DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT EMOR
Nr. 251
8. Ijar 5760

 

Diese Woche in der Tora ( Lev. 21,1-24,23):
Besondere Vorschriften für die Nachkommen Aharons, die
Priester: Verbot der Leichenunreinheit, Heiratsvorschriften,
Dienstuntauglichkeit durch Gebrechen oder Unreinheit, Strafen;
Vorschriften für Mitglieder der Priesterfamilie; Regelungen über
die Tauglichkeit von Opfertieren; Schabbat und Festtage und
ihre Gebote; Leuchter und Brottisch im Heiligtum/Tempel; Strafe
des Gotteslästerers; div. Gesetze von Schädigungen.
 
 
 
 
Frage und Antwort

Sollten Frauen Tora lernen?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Gilt das Gebot des Toralernens auch für Frauen?

Antwort: Im Talmud heißt es unmissverständlich: "Die Schrift
sagt:'ihr sollt sie eure Söhne lehren' - eure Söhne und nicht eure
Töchter" (Kiduschin 29b nach Dt. 11,19), und auch Maimonides
erwähnt in seinem Gesetzeswerk, dass Frauen vom Torastudium
befreit sind (Gesetze vom Toralernen, §1,1).

Doch diese Sache lässt sich gar nicht so einfach begreifen;
handelt es sich hier doch nicht um ein positives Gebot, das von
einer bestimmten Zeit der Ausführung abhängt - von diesen
Geboten sind Frauen grundsätzlich befreit, wegen der mit ihrer
Lebensführung verbundenen Sachzwänge bzw. ihrer weniger
an festen Rahmenbedingungen orientierten Psyche. Aber Tora
kann doch jeder, wann er will, in seiner Freizeit lernen?!

Außerdem kann es doch gar nicht angehen, dass die Frauen
keine Tora lernen müssen. Eine Welt ohne Tora ist eine Welt
der Finsternis und widerspricht der menschlichen Natur.
Darüberhinaus müssen auch die Frauen jeden Morgen im
Gebet die drei Segenssprüche über die Tora sprechen.

Und noch ein Gegenargument: Vor der Übergabe der Tora am
Sinai lautete der Befehl: "So sollst du sprechen zum Hause
Jakovs, und verkünde den Kindern Israels" (Ex. 19,3); die
talmudischen Weisen erklärten dies folgendermaßen: "'Haus
Jakov' - die Frauen, 'Kinder Israels' - die Männer" (siehe
Raschikommentar zum Vers). Zuerst zu den Frauen!

Unser großer Lehrer, MaHaRaL ["Der Hohe Rabbi Löw" von
Prag, Löwe Jehuda ben Bezalel, lebte vor etwa 400 Jahren]
erklärte in seinem Torakommentar die Freistellung der Frau
vom Torastudium denn auch nicht als Makel, sondern als
Vorzug. Die Frauen haben es gar nicht nötig, Tora zu lernen,
denn die Tora liegt in ihrer Natur, so wie kein Mensch das
Atmen oder das Essen lernen muss. Nur was der menschlichen
Natur fehlt, muss man erlernen. Die Tora steht der Frau in ihrer
Seele geschrieben, liegt ihr im Blut, instinktiv, intuitiv. - Intuition
ist ein Gefühlssinn des Verstandes parallel zum Sehen, aber
nicht zum Hören. Man kann nicht mehreren Rednern gleichzeitig
zuhören. Wenn man etwas erklären will, muss man sich von
Stufe zu Stufe voranarbeiten, ein Argument an das andere
reihen, im Fachjargon "diskursives Denken" genannt. Wenn
man zum Beispiel den Inhalt eines Zimmers beschreiben will,
braucht man tagelang, bis man alle Einzelheiten bis ins kleinste
Detail aufgelistet hat. Doch mit einem Blick erfasst man alles auf
einen Schlag.

Die Frau erfasst mit einem Blick die Botschaft der Tora, und
darum braucht sie nicht zu lernen.

Nun wird man sicher fragen, wie machen die Frauen das: auf
einen Blick wissen sie alle Schabbatgesetze?! Alle
Kaschrutgesetze und die religionsphilosophischen Werke wie
den "Führer der Unschlüssigen"?! Diese Frage macht nur Sinn,
wenn wir das Torastudium als stufenweisen Wissenserwerb
ansehen. Doch "Tora" ist nicht nur Wissen - sondern Leben! Sie
umspannt die gesamte Persönlichkeit des Menschen! Do'eg der
Edomiter war ein großer Gelehrter, und gleichzeitig ein großer
Bösewicht (siehe Schmu'el I, Kap.21+22). Wie das? Dazu
sagten die Weisen: Die Tora war für ihn nur ein
Lippenbekenntnis.

Torastudium bedeutet nicht akademische Wissensaneignung,
sondern Anleitung zum täglichen Leben, es verknüpft uns mit
dem wesentlichen Inhalt des Lebens. Diese Überleitung von
seelischer Eigenschaft zur praktischen Ausführung vollbringt die
Frau auf natürliche Weise, ohne langes Lernen.

Was nun, wenn eine Frau doch an solchem Wissen interessiert
ist? Dann darf sie lernen, ist aber nicht dazu verpflichtet (siehe
"Prischa" zu JD §246; Rav A.I.Kuk, "Igrot HaRa'aja" II,102).
"Verpflichtung" bedeutet Verantwortung, aber nicht
"Möglichkeit", "Auswahl", "Bemühen" oder "Anstrengung".
Gegenüber der Verpflichtung gibt es keine Debatte und keine
Ausrede. Wenn die Frauen alle die vielen Einzelheiten lernen
müssten - im Sinne von Lernen wie in einer Jeschiwa - gäbe es
für sie keinen Ausweg, es wäre nicht ihrer Entscheidung
überlassen, auch wenn sie dadurch die Kinder vernachlässigen
müssten. Doch unterliegen sie eben nicht der Pflicht, es bleibt
ihrem freien Willen überlassen.

Sicher wird man einwenden wollen, wie Maimonides im Namen
der talmudischen Weisen schreibt, "wer seine Tochter Tora
lehre, gelte, als ob er sie Frivolitäten lehrte" (Gesetze vom
Toralernen, §1,13). Das hört sich doch sehr wie ein generelles
Verbot an? Doch ist damit genau das gemeint, was wir schon
erwähnten: man darf sie nicht zum Toralernen zwingen, doch
wenn sie ihre Seele dazu antreibt, ist es ihr erlaubt. In diesem
Fall darf man sie natürlich auch lehren, Hauptsache, man drängt
sie nicht in eine Richtung, die nicht ihrer Natur entspricht, da
doch die ganze göttliche Wahrheit auf natürliche Weise ihrer
Seele entströmt. Darum hieß es auch: "Jeder, der seine Tochter
Tora lehrt..", und nicht: "Jede Tochter, die Tora lernt..".

Tatsächlich gab es viele außerordentlich gelehrte Frauen, die
aus eigenem Antrieb die Sprossen des Torastudiums
emporstiegen, wie z.B. Bruria, die Frau des Rabbi Me'ir [einer
der prominentesten Weisen, der "Tanna'im" aus der Periode der
Mischna vor etwa 2000 Jahren]. Sie pflegte mit den Tanna'im zu
debattieren, und häufig wurde ihre Ansicht als Lehrmeinung
übernommen, wovon die Tossefta (Parallelwerk zur Mischna)
Zeugnis ablegt. In der folgenden Periode der Amora'im (Periode
des Talmud, bis vor etwa 1500 Jahren) lesen wir im Talmud
mehrfach von Jalta, der Frau des Rabbi Nachman, dem Leiter
des babylonischen Jeschiwazentrums in Nehardea. Sie, die
Tochter des Exilarchen, verfügte über besondere Weisheit.
Danach, zur Zeit der "Gaonim" (vor etwa 1100 Jahren), wirkte
die Tochter des Rabbiners Schmu'el ben Eli, Gaon von Bagdad,
die ihre eigene Jeschiwa leitete und den Unterricht in
talmudischer Gelehrsamkeit von hinter einem Vorhang erteilte,
damit die Schüler ihre Blicke beim Lernen nicht auf eine Frau
fixierten und dadurch abgelenkt würden. Die Tochter des
berühmten Torakommentators Raschi wird in einer seiner
Responsen als seine Stellvertreterin erwähnt. Edel, Tochter des
"Ba'al Schem Tov" (Gründer der chassidischen Bewegung in
Osteuropa), war ebenfalls für ihre Weisheit bekannt. Ebenso
Frieda, Tochter des Autors des "Tania" (Grundlage des
Lubawitscher Chassidismus), die viele Lehren ihres Vaters
ihrem Bruder, einem der spirituellen Anführer der Lubawitscher
Chassidim, übermittelte. Die "Jungfer von Ludomir" saß den
ganzen Tag eingehüllt in Tallit und Tefillin beim Studium der
Tora in einem kleinen Raum der von ihr erbauten Synagoge,
von wo aus sie besonders begabte Schüler unterrichte, die sie
ebenfalls nur hören, aber nicht sehen konnten.

Es gab viele Frauen wie jene. Es handelte sich allerdings um
Ausnahmen, die nicht als nachahmenswertes Vorbild dienen
sollen. Wir erzählen hier nicht über sie, um den Frauen
einzureden, sie müssten alle wie Bruria sein, sondern um zu
lehren, dass es so eine Möglichkeit gibt. Hier wird nichts
verboten oder verneint. Wenn eine ernsthafte, gerechte und
g~ttesfürchtige Frau Tora lernen will, hat sie das Recht dazu,
und niemand wird es ihr in Abrede stellen.

Die allermeisten Frauen waren jedoch nicht wie Bruria und auch
nicht wie die "Jungfer von Ludomir". Auch Esther gilt nicht als
Vorbild, dass nun etwa jede Frau Königin werden soll, und auch
Dwora nicht, die Richterin. Und wer ist ja ein Vorbild und zur
Nachahmung empfohlen? Die Stammütter Sara, Riwka, Rachel
und Lea! Sie waren große und gerechte Frauen, weise und
ernsthaft.

Wenn eine g~ttesfürchtige Frau glaubt, das Torastudium bringe
sie ihrem Schöpfer näher - umso besser. Wenn der Grund für
ihren Wissensdurst aber nur im Verlangen besteht, es den
Männern nachzumachen, so zu sein wie sie, dann sind wir nicht
dafür, weil generell alles bloße Nachäffen nicht gut ist. Wir sind
fürs Lernen: "Wer ist ein Weiser? Der von jedem Menschen
lernt" (Mischna "Sprüche der Väter", 4.Kap.,1), also nicht
Nachmachen. Die Frauen können noch etwas von den Männern
lernen, und die Männer von den Frauen, aber keiner darf den
anderen nachmachen. Es hängt alles von der Einstellung ab.
Eine Frau, die sagt, sie wolle wie ein Mann sein, sie sei dem
Manne identisch, befindet sich im Irrtum. Beide Geschlechter
sind wichtig und gut, beide "im Ebenbild G~ttes" (Gen. 1,27),
aber beide haben unterschiedliche Aufträge zu erfüllen.
Manchmal kann eine an sich gute Sache wegen des
Beweggrundes zu etwas Minderwertigem geraten. Zum Beispiel
die Bitte der Kinder Israels nach einem König aus einem Gefühl
der Benachteiligung heraus (und nicht, um damit ein göttliches
Gebot zu erfüllen), weil sie wie alle Völker ringsum sein wollten
(Sanhedrin 20b).

Wenn entsprechend eine Frau sich über die Worte der
talmudischen Weisen aufregt, die "doch nichts vom Leben
verstehen", und darum zeigen will, dass sie wie ein Mann lernen
kann, so ist das sicher nicht gut. Doch wenn sie von
Himmelsfurcht und Glauben an die Tora und die Worte der
Weisen erfüllt ist, sich nach der Tora aus innerem Antrieb sehnt
- glücklich sie und ihr Anteil.

Es stimmt wohl, dass in verschiedenen religiösen
Mädchenschulen Tora Pflichtfach ist. Doch dazu sagte schon
Sara Schnirer, die Gründerin der Mädchenschulen "Bet Jakov"
im Namen des "Chafez Chajim": Es heißt zwar, wer seine
Tochter Tora lehre, gelte, als ob er sie Frivolitäten lehrte - wer
sie aber keine Tora lehrt, lehrt sie wirklich Frivolitäten. Die Frau
enthält Tora zwar als Teil ihrer Natur, Natur aber kann auch
zerstört werden, wie wir überall auf der Welt sehen. Die
widrigen Winde, die zur Zeit auf der Welt wehen, treiben in die
der Tora entgegengesetzten Richtung und greifen auch das
jüdische Volk an. Wenn die Tochter sich natürlich geben wollte,
gleichzeitig aber die derzeitigen Umwelteinflüsse aufnimmt, wird
ihr das zum Fallstrick werden. Im Idealfall erhält die Tochter im
Hause Weisheit ganz automatisch. Sie bräuchte keine
Kaschrut-Gesetze aus Büchern zu lernen, sondern schaute
einfach ihrer Mutter in der Küche zu. Sie bräuchte keine
Gesetze über die üble Nachrede ("Laschon Hara") aus dem
Buche "Chafez Chajim" zu lernen, denn ihre Mutter hütete
immer ihre Zunge. Sie bräuchte niemals den "Führer der
Unschlüssigen" (religionsphilosophisches Werk des
Maimonides) aufzuschlagen, denn am Schabbes-Tisch
diskutierte die Familie weltanschauliche Dinge, Glaubensfragen
und intellektuelle Themen. So würde ihr auf informale Weise ein
reiches Wissen zufließen. Heute jedoch wehen den Töchtern
auf informale Weise die widrigen Winde aus Radio und Zeitung,
Internet und Fernsehen zu, die Winde der heutigen
Gesellschaft, die gar nichts mit dem Schulchan Aruch und dem
"Führer der Unschlüssigen" im Sinn haben, sondern nur Sünde
und Verbrechen, Sinnesreize und Gewalt, in einem
katastrophalem Ausmaß. Darum bleibt keine andere Wahl als
Mädchenschulen wie "Bet Jakov" zu gründen, um die Mädchen
Tora zu lehren.

Natürlich darf auch in diesem Rahmen der Unterricht nicht zur
Kopie des männlichen Gegenstückes ausarten, vielmehr
müssen die Inhalte den Schülerinnen zur Ergänzung ihrer Natur
angepasst werden. Bei einem gesunden Menschen zum Beispiel
befindet sich der Blutzucker im Gleichgewicht; wenn aber die
Bauchspeicheldrüse nicht ausreichend funktioniert, muss ihm
ständig Insulin zum Ausgleich zugeführt werden.

In normalen Zeiten findet die Tora auf natürliche Weise zur
Frau. Doch heutzutage leidet die jüdische Natur unter den
vielen Nadelstichen schlechter Einflüsse und widrigen
kulturellen Geistes der heutigen Gesellschaft. Über die
Natürlichkeit der Tora spricht die Frau jeden Morgen drei
Segenssprüche, weil ihr jene Erleuchtung auf einem anderem
Wege als durch Lernen zufließt, nämlich durch intuitives
Erfassen. Leider funktioniert diese Natürlichkeit nicht mehr, und
darum sollten heute alle Mädchen Tora lernen, um ihr Leben
nach der Tora führen zu können. Und wenn eine ungewöhnliche
Frau, von hoher spiritueller Statur, aufgrund ihrer besonderen
Himmelsfurcht den unbändigen Drang verspührt, ihre Horizonte
auf dem Gebiete der Tora zu erweitern - glücklich sie und ihr
Anteil.