lässt G~tt seine
Präsenz nur auf einem Weisen, Reichen, Helden und
Demütigem ruhen" (Nedarim 38a). Maimonides erläuterte diese
Begriffe anhand der Mischna "Sprüche der Väter" (4,1): reich -
wer mit seinem Anteil glücklich ist, Held - wer seinen Trieb
bezwingt (Gesetze von den Grundlagen der Tora, 7.Kap.). Alle
diese Dinge kommen nicht von alleine. Wenn ein Mensch wie
du und ich behauptet, er sei ein Prophet, oder andere
behaupten dies von ihm, dann ist das garantiert nicht wahr.

Und wiederum werden sicher Manche einwenden: Nun haben
aber dieser oder jener etwas vorausgesagt, und es traf ein,
obwohl diese Menschen gar nicht heilig waren. Er sagte, 'dieses
Kind wird gesund werden', und so geschah es auch, obwohl alle
Ärzte schon die Hoffnung aufgegeben hatten. Er sagte, 'fahr
nicht mit diesem Zug', und am Ende entgleiste er. - Auch mit
dieser Frage hatte sich schon Maimonides beschäftigt: Wir
begegnen doch tagtäglich Menschen, die die Zukunft
voraussagen, wie Zauberern und Geisterbeschwörern,
Astrologen und spiritistischen Medien? Doch im Gegensatz zu
diesen ist die Prophezeiung eines Propheten immer exakt,
immer 100%ig genau, und bei den anderen nur ungefähr. Sie
sagen für morgen ein Erdbeben voraus, und es passiert erst
übermorgen. Bei einem Propheten gibt es nicht die geringste
Abweichung. Wer nur über mystische Kräfte verfügt, hat zwar
eine gewisse Intuition, doch bleibt sie nebulös (Gesetze von den
Grundlagen der Tora, 10,3). Bei allen Vorgenannten handelt es
sich nicht um Propheten.

Dann gibt es noch die Träume, die eine Warnung enthalten, die
manchmal eintreffen. Wir wissen nicht, wie sie funktionieren,
aber sie machen den Träumer auf keinen Fall zum Propheten.
Es gibt auch sinnlose Träume, die dem Träumer nur etwas
vorgaukeln. Doch auch die wahren Träume enthalten Spreu
neben dem Weizen, wie der Raschikommentar bezüglich Josefs
Träumen erklärte. Bei einem Propheten gibt es gar keine Spreu.

Von einem sinnlosen Traum handelt die folgende Geschichte:
Ein Jude in Woloschin träumte einmal im Winter, wie er mit
seinem Fuhrwerk über den zugefrorenen Fluss fuhr. Plötzlich
brach das Eis, der Wagen versank und der Mann starb. Zitternd
vor Schreck erwachte er, lief schnurstracks zum weisesten
Rabbiner am Orte (Rabbi Chajim Woloschiner) und erzählte ihm
seinen Traum. Darauf antwortete Rabbi Chajim: "..die Träume
reden Eitles" (Secharja 10,2), du kannst losfahren. In der
folgenden Nacht träumte der Mann dengleichen Traum, rannte
wiederum zu Rabbi Chajim, der den Traum ebenso wie beim
ersten Mal mit eine Handbewegung abtat. Am Ende machte sich
der Handelsmann auf die Reise über den zugefrorenen Fluss;
das Eis brach, der Wagen versank und der Mann starb. Seine
Familie konnte sich darüber nicht beruhigen und nahm die
Geschichte Rabbi Chajim furchtbar übel. Darauf sprach Rabbi
Chajim zu ihnen: Leider kommt es vor, dass Eis bricht, denn es
hat nicht überall die gleiche Stärke. Doch das hat nicht das
Geringste mit dem Traum zu tun. Darüberhinaus, wenn heute
jemand mit genau dem gleichen Traum zu mir käme, würde ich
zu ihm sagen: Fahr!

Das ist eine wunderbare Geschichte von Mut und
Standhaftigkeit.

"Träume reden Eitles" (s.o.), und wenn sie nicht zu 100%
Unsinn sind, so enthalten sie doch einen Anteil Unsinn.
Daneben gibt es Menschen, die über bestimmte übersinnliche
Kräfte verfügen, doch handelt es sich dabei nicht um Prophetie,
denn 1. gibt es seit der Tempelzerstörung keine Prophetie mehr,
und 2. muss man dazu als Vorbedingung ein reiner, heiliger
Mensch sein, voll göttlicher Weisheit.

Wie können wir also die Zukunft im voraus wissen? Gar nicht.
Wie wissen wir also, was wir tun müssen?! Fragen wir doch
einfach die Toragelehrten, die Schüler unseres Lehrers
Moscheh. Dafür wurde die Tora gegeben.

Und wer sich immer noch Sorgen macht - "Reumütige Umkehr,
Gebet und mildtätige Spenden wenden das harte Urteil ab" (aus
dem Gebet von Jom Kippur).