DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT EKEW
Nr. 265
18. Aw 5760

 

Diese Woche in der Tora (Dt. 7,12-11,25):
Die Segnungen des Gehorsams, Heranziehung der Geschichte
als Motivation zur Erfüllung der fundamentalen Pflicht, G~tt zu
lieben und seine Gesetze zu halten, persönliches Erleben der
Wunder zu Gunsten Israels sollen zu Liebe und Gehorsam
führen, Belohnung und Strafe im Judentum (Mittelteil des
Schma-Gebetes).
 
 
 
Frage und Antwort

Wie erwartet man den Maschiach?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: In einer der vorigen Ausgaben der "Betrachtungen zum
Wochenabschnitt" erklärten Sie, dass man sich nicht beim Herrn
der Welt beschweren dürfe, wenn er die vollständige Erlösung
nicht sofort und auf der Stelle liefere [Nr.262]. Genau dies
haben aber große Rabbiner schon mehrmals in der
Vergangenheit getan, um himmlisches Erbarmen zu erwecken.
Wenn wir uns unseren heutigen Zustand betrachten, stellen
sich schwerwiegende Fragen über die göttliche Fügung,
besonders im Hinblick auf die von unserem Blut getränkte
Vergangenheit. Auch unsere Stammutter Rachel klagt schon
über die Länge des Exils: Genug, Aba, wir haben keine Kraft
mehr, bring' uns nach Hause!

Antwort: Das ist wohl alles wahr, aber "der Ton macht die
Musik": Wendet man sich an den Herrn der Welt wie eine
beleidigte Leberwurst, und noch mit besserwisserischer Kritik -
oder voller Glauben und Himmelsfurcht, wie es nämlich erlaubt
und gut ist? Natürlich hoffen wir alle, dass ein Wunder geschehe
und der Maschiach ("Messias") noch heute erscheint:
schließlich glauben wir ja an Wunder. Gleichzeitig müssen wir
aber wissen, dass G~tt auch anders entscheiden kann und sich
der Maschiach langsam und auf natürlichem Wege offenbart.

Einst kamen zwei Studenten zu unserem Lehrer Rabbiner Zwi
Jehuda Kuk sel. und fragten ihn, wann der Maschiach komme.
Darauf antwortete er: Der Maschiach ist schon etwas
gekommen. Seit 120 Jahren erkennen wir bereits messianische
Zeitzeichen.

Die Erwartung, dass der Maschiach heute kommen kann, ist eine
reine und heilige Geisteshaltung, die den Menschen erhebt,
doch darf man sich nicht dazu verleiten lassen, alles zu
verachten, was G~tt schon an uns vollbracht hat. Eine
erhabene Erwartungshaltung deutet auf ein reines Herz hin.
'Sage mir, was du erhoffst, und ich sage dir, wer du bist'. Wir
glauben an Wunder, deswegen dürfen wir aber nicht undankbar
sein für die Dinge, die G~tt auf natürlichem Wege vollbringt.

Wenn ein Kranker die unermüdliche Behandlung durch den Arzt
ignoriert und nur darum betet, dass ihm ein Wunder geschehe,
und wenn er Schmerzen verspürt, dem Arzt nur mitteilt, dass er
bis zum Abend ein Wunder erhoffe, dann darf der Arzt zu recht
beleidigt sein. Er setzt sich für diesen Kranken schon Wochen
und Monate ein und verbringt seine Tage und Nächte zu dessen
Füßen, doch dieser Kranke vertraut ihm nicht und misst seinen
Bemühungen keine besondere Bedeutung bei, vergisst sogar,
sich zu bedanken. Der Arzt ist nicht beleidigt, weil der Kranke
auf ein Wunder hofft, im Gegenteil, auch er würde sich über ein
Wunder spontaner und unerklärlicher Heilung freuen, vielmehr
kränkt ihn die Undankbarkeit des Patienten.

So freut sich G~tt über unseren Wunsch, noch heute den
Maschiach durch ein Wunder zu erhalten, doch ist er "beleidigt",
wenn wir ihm über den Aufbau des Landes, die Millionen
Rückkehrer nach Zion und die Gründung des Staates Israel
keinen Dank zollen.

Es gibt eine Geschichte von einem Mann, der vom Himmel auf
sein Leben herabblickt und zu G~tt spricht: Wenn ich mir mein
Leben anschaue, so sehe ich wohl Deine Fußabdrücke, als Du
mir zur Seite standest. In den schweren Zeiten kann ich aber
nur ein Paar Fußabdrücke erkennen. Warum hast Du mich
gerade dann verlassen? Darauf erwiderte der Herr der Welt:
Dieses einzelne Paar ist von mir und nicht von dir, weil ich dich
damals auf meinen Schultern getragen habe...

"Ist wohl der Ewige in unserer Mitte oder nicht? - Da kam
Amalek und stritt gegen Israel.." (Ex. 17,7-8). Raschi erklärt den
Zusammenhang dieser beiden Verse: "..um zu sagen, ich bin
immer in eurer Mitte und für alles bereit, was ihr braucht, und ihr
sagt, ist der Ewige in unserer Mitte oder nicht? Bei eurem
Leben, der Hund wird kommen und euch beißen; dann werdet
ihr zu mir rufen und wissen, wo ich bin. Das gleicht einem
Menschen, der seinen Sohn auf die Schulter nimmt und eine
Reise antritt; der Sohn sieht einen Gegenstand liegen und sagt,
Vater, nimm diesen Gegenstand und gib ihn mir, und er gibt ihn
ihm; ebenso das zweite Mal, ebenso das dritte Mal; da
begegnen sie einem Menschen, und jener Sohn sagt zu ihm,
hast du meinen Vater gesehen? Da sagt der Vater zu ihm, weißt
du nicht, wo ich bin? und wirft ihn von sich ab, und ein Hund
kommt und beißt ihn".

Ein ähnliches Problem kann bei Eheleuten vorkommen, die bei
der Hochzeit natürlich unsterblich ineinander verliebt waren.
Doch sind die zehn Jahr verheiratet, empfinden sie schon als
Selbstverständlichkeit, was Einer für den Anderen Gutes tut,
und die negativen Eigenschaften stechen um so mehr ins Auge.
Für das Gute bedankt sich keiner, aber über das Schlechte wird
groß herumgezetert, und so geht es mit der Liebe bergab.

Bei Gründung des Staates Israel tanzten Alle auf den Straßen.
Jetzt aber denken wir seltsamerweise, es gebe keinen Grund zu
tanzen. Jeden Tag sollten wir auf der Straße tanzen!

Nach dem "Anschluss" Österreichs zwangen die Nazis die
Juden, die politischen Parolen des gegen die Nazis
eingestellten Kanzlers von den Fußwegen zu entfernen. Auch
den berühmten Rabbiner von Sadigora zogen sie am Hute
herbei und zwangen ihn, die Straße zu putzen. Dabei gelobte
dieser in seinem Herzen: Wenn G~tt mit mir ist und mich ins
Land Israel bringt, werde ich dort die Straßen reinigen. Und so
geschah es auch: Als er durch G~ttes Gnade nach Israel
gelangte, fegte er frühmorgens Straßen in Tel-Aviv, bis seine
Chassidim das herausfanden und ihn nicht mehr ließen.

Lasst uns nicht vergessen: Hier gibt es keine Nazis, keine
Chmelnicki- und keine Kreuzzug-Pogrome. Wir haben hier
unseren eigenen, selbständigen Staat. Das ist nicht
selbstverständlich, das verdanken wir der Gnade G~ttes.
Wollen wir die Straßen Tel-Avivs in Freude reinigen, und
danken wir G~tt Tag und Nacht, vielen Dank! Dann dürfen wir
auch nach einer Zugabe verlangen. Wenn einer ruft: "Wann gibt
es in diesem Haus endlich mal was Vernünftiges zu essen?", ist
Mutter beleidigt, wenn man aber ruft: "Es schmeckt so gut, gib
uns noch etwas!" - dann ist sie überglücklich.
 
Am Schabbes-Tisch

Echt israelische Himmelsfurcht

Rav Jakov Ari'el
Oberrabbiner von 
Ramat Gan

"Und nun, Israel, was verlangt der Ewige dein G~tt von dir, als
dass du fürchtest den Ewigen deinen G~tt" (Dt. 10,12). Diese
Aufforderung erfolgt gerade jetzt, beim Einzug ins Land, "auf
dass ihr stark seid und dazu gelanget, das Land einzunehmen"
(Dt. 11,8). Um die Beziehung zwischen Himmelsfurcht und dem
Lande Israel besser zu verstehen, müssen wir uns diesen
Begriff der "Himmelsfurcht" einmal gründlich betrachten.

Nach Ansicht von Rabbiner Awraham Jizchak Kuk sel. handelt
es sich bei der Himmelsfurcht um ein seelisches Hilfsgerät, das
der Mensch entsprechend seines spirituellen Niveaus, seiner
Fähigkeiten und Neigungen mit Inhalt füllen muss. Dieses
seelische Gerät befindet sich in jedem Menschen, der "im
Ebenbild G~ttes" geschaffen wurde, und wird als objektiver,
über ihm befindlicher Bezugspunkt aktiviert, wenn er über seine
moralischen Entscheidungen im Leben nachdenkt. Daher der
Begriff "Himmel". Zwar befindet G~tt sich überall, "voll ist die
ganze Erde seiner Herrlichkeit" (Jeschajahu 6,3), und "siehe,
des Ewigen unseres G~ttes sind die Himmel, und die Himmel
der Himmel, die Erde und alles, was darin" (Dt. 10,14). Doch wir
als Menschen betrachten mit größerer Ehrfurcht, was über uns
ist, als das, was unter uns ist. Darum beziehen wir uns in
unserer menschlichen Begriffswelt gerade auf den "Himmel".
Damit soll etwas Erhabenes, Unendliches, Ewiges und
Absolutes ausgedrückt werden. Wenn wir etwas nicht nur mit
unseren beschränkten Maßstäben und eingeengtem Horizont
abwägen, sondern dieses mit "Himmel" bezeichnete Wesen in
unsere Überlegungen einbeziehen, dann bedienen wir uns der
"Himmelsfurcht". Es gibt fast keinen Menschen, der nicht die
objektive, absolute und außer ihm liegende Quelle mit in
Betracht zöge. Dafür gibt es viele Namen: 'Moralprinzipien',
'kategorischer Imperativ', 'Gewissen', 'Grundwerte' und andere
Worte, die jedes Mal in dem törichten Versuch hinzugezogen
werden, die einfache Wahrheit zu umgehen, die da "G~tt" heißt.
Dieses grundlegende Gerät ist die Himmelsfurcht.

Wie gesagt ist es dem Menschen überlassen, dieses Instrument
mit Inhalten zu füllen. Es besteht die Gefahr des Verbleibens
auf niederer Ebene dumpfen Gefühles, verborgener Angst oder
passiver Untätigkeit, die sich keine Initiative zu ergreifen traut -
und all dies aus einem inneren Gefühl der Himmelsfurcht
heraus. Andererseits kann der Mensch seine Himmelsfurcht zu
erhabenen und tiefsinnigen Ideen entwickeln, zu Liebe und
Begeisterung, zu zielgerichteter Tätigkeit hin auf eine bessere
Welt unter der Herrschaft G~ttes. Beide Zustände können mit
"Himmelsfurcht" bezeichnet werden, nur dass es sich bei der
ersteren um die niedere, bei der letzteren um die höhere Form
handelt. Der Begriff der "Furcht" in seiner erhabenen Bedeutung
will nicht Angst und Bedrohung ausdrücken, sondern Respekt,
Ehrfurcht, ein Verhältnis von Wertschätzung und Verehrung.
Das ist die wahre und vollkommene Himmelsfurcht.

Die Bedingungen des Exils (Galut) bestimmten in großem Maße
Art und Qualität der Himmelsfurcht auf vielen gesellschaftlichen
Ebenen. Die Furcht vor jedem Säuseln des Windes, die
Anschmeichelung an die Nichtjuden, die Vermeidung von jeder
Handlung, die den Herrscher erregen könnte, die Zerstreuung
und die Polarisierung des Volkes, die Kleingeistigkeit und die
Ignoranz - sie alle beeinflussten die Himmelsfurcht weiter Teile
der Massen. Diese Himmelsfurcht wurde von der sie
umgebenden Atmosphäre mitgeformt. Die großen Weisen zwar
waren diesen Einflüssen gegenüber immun, das einfache Volk
aber konnte sich ihnen nicht entziehen. Im Lande Israel befreite
sich das Volk von den Bedingungen der Galut. Die Rückkehr
zur eigenen Natur, die Freiheit und die Selbstsicherheit, die
Einsammlung der Zerstreuten und die Größe des Geistes, die
das Land charakterisieren - pflanzten neue Eigenschaften in die
Himmelsfurcht des Landes Israel. Den Platz der Strenge
übernimmt die Liebe, den Platz des dumpfen Gefühles das
vertiefende und klare Verständnis, und den Platz der Untätigkeit
die aktive Initiative. Nicht mehr Schwächlichkeit, sondern Macht
- und eine neues Verantwortungsgefühl. Nicht mehr egoistische
Sorge, sondern öffentliche Verantwortung und gesellschaftlicher
Einfluss. Die israelische Himmelfurcht gilt der ganzen
Gemeinschaft. Sie beschränkt sich nicht auf die
Vervollkommnung des Individuums, sondern strebt nach dem
Idealzustand der gesamten Gesellschaft.

Auch Moscheh beschränkt sich im weiteren Verlauf seiner Rede
nicht auf die niedere Version der Himmelsfurcht, sondern
fordert, "dass du auf allen seinen [G~ttes] Wegen wandelst" (Dt.
10,12), nicht nur Himmelsfurcht zuhause, im privaten Bereich,
sondern in allen Lebensbereichen, in der Öffentlichkeit und auf
der Straße. "und ihn liebst" (ebda.) - nicht nur Furcht, sondern
auch Liebe, kein Erzittern, sondern Freude. "..und dienest dem
Ewigen deinem G~tt" (ebda.) - nicht nur Passivität, sondern
auch Aktivität, keine Zurückhaltung, sondern Initiative. "mit
deinem ganzen Herzen" (ebda.) - mit allen deinen Trieben,
nutze alle deine Kräfte und alle deine Begabungen. "..und
deiner ganzen Seele" (ebda.) - bis zur Selbstaufopferung, wenn
diese nötig sein sollte, mit allen Kräften der Seele, den
spirituellen wie den physischen. Im Lande Israel hat auch der
Körper einen Anteil an der Himmelsfurcht.