DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BERESCHIT
Nr. 220
29. Tischri 5760
 

 
 
Frage und Antwort

Die Ehre meiner Frau

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Mein Mann beherrscht mich, behandelt mich wie ein
Stück Dreck und beleidigt mich. Zu seiner Rechtfertigung bringt
er Toraverse und Talmudzitate, wonach die Frau dem Manne
untertan sein muss und seinem Befehl zu folgen habe. Ich bin
erst seit einiger Zeit religiös, habe so gut wie kein
Hintergrundwissen und bin daher auf seine Entscheidungen
angewiesen. Trotzdem möchte ich einmal fragen: Maimonides
soll angeblich gesagt haben, "der Mann ehre seine Frau mehr
als sich selbst, und liebe sie wie sich selbst"
(Personenstandsgesetze, 15. Kap., Hal.19). Dazu sagt mein
Mann: 'Klar, aber nur unter der Bedingung, dass du mir aufs
Wort gehorchst'!

Antwort: Mit so einer Einstellung kann man sein Leben nicht
aufbauen. Es gibt vielleicht einen Prozentsatz unterwürfige
Frauen und herrschsüchtige Männer, die wunderbar
zueinander passen. So eine Frau führt mit Freuden jeden
Befehl ihres Mannes aus, und er fühlt sich wie ein Pascha. Es
kann auch umgekehrt gehen, eine herrschsüchtige Frau und
ein Ehemann, der sich gerade unter dem Pantoffel wohlfühlt,
eine wahrhaft harmonische Ehe. Das mag es ja alles geben.
Doch nicht alle Frauen mögen sich gerne unterwerfen. Ein von
seinem Charakter her herrschsüchtiger Mann, dem es an einer
unterwürfigen Ehepartnerin gelegen ist, , muss vor der
Eheschließung genau prüfen, ob sie mit so einem Leben
zufrieden sein wird! Die Fragestellerin ist damit offensichtlich
nicht glücklich, doch überlegt sie noch, ob sie "sich nicht um
der Kinder willen aufopfern und bei diesem Mann bleiben soll".
Ich fragte sie, ob die Kinder dann wenigstens glücklich wären?
- "Nein, auch die Kinder schlägt und unterdrückt er".

So kann man nicht leben. Wenn sich der Mann wenigstens
bewusst wäre, dass er sich an seiner Frau vergeht, bestünde
(vielleicht) eine Chance der Besserung. Auch das ist gar nicht
sicher, denn einen Tag terrorisiert er die Familie, dann tut es
ihm leid und er entschuldigt sich, am nächsten Tag wieder
Terror, und wieder Gewissensbisse, usw. Wenn er sich aber
100%ig im Recht glaubt und dazu noch Bibelverse zitiert, kann
man jegliche Hoffnung aufgeben.

Dann fragte ich sie, ob sie denn schon einmal einen Rabbiner
gesehen habe, der so mit seiner Frau umspringt? Ob ihr Mann
das Heruntermachen der Ehefrau und das Befehlegeben von
seinem Rabbiner abgeguckt habe? - "Er hat gar kein Vorbild, er
ist sich sein eigener Rabbi".

Die Toragelehrten verhalten sich nämlich nicht auf diese
Weise. Hat etwa unser Vorvater Awraham die Stammutter Sara
mit Füßen getreten?! Einmal sagte sie ihm knallhart: "Treib'
aus diese Magd [Hagar] und ihren Sohn [Jischma'el]!" (Gen.
21,10). Es fiel ihm schwer, so mit seinem Sohn zu verfahren,
und darum zögerte er. Da sprach G~tt zu ihm: "In allem was
Sara dir sagt - hör auf ihre Stimme!" (ebda.,12).

Hat unser Vorvater Jizchak seine Frau Riwka
heruntergemacht? Wohl hegte sie ihm gegenüber eine
unendliche Verehrung, und wie sie ihn zum ersten Mal
erblickte, fiel sie vor Ehrfurcht vom Kamel (Gen. 24,64). Doch
gab er ihr Befehle? Nein! "Und er gewann sie lieb" (Gen.
24,67). Obendrein war sie dafür verantwortlich, dass Jakov den
väterlichen Segen erhielt, und die Tora erwähnt mit keinem
Wort irgendeine Ermahnung von seiten Jizchaks.

Wie steht es nun mit unserem Vorvater Jakov - unterdrückte er
vielleicht seine Frauen und gab ihnen Befehle? Im Gegenteil!
Der Torakommentator Rabbiner Jeschajahu Horowitz
("Haschla") beschrieb die Vorfälle wie folgt: Unserem Vorvater
Jakov drohte seitens seines Schwiegervaters Lawan Gefahr
(Gen. 31,1-2), und auch G~tt forderte ihn schon auf: "Kehre
zurück in das Land deiner Väter!" (31,3). Nun würden wir doch
erwarten, dass er seine Frauen zu sich beordert und ihnen
verkündet: Weiber! Auf göttlichen Befehl hin machen wir uns
aus dem Staube. Hier ist's gefährlich! - In Wirklichkeit redete er
ganz anders. Solche Ausdrucksweise hätte nur Widerstand
ausgelöst, immerhin war Lawan ihr Vater, wenn auch ein harter
Mensch. Vielmehr erklärte ihnen Jakov die Lage ganz
ausführlich: Ich habe für euren Vater treulich gearbeitet, viele
Jahre unter großer Aufopferung, Tag und Nacht, er machte es
mir extra schwer und änderte meinen Lohn -zig Mal, ich habe
keinmal meinen Mund aufgemacht; doch jetzt fühle ich den
Boden unter meinen Füßen brennen, und auch G~tt sagt mir zu
gehen (31, 5-13). Darauf erwiderten seine Frauen: Sicher hast
du recht. So ein Vater ist dieser Bezeichnung nicht würdig.
"Erachtet er uns nicht für Fremdlinge?!" (31,15). Rabbiner
Horowitz wollte damit darauf aufmerksam machen, wie sich
Jakov an seine Frauen wandte, selbst in einem sonnenklaren
Fall, und noch mit der Rückendeckung durch den göttlichen
Befehl. Trotzdem stellte er sie nicht vor vollendete Tatsachen
und damit basta, sondern erklärte alles und beteiligte sie an
der Entscheidung.

Kann man daraus entnehmen, dass ein toratreuer Mensch seine
Frau misshandeln soll? Natürlich nicht!

Jene Frau sagte mir, 'ihr Mann habe ihr beigebracht, ihn wie
einen König anzusehen'. Richtig. Und er muss sie wie eine
Königin ansehen! Weiß er denn Bescheid über die
Königswürde? Verhält sich denn ein jüdischer König wie ein
Despot? Der Prüfstein für König David war sein Verhalten als
Schafhirte. Als sich ein Löwe an die Herde heranmachte, ließ
er sie nicht im Stich, sondern setzte dem Löwen seinen
eigenen Löwenmut entgegen und tötete ihn; ebenso, als ein
Bär die Herde angriff. Das nennt sich verantwortungsbewusster
Hirte, so einer hat das Zeug zum König.

Auch unser Lehrer Moscheh wurde als Schafhirte auf seine
Eignung geprüft. Als ihm einmal ein Lamm abhanden kam, fand
er es an einer Quelle. Da sagte er zu ihm: 'Entschuldigung,
liebes Lamm, also warst du durstig, und ich habe es nicht
bemerkt'. Er nahm es auf seine Schulter und brachte es zur
Herde zurück. Kein Wort des Fluches, vielmehr beschuldigte er
sich selber. So verhält sich ein wahrer Hirte.

Ein König ist nichts anderes als ein Hirte. "Wie ein Hirt wird er
seine Herde weiden, mit seinem Arme sammelt er die Lämmer
und an seiner Brust trägt er sie" (Jeschajahu 40,11).
Maimonides schrieb: "Wenn [der König] sich an die
Öffentlichkeit wendet, spreche er milde, wie es heißt: 'Höret
mich, meine Brüder und mein Volk' (Chronik I, 28,2)", und sage
'wenn du heute ein Knecht bist diesem Volke' etc. (Könige I,
12,7) [wie die Greise dem König Rechaw'am rieten]" (Gesetze
von Königen und Kriegen, 2.Kap., Hal.6). Wenn du dich als
deren Knecht siehst, werden sie dich ehren - und nicht: "wenn
du meine Dienstmagd sein wirst, werde ich mich dir gegenüber
gut benehmen".

Viele Frauen entscheiden sich allerdings für die
Nachgiebigkeit, nicht weil sie dazu verpflichtet wären, sondern
zugunsten des Hausfriedens.

Folgende Geschichte wird im Talmud erzählt: "Einst bat ein
Mann seine Frau, ihm zwei Gurken zu holen, und als sie ihm
zwei Lichter [im Aramäischen dasselbe Wort] holte, sprach er
zu ihr [aus Ärger]: Geh, schlage sie an den Kopf der Tür
[baba]. An der Tür saß aber gerade Baba ben Buta und
verhandelte in einer Rechtssache, und sie ging hin und schlug
sie ihm an den Kopf. Da sprach er zu ihr: Was tust du da? Sie
erwiderte: So gebot mir mein Mann. Hierauf sprach er: Du hast
den Wunsch deines Mannes erfüllt; so möge G~tt von dir zwei
Söhne wie Baba ben Buta hervorgehen lassen" (Nedarim 66b).
Hier handelt es sich doch wohl um eine ganz besonders
folgsame Frau.

Aber steht das so als Gesetz im Schulchan Aruch?! Nein, hier
handelt es sich vielmehr um einen Grenzfall. Der besagte
Ehemann war nicht ganz klar im Kopf. Anstatt sich für das
Missverständnis zu entschuldigen, gab er einen unsinnigen
Auftrag. Doch seine Frau hatte anscheinend mehr Grips. Sie
hätte ihm ja seinen Fehler unter die Nase reiben können, aber
Rechthaberei lag ihr nicht. Für den Hausfrieden war sie bereit,
Erniedrigungen zu erdulden, aber sie war nicht dazu
verpflichtet.

Sie war nicht verpflichtet! Wenn ein Mann von seiner Frau
verlangt, Wasser zu schöpfen und es dann auf den Müllhaufen
zu schütten, so braucht sie es nicht zu tun. Fragt die Gemara:
Was liegt ihr daran, soll sie es doch tun!? Und antwortet: Weil
sie wie blöde erscheinen würde (Ketubot 72a).

Gleiches gilt bei der Geschichte von der Frau, die am
Freitagabend zu spät nach Hause kam, weil sie die Predigt des
Rabbiners nicht verpassen wollte. Ihr Mann befahl ihr
daraufhin, diesen Rabbiner anzuspucken, und sie ging hin und
tat es. - War sie etwa gesetzlich dazu verpflichtet?! Vielmehr
war sie eine weise Frau, die um des Hausfriedens willen sogar
Beschämungen auf sich nahm.

Aber alles hat seine Grenzen. Wenn sich der Mann regelmäßig
aufregt und die Frau dazu schweigt, obwohl sie Recht hat, so
ist sie sicherlich eine weise und gerechte Frau. Doch lange
wird das nicht gutgehen. Auch die Kinder leiden darunter. Sie
sind ja nicht blind, sie sehen sehr wohl, wie Aba die Ima quält
und beleidigt. Und Aba haut auch manchmal Ima. Oweh! Leider
gibt es viele misshandelte Frauen, in allen ethnischen Gruppen,
in allen Bevölkerungsschichten und in allen ideologischen
Strömungen. Doch auch Kränkungen sind furchtbar, wie ein
jiddisches Sprichwort besagt: Eine Wunde heilt, ein böses Wort
verweilt. Für alle diese schlechten Eigenschaften gibt es keine
Rechtfertigung. Jeder hat seinen "Jezer Hara", den Trieb zum
Bösen, und damit auch eine gewisse Aggressivität. Unter der
göttlichen Seele verbirgt sich im Menschen auch eine
materialistische Seele, das "Tier im Menschen". Dieses Tier gilt
es auszutreiben oder wenigstens zu zähmen, aber nicht, ihm
durch Bibelverse Legitimation zu verschaffen! Verse der Tora
sollen dem Mann gestatten, seine Frau zu unterdrücken?! Was
für eine Schändung der Tora! In der Tora steht: "Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst" (Lev. 19,18)! In "deinen Nächsten"
ist auch die Ehefrau mit inbegriffen. Darüberhinaus wird dieser
Vers im Talmud überwiegend in Bezug auf das Verhältnis von
Mann und Frau zitiert. Rabbiner Chajim Vital bezeichnete im
Namen des Kabbalisten A.R.I. den Höhepunkt des "Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst" als in der Ehefrau verkörpert.
Die religionsgesetzlichen Dezisoren stimmten dem voll zu,
wobei sie von der Regel ausgingen, dass bei den mildtätigen
Spenden die Armen der eigenen Stadt zu bevorzugen seien.
Die Nähe bestimmt, ebenfalls verwandtschaftliche Nähe. Die
Ehefrau ist dem Mann die nächste Verwandte auf der Welt, in
ewigem Bündnis. Wie kann er sich da erfrechen, sie zu
beherrschen und unglücklich zu machen?!

Sie sagt: "Ich bin zwar unglücklich, aber ich bleibe wegen der
Kinder". Doch auch den Kindern tut sie damit keinen Gefallen.
Bleibt nur die Scheidung? Um Himmels willen! Man muss
lernen, miteinander auszukommen. Meist reicht schon das
Bewusstsein der theoretischen Möglichkeit einer Scheidung,
wenn es gar nicht anders geht. Dieser Fall liegt z.B. vor, wenn
die Partner bereits gefühlsmäßig die Trennung vollzogen
haben. Der Anblick des Vaters, der die Mutter unglücklich
macht, gräbt sich in die Erinnerung der Kinder und lauert dort
bis zu deren eigener Heirat. Dann steht ihnen eine mühsame
Arbeit bevor, bis sie ein glückliches Familienleben führen
können.

Das Prinzip lautet: Schlechten Eigenschaften ist keine
Legitimation durch Bibel- und Talmudzitate zu verschaffen.
Damit begeht man eine schlimme Entweihung des heiligen
göttlichen Namens, denn die ganze Tora lehrt Milde und Liebe
zu den Geschöpfen. - Möge uns allen eine erfolgreiche
Verbesserung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen
vergönnt sein.