MACHON MEIR
                       DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT HA'ASINU
Nr. 217
8. Tischri 5760
SCHABBAT SCHUWA - JOM KIPPUR  

 

Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52):
Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zum Ende in kurzer
Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf
Moschehs Tod.
 
 
Frage und Antwort

Großartige Gnade

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Was passiert eigentlich an Jom Kippur?

Antwort: Jom Kippur ist ein furchtbar großartiger Tag (oder
großartig furchtbar). Er ist aber auch eine große Gnade von
G~tt, die sich gar nicht beschreiben lässt.

Erinnert ihr euch noch an den ersten Jom Kippur - nach der
Sünde um das goldene Kalb? Eine schreckliche Sünde! Unser
Lehrer Moscheh stieg hinauf in die Höhe, um uns die Tora zu
bringen, und als er wieder herunterkam, was fand er vor?
Götzendienst. Und trotzdem wurde uns vergeben, und 120
Tage später, an Jom Kippur, erhielten wir die zweiten
Gebotstafeln. Wie man sieht, lässt sich alles wieder
geradebiegen.

Der Mensch ist kein Engel, sondern ein sündigendes
Geschöpf. Der Mensch wurde nicht perfekt geschaffen. "Ja, da
ist kein Mensch gerecht auf Erden, der das Gute tue und
nimmer fehle" (Kohelet 7,20). Wir versagen leider auf ganz
natürliche Weise. Die Tora ist auch gar nicht für Leute gedacht,
die niemals sündigen. Vielmehr fordert G~tt zwei Dinge von
uns: 1. Alle möglichen Mittel der Vorsicht zu ergreifen, um nicht
zu sündigen, was im Buche Messilat Jescharim ("Der Weg der
Frommen", Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto) die
"Eigenschaft der Vorsichtigkeit" genannt wird. 2. Wenn man
schon (G~tt behüte) sündigt, kehre man hinterher reumütig um
(Tschuwa).

Es ist verboten, zu sündigen - und der Mensch begeht eine
Sünde nach der anderen. Die Sünden häufen sich zu einer
untragbaren Last an, unter der er zusammenbricht. Und
sieheda, eines Tages kommt g~ttseidank ein "Jom Kippur"
daher, an dem man sich von allen seinen Sünden lossagen
und sie vollkommen ausradieren kann - und ein neues Leben
anfängt.

Sicher sollte man das jeden Tag, jede Stunde oder gar
Sekunde tun, aber wenigstens einmal im Jahr muss man sich
von seinen Sünden reinigen.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, in jeder Sekunde ein
frommer Mensch zu sein. Rabbiner A.R.I. sel. (größter
Kabbalist nach der Periode der Rischonim) sagte einmal
seinem Schüler, Rabbiner Chajim Vital [der ihm an Bedeutung
nur wenig nachstand], nicht am Erreichten zu verzweifeln.
Rabbi Chajim Vital erzählte dazu: "Einmal fragte ich meinen
Lehrmeister wie es komme, dass er meine Seele für so
ausgezeichnet hält, wo doch selbst der Geringste aus der
Generation der Rischonim so fromm und gerecht war, dass ich
ihm nicht einmal bis zur Ferse reiche? Darauf antwortete er
mir: Wisse, dass die Größe der Seele nicht von den Taten des
Menschen abhängt, sondern nur von der Zeitperiode und ihrer
Generation. Denn die Tat eines sehr Geringen in einer
Generation kann viele großartige Gebotserfüllungen in anderen
Generationen aufwiegen. In unserer Generation üben
äußerliche Störfaktoren einen überwältigenden Einfluss aus,
was in früheren Generationen nicht der Fall war. Hätte ich in
jenen frühen Generationen gelebt, wären meine Taten und
meine Weisheit wunderbarer als die so einiger früherer
Gerechter gewesen" (Sefer Ha'chesjonot).

Wenn das schon vor ein paar hundert Jahren galt, was sollen
wir dann erst heutzutage sagen, wo es wirklich schwer ist, wo
in der Gesellschaft rauhe Winde wehen, Winde der Unmoral
und der Verdorbenheit der westlichen Kultur, und jemand, der
seine Sünden überwindet und die jüdischen Gesetze einhält, in
den Augen G~ttes reines Gold wert ist.

Und wenn man einmal versagt hat, so ist damit ja nicht gleich
alles verloren, denn man kann wieder umkehren, besonders an
diesem großen Tage, dessen Heiligkeit für die Vergebung sorgt
und den Menschen erhebt, zusammen mit der Tschuwa und
dem Sündenbekenntnis (Widuj). Gegen die verderblichen
Lüfte, der aus Amerika herübergelangen, weht an Jom Kippur
ein guter Wind aus den Höhen, ein Wind der Vergebung, ein
Wind der Entlastung, ein Wind des Neubeginnens. An Jom
Kippur wird der Mensch zu einem neuen Geschöpf, unter der
Bedingung, dass er Tschuwa getan hat und sich von seinen
Sünden lossagt.

Er fühlt sich nun so wohl und so wunderbar. Nicht von ungefähr
verlässt man am Ende des Tages die Synagoge tanzend, und
es ist auch kein Zufall, dass man sich an Jom Kippur in
festliches Weiß kleidet, denn wir sind uns der göttlichen
Vergebung hundertprozentig sicher.

Wir glauben an zwei Dinge: Dass der Mensch von seinen Taten
umkehren kann, wie tief er auch gefallen sein mag, denn er
bleibt immer frei und kann in höchste Höhen aufsteigen. Und
zweitens, dass ihm dann der Herr der Welt alle seine
Missetaten aus dem Buche streicht. Wenn er allerdings
Tschuwa aus Liebe zu G~tt tut, dann werden ihm selbst
absichtlich begangene Sünden wie verdienstvolle Taten
angerechnet, die Bitterkeit wird zur Süße und die Finsternis zu
Licht.

Mögen wir alle einen Anteil am Lichte des Lebens erlangen!  

 
 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und 
Leiter des Kollels der Jeschiwa
Ma'ale Adumim

Viele jüdische Eltern fragen sich, wie hoch der Anteil der
weltlichen Studien im Lehrplan der Kinder und Jugendlichen
sein soll, wieviel Zeit dafür zu reservieren sei, und auf welches
Niveau wir unsere Kinder überhaupt bringen sollen? Welches
Ideal verfolgen wir, und wieweit müssen wir eventuelle
Sachzwänge berücksichtigen?

Zunächst einmal können wir froh sein, dass sich die Leute
überhaupt Gedanken darüber machen. Eltern, die ihre
Entscheidung, ihr Kind zum Talmud Tora (eine im wesentlichen
auf jüdische Themen ausgerichtete Vor- bzw. Grundschule)
oder aber auf eine reguläre Schule zu schicken, nur aufgrund
von willkürlichen oder praktischen Überlegungen treffen (wie
z.B. kurzer Schulweg), erfüllen nicht ihre erzieherischen
Pflichten gegenüber ihren Kindern.
Meinungsverschiedenheiten über die weltanschauliche
Richtung der Erziehung sind allemal legitim, aber
Gleichgültigkeit ist hier unverzeihbar.

Das Thema der weltlichen Bildung im Verhältnis zu religiösen
Studien beschäftigt das jüdische Erziehungswesen seit seinen
Anfängen. Dieses Thema nimmt so einen breiten Raum ein,
weil der erzieherische Aspekt direkt unserer Lebensphilosophie
entspringt und unserem allgemeinen Verhältnis zum
Weltlichen, zur Wissenschaft und der Menschheitskultur. Die
pädagogischen Inhalte sollten das Spektrum der
Wertvorstellungen in allen ihren Schattierungen widerspiegeln
und gleichzeitig unzweideutige Prioritäten für diese
Wertvorstellungen setzen.

In dem begrenzten Rahmen unserer Artikelserie müssen wir
uns mit der Übersicht über einige bedeutende Prinzipien und
mit einigen praktischen erzieherischen Vorschlägen begnügen.

Die Klärung des Verhältnisses zu weltlichen Studien lässt sich
in drei Ebenen aufgliedern: 1. weltliche Studien zur Erlangung
eines Berufes, 2. als Mittel zur Vertiefung jüdischer Studien,
und 3. zur allgemeinen Weiterbildung und Horizonterweiterung.

Berufsausbildung: Eine der zentralen Aufgaben der Erziehung
besteht in der Vorbereitung des zu Erziehenden auf "das
Leben". Seit der Vertreibung aus dem Paradies muss sich der
Mensch im Leben mit "Dornen und Disteln" (Gen. 3,18)
herumschlagen und um sein Überleben in physischer und
gesellschaftlicher Hinsicht kämpfen. Bis auf einige
Südseeinseln, denen ein Hauch von Paradies anhaftet,
konfrontiert die übrige Erdkruste den Menschen mit einer
existenziellen Herausforderung, die ihn zu fortwährendem
Kampf zur Erlangung von Nahrung, Selbständigkeit, minimaler
Menschenwürde und manchmal sogar ums nackte Leben
zwingt! Das ist der Lebenskampf!

Die Vorstellung, sich als jüdisches Volk diesem Schicksal
entziehen zu können, wurde schon von den talmudischen
Weisen abgelehnt (siehe Brachot 35b). Rabbi Jischma'el war
der Ansicht, dass man das Toralernen mit Arbeit kombinieren
muss; "verfahre nach der Landessitte". Demgegenüber hielt
Rabbi Schimon Bar Jochai es für ausgeschlossen, dass die
Feldarbeit dem Menschen noch Zeit zum Torastudium und
spiritueller Entwicklung übriglässt. Darum gelangte er zu dem
Ergebnis, dass sich das jüdische Volk idealerweise
ausschließlich dem Torastudium widme, wobei seine Arbeit von
anderen (den übrigen Völkern) erledigt werde. Der Talmud
zieht nach dieser Diskussion die folgende Bilanz: "Abaje sagte:
Viele handelten nach Rabbi Jischma'el und es gelang ihnen,
nach Rabbi Schimon Bar Jochai, und es gelang ihnen nicht".
Entsprechend müssen auch wir, das Volk Israel, uns unter den
heutigen Umständen zu unserem Broterwerb anstrengen und
können dem Lebenskampf nicht ausweichen.

Die Erziehung zielt auf die Vorbereitung des Kindes bzw. des
Jugendlichen auf eben diesen Lebenskampf. Von Generation
zu Generation andert sich der Lebensstil, und mit ihm ändern
sich auch die Spielregeln des Lebenskampfes, und
entsprechend ändern sich auch die Zielsetzungen der
Erziehung (z.B. wurde die Erziehung zur Landwirtschaft nach
und nach durch die technologisch orientierte Erziehung
ersetzt). In der Vergangenheit erlernte der Jugendliche seinen
Beruf bei einem Meister, wohingegen er heute in fast allen
Berufen nicht ohne eine wissenschaftliche Grundausbildung
auskommt. Darum führt die Vorbereitung über das methodische
Erlernen von Naturwissenschaften.
                                                          (Fortsetzung folgt)
 

Mit einem kleinen Lächeln

Der Rabbi von Zans gelangte einmal an einen Ort, wo die
Frauen es mit der züchtigen Bekleidung nicht so sehr
genaunahmen. In seiner Schabbespredigt betonte er darum die
Bedeutung der sittsamen Kleidung, wobei er die Zuhörer dazu
aufrief, der Weise ihrer Vorfahren zu folgen.
Nach der Predigt wollte man von ihm wissen, wo er die Sache
mit der Sittlichkeit der Vorfahren herhabe. Darauf antwortete
der Rabbi:
Der Heilige gelobt sei er sagte zu unserem Lehrer Moscheh
beim Auszug aus Ägypten: "Jede Frau fordere von ihrer
Nachbarin... silberne Geräte und goldene Geräte und Kleider,
und die leget euren Söhnen und euren Töchtern an" (Ex. 3,22).
Warum trugen sie nicht selber diese schönen Kleider? Weil die
ägyptischen Frauen so kurze Kleider hatten, die eine jüdische
Frau nicht tragen würde, aber für die kleinen Kinder waren sie
wunderbar geeignet...