DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BALAK (außerhalb Israels Chukkat-Balak)
Nr. 260
12. Tammus 5760

 

Diese Woche in der Tora (Num. 22,2-25,9):
Balak, König von Moaw, fürchtet Invasion der Kinder Israels und
lässt Bil'am, den nichtjüdischen Propheten, kommen, um durch
dessen Flüche das Schicksal abzuwenden; auf der Reise
misshandelt Bil'am seine Eselin, und sie beschwert sich; auf
G~ttes Befehl segnet Bil'am die Israeliten, statt zu verfluchen,
zu Balaks Missfallen; das Volk macht sich an die Moabiterinnen
ran, göttliche Strafung durch Seuche; Pinchas, Enkel Aharons,
beendet das Treiben durch Aufspießen des Anführers und
seiner midjanitischen Gefährtin.
 
Frage und Antwort

Die Gefühle beim Toralernen

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Ich beschäftige mich mit dem Torastudium, nur leider
fühle ich überhaupt nicht, dass ich irgendwie weiterkomme.
Wieviel Wert hat so ein Lernen, wenn ich dazu keine Beziehung
spüre?

Antwort: Mit diesem Problem stehen Sie nicht alleine da. Auch
der Schwiegersohn von Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster
Oberrabbiner Israels) wandte sich an seinen berühmten
Schwiegervater mit genau der gleichen Frage. Die Antwort
wurde im Buch "Ginse Hara'aja" (Schawu'ot) festgehalten: "Mein
teurer Sohn, warum solltest du die Hände sinken lassen, warum
solltest du den Mangel an Fortschritten und Früchten deines
Studiums beklagen - nicht im Bereiche des Fühlbaren zeigt sich
die Frucht der Ausdauer". Die Sinne können sie nicht spüren.
"Habe ich doch selber die Erfahrung gemacht, wie viele Male
eine gute Weile verging", bezeugte Rabbiner Kuk über sich
selber, trotz seines hohen spirituellen Niveaus, dass es sich bei
ihm nicht anders verhielt, "und das Herz nicht fühlte, was es
bewirkte".

Na, wie sollen wir dann erst eine Beziehung spüren? Im
täglichen Leben sind wir gewöhnt, alles unmittelbar zu spüren,
ob man nun ein Glas Saft trinkt oder Lieder anhört - die Gefühle
wirken sofort. Diese Sofortigkeit entstammt einer Atmosphäre
von Phantasie, Begierden, Sinnen und Reizen, die immer zu
einem sofortigen Resultat gelangt. Die Freude bei der Tora und
die Intensität beim Gebet gehören jedoch gar nicht in diesen
Bereich. Wer glaubt, er könne sie ohne ernsthafte Anstrengung
bei seiner charakterlichen Weiterentwicklung erlangen, hat eine
sehr beschränkte, niedere, billige und grobe Auffassung des
Wertes der Tora. Die Tora befindet sich auf einer ganz anderen
Ebene und in einer ganz anderen Lebensweise, zu denen man
durch geistige Anstrengung, Verbesserung der Charkterzüge,
Wiederholung des Erlernten und Ausdauer und Vertiefung beim
Lernen gelangt. Bis man eine innerliche Verfeinerung erreicht,
die einen fühlen lässt, was die Seele fühlt, d.h. die
unterschwellige Seite des Lebens, muss man einen langen Weg
zurücklegen.

Die Suche nach sofortiger Befriedigung gehört zur
oberflächlichen, primitiven Kultur, die uns umgibt. Die niederen
Instinkte des Menschen, das "Id", verlangen nach sofortiger,
genusshafter Befriedigung. Mit diesen Vorstellungen von Freude
und Genuss betreten wir die Jeschiwa und suchen dort genau
dasgleiche. Was wir im säkularen Leben erhalten, suchen wir
nun auf der Ebene des Heiligen. Darum muss man sich über den
grundsätzlichen Unterschied von "Heiligem" [kodesch] und
"Weltlichem" klarwerden. Kodesch dient nicht der Versorgung
mit Genüssen, sondern der Veränderung und der Erhebung,
innerlicher Umwälzung und Verfeinerung, bis sich ein anderes,
größeres und intensiveres Leben auftut, das allerdings immer
schon in unserem Innern schlummerte. Wie Rabbiner Kuk
erklärte, wirkt die Tora im Inneren des Menschen unaufhörlich,
nur dass man das nicht fühlt, auch wenn viel Zeit vergeht, "und
das Herz nicht fühlte, was es bewirkte, und welche Erkenntnis
es hinzufügte, so wie ein Kind nicht fühlt, wie es wächst".
Manche Kinder stellen sich vor den Spiegel und wollen
zuschauen, wie sie wachsen. "Von Zeit zu Zeit jedoch kommt
ein neuer Einblick".

Nach einer längeren Periode der Selbstaufopferung und der
Ausdauer, Vertiefung und Selbstverleugnung, dem Senken des
Hauptes vor dem Licht und der Größe der Tora, die das
vollständige Leben in sich birgt wie die ganze Wahrheit, alle
Ideale, alle Schönheit und alles Angenehme - "sammelt sich das
Wissen langsam aber sicher zu einer großen Fülle an. Die
tiefschlummernden Lehren erwachen wieder, und das
Verständnis erweitert sich in innerlicher Erweiterung, bis der
denkende Mensch mit Hilfe G~ttes ein neues Geschöpf wird".
Alles macht zunächst einen trockenen Eindruck, gefühlt haben
wir auch noch nichts, den Lohn erhält man nicht auf der Stelle,
sondern erst nach langer Zeit der Mühen.

"Und so wird es auch dir, mein Lieber, ergehen. Sorge dich
nicht im geringsten. Welches Leben und welches Verhältnis
zum Lernen hätten wir wohl, wenn unser Handeln Tag um Tag
fühlbar wäre, so wie wir die Kleidung fühlen, die wir tragen".
Zwar fühlen wir unsere Kleidung, doch nicht unsere Seele, ihre
geheimen Sehnsüchte und ihr Verlangen. Fühlen wir denn etwa
so das Heilige, dass wir dort die gleiche Sorte grober Gefühle
wie in der oberflächlichen Welt suchten?! Wehe uns!

"So ein Einblick erscheint fremdartig und mit unserem Leben an
sich unvereinbar". Die Kleidung fühlen wir, da sie sich äußerlich
an uns offenbart, doch unsere seelischen Vorgänge spüren wir
nicht im täglichen Leben, höchstens mal einen kleinen Funken
bei besonderer Gelegenheit wie z.B. beim Ne'ilagebet an Jom
Kippur.

"Die Seele hat keinen Genuss davon". Dies ist ein Genuss von
ganz anderer Art wie der, den die Seele sucht. "..und er hat
keinen felsenfesten und dauerhaften Bestand. Nicht so. Auf
lange Sicht müssen wir unser Wissen mehren", ernsthafte
Arbeit in einen langen Weg investieren, einen Weg, von dem
wir glauben, dass er die ganze Mühe lohnt. Wir haben noch
genug zu tun, wir haben eine große Seele, wir verfügen über
mächtiges und heiliges innerliches Leben, wir halten eine
wunderbare Lehre in unseren Händen, um diese Größe zu
erreichen. Wir richten uns nicht nach dem Vorbild, das uns die
oberflächliche, grobe und materialistische Außenwelt anbietet.

"In die Ferne müssen wir unsere Gedanken erheben, zur
Hoffnung auf eine angemessene Sammlung von Wissen",
Ausdauer, Arbeiten an sich selbst und intensivem Studium.
"Singe an jedem Tag, singe an jedem Tag [nach Sanhedrin 99b,
Anspielung auf das singende Talmudlernen zum besseren
Einprägen], danach wird am Ende die Ehre kommen". Wenn wir
dieses Niveau erreicht haben, werden wir das auch fühlen.


 
Am Schabbes-Tisch

Echter und falscher Prophet

Rav Jakov Ari'el
Oberrabbiner von 
Ramat Gan

"Und es stand fortan nicht auf ein Prophet in Israel wie
Moscheh, den der Ewige erkannt, Angesicht zu Angesicht" (Dt.
34,10) - "nicht in Israel, aber doch bei den Völkern der Welt,
und wer war das? Bil'am ben Beor" (Midrasch [Gleichnis der
talmudischen Weisen] Sifri).

Dieser Midrasch muss uns sehr verwundern. Kann denn Bil'am
ein größerer Prophet gewesen sein als unser Lehrer Moscheh?!
Allerdings entzieht der Midrasch selber dieser Geschichte ihren
Stachel, indem er Bil'am mit dem Küchenchef des Königs
vergleicht, der genau weiß, was auf dem Tisch des Königs
vorgeht. In bestimmter Hinsicht hat der Koch weitgehendere
Rechte als die Minister der königlichen Regierung, den Palast
zu betreten, und weiß somit besser Bescheid, was dort vorgeht.
Letztendlich ist und bleibt er aber doch nur der Koch...

In der Weltliteratur kennt man durchaus das Motiv des
einfachen Hofbediensteten, der durch List und gewitzte Rede
zum Regenten wurde. Sein selbstsicheres Auftreten und seine
imposante Erscheinung erzeugten das Image eines erfahrenen
und mit allen Wassern gewaschenen Politikers. Niemand wagte,
an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Den mangelnden Tiefgang
seiner Reden erklärte man mit der Dummheit der Zuhörer und
verborgenen, geheimen Bedeutungen. Schmeicheleien und der
Wille, mit ihm gesehen zu werden, erzeugten eine Art
Heiligenschein. Weit und breit war kein unbefangenes Kind zu
sehen, das ausgerufen hätte, "der Kaiser hat keine Kleider an"...

All dies kann in unserer menschlichen Gesellschaft vorkommen,
die manchmal blind auf allgemeine Übereinkünfte vertraut und
dann die Einbildung den klaren, kritischen Verstand verdrängt.
Natürlich lässt sich so ein Szenario nicht in Verbindung mit den
himmlischen Sphären denken. Der Midrasch hat zweifellos
unsere subjektive, menschliche Begriffswelt im Sinn.

Der Begriff "Prophet" (Nawi) hat mehrere Bedeutungen. Zum
einen eine menschlich-weltliche mit der Bezeichnung Niw, dem
"Ausdruck [der Lippen]". Demnach wird jeder, der über einige
Redebegabung verfügt, zum "Propheten" erklärt, besonders,
wenn sich dazu noch eine künstlerische Begabung gesellt, ein
scharfer Sinn für Politik und ein entwickelter Intellekt. Die
Öffentlichkeit lässt sich von seinen Worten beeindrucken und
folgt ihm blindlings, wo immer er sie hinführt. Niemand wagt,
dem Mann der Preise und der Propaganda zu widersprechen.
Seine Unterschrift, die auf verschiedenen Deklarationen prangt,
seine Teilnahme als Hauptredner auf Demonstrationen, seine
Unterstützung hier und seine Gegnerschaft dort - entscheiden
Schicksale; ein Musterbeispiel für den "Lügenpropheten".

Die wahre Bedeutung des Prohetenbegriffes ist jedoch eine
ganz andere. Ein wahrer Prophet kann so seine Probleme mit
der sicheren Aussprache haben. Eine besondere
Redebegabung gehört nicht zu den zwingenden
Voraussetzungen für seinen Job. Ein wahrer Prophet entspricht
voll dieser Bezeichnung: er dringt zur absoluten Wahrheit vor.
Er lässt sich nichts von seinen Trieben diktieren, ebensowenig
wie von einer kreativen Begabung. Er zeichnet sich vor allem
durch seinen edlen Charakter aus, besonders durch seine
Demut. Er vertraut nicht nur auf sich selbst, vielmehr handelt er
offen, vorsichtig und verantwortlich. Erst wenn sich ihm die volle
Wahrheit offenbart hat, setzt er sich für sie mit ganzer Kraft ein.

Bil'am verkörpert das Idealbild des "Menschen des Geistes" in
der materialistischen, modernen Gesellschaft. Er kann ein
großer Dichter von unbändiger Ausdruckskraft sein oder ein
glänzender Intellektueller, "er kennt die Kunde des Höchsten"
(nach Num. 24,16) und weiß auch, seine Begabungen
öffentlichkeitswirksam einzusetzen.

"Wenn dir jemand sagt, es gebe Weisheit bei den Völkern -
glaube es, Tora bei den Völkern - glaube es nicht" (Eicha raba
2,13), Begabung und Genius, Ästhetik und Rhetorik können in
der allgemeinen Gesellschaft zu neuen Höhen gelangen. Ihr
Einfluss ist gewaltig. Gerechtigkeit und Wahrheit, Sittlichkeit und
Demut, Ethik und gute Eigenschaften jedoch sind israelitische
Spezialität. Diese gilt nicht viel in einer Welt der Karriere, des
Hier und Jetzt und des Konsums. "Siehe da ein Volk,
abgesondert wohnt es, und unter die Völker lässt es sich nicht
rechnen" (Num. 23,9), "wer zählt den Staub Jakovs... sterbe
meine Seele den Tod der Frommen" (10). Erst am Ende der
Tage tritt hervor ein Stern aus Jakov und durchbohrt die
Lügenkultur der Verdorbenheit Moaws (nach Num. 24,17). Erst
dann wird die Menschheit erkennen, wer der echte Prophet war,
welche "Prophetie" sich nur mit der Oberfläche beschäftigte,
und welche mit den inneren Vorgängen.

Und trotz alledem wird die Tora jene Scheinkultur nicht zu Staub
und Asche machen. Sie wird vielmehr zu einer guten Köchin im
Palast des Königs werden - am Ende wird diese Kultur den
Werten des Geistes und der Moral der wahren Prophetie
dienen, und darum bestand die Notwendigkeit, die
Verfluchungen Bil'ams in Segnungen umzuwandeln. Nicht nur
ignorieren oder gegen ihre gefährlichen Konsequenzen
ankämpfen, sondern alle Begabungen nutzen und für positive
Zwecke einspannen. Am Ende wird die ganze Welt erkennen,
dass es nicht noch einen Propheten wie Moscheh gab und keine
echte Prophetie wie diejenige G~ttes und seiner Propheten.
Diese Tora begnügt sich nicht mit abstrakten Ideen und hohlen
Metaphern, sondern verpflichtet zu guten Taten und
persönlichem ethischen Verhalten. Dazu bedient sie sich aller
erlaubten ästetischen Mittel.