DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT CHAJE SARA
Nr. 224
27. Marcheschwan 5760
 


Diese Woche in der Tora  (Gen. 23,1-25,18):
Saras Tod, Kauf der Höhle Machpela bei Chewron ("Hebron"),
Awrahams Hausverwalter Elieser auf Brautschau für Jizchak,
bringt Riwka, Awrahams neue Frau Ketura und ihre
Nachkommen, Awrahams Tod, seine Beerdigung in der Höhle
Machpela durch Jizchak und Jischma'el, Jischma'els
Nachkommen und Tod.
 
 
Frage und Antwort

Die Ehre meiner Frau 
(2. Fall)

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Mein Mann macht mir das Leben schwer, manchmal
schlägt er mich auch und beleidigt mich. Die Rabbiner sagen:
Wir haben pausenlos auf ihn eingeredet, aber er hört nicht auf
uns; so ist er und so bleibt er; lass dich scheiden, es gibt keine
Alternative. - Vielleicht sollte ich aber doch bei ihm bleiben und
leiden, vielleicht liegt darin mein Seelenheil?

Antwort: Auf keinen Fall! Ein Mensch braucht nicht freiwillig zu
leiden. Warum geht man denn zum Arzt? Warum essen wir
überhaupt? Warum heizen wir das Haus? Vielleicht liegt unser
Seelenheil in dauernder Krankheit, Hunger und Naselaufen?!
Der Herr der Welt gebot uns einen produktiven Lebensweg, um
ein gutes und angenehmes Leben zu leben.

Manchmal konfrontieren uns unlösbare Probleme. Dann
allerdings stimmt die Rechnung: Lässt sich nichts ändern, dann
sind die Leiden selbst die Heilung. Wenn sich die Leiden aber
beseitigen lassen, so muss man sie beseitigen.

Und was soll das überhaupt heißen, 'er schlägt und beleidigt
mich'?! Geben Sie ihm eine Antwort, lassen Sie ihn nicht!
Wenn er Sie beleidigt, sagen Sie ihm: Ich erlaube dir nicht,
mich zu beleidigen! Punktum! Wenn er Sie schlägt - gehen Sie
zur Polizei. Wenn Sie nun sagen, das ist aber nicht nett, damit
zur Polizei zu laufen... das ist ganz wunderbar nett, sich über
so etwas bei der Polizei zu beschweren. Wenn es natürlich nur
ein einziges Mal vorkam, und er sich gleich entschuldigte und
darüber ein ganzes Jahr geknickt war, dann kann man es
durchgehen lassen. Doch wenn sich diese Erscheinung
wiederholt, so ist der Gang zur Polizei sehr nett. Wenn man
1000 Ehemänner, die ihre Frauen schlagen, ins Gefängnis
steckte, dann würde das auf die restlichen 199.000, die noch
frei herumlaufen, sicher Eindruck machen und sie von ihrer
Gewohnheit abhalten. Lassen Sie ihn auch nicht ein einziges
Mal zuschlagen.

Auch Beleidigungen darf man nicht zulassen. Wenn er nicht
hören will, müssen Sie ihm in gleicher Münze heimzahlen. Das
ist erlaubt ("Sefer HaChinuch", Mitzwa 338).

Wenn sich aber nichts machen lässt, ein hoffnungsloser Fall
also (auch wenn ich kaum glauben kann, dass es sowas gibt),
wie die Rabbiner Ihnen sagten, dann muss man ihrem Rat
folgen. Denn selbst wenn Sie leiden wollten - was wird aus den
Kindern?! Ist das gesund für die Kinderseele, mitanzusehen,
wie ihr Aba ständig die Ima beleidigt? Ein Kind versteht das
nicht, es dreht einfach durch. Seine ganze Seelenwelt wurde
erschüttert. Für ein kleines Kind ist der Vater wie G~tt, und
auch die Mutter wie G~tt; auf diese Weise entsteht für das Kind
eine Spaltung der Göttlichkeit wie in der griechischen
Mythologie, wo eine Vielzahl miteinander streitender Götter
eine lange Tradition hat. So ein Zustand zerstört ihr Weltbild,
und wenn sie selber schließlich vor der Eheschließung stehen,
werden sie nicht zu einem normalen Eheleben fähig sein und
unter den gleichen Problemen leiden.

Dass Sie wegen tiefgründiger Überlegungen zur Erlangung des
Seelenheils solche Leiden aufsichnehmen wollen, kann ich
noch verstehen, doch für die Kinder ist das sicher nicht gut. Sie
müssen in einem Haus aufwachsen, in dem sie die Wärme der
elterlichen Liebe spüren, oder wo die Eltern wenigstens
freundschaftlich miteinander umgehen. Selbst wenn die Eltern
nicht einmal Freundschaft füreinander empfinden, so sollten sie
sich immerhin wie eine Wohngemeinschaft verhalten, deren
Mitglieder sich im gemeinsamen Haus korrekt benehmen. Das
ist das Minimum. Auch wenn die Eltern nicht gerade im siebten
Himmel romantischer Liebe schweben, sind sie doch
wenigstens wie verlässliche Geschäftspartner, die ihr
Unternehmen zum gemeinsamen Wohl voranbringen.

Manche Dinge im Leben sind es nicht wert, sich darüber
aufzuregen. Wegen eines Vordränglers an der Supermarkt-
Kasse braucht man nicht den dritten Weltkrieg anzufangen. Bei
ernsten Fällen gilt das aber nicht. Das Familienheim muss ein
Garten Eden sein. Wenn es zur Hölle wird, darf man auf keinen
Fall nachgeben.

Es ist schon schlimm genug, dass Ihnen Ihr Mann so zusetzt,
obendrein aber verursacht er Ihnen noch das Gefühl, an allem
selber schuld zu sein. Das darf man nicht hinnehmen. Er ist
schuld, und er muss reumütige Umkehr tun.
 


 
Kinder, Kinder...

Weltliche Studien (6)
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

In der vorigen Folge erwähnten wir einige Kommentare zum
Ausspruch von Rabbi Nehorai in der Mischna (Kiduschin 82a):
"Ich lasse lieber alle Berufe der Welt und lehre meinen Sohn
nichts als Tora". Die überwiegende Mehrheit der
Kommentatoren sieht in der Lehrmeinung von Rabbi Nehorai
keine Opposition gegen die Pflicht des Vaters, seinen Sohn
einen Beruf zu lehren, sondern lediglich eine Eingrenzung.
Nach dem MaHaRSchA will Rabbi Nehorai auf die Zentralität
des Torastudiums hinweisen, damit man die Erziehung darauf
konzentriere und die Berufsausbildung zur Nebensache
mache. Nach dem "Pnej Jehoschua" bezog Rabbi Nehorai
seine Worte nur auf sich selbst, d.h., er beschrieb seine
persönliche Handlungsweise, weil er in seinem Sohn eine
Begabung für das Torastudium erkannte und dessen
zukünftige Größe klar voraussah. Darum verkündete Rabbi
Nehorai vor allen Weisen, dass er die Erziehung seines Sohnes
ausschließlich der Tora widme.

Auch der "Chatam Sofer" (Rabbi Moses Sofer/Schreiber,
Gründer der Pressburger Jeschiwa, einer der scharfsinnigsten
Talmudisten der neueren Zeit, vor ca. 200 Jahren) setzte sich
mit den Worten Rabbi Nehorais auseinander und schränkte sie
ein. Er ging davon aus, dass das Verhältnis zur
Berufsausbildung vom Verhältnis zum Beruf abhängt. Einen
Beruf kann man von zwei Seiten betrachten: 1. Arbeit und
Beruf als Quelle des Lebensunterhaltes; darum "gilt, wer
seinen Sohn keinen Beruf lehrt, als hätte er ihn Räuberei
gelehrt". In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied
bezüglich Art und Ort des Gewerbes. Jede Arbeit ehrt ihren
Meister. "Lieber häute ein Kadaver auf der Straße (ein wenig
geachteter Beruf) als den Mitmenschen auf der Tasche zu
liegen" (Pessachim 113a). 2. Die Arbeit in einem Beruf dient
nicht nur dem Unterhalt des Menschen, sondern trägt auch zur
"Zivilisierung der Welt", zum Aufbau und zur Entwicklung der
menschlichen Gesellschaft bei.

Wie halten wir es mit der "Zivilisierung der Welt"? Messen wir
dem technischen Fortschritt besondere Bedeutung bei? Nach
dem "Chatam Sofer" besteht in dieser Hinsicht ein wesentlicher
Unterschied zwischen dem Lande Israel und der übrigen Welt.
In Israel hat die Landwirtschaft den Rang eines göttlichen
Gebotes (Mitzwa): "Die Bearbeitung des Bodens ist eine
Mitzwa, weil so das Land Israel besiedelt wird". Doch nicht nur
die Landwirtschaft gilt als Mitzwa, sondern auch alle anderen
Tätigkeiten zum Aufbau und zur Weiterentwicklung des
Landes, wie zum Beispiel Wirtschaft und Technologie. In
seinen Responsen äußerte er sich in dieser Beziehung noch
abwägend, "es ist möglich, dass sogar die anderen Gewerbe,
die zur Zivilisierung der Welt beitragen, als Mitzwa gerechnet
werden", doch in seinem Kommentar zur Tora entschied er
eindeutig: "Nicht nur die Bodenbearbeitung, sondern das
Erlernen eines jeden Gewerbes, weil es der Besiedlung des
Landes Israels und seiner Würde dient, damit man nicht sage,
es finde sich im ganzen Lande kein Schuster, kein Bauarbeiter
usw., und man müsse diese aus fernen Landen herbeischaffen.
Darum gilt das Erlernen eines jeden Gewerbes als Mitzwa".
Jedoch zur Zeit der Galut, der Diaspora, als wir im Ausland
saßen, auf fremder und entfremdeter Erde, hatten wir keinen
besonderen Grund, unsere Schaffenskraft Anderen zur
Verfügung zu stellen. Darum galt damals die Anweisung aller
großer Toragelehrter, unsere Aktivitäten zur "Zivilisierung der
Welt" auf ein Minimum zu beschränken. Natürlich war ein
ehrbares Handwerk nicht verboten, doch hatte es immer auch
etwas Negatives an sich ("vermehrte Beschäftigung mit der
Zivilisierung der Welt verursacht dem Dienst an G~tt vermehrte
Zerstörung").

Weiter führte der "Chatam Sofer" aus: "Was diesen Aspekt
betrifft, stützen wir uns auf Rabbi Nehorai 'Ich lasse lieber alle
Berufe der Welt und lehre meinen Sohn nichts als Tora', d.h.
außerhalb Israels". Damit wollte er ausdrücken, dass wir uns im
Ausland von schaffender Tätigkeit zurückhalten und kein
Gewerbe erlernen, sondern uns aufs Torastudium
konzentrieren. "Rabbi Nehorai bezieht sich auf unseren
Zustand der Zerstreuung unter die Völker; diese verfügen über
ausreichend Gewerbetreibende und sind nicht auf uns
angewiesen, und wer sich damit beschäftigt, dann nur zu
seinem Lebensunterhalt. Darum lasse ich lieber alle Berufe der
Welt und lehre meinen Sohn nichts als Tora".

Wie wahr erwiesen sich doch die Worte des "Chatam Sofer". In
der Zeit der Galut konnten die Toragelehrten keinen
besonderen Wert in der Beteiligung von Juden an der
wirtschaftlichen Entwicklung der jeweiligen Gastländer
entdecken. Während der Galut bestand unsere einzige
Aufgabe darin, zu überleben, und nicht mehr als das. (Auch die
in wirtschaftliche Führungspositionen gelangten Juden waren
ein Teil dieser "Überlebensaktion", indem sie ihren Einfluss zu
diesem Zwecke geltend machten). Wir fühlten keine besondere
Verbundenheit mit der übrigen Welt und kümmerten uns nicht
um deren Entwicklung. Das wirkte sich natürlich auch auf
unsere Einstellung zur Berufsausbildung aus.

Im Lande Israel liegt der Fall jedoch ganz anders. Hier hat
der materielle Fortschritt den Rang einer Mitzwa, er gilt als
Wert an sich. Unser Ideal besteht nicht darin, in Israel nur
zu überleben, sondern es aufzubauen und weiterzuentwickeln,
es an die Spitze der industrialisierten Länder zu bringen, seine
Wirtschaft zu optimieren und die Landwirtschaft zu fördern.
Darum handelt es sich beim Erlernen eines Berufes, der zur
Entwicklung Israels beiträgt, um ein wünschenswertes Ideal.