DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL


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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BECHUKOTAI
Nr. 253
22. Ijar 5760

Diese Woche in der Tora ( Lev. 26,3-27,34):
Wohlstand und Frieden im Lande Israel bei Gebotsbeachtung,
Armut, Tod und Exil bei Nichtbeachtung; Geldgegenwerte von
dem Tempel geheiligten Personen und Sachwerten. 

 

Der Stand der Dinge...
Jerusalem vergessen?!
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

Jeder Bräutigam bekräftigt bei der Trauungszeremonie unter
der Chuppa seine Treue zu Jerusalem: "Sollte ich dich
vergessen, Jeruschalajim, so versage meine Rechte! Kleben
soll meine Zunge mir am Gaumen, wenn ich dein nicht gedenke,
wenn ich Jeruschalajim nicht auf den Gipfel meiner Freude
erhebe" (Psalm 137,5-6).

Wieviele Millionen Juden haben im Laufe der Zeiten schon
bittere Tränen beim Gebet vergossen: "Und zu Jerusalem,
deiner Stadt, kehre mit Erbarmen wieder, und lasse deine
Gegenwart in ihr weilen, wie du verheißen, und erbaue sie in
naher Zeit, in unseren Tagen zu ewigem Bau" (Schmone-Esre
Gebet).

Bei jeder Mahlzeit, die ein Jude zu sich nimmt, ruft er sich
Jerusalem und die Erwartung des Aufbaus der Stadt in
Erinnerung, wenn er beim Tischgebet spricht: "Und erbaue
Jeruschalajim, die heilige Stadt, bald in unseren Tagen". Alle
Gebete und Bräuche, die uns schon seit Jahrtausenden
begleiten, haben die Stärkung der seelischen und physischen
Verbindung zu Jerusalem, dem Herz der Nation, zum Ziel. Denn
nur in einem erbauten Jerusalem kann sich die jüdische Nation
vollkommen durch die Tora in ihrem vollen Glanz und Macht
entfalten, durch Prophetie, den Tempel und das Königtum. Nur
durch die Rückkehr Israels nach Jerusalem und seiner
Herrschaft über die Stadt können wir das Licht und das Gute in
der Welt mehren, denn Jerusalem selbst ist das Licht der Welt.

Nach dem Stand der Dinge weckt der ergreifende, wunderbare
Anblick der Rückkehr nach Zion und der Aufbau Jerusalems in
Hunderten Millionen von Menschen die Hoffnung, dass die Welt
vom Volke Israel von Jerusalem aus mit dem Lichte des
Glaubens, der Liebe und der Freude erleuchtet werde; "Ein
neues Licht mögest du über Zion leuchten lassen" (aus dem 1.
Segensspruch vor dem morgendlichen Schma-Gebet), "und
viele Nationen werden ziehen, und sprechen: Wohlan, lasset
uns hinaufgehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des
G~ttes Jakovs, dass er uns lehre von seinen Wegen, und wir
wandeln auf seinen Pfaden, wenn von Zion wird ausgehen die
Lehre, und das Wort des Ewigen von Jeruschalajim"
(Jeschajahu 2,3). Dann wird sich das göttliche Versprechen an
unserem Vorvater Awraham bewahrheiten: "Und ich werde dich
zu einem großen Volke machen,... und es werden sich segnen
mit dir alle Geschlechter der Erde" (Gen. 12,2-3).

Allerdings rühren sich gegenüber der Verwirklichung des
Traumes "Als der Ewige zurückführte die Weggeführten Zions,
waren wir gleich Träumenden" (Tischgebet, Psalm 126,1) auch
die Kräfte der Finsternis, die das von Zion und Jeruschalajim
hervorbrechende Licht nicht ertragen können, so wie die
Fledermaus das Tageslicht nicht verträgt; sie kämpfen darum,
uns aus Jerusalem zu vertreiben und es zu zerstören, wobei sie
verkünden: "Wühlet, wühlet bis auf den Grund darin" (Psalm
137,7). Aber "der im Himmel thronet, lachet, spottet ihrer... du
zerschellst sie mit eisernem Stabe, wie Töpfergeschirr
zerschlägst du sie" (Psalm 2,4+9). "Denn nicht lassen wird der
Ewige sein Volk, und sein Erbe verlässt er nicht" (Psalm 94,14),
denn "Jeruschalajim, Berge sind rings darum, so der Ewige
rings um sein Volk, von nun an bis in Ewigkeit" (Psalm 125,2).
 
 
Frage und Antwort

Sünde und Strafe

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Seht was uns passiert, was uns G~tt antut, Teile des
Landes Israel werden dem Feind überlassen - womit haben wir
das verdient, worin besteht unsere Sünde? Für welche Missetat
werden wir auf diese Weise bestraft?

Antwort: Diese Frage wird heute häufig gestellt, und es ist
wirklich eine schwere Frage. Die Antwort darauf lautet: Sünde
und Strafe sind identisch. Für sich alleingenommen ist das
Abstoßen von Teilen unseres Landes eine Sünde. Wir tun das
aus freien Stücken. Diese Suppe haben wir uns selber
eingebrockt, eine Sünde, an der wir selber schuld sind.

Es ist eine nationale Sünde, wenn ein Staat Teile seines
Gebietes aufgibt.

Es ist eine ethische Sünde, denn das Land gehört ja nicht der
Regierung als Privateigentum, nocht nicht einmal allen heutigen
Staatsbürgern zusammengenommen, sondern dem ganzen
Volke Israel, bis hin in die letzten Winkel der Erde und in allen
Generationen. Das Land gehört sowohl dem Großvater, der
schon von uns gegangen ist, als auch dem Enkel, der noch
nicht geboren wurde. Es ist überhaupt nicht moralisch, mit
etwas Handel zu treiben, was einem nicht gehört, etwas zu
stehlen, um es dann einem anderen Räuber zu geben.

Es ist auch eine religiöse und religionsgesetzliche Sünde, denn
die Tora gebietet, das Land in Besitz zu nehmen, an ihm
festzuhalten und dortselbst eine nationalstaatliche Ordnung
einzurichten, und durch die Gebietsüberlassung wird dieses
Gebot nicht nur nicht erfüllt, im Gegenteil, seine Erfüllung wird
vermindert.

Wenn die Strafe die Sünde selbst ist, brauchen wir gar nicht
erst eine andere Sünde zu suchen, für die dies die Strafe wäre.

Manchmal wird der Mensch von Problemen heimgesucht und es
erwacht in ihm das Verlangen nach reumütiger Umkehr. Zuerst
fragt er sich dann, was er angestellt hat, und auf diese
Selbsterkenntnis konzentriert er seine Besserung. Manchmal
liegt der Fall sonnenklar, wie z.B. bei dem Dieb, der auf einer
Einbruchstour vom Dach fiel und sich das Bein brach. Wegen
welcher Sünde hatte er diese Strafe verdient? Wegen der
Sünde des Diebstahls natürlich. Ebenso resultiert in unserem
Fall die Strafe unmittelbar aus der Sünde.

Aber was kann man dagegen unternehmen? Solche Dinge
passieren eben. "Ja, da ist kein Mensch gerecht auf Erden, der
das Gute tue und nimmer fehle!" (Prediger 7,20). Es gibt auch
keine Regierung auf Erden, die nur das Gute tue und niemals
fehle, besonders unsere Regierung... Das soll nun auch nicht
heißen, dass sie nur Verbrecherisches im Sinn hat, wie es in der
Vergangenheit vorkam, während des ersten und zweiten
Tempels, vielmehr gibt es viel Licht, aber auch viel Schatten.

Gleichzeitig sind wir natürlich froh, überhaupt eine eigene
Regierung zu haben! Das Chanukka-Fest feiern wir u.a. darum,
weil "für mehr als zweihundert Jahre die israelische
Königsherrschaft zurückkehrte" (Maimonides, "Mischne Tora",
Anfang der Gesetze von Chanukka). Und was für Könige waren
das damals? Die meisten von der übelsten Sorte! Man sagt von
Herodes, dass er an einem einzigen Tage mehr Unheil und
Zerstörung anrichten konnte als eine unserer Regierungen
während ihrer gesamten Amtszeit. Was gibt es also an Herodes
so zu feiern?! Vielmehr ist er, verglichen mit Titus und
Nebukadnezar, reines Gold. Das gleiche gilt für unsere
Regierung: Wenn wir bedenken, was an ihrer Stelle die Türken,
die Briten, die Araber und die Nazis mit uns machen würden,
können wir nur Tag und Nacht G~tt für unsere Regierung
danken.

Licht und Finsternis herrschen in einer Art Mischung. Manchmal
gibt es gute Dinge, manchmal weniger gute. Manchmal
sündigen unsere Oberhäupter, auch schwere, furchtbare und
bedrohliche Sünden. Das ist die rauhe Wirklichkeit. Man darf
darüber nicht überrascht sein. Man muss sich von vornherein
darüber im klaren sein, und natürlich für reumütige Umkehr
sorgen. Mit Mut und Kampfgeist, Glauben, Anhänglichkeit an
G~tt, daraus Anhänglichkeit an die Tora und an das Land, und
mit G~ttes Hilfe werden alle Wogen geglättet und alle Falten
ausgebügelt.

 
 
Am Schabbes-Tisch

Eine neue Qualität

Rav Jakov Ari'el
Oberrabbiner von 
Ramat Gan

Warum wird in der Tora nicht der Lohn des Einzelnen in der
zukünftigen Welt erwähnt? Eine der Antworten (vom
Torakommentator Rabbiner Jizchak Abarbanel) lautet, dass die
Tora gerade den Lohn der Allgemeinheit hervorhebt, und
demgegenüber den Lohn des Einzelnen als unwichtig erachtet,
und Rabbiner A.J.Kuk ergänzte, dass einem sein persönlicher
Lohn wohl sicher ist, man sollte ihn aber nicht als Hauptsache
ansehen.

Nun unterscheidet sich das jüdische Volk von den anderen
Völkern gerade darin, dass der nationale und gesellschaftliche
Rahmen nicht nur als Mittel zum Zweck dienen, sondern einen
Wert an sich darstellen. Unser gemeinsamer Nenner beruht
nicht auf Sicherung der Existenz und einer Wirtschaftsordnung -
obwohl auch diese ihren Platz haben - sondern auf einem
bestimmten spirituellen Grundwert: "ich werde euch G~tt sein,
und ihr sollt mir zum Volk sein" (Lev. 26;12). Je mehr wir zu
G~tt halten und ihm mehr und mehr anhängen, desto mehr
werden wir zum Volk im tieferen Sinne dieses Begriffes.

Auch das "Land Israel" ist nicht nur ein Territorium, das uns
Wohnsitz, Wirtschaft und Sicherheit bietet, sondern im
Wesentlichen das Land der Offenbarung G~ttes und
besonderer Pflichten ihm und den Mitmenschen gegenüber.
Das Versprechen "So werde ich euch Regen geben zur rechten
Zeit, dass die Erde gebe ihren Ertrag und der Baum des Feldes
seine Frucht" (Lev. 26,4) bezieht sich nicht nur auf die
wirtschaftliche Lage; eigentlich ist es ein spirituelles
Versprechen. Die besondere göttliche Vorsorge für das Land
Israel äußert sich auch durch segensreichen Regen und einen
gesegneten Bodenertrag. "Ein Land, für das der Ewige dein
G~tt sorgt; beständig sind die Augen des Ewigen deines G~ttes
darauf, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres" (Dt.
11,12), und nur deshalb "trinkt es vom Regen des Himmels
Wasser" (ebda.11). Die Besonderheit und die Heiligkeit des
Landes Israel machen das Volk Israel, das es bewohnt und sich
mit seinen Werten verbindet, zu einem Volk, einer homogenen
Gesellschaft, deren Gemeinsamkeiten auf ideeller Ebene liegen.

Das Bewohnen des Landes verpflichtet zu gegenseitiger
Verantwortlichkeit und Einer-für-den-Anderen-Dasein. Nur im
Lande Israel gelten die Gebote des Armenzehntes, der
Ährennachlese, der vergessenen Garbe und der Feldecke [die
alle den Armen zustehen]. Nur hier gelten die Gebote des Siebt-
und Joweljahres [Ruhen des Bodens, Schulderlass und
Rückkehr zum Erbbesitz]. Auch das Zinsverbot ist mit dem
Lande verbunden, denn das gemeinschaftliche Leben hier
erzeugt eine geeinte und besondere Gesellschaft mit
Lebensinhalten von ethischer Natur, und darum betreffen Lohn
und Strafe, die die Tora im Lande vorsieht, die Allgemeinheit.
Darin nämlich liegt das wahre Glück des Einzelnen - im Nutzen
der Gesellschaft als Ganzes, und nicht nur in seinem eigenen
Vorteil. Nicht wie in der Diaspora, deren Fluch gerade in der
Zerstreuung und der seelischen Trennung bestand.

Eine Gesellschaft, die im Lande in so einer Atmosphäre lebt,
gleicht nicht nur der quantitativen Summe einer Anzahl
Menschen. Ein gefestigter und allgemeiner Konsensus um
erhabene Werte erzeugt eine qualitativ höhere Form von
Gemeinschaft. Es wäre ein Fehler, unsere Rückkehr nach Israel
nur als eine geographische, politische oder existenzsichernde
Umsiedlung anzusehen. Hier werden unsere Mentalität und
moralische Werteordnung vollkommen umgekrempelt; wir
zogen aus dem Individualismus des Exils zur
Gemeinschaftlichkeit, von individuellen Zielvorstellungen zu
nationaler, und von dort zu universaler Bestimmung. Unter
Fortschritten wie auch Rückschlägen schwingt das Pendel von
äußerstem Individualismus zur idealen Gesellschaft, zur
Bestimmung des Volkes Israel als leuchtendes Beispiel dafür.