DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BESCHALLACH
Nr. 235
15. Schewat 5760 TU BE'SCHWAT


Diese Woche in der Tora (Ex. 13,17 - 17,16):
Ägypter verfolgen die Kinder Israels nach dem Auszug;
Spaltung des Schilfmeeres; Übergang der Israeliten, Untergang
der Ägypter; 2 Lobgesänge; erste Beschwerden; Man
("Manna"); freitags doppelte Menge, reicht auch für Schabbat;
wiederum Zank um Trinkwasser; Moscheh schlägt den Felsen;
Überfall der Amalekiter; Gebot, Amalek in allen Generationen zu
bekämpfen.
 
 
 

Der Stand der Dinge...
Entwurzelung
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

Die talmudischen Weisen sehen im Bäumepflanzen im Lande
Israel ein "Folgen in göttlichen Fußstapfen": "Zu Beginn der
Schöpfung beschäftigte sich der Heilige, gelobt sei er, zuerst mit
der Pflanzung, 'und es pflanzte der Ewige, G~tt, einen Garten in
Eden' [Gen. 2,8]. Auch ihr, wenn ihr in das Land kommt,
beschäftigt euch zuerst mit der Pflanzung, wie es heißt: 'Wenn
ihr in das Land kommt und allerlei Fruchtbäume pflanzet' [Lev.
19,23]" [Midrasch Wajikra rabba 25,3]. Dieses Zitat fand sich in
den Worten des Rabbiners Elijahu "Gaon von Wilna" wieder, als
er seine Schüler zur Einwanderung nach Israel auf den Weg
brachte: "Möge mir G~tt das Verdienst zuteil werden lassen, mit
eigenen Händen Obstbäume in der Umgebung Jerusalems zu
pflanzen in Erfüllung des Gebotes 'Wenn ihr in das Land kommt
und allerlei Fruchtbäume pflanzet' (s.o.)".

So bürgerte sich in Israel die Sitte ein, an Tu Be'Schwat in die
Natur hinauszuziehen und Bäume zu pflanzen, um dadurch
unserer Liebe zu und unserer Verbundenheit mit dem Land
Ausdruck zu verleihen. Das Land vergilt es uns auf seine eigene
Weise, indem es uns seine süßen Früchte im Überfluss
hervorbringt "meinem Volk Israel, denn sie kommen bald"
[Jecheskel 36,8 / siehe Sanhed. 98a].

Das Gegenteil vom Pflanzen ist das Entwurzeln, das Ausreißen.
So wie der erste Mensch dem Garten Eden entrissen und
vertrieben wurde, gleicht auch das Fällen und Entwurzeln von
Bäumen dem Entwurzeln eines Menschen von seinem Boden
und einer Nation von ihrem Land.
Nach dem Stand der Dinge befinden wir uns zwar mitten in
einer großartigen Periode des Einpflanzens des jüdischen
Volkes in sein Land, nach zweitausend Jahren der
Entwurzelung, und vor unseren Augen geben die Hügel Israels
ihre Früchte dem Volke Israel in nie gekanntem Ausmaße,
entsprechend der prophetischen Voraussage (s.o.) - doch
gleichzeitig schweben Gedanken von Entwurzelung und
Zerstörung von Teilen unseres Landes im Raum. Im Gegensatz
zu diesen Bestrebungen ziehen Zehntausende zum
Bäumepflanzen auf die Golanhöhen, um so ihrer Liebe und
Verbundenheit Ausdruck zu geben, den Boden mit eigenen
Händen zu fühlen und sogar Tränen mit brennendem Herzen
über den furchtbaren Gedanken zu vergießen, diesen
Mutterboden zu verkaufen - und zu beten: Bitte G~tt, reiße
keinen Setzling aus!

In Erwartung der Erlösung,
Rav Dov Begon
 
Frage und Antwort

Meinungsfreiheit
 

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wie steht das Judentum zur Meinungsfreiheit?

Antwort: Ein modernes Sprichwort besagt: 'So fängt es an und
endet mit dem Mord an Rabin'. Jedem, der sich etwas zu heftig
gegen linke Politik ausspricht, stopft man sogleich den Mund:
'So fängt es an und endet mit dem Mord an Rabin'. Der
Betroffene fühlt sich furchtbar beleidigt: Wie, habe ich etwa
Rabin umgebracht, was für eine Verleumdung! Nur weil ich mich
deutlich ausgedrückt habe, bin ich doch noch lange kein
Mörder!

Wenn wir die Sache aber einmal genauer unter die Lupe
nehmen, ist an diesem Spruch was Wahres dran. Sicher will der
Benutzer dieses Sprichwortes nicht jeden gleich als Mörder
hinstellen, der mit Nachdruck seine Meinung vertritt. Er möchte
nur davor warnen, dass der freie Lauf des Mundwerks beim
Ausdruck von Überzeugungen am Ende der Geschichte einen
hohen Preis fordern kann.

Ein Mensch kann sich nicht damit herausreden, er habe ja
Rabin nicht umgebracht, sondern nur gesagt, er verdiene,
getötet zu werden. Er vergegenwärtigt sich nicht die enorme
Macht des Wortes. Rabbiner Awraham Jizchak Kuk schrieb in
bezug auf die Meinungsfreiheit: "Eine vollkommene Trennung
zwischen den Überzeugungen und den Taten lässt sich in
keinem Fall durchführen" (Briefe, Nr.20). Was man redet, in
welchem Zusammenhang auch immer, färbt auf die Taten ab.
Die Meinungsfreiheit ist eine gute Sache, "es gibt aber auf der
Welt nicht eine Eigenschaft", selbst die allerbeste, "die nicht
durch Weiterführung in ihr Extrem Schaden nähme" (ebda.).
Wenn jemand mit seinen Meinungen die Fundamente der
gesellschaftlichen Strukturen seiner Nation angreift, werden sich
diese Gedanken am Ende ausbreiten und ihre zerstörerische
Wirkung entfalten. Rabbiner Kuk brachte dazu ein Beispiel:
Nehmen wir mal an, jemand gelange zu der Überzeugung, an
Mord sei prinzipiell nichts auszusetzen. Er selber mordet nicht,
ja tut nicht einmal einer Fliege etwas zuleide. Doch schließlich
verbreiten sich seine Ansichten in den Herzen und Köpfen der
Menschen, die sie dann zur Ausführung bringen könnten. - Der
Mensch besteht nicht aus zwei voneinander unabhängigen
Hälften, einer denkenden und einer handelnden, die niemals
miteinander in Berührung kommen. Oder wie es der Philosoph
Chesterton einmal ausdrückte: Es gibt nichts Praktischeres als
die Theorie.

Aus diesem Grunde erlaubt die Tora keine unbeschränkte
Meinungsfreiheit. Etwas, was verboten ist zu tun, darüber darf
man auch nicht reden. Wer die israelische Armee mit den Nazis
vergleicht und glaubt, dieses Gerede habe keine praktischen
Konsequenzen, verhöhnt das Wirken des menschlichen
Denkvermögens und den Wert des Verstandes.

Als Stalin die Macht in Russland übernahm, fiel sein Konkurrent
Trotzki in Ungnade und wurde von Stalins Leuten durch alle
Länder der Welt verfolgt, bis man ihn schließlich erwischte und
umbrachte. Was hatte Stalin an der Spitze eines Staates mit
Millionen Soldaten von einem einzelnen Menschen zu fürchten?
Doch dieser einzelne Mensch verfügte über Bleistift und
Stimme, und das Riesenreich zitterte davor, dass er sie benutzte.

Auch die Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen. Meinungen, die der
Nation gefährlich werden können, darf man nicht aussprechen.
Man soll sie noch nicht einmal denken, aber was kann man
machen... In der Tora gibt es Dinge, die man nicht tun darf, aber
auch Dinge, die man nicht aussprechen und noch nicht einmal
denken darf.

Rabin wurde von einem Menschen mit einer Pistole ermordet,
doch viele mordeten ihn mit Worten, und noch mehr mordeten
ihn in Gedanken. Was die hohen Regierungskreise denken,
darüber redet man auf einer niedrigeren Ebene, und der
menschliche Ausschuss am Rande der Gesellschaft greift zum
Schießeisen und tötet.

So ist es mit allen Dingen. Einer denkt, man brauche gar keinen
Staat Israel. Nach ihm kommen Andere, die reden darüber. Am
Schluss haben wir Juden, die bereit sind, Israel aufzugeben und
stattdessen eine "Föderation von Bundesstaaten des Nahen
Ostens" einzurichten.

Gerede kann offensichtlich gefährlich werden. Die Maskilim,
"aufgeklärte" Juden, hielten Gebote, weil sie ihnen gefielen,
doch glaubten sie nicht an deren himmlischen Ursprung. Man
kann erraten, was aus der folgenden Generation wurde.

Einst kam ein Gastprofessor an unsere religiöse Universität und
stellte die These auf, es hätte Moscheh nie gegeben, weder ihn
noch die von ihm überbrachte Tora. Da hob ein großes Geschrei
an. Die Universitätsleitung brachte zu ihrer Rechtfertigung
hervor, sie diene religiösen Menschen, die die Tora und ihre
Gebote einhalten, sei aber auch daran interessiert, alle
möglichen Ansichten anzuhören. - So geht es eben nicht. 'So
fängt es an und endet mit dem Mord am Judentum'.

Dieser Spruch, 'So fängt es an und endet mit Mord', beinhaltet
eine sehr wichtige Warnung. Natürlich nicht unbedingt vom
linken politischen Spektrum Richtung rechts, sondern an alle
Richtungen. Seit dem Beginn des modernen Zionismus gab es
93 Fälle von politisch motiviertem Mord, die von allen Fraktionen
des politischen Regenbogens begangen wurden. Durch Gerede
werden andere als Untermenschen abgestempelt und zum
politischen Tier degradiert und somit der Weg zum Mord
geebnet.

Alle hasserfüllten und erniedrigenden Reden entwickeln ein
gefährliches Eigenleben, ob sie nun gegen rechts oder links,
Religiöse oder Nichtreligiöse, Zionisten oder Charedim,
Aschkenasim oder Sefaradim gerichtet sind.

Wir sind für die Freiheit des Ausdrucks, aber nicht für so eine
Freiheit. Wie mal jemand sagte: "Die Demokratie braucht keinen
Selbstmord zu begehen, um ihre Unentbehrlichkeit zu
beweisen". Wir sind heute so eifrige Jünger der Freiheit bis hin
zur Bereitschaft zum Verlust unseres Staates. Um Himmels
willen!

Die Tora sieht keine unbeschränkte Ausdrucksfreiheit vor. Sie
enthält u.a. das Verbot der üblen Nachrede und das Verbot,
andere zu beleidigen. Man darf diskutieren und gegen die
Ansichten des Nächsten streiten, aber ohne Hass, noch nicht
einmal verborgenen. "Du sollst deinen Bruder nicht hassen in
deinem Herzen" (Lev. 19,17). Man muss versuchen, in allem das
Gute zu sehen. Ein Meinungsringen ist erlaubt, aber nicht
Freistil.

Zuerst durchbohrt man den Anderen mit spitzer Zunge, und
dann mit spitzem Messer, wie es in der Periode des zweiten
Tempels geschah, schrieb der Neziw (Rabbiner Naftali Zwi
Jehuda Berlin) zu Beginn seines Torakommentars "Ha'emek
Dawar".

G~ttseidank ist unsere heutige Situation unvergleichlich besser.
Wir müssen jedoch für mehr gegenseitiges Verständnis und
Liebe sorgen.

'Mit Reden fängt es an usw.' ist ein wichtiger Ausspruch, ein
menschlicher Ausspruch. Gerede führt zu Abstumpfung des
menschlichen Feingefühls und des natürlichen
Moralverständnisses.

Darum reißen wir uns alle von nun an zusammen, sprechen
nicht alles aus, denken nicht jeden Gedanken bis an sein
bitteres Ende, und bestehen trotzdem auf unseren
Standpunkten, aber ohne Hass. Denken wir lieber an die
Hauptsache, denken wir lieber daran, dass das Einigende um ein
Vielfaches das Trennende überwiegt, denken wir lieber daran,
dass wir alle Brüder im selben Land sind.